22. November 2017

Morgen geht es für vier Tage nach London. Am Freitag steht im Royal Opera House eine Aufführung von Donizettis Lucia di Lammermoor auf dem Spielplan, worauf ich mich sehr freue. Unsere Reisegruppe ist mit 28 Personen diesmal etwas kleiner als sonst. An- und Abreise nehmen jeweils einen Tag in Anspruch, vielleicht hat das ein paar Opernfans in diesem Jahr von einer Teilnahme abgehalten. Und nicht jeder schätzt die Überfahrt mit der Fähre, das kommt noch hinzu. Ich liebe ja diesen Mix aus Schiffsmotorengeräusch, Dieselgeruch und Möwengeschrei. Dazu Fish & Chips und ein erstes Newcastle Brown Ale! Durch den Duty-Free-Shop bummeln, Shortbread kaufen und noch einen Adapter, für alle Fälle. Nach knapp anderthalb Stunden sind die Kreidefelsen von Dover zu sehen. Wunderbar! Eigentlich geht das alles viel zu schnell. Vielleicht sollten wir beim nächsten Mal mit der Color Line nach Oslo fahren. Das dauert schön lange, und zum Frühstück gibt’s Kaffee, Lachs und Aquavit.

21. November 2017

Es ist eine Weile her, seit ich zum letzten Mal Korngolds 1. Streichquartett gehört habe. Im heutigen Kammermusikkurs wurde ich durch die Aufnahme des Doric String Quartets wieder daran erinnert, wie glutvoll und verzehrend diese Klänge sind, vor allem die des zweiten Satzes. Exquisit schmerzlich und melancholisch, unendlich zart und von milder Trauer, zutiefst leidenschaftlich und hochgradig sensibel – Musik für Benzinpreisvergleicher und Käserindenabschneider, würde mein Sohn sagen. Aber das macht nichts, ich komme psychisch damit zurecht.

19. November 2017

Diese ewigen antiken Kostüme! Jeden Abend andere Kothurne auf den Brettern! Helena und Antigone und Orest und Zeus und Klytämnestra und Menelaus – alles was Kostüm trägt, ist das nicht eigentlich Sommertheater? Was für ein Geklapper! Ich nehme Shakespeare nicht aus: Diese Degen und Brünnen und Wamse und Giftbecher und Dolche – als Buch gelesen unvergleichlich, aber auf der Bühne: Das Komische traurig und das Ernste zum Lachen!
Gottfried Benn (1886 -1956)

17. November 2017

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Manches, was ein schönes Bild abgeben soll, kommt doch über eine unbeholfene Kleckserei nicht hinaus.

16. November 2017

Cathy Berberian war vielseitig und unangepasst. Sie sang klassische Opernpartien, aber auch Lieder von Gershwin und Weill, ebenso Beatles-Songs. Von 1950 bis 1964 war sie mit dem Komponisten Luciano Berio verheiratet, interpretierte dessen Musik sowie die anderer Avantgardisten. Igor Strawinsky widmete ihr 1963 die “Elegy for John F. Kennedy”, auch Hans Werner Henze, Darius Milhaud und John Cage komponierten für sie. Gleichzeitig arbeitete sie mit Nikolaus Harnoncourt und spielte zusammen mit ihm Opern und Madrigale von Monteverdi ein.

Nicht selten hat sie den kommerziellen Musikbetrieb und seine Gepflogenheiten kritisert, auch Gesangs-Kolleginnen blieben nicht verschont. Einigen warf sie vor, dass sie sich “mit einer Handvoll mühsam einstudierter, populärer Opernpartien reich und fett” gesungen hätten. Und über den Großteil der Schubert-Lieder, immerhin insgesamt etwa sechshundert, sagte sie: “Ein Großteil der Schubert-Lieder wird im Konzertleben ignoriert – zu Recht. Und wenn sie nicht von Schubert wären, würden auch von den Musikologen kein Hahn mehr danach krähen.”

Traditionsbewusst und neugierig war sie, mutig, leidenschaftlich, anspruchsvoll und zuweilen selbstironisch. Eine Sendung des Deutschlandfunks von 1993 fasst es so zusammen: “Die Lieder-Recitals der Cathy Berberian hatten denn auch immer etwas von einem clownesken ‘Gesamtkunstwerk’ an sich, eine Gratwanderung zwischen Seriosität und Slapstick. Jeder ihrer Auftritte war kunstvoll arrangiert: Wenn sie mit bizarr onduliertem Platinhaar und in selbstentworfenen Kleidern mit der Mimik eines Hollywood-Komikers das Podium betrat, spätestens dann war dem Publikum klar, dass diese Sängerin den hehren, etablierten Musikbetrieb ‘ad absurdum’ führen wollte, und das auf höchstem künstlerischen Niveau.”

15. November 2017

Music is the air I breathe and the planet I inhabit. The only way I can pay my debt to music is by bringing it to others, with all my love.
Cathy Berberian (1925 – 1983)

14. November 2017

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Zum ersten Mal seit 1958 verpasst Italiens Nationalmannschaft eine Fußball-Weltmeisterschaft. Zwei Playoff-Spiele gegen Schweden haben der Squadra Azzurra nicht gereicht, um ein Tor zu erzielen. Tragödie, nationale Katastrophe, Apokalyse. Franz Beckenbauer (was macht der eigentlich?) hat es schon vor Jahren kommen sehen: “Die Schweden sind keine Holländer.” Dieser Umstand war den Tifosi wohl verborgen geblieben, sei’s drum. So muss Deutschland also ohne Italien wieder Weltmeister werden. Und ganz ehrlich: So richtig Spaß macht das nicht.

12. November 2017

Mehr oder weniger spontan bin ich gestern nach Erfurt gefahren, um mir im dortigen Theater die Premiere von Luigi Cherubinis Medea (1797) anzusehen. Die Erfurter zeigen das Stück in Co-Produktion mit der Opéra de Nice und dem Landestheater Linz in französischer Sprache mit Übertiteln und deutschen Dialogen. Es war im Übrigen das Gießener Stadttheater, das 1998 die Deutsche Erstaufführung in dieser Form zeigte. Seitdem setzt sich diese Fassung mehr und mehr durch und entspricht damit der Intention des Komponisten. Während der 50er Jahre war die Medea die Paraderolle von Maria Callas, allerdings in der italienischen Übersetzung, wodurch das Werk damals als romantische italienische Oper wahrgenommen wurde.

Luigi Cherubini (1760 – 1842) war bereits zu Lebzeiten ein hochgeschätzter Komponist. Beethoven sah in ihm den “größten lebenden Opernkomponisten”, und Brahms – dem Musiktheater sonst nicht so zugetan – sah in Medea bzw. Médée “das höchste an dramatischer Musik”. Cherubini erlebte aufgrund seines recht langen Lebens verschiedene musikalische Epochen, was seiner Musik deutlich anzumerken ist. Darüber hinaus sind sein musikalisches Gespür für dramatische Situationen und seine Gabe der psychologisierenden Zeichnung der handelnden Personen außergewöhnlich. So ist die Oper, ganz abgesehen vom erzählerischen Rang der Medea in der griechischen Mythologie, ein wirklich besonderes Stück mit hohem Repertoirewert. Nicht umsonst übrigens haben sich auch Komponisten anderer Epochen von diesem Stoff herausgefordert gefühlt wie z. B. Marc-Antoine Charpentier zur Barockzeit oder Aribert Reimann, dessen Medea erst 2010 ihre Uraufführung in der Wiener Staatsoper hatte.

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Theater Erfurt, Foyer (Foto: Lutz Edelhoff)

Die Erfurter Produktion verlegt die Handlung in die Neuzeit und spielt in einem modernen Großraumbüro mit freiem Blick auf zahlreiche (New Yorker?) Wolkenkratzer. Das ist durchaus überzeugend und betont die Zeitlosigkeit der Erzählung auf pointierte Weise. Die Erfurter können sich glücklich schätzen, mit Ilia Papandreou eine hervorragende Medea auf die Bühne bringen zu können. Ihr Sopran bringt die gesamte Gefühlspalette der verzweifelt Liebenden grandios zum Ausdruck, dem Jason (Eduard Martynyuk) emotional nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hat. Julia Neumann überzeugt als Dircé, die die Katastrophe von Anfang an kommen sieht und auf schmalem Grat zwischen düsterer Vorahnung und verdrängender Partylaune wandelt. Der Chor agiert präzise und klanglich eindrucksvoll. Samuel Bächli ist für die musikalische Leitung zuständig und dirigiert gewohnt sicher und zuverlässig. Wer Lust und Zeit hat, ein eher selten gespieltes Werk auf gutem Niveau zu erleben, dem sei die Erfurter Medea auf jeden Fall empfohlen.

9. November 2017

Gestern Abend – wir hatten gerade mit Gianni Schicchi den letzten Teil des Trittico von Puccini gesehen – kamen wir mit Blick auf Verdis Falstaff darauf zu sprechen, dass es in der Musikgeschichte häufig “Paarbildungen” von Komponisten gibt, obwohl diese sich doch sehr voneinander unterscheiden. Wir sprechen oft von “Bach und Händel”, von “Debussy und Ravel”, von “Verdi und Puccini”. Von “Haydn und Mozart” ist vielleicht seltener die Rede, doch immerhin gelegentlich, ähnlich wie von “Brahms und Bruckner”. Bei näherer Betrachtung liegen die Unterschiede nicht nur im kompositorischen oder stilistischen, sondern interessanterweise auch im persönlichen Bereich. Bei manchen “Paaren” könnte die individuelle Ausprägung charakterlicher Dispositionen nicht unterschiedlicher sein. Was also in einem Atemzug genannt wird, weist oft außer einer zeitlichen Parallelität kaum Gemeinsamkeiten auf.

Heute haben wir den zweiten Teil des Films Die siebente Saite (Tous les matins du monde, F 1991) gesehen. Glücklicherweise ist diese großartige Produktion seit einigen Wochen mit deutscher Tonspur auf DVD erhältlich. Wir lernen sehr viel beim Anschauen dieses Films, nicht nur über Musik und Geschichte. Er erzählt sehr klug und lebenserfahren über Berufung und künstlerische Unbeugsamkeit, über Ausdruckswillen und Inspiration, Liebe und Verlust, Trauer und Vergebung. Ein filmisches Geschenk von 114 Minuten, von denen man nicht eine einzige missen möchte.

8. November 2017

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Mit amüsierter Verwunderung über die Auswüchse der gegenwärtigen Sexismus-Debatte hier eine meiner zahlreichen schönen Erinnerungen an Barcelona.

7. November 2017

Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.
Aristoteles (384 – 322 v. Chr.)

5. November 2017

In der taz rezensiert Dagmar Penzlin die Neuproduktion von Monteverdis Oper “Il ritorno d’Ulisse in patria” an der Hamburgischen Staatsoper. Frau Penzlin erzählt in süffigem Tonfall ein bisschen über die Geschichte des Stücks, über die Regie, über die Ausstattung, über Sänger und Instrumentalisten. Gegen Ende dann folgende Passage: “So tritt die Aufführung nach der Pause zunehmend auf der Stelle. Das zurückgewonnene, in schönsten Arabesken besungene Liebesglück entschädigt am Ende dann zwar etwas für die Längen, aber ganz vergeht der Eindruck von Länglichkeit eben nicht. Das liegt auch an Monteverdis spröder Musiksprache. Das erwähnte, ins Singen gesteigerte Sprechen, das typische Monteverdi-Parlando: Es kann den Charme von akustischem Knäckebrot haben – und das hatte es in der besuchten Aufführung auch immer mal wieder.”

Es ist in Ordnung, wenn die Rezensentin einer Aufführung derselben gewisse Längen attestiert. Es ist auch nichts dagegen zu sagen, wenn dies unter Zuhilfenahme einer launigen Formulierung geschieht – damit ist bei der taz ohnehin alleweil zu rechnen, und wahrscheinlich wird seitens der Redaktion eine gewisse semantische Kreativität auch durchaus geschätzt. Aber Monteverdis Musiksprache in der zitierten Weise zu diskreditieren, ist nicht etwa launig-kreativ, sondern schlicht blöd und unqualifiziert. Das geht einfach nicht! Und es hat nichts mit persönlichen Vorlieben und Abneigungen zu tun – hier ist detaillierte Kenntnis musikgeschichtlicher Entwicklungen vonnöten und die Fähigkeit, Rang und Bedeutung eines musikdramatischen Jahrtausendgenies professionell einschätzen zu können. Frau Penzlin sind die Lektüre einschlägiger Literatur und entsprechende Hörschulungen anzuempfehlen, der taz ein sorgfältigerer Umgang mit ihrem Renommee als seriöse Zeitung auch für Kulturinteressierte.

4. November 2017

Kommt Jamaika? Wahrscheinlich. Gestern vermutete Claudia Kade, Politikressortleiterin der WELT, dass die Menschen in Deutschland eher dafür bereit seien als die Parteien. Das Publikum ist also weiter als die das Stück darbietenden Akteure. Das ist bemerkenswert und ungewöhnlich, selbst für Tragikomödien. In der nächsten Woche soll es angeblich ernst werden. Bis dahin stehen weiter royale Balkonbilder und rhetorische Pirouetten auf dem Spielplan. Wer zetert, wer zündelt, wer zickt? Wie heißt eigentlich die männliche Form von Diva? Divus, Divo? Seehofer?

2. November 2017

Poppea

Heute beginnt ein weiterer Crashkurs Oper. Wie immer beginnen wir mit der Frage, worum es Poppea eigentlich geht. Will sie Kaiserin sein, egal neben wem, oder ist sie scharf auf Nero und sein erektiles Begattungszäpfchen? Dazu gibt es Ausschnitte aus Monteverdis L’Incoronazione di Poppea sowie Szenen aus Opern von Purcell, Rameau und Händel.

1. November 2017

Grußwort zur Festschrift “60 Jahre Wetzlarer Musikschule”

Der Musikwissenschaftler und –psychologe Heiner Gembris hat einmal auf die Frage, ob Musizieren schlau mache, geantwortet: „Ich würde eher sagen: Wer schlau ist, macht Musik.“ Anders gesagt: Wir musizieren nicht, um unseren Intelligenzquotienten zu steigern. Also warum dann?

Der eine möchte endlich mal die erste Geige spielen, der andere will mal so richtig auf die Pauke hauen, der nächste will jemandem die Flötentöne beibringen oder ins gleiche Horn blasen – wir kennen diese Redewendungen. Sie kommen aus dem Alltag und haben ihren Ursprung in unseren Gefühlen, in unseren Wünschen und Bedürfnissen, in unserem Mut- und Gestaltungswillen. Die Wetzlarer Musikschule schafft seit nunmehr sechs Jahrzehnten individuelle wie gemeinschaftliche Möglichkeiten des aktiven Musizierens. Wir empfinden Freude, Ausgelassenheit, Nachdenklichkeit, Wut, Zuversicht – unsere gesamte Gefühlswelt findet Ausdruck in der Musik, sei es, dass wir sie einzeln oder in der Gruppe erleben.

Das Geheimnis liegt im Entwickeln eigener Fähigkeiten und in der Freude am Musizieren zusammen mit anderen. Im Grunde genommen ist es ein Programm fürs Leben: In einer Vielfalt von Farben und Klängen der eigenen Stimme treu bleiben, doch dabei stets auch die anderen wahrnehmen und sie nicht ausblenden. Das ist nicht immer leicht, doch wenn es gelingt, ist es wunderbar.

Und wer nicht hören kann, muss lernen! Die Musik nämlich erschließt sich uns ebenso im Erkennen und Verstehen von Zusammenhängen, im Analysieren von Satztechniken und Kompositionsstrukturen, von stilistischen Merkmalen, von musikgeschichtlichen und biografischen Hintergründen. Auch hier bietet die Musikschule entsprechende Zugänge durch Kurse, Vorträge, Projekte und Exkursionen. Instrumentalisten, Musikliebhaber und Konzertbesucher lernen auf unterschiedlichste Weise, Musik zu verstehen. Bisweilen verstehen sie dabei auch sich selbst – wie schön!

„Mit Musik geht alles besser“, sang Rudi Schuricke einst. Klingt einfach, ist es auch. Statt „Musik“ könnte es auch „Musikschule“ heißen. So ist das mit Evergreens, die bleiben einfach immer jung. So wie wir.

