Bemerkenswertes
26. Februar 2026
Mit den selbstauferlegten Zwängen nach viel Besitz verlieren wir oft den Blick für die kleinen Dinge des Lebens. Leben wir oder werden wir nur gelebt von unserem Besitz- und Geltungsstreben? Die Augenblicke, in denen wir innehalten, sind daher kostbar. In der ersten Hälfte unseres Lebens opfern wir die Gesundheit, um Geld zu erwerben; in der anderen opfern wir Geld, um die Gesundheit wiederzuerlangen. Und während dieser Zeit gehen Gesundheit und Leben von dannen.
Voltaire (1694 – 1778)
Só se vê bem com o coração. O essencial é invisível aos olhos.
Antoine de Saint-Exupéry (1900 – 1944), O Pequeno Príncipe
There are very few encounters in life we still remember decades later with a grateful quiet smile.
Sam Dash, Tenor (* 1957)
24. Februar 2026

Zur Einführung in unsere Reise nach Leipzig, wo wir am kommenden Sonntag das Leipziger Ballett mit Choreografien von Uwe Scholz sehen werden, habe ich heute die beiden Klavierkonzerte aufgelegt, die wir live erleben werden: Mozarts Konzert Es-Dur KV 271 "Jeunehomme" und Rachmaninows Konzert Nr. 3 d-Moll op. 30. Bei der Lektüre des Booklets zum Mozart-Konzert habe ich nicht glauben können, was da schwarz auf weiß zu lesen ist: "Zu erwähnen ist noch ein außermusikalisches Geheimnis: Das Konzert wurde offenbar für eine französische Pianistin, eine gewisse Mademoiselle Jeunehomme, geschrieben, die über beachtliche pianistische Fähigkeiten verfügt haben muss, von der ansonsten aber überhaupt nichts bekannt ist."
Tja, dass von Mademoiselle "Jeunehomme" überhaupt nichts bekannt ist, glaubt man gerne, wenn man weiß, dass es sie nie gegeben hat. Mozart komponierte das besagte Konzert tatsächlich für die französische Virtuosin Victoire Jenamy (auch Jenomy), die Tochter des Ballettmeisters Jean-Georges Noverre, eine gute Bekannte der Familie. "Jeunehomme" ist ein Lesefehler (aus "Jenomy") in Mozarts Briefen, ganz einfach. Aber vielleicht verkauft sich die Geschichte von der geheimnisumwitterten Mademoiselle Jeunehomme einfach besser, schon möglich.
19. Februar 2026
Heute würde Armin Knab 145 Jahre alt. Er, der viele Jahre als Jurist tätig war und sich doch immer als Musiker und Komponist gesehen und gefühlt hat, hat bis zu seinem Tod 1951 in Form und Struktur, in Melodik und Satztechnik immer neue Wege des Ausdrucks gefunden. Er war passionierter Naturliebhaber, seine frühen Lieder für Singstimme und Klavier zeugen davon. Als etwa Vierzigjähriger trat er der Jugend-, Sing- und Schulmusikbewegung bei und unterstützte ihre Ziele, nämlich die Pflege von Spielmusik und Tanz, von Gemeinschaftsmusizieren und der Beschäftigung mit alter Musik. Knab unterrichtete an der Hochschule für Musikerziehung und Kirchenmusik in Berlin-Charlottenburg und war dort begeisternder Lehrer für Musiktheorie und Komposition, mit ausgeprägter Abneigung gegenüber akademischem Regelzwang.
Das hinterlassene Œuvre ist recht groß und nach Charakter, Umfang und Besetzung sehr unterschiedlich, auch hinsichtlich der Anforderungen an die Ausführenden. Besondere Erwähnung verdienen die "Dehmel-Lieder", die "Goethe-Lieder", die „Suite im alten Stil“ für drei Streicher, der Zyklus „Knechtsballade“ (Text Richard Billinger) für Tenor und Streichquartett, die "Klaviersonate" sowie die "Klavierchoräle" und das Oratorium „Das gesegnete Jahr“ (Texte nach verschiedenen Dichtern). Der Gebundenheit an die Tonalität und dem Vorrang der Melodie ist er immer treu geblieben.
Eins meiner Lieblingslieder von Armin Knab ist seine Vertonung von "Schön-Rohtraut" auf den Text von Eduard Mörike:
Wie heißt König Ringangs Töchterlein?
Rohtraut, Schön-Rohtraut.
Was tut sie denn den ganzen Tag,
Da sie wohl nicht spinnen und nähen mag?
