2026
12. Februar 2026
Zum Abschluss des UDL-Seminars "Progammmusik" haben wir uns mit From me flows what you call time von Tōru Takemitsu (1930 – 1996) beschäftigt. Das Stück ist ein Auftragswerk zum 100. Jubiläum der Carnegie Hall 1990. Takemitsu schreibt in der für ihn typischen Weise einer Vermischung von östlicher und westlichen Traditionen, zum Teil spätromantisch-impressionistisch, zum Teil avantgardistisch mit Anklängen an musique concrète und Elementen der Aleatorik. Takemitsu fordert vom Orchester und den fünf Solo-Schlagzeugern einen Klang, der den Eindruck permanenter Improvisation vermittelt.
Takemitsus kompositorische Vorbilder sind Debussy und Messiaen. In seinen Werken zeigen sich zumeist fluide, naturhafte Klangzustände. Schreibt er für großes Orchester, so setzt er es nur selten massiv ein. Stattdessen hören wir ein An- und Abschwellen mit dem für die japanische Musik so charakteristischen Pendeln zwischen Stille und Ton. In seiner Spätphase hat Takemitsu behauptet, er sei eigentlich ein romantischer Komponist. Kurz vor seinem Tod äußerte er den Wunsch, am liebsten wie ein Wal durchs Meer zu schwimmen, "ohne West und Ost".
5. Februar 2026
Wir haben uns leider in den letzten fünfzig Jahren einem gefährlichen Trend zur sogenannten Werktreue verschrieben und alle guten Traditionen, die noch die richtige Auslegung des geschriebenen Notentextes vermittelten, zugunsten des bloßen Notentextes vergessen oder verdrängt. Noch um 1910 hat man, wie alte Schallplattenaufnahmen (zum Beispiel eine Probe mit Bruno Walter) zeigen, gewusst und gefühlt, wie man einen punktierten Rhythmus spielen soll. Erst seit Gustav Mahler darauf bestand, dass genau gespielt werden sollte, was dastand, sind diese Kenntnisse mehr und mehr verlorengegangen. Ich finde es bedauerlich, dass gerade die Idee der Notentreue die echte Werktreue so ausgelöscht hat, dass man vieles vergessen hat, was vorher noch lebendiges Wissen war. Jetzt müssen wir diese Kenntnisse erst mühsam wiederfinden.
Nikolaus Harnoncourt (1929 – 2016), in "Musik als Klangrede"
29. Januar 2026
Lob der Faulheit
Faulheit, jetzt will ich dir
Auch ein kleines Loblied bringen. -
O - - wie - - sau - - er - - wird es mir, - -
Dich - - nach Würden - - zu besingen!
Doch, ich will mein Bestes tun,
Nach der Arbeit ist gut ruhn.
Höchstes Gut! wer dich nur hat,
Dessen ungestörtes Leben - -
Ach! - - ich - - gähn´ - - ich - - werde matt - -
Nun - - so - - magst du - - mir‘s vergeben,
Dass ich dich nicht singen kann;
Du verhinderst mich ja dran.
Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781)
Lessing, bekannt als aufklärerischer Dichter und Dramatiker, schrieb das Gedicht mit 22 Jahren – sprachlich elegant, launig und humorvoll. Joseph Haydn (1732 – 1809) hat die Zeilen vertont, gleichfalls mit feiner Ironie, in kargem a-Moll und im Tempo "andante". Spricht der Text davon, dass das Loblied faulheitsbedingt nicht gesungen werden kann, so handelt es sich bei der Vertonung tatsächlich um ein Lied, das indes behauptet, nicht gesungen werden zu können. Ganz offensichtlich waren hier zwei geistreiche Schelme am Werk. Dass sie einander jemals begegnet sind, ist nicht belegt.
25. Januar 2026
Während des Studiums lernte ich die Trois Chansons de Charles d'Orléans für gemischten Chor a cappella von Claude Debussy kennen, der zwei Stücke des Zyklus (I und III) 1898 und eines (II) 1908 komponierte. Mit Debussy begegnete ich damals einer für mich anderen, neuen Welt. Mit dem musikalischen Impressionismus hatte ich mich mit Anfang zwanzig noch kaum befasst. Das änderte sich zwar nicht schlagartig, doch stetig und fortgesetzt, vor allem hinsichtlich Debussys Orchestermusik. Die meisten Klavierstücke waren und sind für mich technisch zu schwer, das Üben und Spielen ist kein Vergnügen. Die Oper "Pelléas et Mélisande" allerdings bereitet mir großen Genuss, wenn sie denn bei erstklassigen Häusern mal auf dem Spielplan steht.
Noch gut in Erinnerung ist mir das dritte Chanson "Yver, vous n'estes qu'un villain" ("Winter, Ihr seid ein rechter Bösewicht"; deutsche Übersetzung von Linda Godry). Der Grund liegt weniger in der Musik, die natürlich wunderbar ist und eine spöttische Klangrede gegen den Winter darstellt. Genau das war's, was mich so fasziniert hat. Da sprach mir jemand aus der Seele, ironisch zwar und augenzwinkernd, aber immerhin. Bis heute kann ich mit dem Winter nichts anfangen und bin immer froh, wenn er endlich vorbei ist.
Yver, vous n'estes qu'un villain. Winter, Ihr seid ein rechter Bösewicht.
Esté est plaisant et gentil, Der Sommer ist vergnüglich und angenehm,
En tesmoing de May et d'Avril Wie man am Mai und April wohl sehen kann
Qui l'acompaignent soir et main. Sowohl am Tage wie bei Nacht.