Thomas Sander
Schulleiter

30. Oktober 2017

Gestern Abend lief im WDR-Fernsehen eine Reportage über Barcelona. Ich habe erst spät eingeschaltet, doch glücklicherweise wird der Beitrag am 5.11. wiederholt (zwar um 4.30 Uhr, aber das lässt sich ja programmieren bzw. aufzeichnen). Ein paar Bilder aus Barceloneta habe ich aufgeschnappt, dann musste ich leider aus dem Haus. Doch die wenigen Bilder haben völlig ausgereicht, sofort war alles wieder präsent. Barceloneta war von Anfang an “mein” Viertel, hier war ich oft und habe mich wohlgefühlt wie lange nicht.

Die Wachen haben eine gemeinsame Welt; im Schlafe wendet sich jeder seiner eigenen zu.
Heraklit von Ephesos, griechischer Philosoph (ca. 540 – 480 v. Chr.)

Letzte Nacht hatte ich einen schönen, wenngleich seinen Sinn verbergenden Traum. Ich war ganz offensichtlich in eine junge, hübsche Taxifahrerin verliebt, die ihrerseits meine Gefühle zu erwidern schien. Sie verriet mir ihren Namen nicht, auch Kolleginnen und Geschäftsleute aus dem belebten Viertel, in dem wir verkehrten, konnten nicht weiterhelfen. Die Sonne schien, und ich ging für meine Freundin einkaufen. Sie wartete im Taxi, um mir später in gezuckertem Tonfall Süßigkeiten ins Ohr zu flüstern. Wahrscheinlich waren wir in Barceloneta unterwegs, und ebenso wahrscheinlich hieß sie Rebecca.

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Dann war plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, der Traum vorüber, was ich noch jetzt bedauere. Der Psychologe Stephan Grünewald empfiehlt dringend, unsere Träume ernst zu nehmen. So ist es am Ende doch gut, dass wir uns nichts er-träumen können! Es gibt ihn eben nicht, diesen Ticketautomaten für Trauminhalte, den Traumgenerator. Heute Nacht immerhin hat mein Großhirn keine Mühe gehabt, aus Erlebnissen und Sehnsüchten eine schöne, im Wortsinne fantastische und dabei halbwegs zusammenhängende Geschichte zu machen. “Wenn Träume wahr werden …”, heißt es manchmal. Dabei sind die Träume selbst ja immer wahr. Ob wir ihre Botschaften verstehen, ist eine ganz andere Frage.

27. Oktober 2017

23.30 Uhr, zurück aus dem Kino. Den Schneemann habe ich gesehen, einen britischen Thriller um einen psychopathischen Mörder, der Frauen umbringt, vorzugsweise junge Mütter und nur, wenn es schneit. Nach der Tat baut er einen Schneemann, sozusagen als Signatur. Ich habe mir den Film, der passable Krimi-Unterhaltung liefert, aber kein cineastischer Meilenstein ist, ehrlich gesagt nur wegen Rebecca Ferguson angesehen. Sie ist einfach wunderschön, selbst als Leiche, eine halbe Stunde vor Schluss. Ab da habe ich mich noch höflichkeitshalber für die Auflösung des Falles interessiert, welche ohne Überraschungen geliefert wird. Die Landschaftsbilder aus dem winterlichen Norwegen sind unbedingt eindrucksvoll, wenngleich sich das gewisse Frösteln eigentlich wegen der filmischen Handlung einstellen sollte. Ein paar grausam-brutale Bilder gibt es in der Tat, wie es sich für so ein Genre gehört. Verstört oder gar schlaflos macht der Schneemann allerdings nicht, was ja auch sein Gutes hat.

25. Oktober 2017

Versuche, deine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen – und du verlierst die Kontrolle über dein Leben. Der Verstand ist nicht immer unser Freund. Er gibt uns gute und weniger gute Ratschläge. Die weniger guten sollten wir nicht befolgen.
Matthias Wengenroth

24. Oktober 2017

Es war ein schönes Konzert gestern Abend in der Frankfurter Alten Oper. Ein “klassisches” Sinfoniekonzert sozusagen, mit der Reihenfolge Ouvertüre-Solokonzert-Sinfonie. Dass es schön war, lag hauptsächlich an der Musik. Bachs dritte Orchestersuite ist eben ein starkes Stück und auch durch größere Extravaganzen nicht so leicht zu entstellen. Dirigent Stefan Blunier zwang das Frankfurter Opern- und Museumsorchester zu mitunter grotesk beschleunigten, sensationslüsternen Tempi und verspürte darüber hinaus wenig Neigung, den Blechbläsern dynamische Grenzen zu setzen. Vor der Pause dann Max Bruchs 1. Violinkonzert, in dem Solist Renaud Capuçon mit einer geschlossenen und stilsicheren Interpretation überzeugen konnte. Abschließend Mendelssohns 5. Sinfonie (“Reformations-Sinfonie”) mit warmen Klängen, leider zuweilen wieder mit Blechdominanz und unschönen Binnencrescendi, doch klangintensiv und alles in allem durchaus ansprechend. Ein schöner Abend dank guter Musik.

22. Oktober 2017

Diesmal habe ich ein paar Tage gebraucht, um wieder zurück in den Alltag zu finden. Das kenne ich so eigentlich nicht, denn normalerweise hat mich die Arbeitswelt doch sehr schnell wieder. Der Aufenthalt in Barcelona war jedoch so beeindruckend, dass diese Zeit immer noch nachwirkt und mich vermuten lässt, dass sich eine gewisse Depotwirkung eingestellt hat, unter deren Einfluss ich dem Alltag anders begegne. Es war eine fantastische Zeit mit herrlichem Wetter,

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großartigem Essen (jeden Tag Fisch!), sehr netten und aufgeschlossenen Menschen, wunderbaren Gebäuden und Plätzen und einem grandiosen Maskenball im Gran Teatre del Liceu – Piotr Beczała mit einer Weltklasseleistung in der Rolle des Riccardo!

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Mein Lieblingsviertel ist Barceloneta, die Gegend um den alten Hafen, wo direkt neben modernen Apartments, Boutiquen und Flaniermeilen in Strandnähe das eigentliche, einfache und bodenständige Leben spielt. Hier bin ich oft durch die Gassen spaziert, in denen es aussieht wie in der Altstadt von Neapel. Ich habe Kaffee, Tonic oder Vino blanco getrunken und im Restaurant La Taberneta (Carrer d’Andrea Doria) sehr gut und dabei preiswert gegessen. Sehenswürdigkeiten hat Barcelona natürlich reichlich, das Barri Gòtic, die Sagrada Familia, die Kathedrale, das Palau de la Música, La Rambla, zahlreiche Museen und ganz vieles mehr. Nicht alles muss einem gefallen (mit der Gaudì-Architektur z.B. tue ich mich schwer), und nicht alles kann in sechs Tagen angeschaut werden. So werde ich also wiederkommen, und zwar bald. Allein schon, um in der Pulperia Bar Celta zur Mittagszeit Empanadas de atún und Ribeiro zu genießen. Demnächst mehr.

Pause bis zum 18. Oktober 2017

6. Oktober 2017

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Ich nehme übrigens das Flugzeug. Angenehm ist mir das nicht, ehrlich gesagt, aber die Alternativen sind Bahn oder Auto, was in jedem Fall lange dauert und strapaziös sein kann. Eine Möglichkeit ist natürlich immer, es mit Konfuzius zu halten und den Weg als Ziel anzusehen. So könnte ich also durchaus das Auto nehmen, für den Weg nach Barcelona und zurück jeweils vier Tage einplanen und täglich etwa 350 Kilometer fahren. Schöne Hotels aussuchen, kleinere hübsche Orte anschauen und so weiter. Vielleicht ein andermal.

5. Oktober 2017

Wappen Barcelona

Ab Mittwoch der nächsten Woche bin ich für sechs Tage in Barcelona, ich habe das in einem früheren Eintrag bereits erwähnt. Ich denke nicht, dass es aufgrund der gegenwärtigen politischen Auseinandersetzungen zu größeren Unruhen kommen wird. Zwar empfiehlt das Auswärtige Amt, Menschenansammlungen zu meiden, aber damit sind sicher nicht Opernaufführungen gemeint. So freue ich mich also auf Verdis “Maskenball” im Gran Teatre del Liceu mit Piotr Beczała in der Rolle des Riccardo. Weitere konkrete Pläne habe ich nicht. Ich lasse die Stadt auf mich zukommen, das hat sich in anderen Metropolen immer bewährt. Mir liegt das Abarbeiten von “Must see”-Listen nicht, vieles wird sich von allein ergeben. Es ist mein erster Besuch in Barcelona. Nach allem, was ich höre, erwartet mich eine wirklich großartige Stadt. Ich bin schon sehr gespannt und werde hier darüber berichten.

2. Oktober 2017

Kermit

It’s easy to be green – either you have reason or money.

1. Oktober 2017

Der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann hat denjenigen, denen es an Fantasie für Jamaika fehlt, Michael Endes Roman „Die unendliche Geschichte“ oder den Besuch von Opern ans Herz gelegt. Weil, so die Begründung, “diese kreativen Menschen zeigen, wie man aus altem Stoff unentwegt was Neues macht.“ Zwar verschweigt Kretschmann bei seiner Empfehlung, dass “was Neues” nicht zwangsläufig “was Gutes” bedeutet, und dass darüber hinaus Tragödien auch in der Oper Tragödien bleiben, egal wie kreativ sie erzählt sind. Dennoch wünschte man der oft prosaischen Bundespolitik in der Tat ein etwas opernhafteres Flair, wenngleich der Gedanke an die Oper als Verständnishilfe für obsessive Strategien und clandestine Machtgelüste etwas verzweifelt Komisches an sich hat.

29. September 2017

Schild Oper - Langeweile

27. September 2017

Thadeusz und die Beobachter waren gestern Abend im rbb Fernsehen erneut in exzellenter Form und boten einen launigen Mix aus treffsicherer Analyse und politpsychologischer Kaffeesatzleserei in bramarbasierender Selbstironie. Das hat Witz, Geist und Fantasie. Viele Vertreter des deutschen Politjournalismus kann man seit geraumer Zeit mit Fug und Recht dafür kritisieren, dass sie entweder parteiisch, arrogant oder schlecht vorbereitet sind (oder alles gleichzeitig). Thadeusz und seine Beobachter sind keine Wunderwesen, wohlverstanden. Aber eines sind sie: Fantastische Unterhalter und unterhaltende Fantasten. Zuweilen im Tonfall heiterer Resignation und mit der Klugheit von Hofnarren bieten sie uns Fakten, vermeintliche Hintergründe und im Wortsinne wahre Spekulationen. Das ist allemal vortrefflich unterhaltend und auf diesem Niveau im Fernsehen mittlerweile sehr selten.

26. September 2017

Nur weil ein paar schwarz-gelb-grüne urbane Eliten in Berlin auf fünf Quadratkilometern rund um den Biomarkt friedlich zusammenleben, ist Jamaika noch kein Koalitionsmodell. Jamaika ist tot. Und das ist auch gut so.
Ulf Poschardt, Chefredakteur der Zeitung “Die Welt”, am 12. September 2017 (!)

Star einer politischen Talkshow (“Hart aber fair” vom 25.09.) zu werden, ohne selbst anwesend zu sein – das muss man erstmal schaffen. Respekt!

25. September 2017

Bei der Vorbereitung zur Besprechung des 2. Streichquartetts (“Intime Briefe”) von Leoš Janáček finde ich bei kammermusikfuehrer.de die Einschätzung, es handle sich um “ein Werk, das an Intensität und Leidenschaft kaum ein Gegenstück in der Kammermusik hat, obwohl es von einem 74-jährigen Komponisten in seinem letzten Lebensjahr geschrieben wurde.” Als Quelle wird J. Vogel angegeben. Für Herrn oder Frau Vogel ist der leidenschaftliche Mittsiebziger offenbar ein Oxymoron, wie sonst ist das “obwohl” zu verstehen? Irgendwann lassen doch Intensität und Leidenschaft nach, so ab der Rente vielleicht. Und muss man denn wirklich noch mit vierundsiebzig grandios verliebte Kammermusik schreiben? Und das obendrein für eine 36-jährige, du liebe Zeit! Manche Sachen macht man einfach ab einem gewissen Alter nicht mehr, zum Beispiel Riesenrad fahren, nächtens im Strandkorb Champagner trinken oder eben “intime Briefe” schreiben. Nach Tucholsky liebt der Beamte seine Frau immer dienstags. Vielleicht auch noch mit vierundsiebzig, wer weiß. Aber nur in Schaltjahren, wegen der Intensität und Leidenschaft.

23. September 2017

Porto. Frei nach Andreas Brehme sage ich nur ein Wort: Unbedingt ansehen! Wegen allem.

21. September 2017

Porto Film

Heute Abend sehe ich Porto, einen 2016 von Gabe Klinger in Frankreich, Polen und Portugal gedrehten Spielfilm mit Lucie Lucas und Anton Yelchin in den Hauptrollen. Das Portal filmstarts spricht von “erlesenen Bildkompositionen”, von einer “kostbaren Seltenheit im heutigen Erzählkino, wo häufig auch noch die letzte kleine Unklarheit wegerklärt wird.” Im Ergebnis sei der Film eine “toll gespielte, ästhetisch und erzählerisch anspruchsvolle filmische Meditation über eine Amour fou und ihre Unmöglichkeit.” 20.45 Uhr, Marburger Filmkunsttheater, Steinweg 4 (Oberstadt), 35037 Marburg.

20. September 2017

Marilyn Monroe Ukulele Avedon
Richard Avedon
Marilyn Monroe, Publicity-Foto zu “Some Like It Hot”, 1959

 

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Dieter Mulch
M.M., fast körperhaft präsent, 1981
Bleistift und Papiercollage
Rahmengröße 34 x 31 x 1,6 cm

18. September 2017

Die meisten Konzerte der Wetzlarer Musikschule finden in einem äußerlich eher schmucklosen Rahmen statt. Es gibt Blumengestecke links und rechts der Bühne, ansonsten spricht der schöne Konzertsaal für sich und wirkt – mit Ausnahme von Kinder- oder Weihnachtskonzerten – ganz ohne weitere Dekoration. Einige Veranstaltungen haben eine Pause, während der kein gastronomisches Angebot vorgehalten wird. Auch hier gibt es Ausnahmen, wie z. B. das Preisträgerkonzert “Jugend musiziert” oder das Weihnachtsliedersingen der Partnerschaftsgesellschaften. Wir sind eine Musikschule, kein Opernhaus.

Gestern Abend beim Lehrerkonzert, es ist gegen Ende der Pause, spricht mich eine Dame an: “Herr Sander, wir vermissen den Sekt!” Spontan zeige ich, wie Diplomatie richtig geht und äußere Verständnis ebenso wie Betroffenheit, von wegen Personal und Aufwand und Kosten und so weiter. Es ist nur ein kurzer Dialog, aber ich finde, die ersten Sätze der Dame hätten dem großartigen Programm, den Künstlern und ihren Darbietungen, dem freien Eintritt gelten sollen. Das mit dem Sekt hätte sie abschließend als kleine, freundliche Anregung unterbringen können, wenn überhaupt an diesem Abend. Aber wie heißt et kölsche Jrundjesetz: Jede Jeck is anders.

15. September 2017

Jordi Savall hat vor Jahren mit seinem Ensemble Hesperion XX die Suite in C-Dur aus der Studenten-Music von Johann Rosenmüller (Leipzig 1654) auf CD eingespielt. Die Suite enthält, wie üblich, mehrere Tanzsätze, darunter auch eine Sarabanda. Dieser aus Spanien stammende “Pfauentanz” gab bei Hofe den Männern Gelegenheit, sich zu zeigen, zu produzieren, wie eben der Pfau, der sein Rad schlägt und beeindrucken will. Die Sarabande ist der langsamste aller höfischen Tänze. Und so musiziert Savall diesen Tanz geradezu entrückt, mit weltvergessener Zeitlosigkeit und einem berührenden Sentiment, das tiefe Sehnsüchte in uns weckt. Das ist sehr bewegend und so überirdisch schön, dass es schmerzt. Aber es zeigt, dass wir leben, und wir sollten die Fähigkeit, so empfinden zu können, als Privileg begreifen und dafür dankbar sein.