Tut fischen und jagen.
O daß ich doch ihr Jäger wär!
Fischen und Jagen freute mich sehr.
– Schweig stille, mein Herze!
Und über eine kleine Weil,
Rohtraut, Schön-Rohtraut,
So dient der Knab auf Ringangs Schloss
In Jägertracht und hat ein Ross,
Mit Rohtraut zu jagen.
O daß ich doch ein Königssohn wär!
Rohtraut, Schön-Rohtraut lieb ich so sehr.
– Schweig stille, mein Herze!
Einstmals sie ruhten am Eichenbaum,
Da lacht Schön-Rohtraut:
»Was siehst mich an so wunniglich?
Wenn du das Herz hast, küsse mich!«
Ach! erschrak der Knabe!
Doch denket er: Mir ist's vergunnt,
Und küsset Schön-Rohtraut auf den Mund.
– Schweig stille, mein Herze!
Darauf sie ritten schweigend heim,
Rohtraut, Schön-Rohtraut;
Es jauchzt der Knab in seinem Sinn:
Und würdest du heute Kaiserin,
Mich sollt's nicht kränken!
Ihr tausend Blätter im Walde wisst,
Ich hab Schön-Rohtrauts Mund geküsst!
– Schweig stille, mein Herze!
15. Februar 2026
Keiner liebt mich, da können Sie meine Frau fragen.
Hans Meyer, Fußballtrainer
12. Februar 2026
Zum Abschluss des UDL-Seminars "Programmmusik" haben wir uns mit From me flows what you call time von Tōru Takemitsu (1930 – 1996) beschäftigt. Das Stück ist ein Auftragswerk zum 100. Jubiläum der Carnegie Hall 1990. Takemitsu schreibt in der für ihn typischen Weise einer Vermischung von östlichen und westlichen Traditionen, zum Teil spätromantisch-impressionistisch, zum Teil avantgardistisch mit Anklängen an musique concrète und Elementen der Aleatorik. Takemitsu fordert vom Orchester und den fünf Solo-Schlagzeugern einen Klang, der den Eindruck permanenter Improvisation vermittelt.
Takemitsus kompositorische Vorbilder sind Debussy und Messiaen. In seinen Werken zeigen sich zumeist fluide, naturhafte Klangzustände. Schreibt er für großes Orchester, so setzt er es nur selten massiv ein. Stattdessen hören wir ein An- und Abschwellen mit dem für die japanische Musik so charakteristischen Pendeln zwischen Stille und Ton. In seiner Spätphase hat Takemitsu behauptet, er sei eigentlich ein romantischer Komponist. Kurz vor seinem Tod äußerte er den Wunsch, am liebsten wie ein Wal durchs Meer zu schwimmen, "ohne West und Ost".
5. Februar 2026
Wir haben uns leider in den letzten fünfzig Jahren einem gefährlichen Trend zur sogenannten Werktreue verschrieben und alle guten Traditionen, die noch die richtige Auslegung des geschriebenen Notentextes vermittelten, zugunsten des bloßen Notentextes vergessen oder verdrängt. Noch um 1910 hat man, wie alte Schallplattenaufnahmen (zum Beispiel eine Probe mit Bruno Walter) zeigen, gewusst und gefühlt, wie man einen punktierten Rhythmus spielen soll. Erst seit Gustav Mahler darauf bestand, dass genau gespielt werden sollte, was dastand, sind diese Kenntnisse mehr und mehr verlorengegangen. Ich finde es bedauerlich, dass gerade die Idee der Notentreue die echte Werktreue so ausgelöscht hat, dass man vieles vergessen hat, was vorher noch lebendiges Wissen war. Jetzt müssen wir diese Kenntnisse erst mühsam wiederfinden.
Nikolaus Harnoncourt (1929 – 2016), in "Musik als Klangrede"
29. Januar 2026
Lob der Faulheit
Faulheit, jetzt will ich dir
Auch ein kleines Loblied bringen. -
O - - wie - - sau - - er - - wird es mir, - -
Dich - - nach Würden - - zu besingen!
Doch, ich will mein Bestes tun,
Nach der Arbeit ist gut ruhn.
Höchstes Gut! wer dich nur hat,
Dessen ungestörtes Leben - -
Ach! - - ich - - gähn´ - - ich - - werde matt - -
Nun - - so - - magst du - - mir‘s vergeben,
Dass ich dich nicht singen kann;
Du verhinderst mich ja dran.
Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781)
Lessing, bekannt als aufklärerischer Dichter und Dramatiker, schrieb das Gedicht mit 22 Jahren – sprachlich elegant, launig und humorvoll. Joseph Haydn (1732 – 1809) hat die Zeilen vertont, gleichfalls mit feiner Ironie, in kargem a-Moll und im Tempo "andante". Spricht der Text davon, dass das Loblied faulheitsbedingt nicht gesungen werden kann, so handelt es sich bei der Vertonung tatsächlich um ein Lied, das indes behauptet, nicht gesungen werden zu können. Ganz offensichtlich waren hier zwei geistreiche Schelme am Werk. Dass sie einander jemals begegnet sind, ist nicht belegt.
25. Januar 2026
Während des Studiums lernte ich die Trois Chansons de Charles d'Orléans für gemischten Chor a cappella von Claude Debussy kennen, der zwei Stücke des Zyklus (I und III) 1898 und eines (II) 1908 komponierte. Mit Debussy begegnete ich damals einer für mich anderen, neuen Welt. Mit dem musikalischen Impressionismus hatte ich mich mit Anfang zwanzig noch kaum befasst. Das änderte sich zwar nicht schlagartig, doch stetig und fortgesetzt, vor allem hinsichtlich Debussys Orchestermusik. Die meisten Klavierstücke waren und sind für mich technisch zu schwer, das Üben und Spielen ist kein Vergnügen. Die Oper "Pelléas et Mélisande" allerdings bereitet mir großen Genuss, wenn sie denn bei erstklassigen Häusern mal auf dem Spielplan steht.
Noch gut in Erinnerung ist mir das dritte Chanson "Yver, vous n'estes qu'un villain" ("Winter, Ihr seid ein rechter Bösewicht"; deutsche Übersetzung von Linda Godry). Der Grund liegt weniger in der Musik, die natürlich wunderbar ist und eine spöttische Klangrede gegen den Winter darstellt. Genau das war's, was mich so fasziniert hat. Da sprach mir jemand aus der Seele, ironisch zwar und augenzwinkernd, aber immerhin. Bis heute kann ich mit dem Winter nichts anfangen und bin immer froh, wenn er endlich vorbei ist.
Yver, vous n'estes qu'un villain. Winter, Ihr seid ein rechter Bösewicht.
Esté est plaisant et gentil, Der Sommer ist vergnüglich und angenehm,
En tesmoing de May et d'Avril Wie man am Mai und April wohl sehen kann
Qui l'acompaignent soir et main. Sowohl am Tage wie bei Nacht.
Esté revest champs, bois et fleurs, Der Sommer kleidet Feld, Wald und Blumen,
De sa livrée de verdure Wiedrum in ihr grünes Gewand
Et de maintes autres couleurs, Schmückt auch mit vielen anderen Farben
Par l'ordonnance de Nature. Wie es die Natur befiehlt.
Mais vous, Yver, trop estes plain Aber Ihr, Winter, plagt uns mit zuviel
De neige, vent, pluye et grezil; Schnee, Wind, Regen und Graupel;
On vous deust bannir en exil. Man sollte euch von hier verbannen.
Sans point flater, je parle plain, Ohne Schmeichelei sag ich's, wie es ist,
Yver, vous n'estes qu'un villain! Winter, Ihr seid ein rechter Bösewicht!
19. Januar 2026
Am Theater liebe ich, dass es immer in der Gegenwart stattfindet. Auf der Bühne herrscht ein ewiges Jetzt. Die Einzigartigkeit jedes Auftritts und die Ewigkeit treffen aufeinander, und diese Verbindung ist großartig.
Juliette Binoche
15. Januar 2026
Meine Musik sagt eigentlich alles. Es braucht keine historischen oder hysterischen Kommentare.
Musik ist ein Mittel, das dunklen Dramatismus und pure Entrückung, Leiden und Ekstase, feurige und kalte Wut, Melancholie und wilde Heiterkeit zum Ausdruck bringen kann – und die subtilsten Nuancen und das Zusammenspiel dieser Gefühle, deren Ausdrucksstärke in Malerei und Skulptur unerreichbar ist.
Ein großartiges Musikstück ist wunderschön, unabhängig davon, wie es aufgeführt wird. Jedes Präludium oder jede Fuge von Bach kann in jedem Tempo gespielt werden, mit oder ohne rhythmische Nuancen, und es wird immer noch großartige Musik sein. So sollte Musik geschrieben werden, damit niemand, egal wie philisterhaft, sie ruinieren kann.
Dmitri Schostakowitsch (1906 – 1975)