Esté revest champs, bois et fleurs, Der Sommer kleidet Feld, Wald und Blumen,
De sa livrée de verdure Wiedrum in ihr grünes Gewand
Et de maintes autres couleurs, Schmückt auch mit vielen anderen Farben
Par l'ordonnance de Nature. Wie es die Natur befiehlt.
Mais vous, Yver, trop estes plain Aber Ihr, Winter, plagt uns mit zuviel
De neige, vent, pluye et grezil; Schnee, Wind, Regen und Graupel;
On vous deust bannir en exil. Man sollte euch von hier verbannen.
Sans point flater, je parle plain, Ohne Schmeichelei sag ich's, wie es ist,
Yver, vous n'estes qu'un villain! Winter, Ihr seid ein rechter Bösewicht!
19. Januar 2026
Am Theater liebe ich, dass es immer in der Gegenwart stattfindet. Auf der Bühne herrscht ein ewiges Jetzt. Die Einzigartigkeit jedes Auftritts und die Ewigkeit treffen aufeinander, und diese Verbindung ist großartig.
Juliette Binoche
15. Januar 2026
Meine Musik sagt eigentlich alles. Es braucht keine historischen oder hysterischen Kommentare.
Musik ist ein Mittel, das dunklen Dramatismus und pure Entrückung, Leiden und Ekstase, feurige und kalte Wut, Melancholie und wilde Heiterkeit zum Ausdruck bringen kann – und die subtilsten Nuancen und das Zusammenspiel dieser Gefühle, deren Ausdrucksstärke in Malerei und Skulptur unerreichbar ist.
Ein großartiges Musikstück ist wunderschön, unabhängig davon, wie es aufgeführt wird. Jedes Präludium oder jede Fuge von Bach kann in jedem Tempo gespielt werden, mit oder ohne rhythmische Nuancen, und es wird immer noch großartige Musik sein. So sollte Musik geschrieben werden, damit niemand, egal wie philisterhaft, sie ruinieren kann.
Dmitri Schostakowitsch (1906 – 1975)
12. Januar 2026
Die Komische Oper Berlin (Ausweichquartier Schillertheater) zeigt ab dem 31. Januar 2026 in insgesamt acht Vorstellungen eine der aufregendsten Opern des 20. Jahrhunderts: "Lady Macbeth von Mzensk" von Dmitri Schostakowitsch. Das Stück ist ein musikdramatischer Sex & Crime-Thriller in bestem Sinne und doch viel mehr das. Das Haus schreibt auf seiner Webseite:
Barrie Kosky entfesselt mit Dmitri D. Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk ein radikales Opernereignis, das unter die Haut geht: wild, sinnlich und erschütternd schön. Die junge Katerina, gefangen in einem Leben ohne Liebe, wagt den Aufstand – gegen Langeweile, Gewalt und männliche Herrschaft. Ihre Leidenschaft wird zur Obsession, ihre Sehnsucht zur Katastrophe. Schostakowitschs Musik tobt zwischen zarter Erotik und eruptiver Brutalität – ein Fieberrausch aus Klang und Gefühl. Eine Frau, ein Verbrechen, eine Oper voller Wucht und Verführung.
Ein Besuch ist unbedingt zu empfehlen. Ebenso ist die Buchung eines Hotels mit gut ausgestatteter Bar anzuraten, da nach dem Opernbesuch ein ruhiger Schlaf kaum zu erwarten ist.
7. Januar 2026
Zum zweiten Mal über die Jahreswende und zum vierten Mal insgesamt war ich in Ault, einem ehemaligen Fischerdorf zwischen Picardie und Normandie, direkt über den Klippen, zwischen Meer und Land. Auf mich übt dieser Ort eine schwer zu beschreibende Faszination aus. Es sind nicht die spektakulären Panoramen allein, der Blick auf den Ärmelkanal, Steine, Sand, Wind und Wellen. Eine versunkene Zeit wird in den kleinen Gassen abseits des Strandes lebendig, mit alten Häusern, verwitterten Fassaden, geschlossenen Läden, stillen Plätzen. Früher lebten hier Fischer mit ihren Familien, beschwerlich und in kargen Verhältnissen. Am Sonntag ging man in die Kirche Saint Pierre, im Zentrum des Dorfes. Vor einem halben Jahr durfte man noch hinein, jetzt ist ein Besuch wegen fortschreitender Baufälligkeit zu gefährlich und daher untersagt.
Im Sommer ist Ault ein durchaus lebendiger Ort mit Cafés und Restaurants, einem kleinen Supermarkt, ein paar Läden mit Kunsthandwerk, Schmuck und Souvenirs. Sogar eine Tankstelle gibt es. Der Strand ist andernorts schöner, Familien mit kleinen Kindern zieht es in Nachbarorte wie Mers-les-Bains oder Cayeux. Im Winter hat ein Großteil der Geschäfte geschlossen. Trotzdem oder auch deswegen kommen Touristen. Das Leben hat jetzt weniger Tempo, das Gefühl für Zeit ist verändert. Auf dem Programm (das es gar nicht gibt) steht Lesen, Schlafen, Kochen, Spazierengehen. Und, von Anfang an, ein Besuch im Restaurant St. Pierre, fünfzig Meter vom Meer entfernt, im Erdgeschoss eines ehemals repräsentativen Hotels. Das Parfum vergangener Pracht imprägniert den Raum, manches aus glanzvollen Tagen wie Verglasungen, Bodenfliesen und Stuckarbeiten ist erhalten. Die neuen Besitzer haben behutsam renoviert, augenfällig mit Achtung und Respekt vor dem, was das St. Pierre einmal war. Ein gutes Stück davon lebt weiter, wie schön! Und: Le menu était délicieux.