13. September 2017

Die schönsten Sachen, die ein Mensch zu einem anderen Menschen sagt, sagt er leise. Auch in der Musik sind die zarten Momente die schönsten.
Jordi Savall

11. September 2017

Im Kurs morgen Vormittag hören wir nur Geburtstagsständchen, die wir ausnahmsweise so nennen dürfen:

Monteverdi, L’Incoronazione di Poppea, Schlussduett
Händel, Ode for St. Cecilias’s Day, Chorus “From harmony”
Mozart, Don Giovanni, Finale
Brahms, Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15, 2. Satz: Adagio
Debussy, Prélude à l’Après-midi d’un faune
Schostakowitsch, Cellokonzert Nr. 1 Es-Dur op. 107, 1. Satz: Allegretto

10. September 2017

10.00 Uhr. Fahre jetzt nach Gießen ins Stadttheater und höre mir die Einführungsmatinee zu Don Giovanni an. Premiere ist am kommenden Samstag. Ich bin wirklich gespannt, denn just bei diesem Stück ist der Grat zwischen intelligenter, psychologisch verständiger Auslegung und irrwegiger Interpretationswillkür außerordentlich schmal. Bis später.

14.00 Uhr. Wieder zurück. Es war launig und unterhaltsam, keine Frage. Regisseur Wolfgang Hofmann, sekundiert von fünf Sänger/-innen, Korrepetitor und Bühnenbildner, gab einen Einblick in die Fassung, die das Gießener Theater präsentieren wird. Leider wird das Finale-Sextett aus der ersten, also der Prager Fassung nicht enthalten sein. Hofmann erklärte, dass nach Don Giovannis Höllenfahrt alle übrigen Akteure nichts mehr zu sagen hätten und somit verstummen müssten. Sehr schade, wenngleich Mozart für Wien das besagte Sextett ebenfalls gestrichen hat, aber doch aus anderen Gründen. In der Prager Fassung haben alle Beteiligten sehr wohl noch etwas zu sagen! – Eine schöne Idee der Matinee, die Sänger/-innen aus der Perspektive ihrer jeweiligen Rolle erzählen zu lassen! So erklären Donna Anna und Don Ottavio jeweils in der Ich-Form ihre widersprüchlichen Wünsche und Sehnsüchte, ebenso wie Zerlina – in Abwesenheit von Masetto – frei heraus beschreibt, warum sie zwar in den Stand der Ehe treten wird, an das große Glück jedoch nicht glaubt. Die Erläuterungen zum Bühnenbild lassen ahnen, dass es – wer hätte das gedacht – sparsam ausfallen wird. Und nach der Höllenfahrt Don Giovannis,. so Hofmann sibyllinisch, “kommt aber noch etwas”. Hoffen wir, dass es von Mozart sein wird.

8. September 2017

“Ich bin der James Bond der SPD”, sagt Martin Schulz. Na schön, aber wenn das so ist, und sei es nur ironisch gemeint, hätte ihn seit Wochen eine entsprechende Werbekampagne begleiten müssen! Schulz mit schönen Frauen, schnellen Autos und einer Menge Wodka-Martinis. Gut, die trinkt er nicht mehr, aber das macht nichts. Wer von uns weiß nicht, dass der eigentliche Sinn von Wahlplakaten im Entertainment liegt (die FDP macht’s ja gerade vor)? Eine Anregung fürs nächste Mal: Schulz (oder wer immer es dann sein wird) in souveräner Macho-Pose, vor einem Cabrio, im Smoking, umringt von Blonden, Brünetten und Rothaarigen, einen Drink in der Hand und mit knallharter Politanalyse: “Probleme? Ich bin geschüttelt, nicht gerührt.” Dann klappt’s auch mit dem Kanzleramt.

6. September 2017

Zurzeit lese ich “Der Himmel über Greene Harbor” von Nick Dybek, das Debüt eines jungen amerikanischen Autors. In den USA haben sich vor ein paar Jahren, als das Buch erschien, zahlreiche Kritiker mit Lobreden und geradezu hymnischen Artikeln gegenseitig überboten. Angeblich soll das Buch alles enthalten – Sinnlichkeit, Tiefgang, Dynamik, Glaubwürdigkeit und so weiter. Es handelt vom Ende einer Kindheit, von rauer See, von Glück, von Entbehrungen, von der Schwierigkeit, eine gute Ehe zu führen, von Verrat und moralischen Verfehlungen. Nicht schlecht für den Anfang.

Tatsächlich bin ich jetzt auf Seite 104 und habe damit etwa ein Drittel des Buches hinter mir. Ich werde das Buch weiterlesen, weil ich wissen will, wie es ausgeht. Es ist bisher für meinen Geschmack keine sprachliche oder inhaltliche Offenbarung, zielen manche Sätze (“Sein Gesicht sah aus wie eine Brechstange”) doch allzu sehr auf Wirkung, klingen dann aber bemüht oder bleiben oberflächlich. Dennoch ist es ein lesenswerter Roman, und die Geschichte ist interessant, nicht zuletzt wegen der Hauptfrage, die das Buch behandelt: Wie weit ist ein Mensch bereit zu gehen, um das von ihm selbst gesteckte Ziel zu erreichen?

Dybek, Green Harbor

4. September 2017

Kunst ist nicht die Nutzanwendung eines Schönheitskanons, sondern das, was Instinkt und Gehirn über jeden Kanon hinaus fassen können. Wenn wir eine Frau lieben, kommt es uns nicht in den Sinn, vorher ihre Gliedmaßen zu messen.
Pablo Picasso (1881 -1973)

3. September 2017

Auf ARD, ZDF, SAT1, RTL und Phoenix läuft heute Abend “Das Duell – Merkel gegen Schulz”. Auch auf 3sat ist heute Märchentag, sogar von morgens bis abends. Es gibt viele Spiel- und Fernsehfilme zu sehen, zum Teil nach Erzählungen und Geschichten der Brüder Grimm, u. a. “Das Märchen vom Schlaraffenland” und “Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen”.

1. September 2017

“Die FDP ist wie ein Glückskeks. Die Leute freuen sich erst einmal darüber. Wenn sie ihn aufmachen, stellen sie fest, dass nicht viel drinsteckt. Das ist aber erst einmal egal.” Das sagt Frank Stauss, Politikberater und Werbefachmann, in einem Interview mit n-tv. Komischerweise denke ich an Operetten. Die klingen hübsch und unterhalten ganz gut. Auf der Bühne werden nur Scheinkonflikte behandelt, wie beim Ohnsorg-Theater, nur mit Musik. Ernsthafte Auseinandersetzungen sehen anders aus. Das kann man sich zwei Stunden lang antun und ist spätestens an der Garderobe mit den Gedanken wieder woanders, wenn nicht schon während der Vorstellung selbst.

“Wenn wir gewusst hätten, dass es soviel Zeit und Energie kostet, hätten wir es trotzdem gemacht.” Der Satz stammt von Domenico Tedesco, dem neuen Trainer von Schalke 04. Hintergrund der Feststellung: Tedesco hatte dem langjährigen Kapitän Benedikt Höwedes die Kapitänsbinde entzogen, ihn bei den ersten drei Pflichtspielen der Saison auf die Ersatzbank gesetzt und ihm zudem für die Zukunft keinen Stammplatz garantiert. Ein gefundenes Fressen für die Journaille und sämtliche Fan-Foren! Wieder Operette, nur ein bisschen ernster, wie “Land des Lächelns”, obwohl den Protagonisten dasselbe wohl gründlich vergangen sein dürfte. Tedesco allerdings erinnert mehr an Lohengrin. Als “reiner Tor” ist er Überzeugungstäter, er kann nicht anders handeln. Es geht zwar nicht um Brudermord, sondern um Schalke 04, aber das ist ja ähnlich schwerwiegend. Lohengrin reist am Ende wieder ab, gramgebeugt und tief erschüttert, doch erhobenen Hauptes. Höwedes, das sei ergänzt, ist bereits weg und spielt jetzt für Turin. Dort trägt man übrigens schwarz-weiß, was seinem Denken entgegen kommen dürfte.

30. August 2017

Das Schädliche an den Blechinstrumenten liegt in der Tatsache, dass sie die Lungen stärken und damit das Leben der Musikanten verlängern.
George Bernard Shaw (1856 – 1950)

Blech

29. August 2017

Für das diesjährige Weihnachtskonzert der Musikschule wird sich ein Projektchor bilden, der von Ende Oktober bis Mitte Dezember ein paar Choräle und Motetten zur Advents- und Weihnachtszeit einstudieren wird. Fest steht bisher nur, dass der Choral “Fröhlich soll mein Herze springen” von Christoph Graupner (1683 – 1760) zur Aufführung kommen wird. Ich habe mich vor über zwanzig Jahren in dieses Stück verliebt und damals auch aufgeführt. Jetzt endlich ist es wieder so weit.

Es handelt sich bei Graupners Choralsätzen um figurierte Choräle mit jeweils schlichtem Chorsatz und kunstvoller Instrumentalbegleitung durch Streichinstrumente. Vor allem die erste Violine spielt eine dominierende Rolle, sie ist der eigentlich konzertierende Partner des Chores. Vielleicht, wenn wir gut voran kommen, ergänzen wir noch den Choral “Mit Ernst, o Menschenkinder”. Sollte darüber hinaus noch Zeit bleiben, kämen als Kontrastprogramm kleine Sätze von Carl Orff (1895 – 1982) und Felicitas Kuckuck (1914 – 2001) in Frage. Das wäre allemal interessant, sowohl für den Chor als auch für das Publikum.

27. August 2017

Wetzlarer Neue Zeitung, 23. August 2017

Musikschüler in “Camp Styria”
Orchesterprojekt für Jugendliche

Wetzlar/Schladming. „Anstrengend war es, aber es war ein tolles Erlebnis! Außerdem haben wir wirklich viel gelernt.“ Amely Stief (12) und Clara Lang (16) , Schülerinnen der Musikschule, waren Teilnehmerinnen am zehntägigen Orchesterprojekt „Camp Styria“ im österreichischen Schladming . „Camp Styria“, ein international angesehenes Jugendorchester-Projekt, kann auf eine 25-jährige Geschichte zurückblicken. Seit drei Jahren wird das Feriencamp in Wetzlars Partnerstadt ausgetragen. Kinder und Jugendliche im Alter von 9 bis 16 Jahren aus mehreren Nationen kommen dorthin, um sich in einem großen Orchester zu vereinen und gemeinsam zu musizieren. So auch Amely Stief und Clara Lang, Klarinettistinnen aus den Klassen von Paul Pfeiffer und Travis Meisner.

Mit dabei: Thomas Sander, Leiter der Musikschule. Er zeigte sich insbesondere von der entspannten Stimmung angetan: „Jugendliche aus unterschiedlichen Kulturen kommen hier ganz unvoreingenommen zusammen, um Musik zu machen. Die Begeisterung ist von Anfang an spürbar. Für unsere Schülerinnen ist das eine großartige Erfahrung. Ich danke meinem Kollegen Horst Krammer sehr für die Einladung, ebenso wie der Deutsch-Österreichischen Gesellschaft Wetzlar, die einen Teil der Fahrtkosten übernommen hat.“

Mehrere Stunden pro Tag wurde in Einzel- und Gruppenproben intensiv unter Leitung von namhaften Dozenten und Instrumentalpädagogen gearbeitet. Auf dem Programm stand diesmal eine Mischung aus festlichen und hochkarätigen Stücken mit Werken von Glière, Smetana, Suppé, Bernstein und Williams. Wie in den vergangenen Jahren, fand das große Abschlusskonzert in der voll besetzten Kongresshalle statt. Clara Lang konnte hier als erste Klarinette mit mehreren Soli einen guten Beitrag zum Jubiläum von „Camp Styria“ leisten.

Neben dem Musizieren war auch für Freizeit und Abwechslung gesorgt, etwa durch Sport und einen Ausflug auf den Dachstein.

Camp Styria bearb.

Thomas Sander, Clara Lang, Wolfgang Gottfried Rabl (Dirigent), Amely Stief, Horst Krammer (Leiter Musikschule Schladming)
Foto: Holger Stief

25. August 2017

Wen Gott lieb hat, dem gibt er ein Haus in Zürich.
Sprichwort

23. August 2017

Für meinen Schubert-Vortrag “Dort, wo du nicht bist, da ist das Glück”, der im Frühjahr krankheitsbedingt ausfallen musste, gibt es nun einen neuen Termin: Freitag, 13. April 2018 um 18.00 Uhr im Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule. Darum geht’s:

Der Wanderer auf der vergeblichen Suche nach dem Glück – dieses Bild ist nur eine von zahlreichen Facetten, die uns im Leben ebenso wie im Werk von Franz Schubert begegnen. Trotz seiner enormen Produktivität mit Kompositionen von Sinfonien, Messen, Kammermusiken, Bühnenwerken, Kirchenmusik, Chorwerken und über 600 Kunstliedern feierte Schubert Erfolge nur in kleineren Fachkreisen. Die Anerkennung eines größeren Publikums blieb ihm, der die Öffentlichkeit scheute, weitgehend verwehrt. Heute gilt Schubert als einer der größten Komponisten der Romantik, seine Werke sind selbstverständliche Bestandteile des weltweiten Konzertrepertoires. Der Vortrag versucht eine Annäherung an den Musiker und Menschen und enthält Beispiele von CD, DVD sowie live am Klavier.

21. August 2017

In der heutigen Gesamtkonferenz der Musikschule haben wir beschlossen, ab dem kommenden Semester die Ergänzungsfächer Allgemeine Musiklehre, Harmonielehre und Gehörbildung anzubieten, gestaffelt für verschiedene Altersklassen. In vergangenen Zeiten, die lange zurück liegen, gehörten diese Fächer einmal zum Pflichtprogramm. Es verstand sich von selbst, dass man begleitend zum Klavier- oder Cellounterricht auch lernte, was eine Sonatenhauptsatzform ist oder wie sich die Terz von der Quinte unterscheidet.

An den allgemeinbildenden Schulen fällt nach wie vor zuviel Musikunterricht aus, eine fundierte Unterweisung in Musiktheorie findet kaum statt, außer vielleicht in den Leistungskursen der Oberstufe – hier allerdings sollten idealerweise Tonsatzkenntnisse vorausgesetzt werden können und nicht quasi in Crashkurs-Manier nachgeholt oder gar neu vermittelt werden müssen. So widmen wir uns also in der Musikschule künftig verstärkt auch der Theorie. Kooperationen mit Gymnasien zwecks einschlägiger Studienvorbereitung sind in Vorbereitung. Vielleicht ist für Abiturienten der Neapolitaner dann nicht mehr unbedingt nur ein Keks.

20. August 2017

Für Kurzentschlossene: Heute Nachmittag, 18.00 Uhr, Friedenskirche Braunfels – ich spiele auf der Orgel choralgebundene und freie Improvisationen. Eintritt frei.

18. August 2017

Actéon hat Charpentier übrigens nach einer Geschichte aus den Metamorphosen von Ovid geschrieben. Die Metamorphosen, in kunstvollen Hexametern erstellt, enthalten Verwandlungssagen aus der griechischen Mythologie und sind seit ihrem Erscheinen – geschrieben wurden die Texte vermutlich ab dem Jahr 1 oder 3 n. Chr. bis um 8 n. Chr. – außerordentlich populär. Noch heute werden die Dichtungen im Lateinunterricht gelesen und interpretiert.

Ovid war ein kluger, wacher Geist und verstand sich nicht nur aufs Komponieren von Hexametern. “Nicht jede Frau, welche das Feuer anbläst, will kochen”, befand er knapp. Nun gut, nicht jede Elegie oder Tragödie muss in Versform verfasst sein.

17. August 2017

Durch Zufall entdeckt, heute zum ersten Mal gesehen und restlos hin und weg: Marc-Antoine Charpentier, Un Automne Musical A Versailles (DVD, Armide 2005). Ein Film von Olivier Simonnet, mit hinreißenden Ausschnitten und Szenen aus Instrumental- und Vokalwerken Charpentiers. Absoluter Höhepunkt: Allons, marchons, courons aus Actéon. Christophe Rousset dirigiert und inspiriert ein Ensemble von jungen Sängern, Tänzern und Musikern. Unwiderstehlich in jeder Hinsicht, unbedingt anhören (auch auf youtube)! Eine Performance, die süchtig macht, zum sofortigen Verlieben. Manchmal übertreibe ich, diesmal nicht.

Un automne musical

15. August 2017

Die meisten Menschen haben ihre Sterblichkeit nicht begriffen. Klingt simpel, ist es auch. Wenn man weiß, dass es gleich wieder zu Ende ist, könnte man sich natürlich in seinem Leben viel sparen. Streit, Machtgier, Unfreundlichkeit, Raffsucht zum Beispiel.
Sibylle Berg (* 1962), Schriftstellerin

Zudem könnte man, über die Ersparnis der genannten Dinge hinaus, seine so bewahrte Energie in das restliche Leben stecken. Wie heißt es so schön: Nicht dem Leben Jahre hinzufügen, sondern den Jahren Leben! Kunst und Kultur sind wahre Energiespender, sie versorgen uns mit Kraft, Mut, Zuversicht. Häufig bemerken wir den Eindruck, das ein Buch, ein Musikstück oder ein Schauspiel auf uns macht, erst später, sozusagen postperformativ (wow!). Der erste Eindruck, für den es bekanntlich keine zweite Chance gibt, ist auch im Künstlerischen unmittelbar und nicht korrigierbar. Anders verhält es sich mit der Langzeitwirkung, die uns im besten Fall mit einer Art Depotwirkung erfassen kann, und die nicht selten einen Indikator für unser eigenes Berührtsein darstellt. Tipp des Tages: Anton Bruckner, Streichquintett F-Dur, 3. Satz: Adagio.

14. August 2017

Wenn das Herz denken könnte, würde es stillstehen.
Fernando Pessoa (1888 – 1935)

13. August 2017

Morgen eröffnen wir den Start in die Schulzeit mit der 8. Sinfonie c-Moll op 65 von Dmitri Schostakowitsch. Es folgen am Dienstag die Lachrimae von John Dowland, am Mittwoch Boris Godunow von Modest Mussorgsky, am Donnerstag schließlich die Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach. In der Summe ergibt das einen schönen Ausgleich zu den Holprigkeiten eines jeden Wiederbeginns. Nach zwei, drei Tagen hat der Alltag einen ohnehin wieder, machen wir uns nichts vor. Die Kunst besteht darin, Freude, Ausgleich, Entspannung und Zufriedenheit schon in eben diesen Alltag einzupflegen. Vor einem Jahr sah ich an der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz die Werbung “Macht keine Diäten! Habt Orgasmen! Und geht wählen!” Nun, es muss ja nicht gleich so etwas Drastisches sein. Ein Konzertbesuch täte es für den Anfang auch.

11. August 2017

Das deutsche Sommerwetter war in diesem Jahr leider nicht berauschend. Mit einer grundlegenden Änderung ist nicht zu rechnen, also müssen wir uns gegen aufkommende Trübsal oder Übellaunigkeit wappnen und uns schönen Gedanken hingeben. Also: In Bologna habe ich in einer Buchhandlung Eataly gefunden, einen kulinarischen Führer durch die moderne italienische Küche. Welch ein schönes Wortspiel! Das Buch ist seit Längerem in englischer Sprache zu haben, am 7. September erscheint es endlich auf deutsch.

Eataly

Überhaupt hilft der Gedanke an das italienische Lebensgefühl gegen sämtliche psychomentalen Auswirkungen von Tiefausläufern und Gewitterfronten. Genießen wir also einen Cappuccino (natürlich nur bis mittags), trinken ein Glas Lambrusco (Achtung, kein Billigwein!) oder Sangiovese, essen mit Frischkäse und Walnüssen gefüllte Tortellini und ein paar frische Feigen. Danach caffé, auch Grappa meinetwegen. Dann gehen, nein, wir flanieren durch die Stadt und machen uns keine Gedanken. Höchstens, wo wir am Abend einkehren wollen, draußen, unter Arkaden.

9. August 2017

Was suchen wir andere Länder unter anderer Sonne? Entkommt, wer sein Land hinter sich lässt, sich selber?
Horaz (65 – 8 v.Chr.), eigentlich Quintus Horatius Flaccus, römischer Satiriker und Dichter

Wieder zurück aus Österreich, wo ich in Schladming an der Eröffnungsveranstaltung des Musikcamps Styria teilgenommen habe. Die Steiermark hat viel zu bieten, nicht nur herrlichste alpine Aussichten und kulinarische Genüsse. Graz zum Beispiel, Landeshauptstadt mit über 280.000 Einwohnern, davon über 45.000 Studenten, ist zu Recht stolz auf seine Altstadt, die seit 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Renaissancebauten neben moderner Architektur, Denkmäler, Kirchen, Parks. Und ein Opernhaus, das viel Klassisches zeigt, aber auch Modernes, zum Teil mutig inszeniert. Graz ist immer einen mehrtägigen Besuch wert, so dass einem fast das Wort von Christian Morgenstern in den Sinn kommt: Was ist das erste, wenn Herr und Frau Müller in den Himmel kommen? Sie bitten um Ansichtskarten.

Endgültig: Vom 23. – 26. November geht es für vier Tage nach London, Covent Garden. Die diesjährige Opernreise ist jetzt organisatorisch in trockenen Tüchern, wir haben endlich die Bestätigung für 40 Karten im Parkett (Orchestra Stalls) in den Reihen 12, 13 und 14. Besser geht es kaum, und wir freuen uns auf eine Vorstellung von Donizettis Lucia di Lammermoor im Royal Opera House. Der Gesamtpreis liegt bei erschwinglichen € 625 p. P. mit Übernachtung im DZ im Clayton Chiswick London Hotel**** (EZ-Zuschlag € 115) mit Frühstücksbuffet, Fahrt im modernen Reisebus**** mit Fährpassage Calais-Dover und Dover-Calais, eine halbtägige Stadtführung London und Opernkarte inklusive. Dazu gibt’s zwei Tage vor Reisebeginn eine Einführung in der Wetzlarer Musikschule, wie immer.

Und vorher, wo wir schon dabei sind, geht’s im Oktober nach Barcelona ins Gran Teatre del Liceu. Auf dem Programm steht Verdis Un ballo in maschera. Ich bleibe sechs Tage, sozusagen für jedes Lebensjahrzehnt einen Tag. Vorher stelle ich nur ein Sparschwein auf, mehr nicht. Statt DVDs, CDs, Bücher oder Wein zu kredenzen können Gratulanten die Operntour unterstützen. Nach einem Sektempfang mit anschließendem Brunch auf irgendeiner Hotelterrasse mit Seeblick ist mir einfach nicht.

2. August 2017

Frei nach Loriot könnte ich sagen, dass eine Sommerpause nicht in Italien zu verbringen zwar möglich, aber sinnlos ist. Aus früheren Tagen kannte ich Genua, Mailand, Turin, Venedig, Florenz, Rom und – noch aus dem letzten Jahr – Neapel. Auf der Wunschliste stand immer auch Bologna, wo ich nun endlich war. Es ist eine wunderbare Stadt mit reichlich Kunst und Kultur, prächtigen Bauten, herrlichen Gassen und Plätzen, mit studentischem Leben und ausgezeichnetem Essen. An meinem Ankunftstag hatte das Teatro Comunale seine letzte Vorstellung in dieser Spielzeit, für einen Besuch war ich zu spät, aber das macht nichts. Ein weiterer Grund, nochmal wiederzukommen! Ach, Italien …

Pause bis zum 31. Juli 2017

8. Juli 2017

18.00 Uhr, immer noch 31 °C. Also kaltes Abendessen.

50 g Garnelen, gewürzt mit Zitronenöl und -pfeffer
10 – 12 schwarze, in Gewürze eingelegte Oliven
2 hartgekochte halbierte Eier, mit Kräutersalz
3 – 5 Scheiben kräftige Salami
Brie, Gouda (mittelalt), Bûche de chèvre
2 – 3 frische oder getrocknete Feigen, alternativ Konfitüre
ein paar Walnüsse
Baguette und/oder Roggenbrot
dazu Riesling, Chardonnay oder Retsina

7. Juli 2017

Noch einmal kurz zu Yura Yang, die ich am letzten Sonntag in Gelsenkirchen als souveräne Dirigentin von Don Giovanni erlebt habe. Die Südkoreanerin ist 27 Jahre alt und gibt als ihr Vorbild Carlos Kleiber an. Ihre musikalische Vorliebe gilt der Oper, ihr Lieblingsstück ist der Rosenkavalier – das passt!

6. Juli 2017

Im Allgemeinen sind ja leider die Stücke von mir angemehmer als ich.
Johannes Brahms (1833 – 1897)

Brahms Schattenbild

Otto Böhler (1847 – 1913)
Schattenbild Johannes Brahms

4. Juli 2017

Schön war’s! Ein bisschen nostalgisch, aus persönlichen Gründen. Wie vertraut einem doch ein Ort sein kann, nach so vielen Jahren! Mozarts Don Giovanni ist natürlich für ein Wiedersehen, besser gesagt für ein Wiedererleben das perfekte Stück, obwohl es darauf gar nicht ankommt. Die Gelsenkirchener haben ein sehr gutes, klangschönes Orchester, das von Yura Yang souverän geleitet wurde. Hinsichtlich der Gesangspartien blieben zwar ein paar Wünsche offen, doch der Gesamteindruck war positiv, was auch für das Bühnenbild gilt, ebenso wie für die Kostüme.

Mit zwei Tagen Abstand kann ich allerdings mit der Inszenierung auch nicht mehr anfangen als am Abend selbst. Ich glaube nicht, dass Leporello und Don Giovanni ein und dieselbe Person sind, dass der eine das Alter Ego des anderen ist. Deswegen glaube ich auch nicht, dass Leporello und Donna Elvira das eigentliche Paar der Oper bilden. Der Verweis auf Schnitzlers Traumnovelle wirkt bemüht und willkürlich. “In allen Wesen, die ich liebte, habe ich immer nur dich gesucht.” Schön und gut, doch Freud und Schnitzler lassen sich damit für beinahe jede Spielwiese als Kronzeugen heranziehen. Und natürlich bietet der Umstand, dass Leporello und Don Giovanni mehr oder weniger das gleiche Stimmfach teilen, eine Steilvorlage für alle möglichen Fantasieblüten der Regie! Kostümtausch, Rollentausch, Identitätstausch? Muss das “Who’s who?” des Don Giovanni neu geschrieben werden? Nein, muss es nicht! Masetto ist nicht der uneheliche Sohn des Komturs, und Zerlina ist nicht die Stiefschwester der Donna Anna. Nur Don Ottavio hat keinen Partner in gleicher Stimmlage – was haben sich Mozart und Da Ponte nur dabei gedacht?

2. Juli 2017

Mein erster Besuch im Musiktheater im Revier liegt fast fünf Jahrzehnte zurück, auf dem Programm stand damals Lortzings Zar und Zimmermann. Auch als älterer Schüler und später als Student war ich gerne zu Gast in diesem renommierten Haus und habe dort viele niveauvolle Aufführungen miterlebt, vorwiegend Opern, die meisten während der Ära Leininger/Mund. Mein letzter Opernbesuch in Gelsenkirchen liegt mittlerweile ein halbes Leben zurück, und so freue ich mich sehr, heute Abend wieder an die Kulturstätte meiner Jugend und frühen Erwachsenenzeit zurückzukehren. Auf dem Spielplan steht Mozarts Don Giovanni.

Musiktheater im Revier

1. Juli 2017

Limburg 002

Gesehen in Limburg an der Lahn. Schon klar, dass man sich an den Enten nicht satt essen soll – aus mehreren Gründen. Die mit Snacks, Salaten und Steaks aufwartende Obermühle spielt dabei nur eine Nebenrolle.

30. Juni 2017

Gestern ging an der Wetzlarer Musikschule mein Crashkurs Oper zu Ende, der sich über vier Abende erstreckte und insgesamt achtzehn Klangbeispiele enthielt aus Werken von Monteverdi, Cavalli, Rameau, Purcell, Händel, Mozart, Weber, Bizet, Tschaikowsky, Wagner, Verdi, Puccini, Strauss, Schostakowitsch und Henze. Die Teilnehmenden wünschen eine Fortsetzung im November, sozusagen einen Aufbau-Crashkurs für fortgeschrittene Anfänger. Wie schön! Ab Januar 2018 soll dann ein begleitender Grundkurs Klassische Musik folgen, der Basiswissen vermittelt und musikgeschichtliche wie -theoretische Inhalte mit konzertpädagogischen Aspekten verbindet.

In den ganzjährig laufenden Kursen ist die Idee, im kommenden Semester Künstlerporträts anzubieten, auf sehr positive Resonanz gestoßen. Einblicke in die Arbeit von Dirigenten, Instrumentalisten, Sängern, Regisseuren und Intendanten zu bekommen, mit Ausschnitten aus Konzerten, Interviews, Briefwechseln etc. – das kann in der Tat ganz spannend werden, nicht zuletzt unter dem Aspekt der Veränderungen von Kunst und Kultur im Allgemeinen und eines circensischen Klassikbetriebes im Besonderen. Callas und Netrebko, Karajan und Dudamel, Horowitz und Lang Lang, Menuhin und Kopatchinskaja, Schenk und Clément – ich freu’ mich schon jetzt!

29. Juni 2017

Dumme und Gescheite unterscheiden sich dadurch, dass der Dumme immer dieselben Fehler macht und der Gescheite immer neue.
Kurt Tucholsky (1890 – 1935)

28. Juni 2017

Nach längerer, unbegründeter Pause habe ich gestern wieder den 2. Satz aus Schuberts Streichquintett C-Dur op. post. 163 D 956 gehört. Es ist nicht nötig, hier Kritikerstimmen zu zitieren oder Auszüge aus Konzertführern wiederzugeben. Es reicht zu sagen, dass dieses Adagio zum Schönsten und Bewegendsten gehört, was jemals geschrieben wurde. Punkt. Ohne Einschränkungen wie “in der Epoche der Romantik” oder “auf dem Gebiet der Kammermusik”. Die Musik des 2. Satzes wurde in den Schubert-Biografien Mit meinen heißen Tränen und The greatest love and the greatest sorrow verwendet, ebenso in den Filmen Die Wannseekonferenz, Der menschliche Makel und The Limits of Control.

Es ist müßig darüber zu sinnieren oder gar zu streiten, wann und unter welchen Bedingungen die Musik ihre größte Wirkung entfaltet. Vielleicht auf der berühmten einsamen Insel. Dorthin sollte man das Stück jedenfalls unter allen Umständen mitnehmen, es täglich hören und sich dabei den Gedanken an Rettung befriedet und voller Zuversicht aus dem Kopf schlagen.

26. Juni 2017

Vor mittlerweile einem guten Vierteljahrhundert schrieb Paul McCartney sein Liverpool Oratorio und erklärte damals, es sei für ihn eine Gelegenheit, sein “früheres Kokettieren mit Orchester und Chor zu einem richtiggehenden Werk auszuweiten.” Die ersten Aufführungen von 1991 sind in Bild und Ton dokumentiert, die Doppel-DVD von 2004 enthält zusätzliches Bonus-Material, Ghosts of the Past: The Making of Liverpool Oratorio und Echoes.

McCartney, der kürzlich seinen 75. Geburtstag feiern konnte, hat mit Liverpool Oratorio sein erstes klassisches “Album” vorgelegt, wie es in den einschlägigen Medien so schön heißt, wenngleich diese Bezeichnung gänzlich unpassend ist. Der junge Beatle hätte vielleicht ein “Album” veröffentlicht, der Komponist des stark autobiografischen Chor- und Orchesterwerks aber beeindruckt mit einer ausdrucksstarken Partitur, die zahlreiche verschiedene Stilelemente der sogenannten “klassischen Musik” enthält, mit einem Spektrum von barocken Zitaten bis hin zu seriellen Klangexperimenten. Nicht “Michelle”, “Yesterday” oder “Yellow Submarine” – aber McCartney!

24. Juni 2017

Ähnlich wie das Vorspiel zum 1. Akt von Wagners Lohengrin, so nimmt auch die Titelmusik zum Thriller Basic Instinct (USA/F 1992) die nachfolgende Handlung musikalisch vorweg. Wird in Wagners Drama das Herannahen, Verweilen und Verschwinden des Ritters durch Zu- und Abnahme der Dynamik, dem entsprechendem Einsatz der Orchesterinstrumente sowie der zeitlichen Proportionen verdeutlicht, sind die musikalischen Mittel im Film kunstvoller Einsatz und raffinierte Vernüpfung von Melodik und Harmonik, welche die emotionale Verstrickung der Protagonisten veranschaulichen. Basic Instinct ist ein filmisches Meisterwerk – wegen des Erzähltempos, wegen der Kameraführung, wegen der Darsteller und nicht zuletzt wegen der verschiedenen Lesarten bzw. Deutungsoptionen, die dem Zuschauer anheim gegeben werden. Und wegen der überragenden Musik von Jerry Goldsmith.

Basic Instinct

23. Juni 2017

Wenn man immer so leben könnte, wie man will, würde man alle Kraft verlieren.
Hugo von Hofmannsthal (1874 – 1929)

“Wer mich eines Widerstands beraubt, beraubt mich einer Kraft”, hätte Strawinsky ergänzt. Und so ist es: Ein widerstandsfreies und wunscherfülltes Leben macht inaktiv, andauernde Betrachtung lähmt. Zutätigkeit sei vonnöten, so Hofmannsthal, nur sie mache das Ungeheure des Lebens erträglich. Anstrengungsloses Glück, was soll das sein? Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt, wusste schon der griechische Dichter Hesiod (* vor 700 v. Chr.), Begründer des didaktischen Epos, des Lehrgedichts. Und: Wer dem Weibe vertraut, der vertraut auch Dieben. Doch über Ackerbau und Viehzucht sprechen wir ein andermal.

22. Juni 2017

Im Rahmen des Confed Cups spielt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft heute gegen Chile. Jogi Löw hat eine junge Truppe mit nach Russland genommen, die talentiert und ehrgeizig ist. Viele Spieler wollen im nächsten Jahr mit zur WM fahren und setzen alles daran, jetzt beim Bundestrainer einen guten Eindruck zu hinterlassen. Wir brauchen ein starkes Team, sagt Löw, denn die andern wolle au Weltmeischter werde. Deshalb hat schon Jürgen Klinsmann seinerzeit nur Spieler zum Turnier mitgenommen, die wo leistungswillig waren.

21. Juni 2017

Heute Abend gibt Jonas Kaufmann sein Rollendebüt als Otello in Verdis gleichnamiger Oper. Im Royal Opera House Covent Garden singen mit ihm u. a. Maria Agresta und Ludovic Tézier. Die musikalische Leitung hat Antonio Pappano, Regie führt Keith Warner. Natürlich wünschen wir Jonas Kaufmann für seine Premiere als Otello alles erdenklich Gute, zumal er 2016 wegen eines Hämatoms auf den Stimmbändern für ein paar Monate zwangspausieren musste. Otello sei wegen ihrer Emotionalität die perfekte Verdi-Oper, wird Kaufmann zitiert, gesangliche und schauspielerische Fähigkeiten würden bis an die Grenzen getestet. Mit dieser Einschätzung liegt er vollkommen richtig, insofern freuen wir uns doppelt auf seinen ersten Otello.

Seit Anfang 2017 ist er also wieder mittendrin im Opernzirkus und bietet damit leider, zuweilen auch amüsanterweise Musikjournalisten, insbesondere Musikjounalistinnen eine vielfrequentierte Projektionsfläche für Koketterien, Schwärmereien und überhitzte Fantasien. “Da kommt er zum Interview, der Startenor – in Jeans und Mokassins, er hält einen Teller in der Hand mit Joghurt, Obst, ein bisschen Rührei. Seine Stimme klingt erstaunlich dunkel und etwas rauh, es ist noch früh am Morgen. Guten Morgen, Verehrtester, mein Name ist Marie-Theres von Berchtesgaden, ich schreibe für das Klassik-Magazin Sound so, mit Ihrem Dreitagebart sehen Sie wirklich unwiderstehlich aus, ich werd’ ganz verlegen, und jetzt hab’ ich total vergessen, zu welchen Belanglosigkeiten ich Sie etwas fragen wollte …”

20. Juni 2017

Morgen in einem Monat beginnen die Salzburger Festspiele 2017 mit einer Aufführung des Jedermann auf dem Domplatz. Natürlich ist die Vorstellung ausverkauft, wie auch alle nachfolgenden Aufführungen des Stückes. Das Niveau des Gesamtprogramms ist wie immer hoch, allerdings sind die Preise es auch – egal ob Schauspiel, Sinfoniekonzert, Liederabend oder Oper.

Wenn man nicht gerade Monteverdis Orfeo, Ulisse oder Poppea erleben will, auch nicht Händels Ariodante, Mozarts La  clemenza di Tito oder Verdis Aida, dann, ja dann gibt es für einige Produktionen noch Karten, so z. B. für Lady Macbeth von Mzensk von Schostakowitsch. Mal abgesehen davon, dass es sich um eines der bedeutendsten Werke des modernen Musiktheaters handelt, ist die Versuchung groß, ein erlesenes Gesangsensemble und die Wiener Philharmoniker unter Mariss Jansons live zu erleben. Das preiswerteste noch verfügbare Ticket kostet € 190 (Rang). Gut, einmal essen gehen kostet auch € 190, würde mein Bildeinrahmer sagen. So ist das – er staunt beim Essen, ich in der Oper. Und beide staunen wir beim Preis, könnte ich jetzt behaupten, aber das wäre gar nicht wahr.

19. Juni 2017

Eine meiner ersten Langspielplatten mit Klaviermusik war eine Aufnahme der Händel-Variationen von Brahms, gespielt von Leon Fleisher. Irgendwann später habe ich dann die Noten gekauft, um schnell festzustellen, dass das Werk technisch sehr hohe Anforderungen stellt und für mich nicht in Frage kommt. Das Stück selbst habe ich damals eingehend studiert und schätze es bis heute. Gestern Abend nun hat der Frankfurter Pianist Wigbert Traxler in der Unteren Stadtkirche zu Wetzlar einen brillanten Klavierabend gegeben und dieses Stück am Ende des Programms gespielt. Zuvor beeindruckte er mit Interpretationen von Bachs Goldberg-Variationen und den f-Moll-Variationen von Haydn. Ein Abend mit drei Variationswerken aus jeweils verschiedenen Epochen – das gefiel und traf den Geschmack des Publikums! Für mich war es zudem eine Erinnerung an eins meiner Lieblingsstücke aus Jugendtagen. Wie schön!

16. Juni 2017

Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um das Leben zu genießen, sondern um anderen Menschen Freude zu bereiten.
Franz Lehár (1870 – 1948)

franz-lehar

Hm, schwierig. Das eine muss doch das andere nicht ausschießen, oder?

14. Juni 2017

Rätselbild

Ob im Übrigen etwas alt oder jung erscheint, ist nicht selten buchstäblich Ansichtssache.

13. Juni 2017

Niemand würde in Wagners Meistersingern alte Minnesänger-Musik des 16. Jahrhunderts erwarten, oder antike griechische Musik in Strauss‘ Elektra. Und die Orientalismen in Aida oder Samson und Dalilah sind lediglich als Farben benutzt, während es sich im Ganzen um vollblütige romantische Opern handelt. Aber ein Film ist da anders. Da versucht man nicht nur, den Geist vergangener Epochen heraufzubeschwören, sondern will diese leibhaftig wiedererstehen lassen – als echte Realität.
Miklós Rózsa (1907 – 1995)

Das ist natürlich richtig, und insofern sind die dazu verwendeten “akustischen Täuschungen” ganz pausibel. Ein paar Quartparallelen in fanfarenartigem, punktiertem Rhythmus – schon sehen wir den Sheriff von Nottingham und fragen nicht danach, ob für die Zeit von Robin Hood – sofern dieser tatsächlich ein Zeitgenosse von Richard Löwenherz war – eine solche Musik als typisch für das späte 12. Jahrhundert angesehen werden kann. Ganz sicher erklangen zur Zeit Neros die Tanzmusiken nicht wie im Spielfilm Quo Vadis, und dennoch lassen wir uns durch diese, sagen wir “antikisierten” Klänge gerne um zweitausend Jahre zurück versetzen und nehmen das Gehörte für überlieferte, bare Münze. In seiner Oper Palestrina verwendet Hans Pfitzner modale Skalen sowie Quart- und Quintverbindungen und erzeugt damit eine archaisierende Klangwelt, die uns sozusagen ins 16. Jahrhundert transponiert. Doch frei nach Bürgermeister van Bett, der im Übrigen in Lortzings Zar und Zimmermann ganz romantisch klingt, obwohl das Stück im späten 17. Jahrhundert spielt, sind wir “klug und weise, und [uns] betrügt man nicht.”

12. Juni 2017

Ein langes Wochenende steht bevor. Ich bin nur am Samstag komplett verplant und könnte gut am Freitag in die Oper gehen. In Darmstadt steht Tschaikowskys Eugen Onegin auf dem Spielplan. Ich muss bei diesem Titel immer schmunzeln, hat doch vor Jahren eine Schülerin der Jahrgangsstufe 11 im Musikunterricht ein Referat über Tschaikowsky gehalten und bei der Auflistung seiner Hauptwerke “one gin” vorgelesen. Nur “tonic” hat gefehlt. Woher soll die Arme das auch wissen, habe ich mich damals gefragt und mir meine Erheiterung nicht allzu sehr anmerken lassen.

Jetzt also überlege ich, ob ich mir diese berührende und meistgespielte russische Oper anschaue. Aufführungsdauer drei Stunden inklusive Pause. Mit Gin Tonic, versteht sich.

Zutaten: Gin (4 cl), Tonic Water (16 cl), Eiswürfel, Limettenachtel (2 Stück)
Zubereitung: Gin und Limettenachtel in ein Longdrinkglas mit Eiswürfeln geben und mit Tonic Water auffüllen.

10. Juni 2017

Nie handle man in leidenschaftlichem Zustande: sonst wird man alles verderben. Der kann nicht für sich handeln, der nicht bei sich ist: stets aber verbannt die Leidenschaft die Vernunft. In solchen Fällen lasse man für sich einen vernünftigen Vermittler eintreten, und das wird jeder sein, der ohne Leidenschaft ist. Stets sehen die Zuschauer mehr als die Spieler, weil sie leidenschaftslos sind. Sobald man merkt, dass man außer Fassung gerät, blase die Klugheit zum Rückzuge.
Baltasar Gracián (1601 – 1658), Handorakel und Kunst der Weltklugheit

Baltasar Gracián

8. Juni 2017

THADEUSZ und die Beobachter – eine politische Talkrunde im rbb Fernsehen, Information und Unterhaltung, zwischen Meinung und Vermeintlichem, zwischen Belehrung und Belustigung. Kontrovers, pointiert, frech. Ironisch, clownesk, selbstverliebt. Eloquent, klug und schön. Mit Claudia Kade (Die Welt), Elisabeth Niejahr (DIE ZEIT), Dr. Hajo Schumacher (Berliner Morgenpost) und Claudius Seidl (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) – im Juni Nikolaus Blome (BILD) – sowie Gastgeber Jörg Thadeusz. Lohnt sich immer – nicht verpassen!

7. Juni 2017

Metronomangabe 92. Was ist 92? Was ist 92 in der Berliner Philharmonie, und was ist 92 im Musikverein Wien? Eine Idiotie! Denn jeder Saal, jedes Stück, jeder Satz hat ein eigenes, absolutes Tempo, was diese Situation – nicht eine andere – wiedergibt!
Sergiu Celibidache (1912 – 1996)

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6. Juni 2017

“Das Unmögliche möglich zu machen wird ein Ding der Unmöglichkeit”, sagt Andreas Brehme einstmals und meinte damit nicht Schönbergs Bläserquintett op. 26. Das wäre schlechterdings auch recht unpassend gewesen, denn tatsächlich macht diese Komposition so ziemlich alles möglich. Sie gibt tradierten musikalischen Formen wie Sonatenhauptsatzform, Scherzo und Rondo ihren Raum, revolutioniert aber dabei musikalische Inhalte und Abläufe. Sämtliche Postulate der Zwölftöner, nämlich Emanzipation der Dissonanz, Atonalität, Panthematik sowie die Ablehnung musikalischer Redundanz kommen im Bläserquintett op. 26 zum Tragen. Die Verwendung klassischer Formtypen ist eine Art Ausgleich zu den inneren klanglichen Abläufen, zum Reihenmaterial und dessen Permutationen. Anders gesagt, die Musik wird mit ihren neuen Inhalten durch die Beibehaltung alter Formen verständlicher. Die musikalischen Ausdrucksmittel wandeln sich, doch nicht ihr formaler Rahmen. Kein Ding der Unmöglichkeit – und sehr zu empfehlen für eine erste Annäherung an die Zwölftonmusik!

5. Juni 2017

Bei den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen von Cannes waren die deutschen Beiträge überraschend erfolgreich. Wie ich höre, spricht man deshalb vom “Cannesback” des deutschen Films. Schön.

Cannes Logo Filmfestspiele

3. Juni 2017

NDR Talk Show, gestern Abend. Es sind ein paar interessante Gäste da, u. a. Florian Schroeder und Peer Steinbrück, der auf die Frage “Sind Sie zu klug für dieses Land?” sagt: “Stellen Sie sich vor, ich würde darauf eine Antwort geben.” Ansonsten eine unspektakuläre Sendung, mit Leuten, die wie immer über ihren gerade abgedrehten Film, ihre anstehende Tournee oder über sonst was erzählen. Am spannendsten sind die Minuten, in denen es darum geht, warum wir häufig persönliche Ziele, die wir uns gesetzt haben, nicht verfolgen. Endlich Spanisch lernen, einen restaurierten Oldtimer fahren, den Kilimandscharo besteigen. Warum tun wir’s nicht? Warum benutzen wir, wenn wir von unseren unrealisierten Plänen erzählen, die Wörtchen “eigentlich” und “aber”? Eigentlich wollten wir schon immer mal, aber … Eine Theorie, warum wir Vorsätze nicht in die Tat umsetzen, besagt, dass uns das Ziel nicht attraktiv genug erscheint. Für das, was wir bekommen, ist der Aufwand zu groß – zu langwierig, zu mühsam, zu teuer. Und wir haben den Aufwand mehr im Blick als das Ziel, an dessen Erreichen uns – wie wir jedenfalls behaupten – doch so viel liegt. Wir sollten unsere Vorurteile – zu langwierig, zu mühsam, zu  teuer – überprüfen. Vielleicht kostet die Karte für das Festival, auf das wir immer wollten, gar nicht so viel. Vielleicht sind Flug und Hotel günstiger als gedacht. Vielleicht zeigen wir bei einem Kurs erstaunliches Talent und machen schnell Fortschritte. Vielleicht. Probieren wir’s. Wir wollen es doch. Eigentlich.

1. Juni 2017

Ich glaube an einen grausamen Gott,
der mich nach seinem Bilde erschuf,
und den ich im Zorn nenne!
Aus der Niedrigkeit eines Keims
oder Atoms bin ich in Niedrigkeit geboren!
Ich bin ein Bösewicht, weil ich ein Mensch bin,
und fühle den Schlamm meines Ursprungs in mir!
Ja! Das ist mein Glaube!
Ich glaube mit festem Herzen,
so wie die Witwe im Tempel,
dass ich das Böse, das ich denke,
das von mir ausgeht,
als mein Schicksal erfülle!
Ich glaube, dass der Gerechte ein höhnischer
Komödiant ist, im Antlitz wie im Herzen,
dass alles an ihm Lüge ist:
Tränen, Küsse, freundliche Blicke, Opfermut und Ehre!
Und ich glaube, dass der Mensch das Spielzeug
eines bösen Schicksals ist,
vom Keim in seiner Wiege
bis zum Wurm in seinem Grab.
Auf all diesen Spott folgt der Tod.
Und dann? Und dann?
Der Tod ist das Nichts!
Das Jenseits ist ein altes Märchen!
Verdi, Otello – “Credo” des Jago, 2. Akt

Eine der großartigsten Bösewicht-Szenen der Opernliteratur! Zorn, Spott, “La Morte è il Nulla” … In Shakespeares Macbeth, ebenso in Verdis Vertonung, finden wir am Ende einen ganz ähnlichen Monolog, in dem es heißt, das Leben sei “ein Märchen, erzählt von einem Narren, voller Klang und Wut, und es bedeutet nichts” … signifying nothing … Das geht schon sehr unter die Haut, wenn man es nur liest, geschweige denn hört und sieht, egal ob im Schauspielhaus oder in der Oper. Shakespeare und Verdi, da haben sich die zwei Richtigen gefunden! Dabei haben sie sich nicht mal persönlich gekannt. Oder etwa doch?

31. Mai 2017

4-tägige Studienreise vom 23. – 26. November 2017
London, Royal Opera House
Donizetti, Lucia di Lammermoor

ROH

An- und Rückreise in einem modernen Fernreisebus****
(Fähre zur Überquerung des Kanals)
3 x Übernachtung/Frühstücksbuffet (Mittelklassehotel London City***)
Zimmer mit Bad oder Dusche/WC, Telefon, TV
1 x halbtägige Stadtführung London (Dauer ca. 3 Stunden)
1 x Eintrittskarte Kategorie 2 für die Aufführung
„Lucia di Lammermoor“ von Gaetano Donizetti (Freitag, 24.11.)
Einführungsabend in der Wetzlarer Musikschule am Dienstag, 21.11.2017 um 19.30 Uhr

Nähere Informationen zum Reiseverlauf, Hoteladresse, Kosten etc. ab Ende Juli.

30. Mai 2017

Der Tag beginnt mit einer guten Nachricht: Im August erscheint endlich der 1991 gedrehte Spielfilm Tous les matins du monde in deutsch synchronisierter Fassung mit dem Titel Die siebente Saite auf DVD. Das Meisterwerk (Regie Alain Corneau) zeigt das Wirken des Monsieur de Sainte Colombe (ca. 1640 – zwischen 1690 und 1700), eines berühmten Komponisten und Gambisten seiner Zeit. Sainte Colombe war u. a. Lehrer von Marin Marais, der später am französischen Hof eng mit Lully zusammen arbeitete und an allen großen Opern des Hofkapellmeisters beteiligt war. Sainte Colombe wird die Hinzufügung einer siebten Saite zur Bassgambe zugeschrieben; damit wurden die Möglichkeiten des Instrumentes hinsichtlich Tonumfang, Klang und Ausdruck erweitert.

Evrard Titon du Tillet schreibt über Marais’ Unterricht bei Sainte-Colombe: „Bekanntlich war Sainte-Colombe Marais’ Lehrer; doch als er nach sechs Monaten bemerkte, dass sein Schüler ihn übertreffen könnte, sagte er ihm, er könne ihm nichts mehr beibringen. Marais, der die Gambe leidenschaftlich liebte, wollte jedoch vom Wissen des Meisters weiterhin profitieren, um sich auf dem Instrument zu vervollkommnen; da er Zutritt zu seinem Haus hatte, nutzte er die Zeit im Sommer, wenn Sainte-Colombe in seinem Garten war und sich in einer kleinen Holzhütte einschloss, die er sich in den Ästen eines Maulbeerbaumes errichtet hatte, um dort ruhiger und angenehmer Gambe spielen zu können. Marais schlich sich unter diese Hütte; er hörte dort seinen Lehrer und profitierte von einigen besonderen Passagen und Bogenstrichen, die der Meister der Kunst gerne für sich behalten hätte.“  Diese Szene und viele andere zeigt Die siebente Saite in wunderbaren, berührenden und teilweise dramatischen Bildern. Zu sehen sind u. a. Anne Brochet (die sowieso immer hinreißend ist, aber hier besonders), Jean-Pierre Marielle und Gérard Depardieu. Die Musik zum Film spielte der katalanische Gambist und Dirigent Jordi Savall mit seinem Ensemble ein. Unbedingt kaufen, am besten jetzt vorbestellen!

29. Mai 2017

Es ist merkwürdig, wie die Gewohnheit unseren Geschmack und unsere Anschauungen beeinflussen kann.
Emily Brontë (1818 – 1848)

28. Mai 2017

Ende letzten Jahres fragte Bundeskanzlerin Merkel öffentlich auf einem CDU-Parteitag in Mecklenburg-Vorpommern, wieviel christliche Weihnachtslieder wir denn noch kennen und wieviel wir unseren Kindern und Enkeln noch beibringen würden. „Dann muss man eben mal ein paar Liederzettel kopieren und einen, der noch Blockflöte spielen kann (…) mal bitten“, empfahl die Kanzlerin. Da war sie wieder, diese Gedankenlosigkeit bezüglich eines oftmals belächelten, wenn nicht gar diskreditierten Musikinstrumentes. Mit der Blockflöte kann man gerade noch so ein Weihnachtslied begleiten, lautet die Botschaft, dafür streichen wir dem Spieler anschließend wohlmeinend übers Haar. Wenn du mal groß bist, spielst du vielleicht Klarinette oder Posaune, dann aber auch was ernst Gemeintes, um nicht zu sagen was Seriöses. Klavier und Violine sind Ferrari und Mercedes, Blockflöte ist Trabi. Das sagen wir natürlich nicht laut, wir sind ja nicht verliebt oder betrunken.

Blockflöte

Dieser Tage veröffentlicht ZEIT online ein Interview mit dem Generalintendanten der Elbphilharmonie Hamburg, Christoph Lieben-Seutter. Überschrieben ist der Artikel mit dem Satz “Wir könnten auch Blockflöte spielen”, und in der Folge lesen wir über die enorme Auslastung der neuen Kulturstätte, in der fast jede Veranstaltung ausverkauft ist. Egal, ob Herr Lieben-Seutter diesen Satz tatsächlich gesagt hat oder die Redaktion der ZEIT darauf verfallen ist – auch hier sind Unkenntnis und Ahnungslosigkeit bezüglich des Instrumentes und der seit Jahrhunderten dafür komponierten Literatur gleichermaßen groß wie erschreckend. “Wir könnten auch Blockflöte spielen” suggeriert erstens, dass die Blockflöte für Anspruchslosigkeit und Minderwertigkeit steht, und zweitens, dass selbst bei anspruchslosen und minderwertigen Programmen das gegenwärtig sehr große Interesse an Elbphilharmonie-Konzerten ungebrochen wäre. Das Instrument Blockflöte auf diese Weise herabzusetzen, disqualifiziert den, der so redet oder schreibt – von der Art der Wertschätzung, die man dem zahlenden Publikum mit besagtem Satz entgegen bringt, ganz zu schweigen. Blockflöte wird seit Jahrhunderten in allen Gesellschaftsschichten gespielt, der Schwierigkeitsgrad der Stücke reicht von leicht über anspruchsvoll bis hin zu technisch wie musikalisch extrem elaboriert und ausgesprochen schwer. Vielleicht sollte Herr Lieben-Seutter mal hochprofessionelle Blockflöten-Ensembles in seinen Kulturtempel einladen. Und die Kanzlerin gleich dazu.

26. Mai 2017

Was das Ansehen einzelner Berufsgruppen in Deutschland angeht, so haben sich die Renommee-Werte in den letzten Jahren kaum verändert. Nach wie vor führen die Feuerwehrleute, gefolgt von Ärzten, Kranken-/Altenpflegern, Erziehern, Polizisten, Richtern und Piloten. Dachdecker, Soldaten, Lokführer, Pfarrer und Briefträger rangieren im Mittelfeld. Die letzten Plätze belegen Steuerbeamte, Bankangestellte, Manager, Politiker, Journalisten, Mitarbeiter von Telefongesellschaften und Werbeagenturen sowie Versicherungsvertreter.

Fußball im Tor - Soccer Goal

Unter den Journalisten rangieren die Sportmoderatoren an letzter Stelle. Tatsächlich kommt das Verfolgen von Interviews bisweilen einer besonderen Art der Selbstkasteiung gleich. Auf Fragen wie “Wie wichtig war es heute, das Spiel zu gewinnen?” oder “Wie groß ist die Enttäuschung?” gibt es dennoch mehrere Möglichkeiten der Reaktion, von floskelhafter Analyse (“Wir sind nicht in die Zweikämpfe gekommen”) über Mutmaßungen (“Ich glaube nicht, dass der Verein mir Steine in den Vertrag legt”) bis hin zu philosophisch anmutenden Betrachtungen (“Wenn man kein Tor schießt, kann man nicht gewinnen” oder “Fußball ist wie Schach ohne Würfel”) und orakelähnlichen Prophezeiungen (“Die Bayern vertragen keine Härte, und ich bin der erste, der anfängt damit”). Fußballspieler und Trainer sind übrigens im Ranking der Berufsgruppen nicht erfasst.

25. Mai 2017

Zwei englische Obdachlose, die sich beim Anschlag von Manchester zum Zeitpunkt der Explosion in direkter Nähe aufgehalten hatten und Opfern zu Hilfe gekommen waren, erhalten jetzt selbst Unterstützung. Die Maßnahmen reichen von der Finanzierung einer Wohnung über Mithilfe bei der Arbeitssuche bis hin zu über das Internet organisierten Spendenaktionen. Auf zwei “Just Giving”-Seiten sind dabei bisher über 70.000 Pfund zusammen gekommen.

Die Wohnung wird für ein halbes Jahr vom Miteigentümer des Londoner Premier-League-Clubs West Ham United und dessen Sohn bezahlt. Wie wäre es, auch Bankdirektoren, Reeder und Immobilienmakler zur Hilfe zu ermuntern? Vielleicht sprängen noch ein paar Aktien, Yachten oder Zweitwohnungen heraus. Verleger und Intendanten könnten dazu noch ein paar Abonnements für Zeitschriften (mit Wohnungmarktteil, versteht sich) oder Theaterbesuche beisteuern. Nach Ablauf des halben Jahres, vulgo Probezeit, wäre zu überlegen, ob die gewährten benefitären Wohltaten auch vorleistungsungebunden erbracht werden können. So müssten die Leistungsempfänger nicht auf die nächste Katastrophe warten, um mit spontanen Erste-Hilfe-Leistungen weitere Ansprüche zu erwerben. Was ist übrigens mit Helfern, die seit längerem einen festen Wohnsitz haben und/oder in einem Beschäftigungsverhältnis stehen? Gibt’s da Boni, Upgrades, Beförderungen, Freikarten, Rabattmarken? Hat schon jemand Klage eingereicht?

24. Mai 2017

Wer aber das Lob liebt, der muss auch den Grund dazu erwerben.
Xenophon (430 – 354 v. Chr.), griechischer Schriftsteller und Politiker

23. Mai 2017

Der griechische Philosoph Sokrates (469 – 399 v. Chr.) begegnete seinen Gesprächspartnern üblicherweise nicht mit fertigen Antworten, ebensowenig wollte er sie von bestimmten Thesen überzeugen. Sein Ziel war, den Anderen sozusagen zu einer Überprüfung seiner Gedanken anzuregen, um den eigenen Erkenntnisprozess in Gang zu bringen. Sokrates nannte dies Mäeutik, wörtlich “Hebammenkunst”, und verstand sich als eine Art Geburtshelfer, der “für die gebärenden Seelen Sorge trägt”, wie Platon es nennt. Der Geburtshelfer unterstützt den Erkenntnisprozess dabei nicht durch Belehrungen oder mit feststehenden Wahrheiten, sondern durch gemeinsames Suchen und hilfreiches Fragen.

Sokrates
Büste des Sokrates
römische Kopie eines griechischen Originals, 1. Jahrhundert
Louvre, Paris

Unsereins versteht sich zuweilen ebenfalls als Geburtshelfer, in den schönsten Momenten als musikalischer Erkenntnis- und Erlebnisbefähiger. Jeder hört anders, und “niemand erkennt, was er nicht selbst entdeckt”, wie Johannes Picht es formuliert. Manchmal ist es “eine schwere Geburt”, zugestanden, aber es lohnt sich.

22. Mai 2017

Im Opernkurs sind wir seit einigen Wochen bei Verdi angelangt. Wir hatten uns darauf verständigt, diesmal auf La Traviata, Rigoletto und Otello zu verzichten und stattdessen einige Opern zu besprechen, die entweder als weniger populär gelten oder für die meisten Teilnehmenden neue Hörerfahrungen mit sich bringen. Den Anfang machte vor ein paar Wochen Il trovatore, gefolgt von Un ballo in maschera, Macbeth und La forza del destino. Schließlich am letzten Mittwoch Falstaff – und große Verwunderung, ja vielleicht gar Enttäuschung über so wenig Kantables, nichts Dämonisches, kaum Verzweifeltes, ergo keine schmachtenden Arien oder Liebesduette. Stattdessen eine Komödie in gesellschaftlichem Dauerparlando und durchkomponiertem Stil, mit rezitativischem Gestus, mit Sonatensatzformen und Fugen.

“Es gilt zu studieren, und das wird Zeit kosten. Unsere Sänger können im allgemeinen nur mit großer Stimme singen. Sie haben weder stimmliche Elastizität noch klare und leichte Diktion, und es fehlen ihnen Akzente und Atem.“ Verdi schreibt diese Sätze 1892 an seinen Verleger Ricordi. Heute wissen wir, dass der fast achtzigjährige Verdi mit seiner letzten Oper eine Renaissance der musikalischen Komödie einleitete. Wer den Gefangenenchor aus Nabucco oder den Triumphmarsch aus Aida zu seinen Lieblingsstücken zählt, wird mit Falstaff seine Schwierigkeiten haben. Also: Es gilt zu studieren, und das wird Zeit kosten.

Pause bis zum 21. Mai 2017

12. Mai 2017

In unserem Filmmusik-Kurs stand letzte Woche zum wiederholten Male Der König tanzt (F/D/B 2000) auf dem Programm, als Beispiel für die Sparte “Musikhistorischer Film mit Originalmusik”. Der Film ist absolut sehenswert, gleichermaßen wegen der großartigen Darsteller und der von Musica Antiqua Köln eingespielten Musik, nicht minder wegen seiner verschwenderischen Ausstattung.

Gestern nun Friedemann Bach (D 1941), ein “schwacher Film, trotz Gründgens” (Heyne Filmlexikon). Es ist kaum möglich, dieses Urteil zu widerlegen – zu groß sind die historischen Ungenauigkeiten und fiktiven Handlungsstränge, zu sentimental und pathetisch die Dialoge. Gleichwohl ist Gustaf Gründgens in der Titelrolle beeindruckend, vor allem als leidenschaftlicher und nicht korrumpierbarer Streiter für eine eigene, neue und weiterentwickelte Musik: “Ihr wollt von mir, was der Vater konnte. Ich kann es nicht. Ich will es auch nicht können. Ich kann nicht seine Gedanken denken und ich will nicht seine Musik machen. Wisst ihr denn, was es heißt, der Sohn eines großen Vaters zu sein und es nie vergessen zu dürfen und dabei selber leben und schaffen zu wollen? Ich habe gekämpft, ich habe mit dem Ruf Johann Sebastian Bachs immer wieder gekämpft, aber jetzt will ich nicht mehr kämpfen, ich will nicht mehr Sohn sein, ich will Friedemann Bach sein und sonst nichts.“

Will Quadflieg hat einmal über Gustaf Gründgens gesagt, dieser sei ein Schauspieler, der „viel im Laden hat und es sich leisten kann, wenig im Schaufenster zu zeigen“. Gründgens zeigt in Friedemann Bach vor allem die inneren Prozesse der Trauer und Verzweiflung – auf so außergewöhnliche Weise, dass sich allein dafür das Anschauen lohnt.

10. Mai 2017

Wo etwas Angenehmes ist, muss auch Unangenehmes sein.
Titus Petronius (ca. 14 – 66), römischer Politiker und Schriftsteller

9. Mai 2017

Vor ein paar Tagen lief in der ARD die Wiederholung der Tatort-Folge “Der tiefe Schlaf” (2012). Um es gleich vorwegzunehmen: Wer den Krimi (Folge 856) nicht kennt, sollte das unbedingt ändern (Mediathek, youtube)! Ich habe damals die Erstausstrahlung gesehen und konnte mich jetzt an einige Sequenzen gut erinnern, vor allem an die Entdeckung und Verfolgung des tatverdächtigen Räusperers, dessen Gesicht nie zu sehen ist. Ein packender und wirklich außergewöhnlicher Thrill!

Auch jetzt, gewissermaßen fünf Jahre nach dem Mord, wissen wir nicht, wer das junge Mädchen getötet hat. In der letzten Szene – Rückblende – steigt Carla nach anfänglichem Zögern in das Auto ihres Mörders. Das Auto ist ein anderes als das ihres Lehrers, also scheidet dieser als Täter aus. Das besagte Räuspern hat Gisbert, abgestellter und später ermordeter Kollege des Duos Batic/Leitmayr, zuvor aus einem Telefonat herausgefiltert, daher glauben alle – wir Zuschauer eingeschlossen – an einen sich räuspernden Täter. Der Mörder spricht in der Schlussszene jedoch alle seine Sätze ohne jedes Räuspern, also ist auch der Räusperer nicht der Täter. Der Autofahrer resp. der Mörder muss jemand sein, der nie zuvor in Erscheinung getreten ist. Einer, den weder wir noch die Kommissare jemals auf dem Schirm hatten. Am Ende bleibt der Täter bewusst anonym – eine unbekannte, männliche Person, von der wir nicht einmal das Gesicht kennen.

Tatort Logo.

Holger Gertz schreibt in der Süddeutschen Zeitung: “Die Geschichte von Regisseur Alexander Adolph erzählt auf der tieferen Ebene davon, was passiert, wenn man einander nicht zuhört, nicht hilft, nicht versteht. “Der tiefe Schlaf” ist der angemessen ausdeutbare Titel dieser Episode. Die Eltern holen ihre Tochter nicht ab. Der Lehrer lässt seine Schülerin nachts auf der Straße stehen. Die Klassenkameraden verstecken einen Schuh ihrer Mitschülerin, deshalb verpasst sie den Bus. Und zwei Kommissare behandeln ihren Assistenten von oben herab, wie Münchner das gelegentlich mit “Zuagroastn” tun. Sie lassen ihn allein. Am Ende sind alle allein, und jeder ist schuldig.”

8. Mai 2017

Im Montagskurs geht es heute um den Einstieg in das Werk von Gustav Mahler. In den vergangenen Jahren waren immer die erste, dritte und fünfte Sinfonie sozusagen Pflichtstücke, dazu Ausschnitte aus der achten Sinfonie und dem “Lied von der Erde”. Diesmal wird es mit der zweiten Sinfonie einen veränderten Einstieg geben, auch werden die sechste und siebte Sinfonie mehr in den Fokus rücken, leztere vor allem wegen der zwei Nachtmusiken. Warnung! Keine serenadenhafte Lunar-Idylle! No chocolate! Vergessen wir Mozart und Chopin! Fratzenhafte, verstörende Albträume eines Vereinsamten erklingen hier, die Grundierung ist dunkel, abgründig und geheimnisvoll. Mahler hatte während der Komposition seiner 7. Sinfonie mit Schreibblockaden und Störungen seiner Kreativität zu kämpfen, er hat sich sehr schwer getan mit dieser Musik. Es macht also nichts, wenn es uns genauso gehen sollte.

Gustav Mahler (Radierung Emil Orlik 1902)

6. Mai 2017

Gebackene Kartoffelscheiben (ganz einfach)

Kartoffeln schälen, in dünne Scheiben schneiden. Eine feuerfeste Form gut einfetten, die Kartoffelscheiben hineingeben und salzen. Im Backofen bei ca. 200° backen, bis die Scheiben leicht zu bräunen beginnen. Form aus dem Ofen nehmen und frisch gestoßenen schwarzen Pfeffer (am besten Voatsiperifery) zu den Kartoffeln geben. Mit Zitronen-Olivenöl beträufeln. Dazu passt Fisch, Geflügel, Gemüse, Salat – ganz nach Belieben – und eine Flasche Edelzwicker.

4. Mai 2017

In der aktuellen Ausgabe der nmz bespricht Christoph Vratz zwei Biografien über Claudio Monteverdi, die zu dessen 450. Geburtstag neu erschienen sind. Im Abschnitt über das Buch von Michael Heinemann findet sich folgende Passage: “So steht Monteverdi am Ende da als jemand, der, anders als Bach, seine Welt nicht nach Zahlen und Proportionen entworfen hat, sondern der seine menschlichen Erfahrungen, seine Leidenschaften in allen Extremen in eine unmittelbare musikalische Sprache übersetzt hat, eine Sprache, die auf der Einheit von Text und Musik beruht und unmittelbar auf den Hörer wirkt, heute wie damals.”

Es ist nicht ganz klar, ob der Rezensent den formulierten Unterschied zwischen Monteverdi und Bach als Ansicht des Buchautors ausgibt oder als seine eigene. Wie auch immer, es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich den empörten Aufschrei der Bach-Gemeinde vorzustellen. Zahlen und Proportionen als Grundlage der Musik statt menschlicher Erfahrungen und Leidenschaften? Und keine Einheit von Text und Musik? Sofort denkt man an die Passionen, Kantaten, Motetten etc. und kann nicht glauben, dass das ernst gemeint sein soll. Doch gemach, gemach! Die Aufregung ist ganz unnötig. Bach war im Kirchendienst tätig, von ihm wurden keine Kompositionen von Opern, Balletten und Madrigalen verlangt. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wie er sich einer solchen Aufgabe gestellt hätte. Der oben zitierte Satz unterstreicht die herausragende Stellung der Musikdramen Monteverdis, nicht mehr und nicht weniger. Missverstehen kann jeder, vor allem mit Absicht.

3. Mai 2017

Zwar muss man feststellen, dass die Oper nicht mehr dieselbe Rolle hat wie im 19. Jahrhundert. Die populärste Unterhaltungsform ist heute das Kino. Dass Oper aber eine elitäre, veraltete oder jedenfalls für alte Menschen gemachte Kunst ist, halte ich weniger für die Wahrheit als ein Klischee. Und die Karten sind auch nicht unbedingt teurer als für ein Popkonzert oder Fußballspiel! Manchmal höre ich: “Die Oper ist nichts für mich, damit kenne ich mich nicht aus.” Aber absolviert man denn eine Filmschulung, bevor man ins Kino geht?
Mariame Clément

1. Mai 2017

L’amour existe.
L’amour est vivant.
Sous toutes ses formes.

Diese Sätze gehen dem Interview mit Mariame Clément voran, das die Opèra natonal du Rhin im Programmheft zu La Calisto veröffentlicht hat. Die Aufführung eines der prominentesten Werke von Franceso Cavalli lässt keinen Zweifel an dieser unmissverständlichen Botschaft aufkommen. Mariame Clément inszeniert das Stück mit dem Mute der Verwegenen – göttlich, menschlich, allegoresk, faunesk, imaginär, real. Schon das erste Bild zwingt dazu, uns beim eigenen Zuschauen zu beobachten, und dieser Spiegel im Spiegel zieht sich konsequent durch das ganze Stück. Wer spielt hier mit wem, wer dressiert wen, wer verschiebt wessen Maßstäbe? Die Musik liefert dafür hinreißende Vorlagen, und Christophe Rousset am Pult wie am Cembalo sorgt für ein klangliches Pendant auf Augenhöhe. Das Ensemble ist sängerisch nicht in jeder Rolle gleichwertig besetzt, was man beim Hören der Gesangskünste insbesondere von Elena Tsallagova, Filippo Mineccia und Guy de Mey schnell vergisst. Les Talens Lyriques, ein Ensemble von zwölf Instrumentalisten, spielt gleichermaßen sensibel wie musikantisch. So vergehen drei Stunden inklusive Pause fast wie im Fluge. Der Star der Produktion ist Cavalli, ihm assistieren zahlreiche Könner auf, neben, hinter und unter der Bühne.

Abends sitze ich im Saint Sépulcre (Zum hailiche Graab), einem Restaurant mit typisch elsässischer Küche, im Herzen Straßburgs, ganz in der Nähe der Kathedrale. Ich bestelle gekochte Rippchen mit karamellisierter Koriandersauce, dazu Bratkartoffeln und ein Bier. Das Essen ist vorzüglich, die Bedienung attraktiv und freundlich, also bleibe ich und gönne mir noch ein Bier, dann Calvados, schließlich Kaffee. Am Nebentisch sitzen mittlerweile zwei junge Frauen, vielleicht Studentinnen. Sie essen in Teig gebackenen Schinken, dazu Salat und leeren eine Flasche Pinot Noir. Sie genießen den Abend, das merkt man ihnen an, und sie wissen offensichtlich, wo und wie man gut isst und trinkt. Vielleicht wird ja doch noch alles gut, denke ich, und dass die Liebe lebt. In all ihren Formen.

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29. April 2017

Nur sehr wenige Dinge ereignen sich zur rechten Zeit, und alles Übrige ereignet sich überhaupt nicht.
Herodot (um 485 – um 425 v. Chr.)

26. April 2017

Was waren das für Zeiten, als es noch den Bezahlfernsehsender Premiere gab und wir bei Fußballübertragungen den Kommentator abstellen konnten, dabei aber auf die Geräuschkulisse im Stadion nicht verzichten mussten! Heute – der Sender heißt seit 2009 Sky Deutschland – geht das leider nicht mehr. Entweder müssen wir zumeist unsägliche Reporter, Co-Kommentatoren und Experten ertragen, wenn wir die Live-Atmosphäre mit Fangesängen, Pfeifkonzerten etc. miterleben wollen, oder wir verzichten auf Schwätzer, Langweiler und Sprachbehinderte, müssen aber dafür das Spektakel in meditativer Stille verfolgen. Bitte, liebe Sky-Leute, aber auch ihr Entscheider in ARD und ZDF, habt ein Einsehen und gebt uns diesen Kommentator-Off-Schalter wieder! Ihr würdet viele neue Freunde, für Sky vielleicht gar Abonnenten gewinnen! Schon im Voraus zitieren wir Andreas Brehme und sagen “nur ein Wort: Vielen Dank!”

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25. April 2017

Gestern acht (!) Punkte beim Wissenstest des Tages auf ZEIT online, heute fünf. Dass es David Bowie war, dem Iggy Pop seinen Berliner Kühlschrank geplündert hat, habe ich geraten. Manchmal punktet man ganz unvermutet …

24. April 2017

Das Literarische Quartett, die von 1988 bis 2001 ausgestrahlte Kult(ur)sendung im ZDF mit Marcel Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler und einem jeweils wechselnden Gastkritiker, hatte eine einprägsame Titelmelodie: Das Finale des Streichquartetts Nr. 9 C-Dur op. 59,3 von Ludwig van Beethoven. Das Quartett wurde 1806 geschrieben und ist das dritte und letzte Streichquartett in der Gruppe der sogenannten “Rasumowsky”-Quartette, die nach ihrem Auftraggeber, Andrej Kirillowitsch Rasumowsky benannt sind, einem russischen Diplomaten und Förderer Beethovens. Die Rasumowsky-Quartette sind Meilensteine klassischer Kammermusik – wir besprechen das dritte Quartett im Kurs und erinnern uns nach dem Verklingen des Schlussakkords passenderweise an Reich-Ranickis abgewandeltes Brecht-Zitat: “Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.”

21. April 2017

In diesen Tagen kommt der Kuckuck aus Afrika zurück. Auf seinem Weg zurück in sein Brutgebiet erreicht er Südeuropa bereits im März, den Norden Skandinaviens erst im Juli. Deutschland kann zwischen Mitte April und Anfang Mai mit der Wiederkehr des Vogels rechnen, was immer auch ein wenig von den Temperaturen abhängt. Wenn wir in diesen Tagen den berühmten Kuckucksruf hören, sollten wir uns vergegenwärtigen, dass der Kuckuck auch andere Intervalle außer der kleinen Terz intoniert. Von der Sekunde bis zur Quinte ist alles möglich, was uns im Grunde eine größere Flexibilität im Singen von “Der Kuckuck und der Esel” oder “Kuckuck ruft’s aus dem Wald” abverlangen sollte, aber lassen wir das. Hören wir jedenfalls einen Vogel mit kleiner Sekunde oder reiner Quarte zwitschern, können wir nie ganz sicher sein – Mönchsgrasmücke, Teichrohrsänger, Wintergoldhähnchen? Wer singt denn da, zum Kuckuck … Genau!

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19. April 2017

Das Leben ist hier, das Spielen von Rollen dort. Das ist komplett getrennt. Schauspielerei ist für mich ein spezieller Geisteszustand zwischen bewusst und unbewusst – ein wenig so, als ob man betrunken wäre. Aber wenn es dann vorbei ist, ist es vorbei. Es beschäftigt mich nicht mehr, es verfolgt mich nicht. Ich habe nichts zu tun mit diesen Leuten, die ich spiele.
Isabelle Huppert (* 1953), französische Film- und Theaterschauspielerin

18. April 2017

“Je dämonischer gespielt wurde, umso zufriedener war er”, berichtet August Stradal, Pianist und Schüler Franz Liszts über dessen Klavierunterricht. Zwei Dinge hatten für den Meister ganz besondere Bedeutung: Zum einen das Singen, das “Cantabile auf dem Klavier”, zum anderen die individuelle Wiedergabe des Werkes. Eugène d’Albert, ebenfalls prominenter Schüler Liszts, erinnert sich: “Was kümmert ihn die Genauigkeit des Vortrags, wenn nur Leben darin steckt! Weg mit der pedantischen Schulmeisterei!” Besonders verhasst war Liszt die “anständige Mittelmäßigkeit” – nicht wenige seiner Schüler schickte er aufs Konservatorium und unterrichtete sie nicht länger selbst. Einige haben seinen galligen Satz, wonach man seine Schmutzwäsche zu Hause reinigen sollte, in bitterer Erinnerung behalten. Doch der kapriziöse Maestro konnte auch humorvoll und großzügig sein. Mit einigen seiner Schüler unternahm er gemeinsame Ausflüge und spielte leidenschaftlich gern Whist, verlor dabei aber nur ungern. Seine Schüler dachten an die nächste Klavierstunde, tauschten daher unter dem Tisch ihre Karten und ließen den Meister gewinnen.

Liszt

16. April 2017

Am Ende ist uns wohler, wenn wir nicht soviel von der Welt wollen und das, was sie uns freiwillig gibt, als gelegentlichen Fund betrachten.
Gottfried Keller (1819 – 1890), Schweizer Dichter und Romanautor

In der Tat liegt in zu großen Erwartungen häufig die Hauptursache für Enttäuschungen, Konflikte oder Verzweiflungen. Wir malen uns aus, wie etwas eintreten oder sich entwickeln soll und wie Menschen, mit denen wir zu tun haben, handeln oder reagieren werden. Insbesondere wenn wir Anerkennung, Freude oder Dankbarkeit erwarten, sind wir nicht selten enttäuscht, wenn die Realität mit unseren Erwartungen nicht übereinstimmt. Dann hadern wir nicht mit uns selbst, sondern mit anderen und bereiten damit den Boden für weitergehende Auseinandersetzungen. Im Falle der Erwartung von schlechten Entwicklungen, Desastern oder Katastrophen ist uns dagegen nur ein schwacher Trost, dass etwa 70% der negativen Dinge, die wir uns vorstellen, nicht eintreten. Zweckpessimismus malt ja häufig das Kommende in düsteren Farben, um die Fallhöhe zum wirklich Eintretenden künstlich zu vergrößern. Wollen wir den Griff in die Kiste mit der Aufschrift “Psychotricks zur Selbstanwendung” vermeiden, hilft vielleicht der Satz von Peter E. Schumacher: “Erwartungshaltung sollte aus einem Prozent Erwartung und neunundneunzig Prozent Haltung bestehen.”

15. April 2017

Goethe war’s. Herzlichen Dank fürs Mitmachen!

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Allen Leserinnen und Lesern ein frohes Osterfest!

13. April 2017

“Wenn ich den Mops meiner Geliebten zum Verwechseln ähnlich abzeichne, habe ich zwei Möpse, aber noch lange kein Kunstwerk.” Wer hat’s gesagt?

Goethe
Toulouse-Lautrec
Caruso
Loriot

Auflösung am Samstag, 15. April. Teilnahme nur per E-Mail.

12. April 2017

Um die Nymphe Calisto für sich zu gewinnen, ist Jupiter jedes Mittel recht. Er geht sogar so weit, sich als Frau zu verkleiden – der Ausgangspunkt für zahlreiche Irrungen und Wirrungen. Welches Mittel wird Jupiters Frau Juno finden, um sich für die Untreue ihres Mannes zu rächen?

Frustrated

Mit diesem Kurztext wirbt die Opéra national du Rhin Strasbourg für ihre Neuinszenierung von Francesco Cavallis La Calisto. Regisseurin Mariame Clément wird – davon ist auszugehen – für zeitgemäße Fragestellungen und Pointierungen sorgen, nicht ohne ironische Transfers und entsprechende Demaskierungen. Das Publikum darf sich auf Gesangsgrößen wie Vivica Genaux und Guy de Mey freuen, ebenso auf den Barockspezialisten Christophe Rousset, der das von ihm gegründete Ensemble Les Talens Lyriques dirigiert. Am Sonntag, 30.04. um 15.00 Uhr bin ich auch dabei, leider nur im Parkett.

11. April 2017

Wer all seine Ziele erreicht, hat sie zu niedrig gewählt.
Herbert von Karajan (1908 – 1989)

10. April 2017

Veronika Mandl ist eine renommierte österreichische Musik- und Konzertpädagogin. Sie ist seit Jahren auf dem Gebiet der Entwicklung von musikdidaktischen Konzepten und Konzertformaten tätig und bietet unterschiedliche Programme für ein “junges Publikum ab drei Jahren” an, und das mit bestem Erfolg. “Kürzlich war eine Oma da,” erzählt sie, “die meinte: Heute sind die Enkel leider krank, da bin ich allein gekommen. Das ist für mich das schönste Kompliment!” Mandls Credo ist, dass Erwachsene die Aufgabe haben, die eigene Faszination zu leben. “Wenn ich für Musik brenne, dann bin ich imstande, dieses Feuer auch bei anderen zu entfachen und weiterzugeben.” Ganz recht, und zwar an junge Leute, Alter egal.

9. April 2017

Der erwähnte Dialog zwischen Ulisse und Eumete besteht im Original aus sechzehn im 6/4-Takt geschriebenen Takten, wobei die ersten zehn ein absteigendes Ostinato enthalten (g-fis-e-d) und anschließend in eine kadenzierende Schlussformel übergehen. Über diese wunderbare, sanfte Musik, die mich in Dijon sehr gefangen genommen hat, habe ich heute in der Kirche improvisiert. Am Schluss, wenn gemeinhin ein “Rausschmeißer” erwartet wird, wirkt diese introvertierte und beinahe entrückte Musik umso mehr. Und siehe da, sie hat ihre Wirkung auch diesmal nicht verfehlt! Am Schluss, nach der Wiederholung der Schlusskadenz im piano, war in der Stille sogar ein Seufzer zu hören. Und das am Palmsonntag, an dem des umjubelten Einzugs Jesu Christi in Jerusalem gedacht wird! Aber da ist sie, die Sehnsucht nach leisen, behutsamen Tönen, nach Besinnung und Recreation. Erklingt eine solche Musik, spüren wir, wonach wir so lange gesucht haben. Es ist, als kämen wir nach langer emotionaler Odyssee wieder nach Hause.

7. April 2017

Man muss mit den Instrumenten und Stimmen, durch ihre Schwingungen erregt, gleichsam selbsttönend mitschwingen, um wahrhaft musikalische Eindrücke zu erhalten.
Hector Berlioz (1803 – 1869)

Selbsttönend mitschwingen, das klingt gut. Entscheidend für musikalische Erlebnisse der besonderen Art ist immer, was gespielt wird, wie gespielt wird und wer spielt. Und bei aller Bewunderung für herausragende Interpreten und exquisite Darbietungen vergessen wir die Komponisten nicht! Der Schweizer Dirigent Karl Anton Rickenbacher (1940 – 2014) meinte sinngemäß, es sei erstaunlich, dass die Werke Mozarts, Schuberts oder Brahms’ immer noch leben, wo doch jeden Tag vielfach auf sie eingedroschen wird. Umso schöner, so ergänzen wir gerne, dass die Untoten mit Hilfe kongenialer Übersetzer (nicht Nachlassverwalter) immer wieder eindrucksvoll zu Wort bzw. Ton kommen und dabei zeigen können, was in ihnen und in uns steckt. Letzteres geschieht zwar nur selten, aber es geschieht. Dann erhalten wir die besagten “wahrhaft musikalischen Eindrücke” und begegnen gleichzeitig uns selbst.

5. April 2017

Zurück aus Dijon. Eine schöne Stadt, gutes Wetter, hervorragendes Essen. Doch das alles spielt nur eine untergeordnete Rolle. Ich habe Monteverdis “Il ritorno d’Ulisse in patria” erlebt, oder um es auf französisch zu sagen, ” Le retour d’Ulysse dans sa patrie”. Der Schlussakkord liegt keine drei Tage zurück, und noch immer klingt diese Musik nach. Genauer gesagt, die Musik und die Art und Weise, auf die sie gespielt, gefeiert und zelebriert wurde. Ich weiß nicht, ob ich im Theater überhaupt schon mal etwas derart Beglückendes erlebt habe.

Natürlich sind die Hauptrollen mit Rolando Villazón (Ulisse) und Magdalena Kožená (Penelope) spektakulär und erlesen besetzt, doch auch die Nebenrollen werden von ausdrucksstarken Sängerinnen und Sängern gestaltet, insbesondere von Anne-Catherine Gillet (Minerva) und Callum Thorpe (Antinoo). Mariame Cléments Inszenierung ist fantasievoll, originell, zuweilen ironisch und schreckt vor etlichen Stilbrüchen nicht zurück, was keine Überraschung ist. Ulisses Verwunderung über den aufgestellten Cola-Automaten findet jedenfalls im Publikum Verständnis. Das ist ein grandioses, doppelbödig-geistreiches Spiel mit verschiedenen Ebenen der Erwartung – wunderbar!

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Emmanuelle Haïm leitet die Aufführung wie immer, wenn sie musiziert – hochsensibel, extrem spielfreudig und vor allem mit einer atemberaubenden Ausgestaltung musikalischer Spannungsverläufe. Das Duett zwischen Ulisse und dem Hirten Eumete klingt beinahe romantisch und rührt affektiv zu Tränen, die Lamenti Penelopes sind geprägt von einem verschwenderischen Umgang mit Tempo und Dynamik, die tänzerischen Instrumentalsätze sind launig, couragiert und klingen einfach unwiderstehlich. Die Akteure auf der Bühne, von spanisch anmutenden Rhythmen inspiriert, versprühen eine Art der Lebensfreude, die man als Zuschauer nur ungläubig bestaunt. Fast vier Stunden dauert dieser Rausch, und er verflüchtigt sich glücklicherweise nur langsam.

31. März 2017

Morgen geht es für drei Tage nach Dijon, wo ich am Sonntag in der Oper Monteverdis Il ritorno d’Ulisse in patria sehen werde. Die Vorfreude ist in Erwartung von Rolando Villazón (Ulisse), Magdalena Kožená (Penelope) und Emmanuelle Haïm (Musikalische Leitung) sehr groß. Ich habe das Stück vor vielen Jahren ein paar Mal auf der Bühne gesehen, damals im Musiktheater im Revier Gelsenkirchen. Die Oper wurde in der Einrichtung von Siegfried Matthus gespielt, in deutscher Sprache und mit ausgesetzten, von Streichern begleiteten Rezitativen. Ich weiß noch, dass Neptun in einer Szene mit seinem Dreizack aus dem Orchestergraben stieg, mit wirrem, bläulichem Haar, den Körper übersät mit Algen und Seetang, und seinen imponierenden Bass erklingen ließ, was mich schwer beeindruckt hat. Die Aufführung in Dijon dürfte sehr anders ausfallen – mit allen Erkenntnissen historischer Aufführungspraxis, im italienischen Original und zweifellos mit einigen Überraschungen der französischen Opernregisseurin Mariame Clément.

29. März 2017

Unzählige alte, ausgetretene und brüchige Stufen. Wohin führen sie? Was wartet am Ende der Treppe, die hinaufzusteigen vielleicht mühsam ist? Eine schöne Aussicht, ein Forum, ein Palast? Oder nichts davon? Was stattdessen? Stellen wir nicht so viele Fragen, gehen wir einfach los …

Alte Treppe sw

28. März 2017

Apropos Charles Laughton: Im Frühjahr 1944 traf der britische Schauspieler in Kalifornien auf Bertolt Brecht und Hanns Eisler. Laughton war gerade im Begriff, für die Plattenfirma Decca Texte aus der Bibel aufzunehmen (“The Story Of The Three Wise Men” und “The Oldest Christmas Story”) sowie das Weihnachtskapitel aus Charles Dickens’ Roman “The Pickwick Papers”. Hanns Eisler machte den Vorschlag, dazu Begleitmusiken in Quintett-Besetzung zu schreiben, womit Laughton sofort einverstanden war. Die Schellack-Aufnahmen erfolgten im September 1944 im Decca-Studio Hollywood. Sie sind jetzt als Doppel-CD mit 116-seitigem (!) Booklet und einer Gesamtspielzeit von 128 Minuten wieder erhältlich (Bear Family Records).

Charles Laughton
Charles Laughton (1940)
(Foto: Carl van Vechten)

27. März 2017

Matty Malneck (1904 – 1981) ist hierzulande nur wenigen Kennern der Filmmusik ein Begriff. Malneck war ein US-amerikanischer Jazzmusiker, der auch arrangierte und Filmmusiken komponierte, darunter die zu Witness for the Prosecution (Zeugin der Anklage, USA 1957) und Some Like It Hot (Manche mögen’s heiß, USA 1959). Eine gewisse Tragik liegt in dem Umstand, dass zwar die Filme weltberühmt wurden, die Musik von Malneck jedoch nicht – die von Marilyn Monroe gesungenen Lieder I Wanna Be Loved by You, Running Wild und I’m Through with Love sind populäre Songs der 20er Jahre und wurden nicht von Malneck komponiert.

Gestern Abend bin ich – ich weiß nicht zum wievielten Mal – bei Zeugin der Anklage hängen geblieben. Dafür gibt es viele Argumente wie natürlich Charles Laughton, Tyrone Power und Marlene Dietrich inklusive der Synchronstimmen von Eduard Wandrey, Paul Klinger und Tilly Lauenstein. Die Vorlage von Agatha Christie sowie Drehbuch und Regie von Billy Wilder sind weitere beste Gründe, den Film zum x-ten Mal zu sehen. Doch die Musik gehört nicht dazu, wenngleich sie genreüblich konveniert und im Wortsinne passende Takte liefert. Allein diese bleiben eben nicht haften, wir können sie nicht jederzeit aus dem Gedächtnis abrufen. Hingegen sprechen wir einzelne Sätze und Dialoge der genannten Akteure auswendig und mühelos nach, beinahe im Schlaf. Willste mir ‘n Kuss geben, Dicker?

24. März 2017

Misstraue der Begeisterung des immer Begeisterten. Er braucht sie als Kollektiv seiner Gleichgewichtsstörungen. Der Kreisel muss sich drehen, wenn er nicht umfallen will.
Alfred Polgar (1873 – 1955)

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23. März 2017

Laut einer aktuellen Studie, veröffentlicht von der Association for Psychological Science, hält sich ein Gefühlshoch nach gutem Sex bis zu 48 Stunden. Danach erlischt das sogenannte sexuelle Nachglühen. Paaren wird deshalb empfohlen, alle 48 Stunden Sex zu haben, um in den Genuss eines frischen Glühens zu kommen. Alternative Wege zu überschwänglichen Gefühlen über die Wahrnehmung kultureller Angebote (Theater, Museen, Restaurants etc.) beschreibt die Studie nicht. Möglichkeiten der Kombination wie z. B. Sex im Kino werden gleichfalls nicht erwähnt, auch Sport ist kein Thema. Gleichwohl ist der Rat zum 48 Stunden-Rhythmus einigermaßen entlastend, denn ab einem gewissen Alter lässt man doch schon mal einen Tag aus.

22. März 2017

Nach dem am Montag in New York veröffentlichten Weltglücksbericht 2017 nimmt Norwegen nunmehr die Spitzenposition ein und hat Dänemark damit als glücklichstes Land der Welt abgelöst. Auf den Plätzen drei und vier folgen Island und die Schweiz. Deutschland kommt wie im vergangenen Jahr auf Platz 16, nahm aber 2015 noch Rang 26 ein. Schlusslicht der Glückstabelle ist die Zentralafrikanische Republik.

Als Hauptursache für Glück macht der Bericht nicht pekuniären Reichtum, sondern ein funktionierendes soziales Netz aus. Die Spitzenreiter des Rankings – darunter Finnland, Schweden, die Niederlande, Kanada, Australien und Neuseeland – haben dem Bericht zufolge hohe Zufriedenheitswerte in den Bereichen soziale Fürsorge, Gesundheit, Freiheit und gute Regierungsführung.

Geld allein macht nicht glücklich, heißt es. Richtig! Und schönes Wetter ist überbewertet. Vielleicht sind die Menschen in Haugesund ja am glücklichsten. Bei ihnen im Hafen sitzt Marilyn Monroe. Tagtäglich, zum Glück.

Marilyn Monroe Skulptur Haugesund
Marilyn Monroe Skulptur
Haugesund, Norwegen
(DeFacto)

20. März 2017

Arnold Schönberg lebte bereits in Los Angeles, als er sich 1937 des Klavierquartetts g-Moll op. 25 von Johannes Brahms annahm und aus der originalen Vorlage eine fulminante Orchesterfassung in schillernden, bunten Farben entstehen ließ. Vielleicht war Schönberg, von den Nazis vertrieben, seiner Heimat Österreich in jenen Tagen emotional besonders nah, so dass aus dem kammermusikalischen Original ein so pulsierendes, wuchtiges und klangverliebtes Orchesterwerk werden konnte.

Natürlich entsteht bei einem so gewichtigen Eingriff in die Besetzung resp. der Klangfarbe ein neues, anderes Stück, das freilich seine Herkunft nicht verleugnet. Morgen werden wir uns im Kammermusik-Kurs beide Fassungen “erhören” und miteinander vergleichen. Wer Lust hat, kann anschließend im Filmmusik-Seminar dann “Die Verlobung des Monsieur Hire” bewundern. Regisseur Patrice Leconte hat für seinen wunderbaren, ästhetischen Film von 1989 den Mittelteil des Brahms’schen Finalsatzes (Rondo alla Zingarese) gewählt, um die subjektive Erlebniswelt des Titelhelden musikalisch zu kennzeichnen. Drei Meisterwerke – Kammermusik, Orchesterwerk, Spielfilm!

19. März 2017

Wie es mit der Musik dort steht, wo Sie sich jetzt befinden, ahne ich nur in Umrissen. Ich habe die Vermutung, die ich in dieser Hinsicht hege, einmal auf die Formel gebracht: ich sei nicht schlechthin sicher, ob die Engel, wenn sie im Lobe Gottes begriffen sind, gerade Bach spielen – ich sei aber sicher, dass sie, wenn sie unter sich sind, Mozart spielen und dass ihnen dann doch auch der liebe Gott besonders gerne zuhört.
Karl Barth (1886 – 1968, evangelisch-reformierter Theologe) in seinem “Dankbrief an Mozart” 

17. März 2017

Schalke 04 Logo

Glückwunsch, Knappen! Und weiterhin viel Erfolg in der Europa-League! Vielleicht klappt es ja zwanzig Jahre nach dem überraschenden Gewinn des UEFA-Cups wieder mit dem großen Coup. Spiegel Online liegt ganz richtig: “Zwar ist weiterhin schwer vorstellbar, dass ein Team mit derart deutlichen fußballerischen Schwächen tatsächlich einen Europapokal gewinnt. Aber das war auch vor 20 Jahren so.”

16. März 2017

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Breathe. And give yourself some credit.
Erin Andrews

15. März 2017

Für die Salzburger Festspiele 1989 hatten Herbert von Karajan und der britische Regisseur John Schlesinger (Die Herrin von Thornhill, Der Marathon-Mann, … und der Himmel steht still u. a.) ein gemeinsames Konzept für die Inszenierung von Verdis Maskenball entwickelt. Die Besonderheit bestand darin, dass die Oper in Verdis ursprünglicher, aber von der Zensur verhinderten Fassung gespielt werden sollte, nämlich am Hofe des schwedischen Königs Gustav III. in Stockholm. Nach dem Tode Karajans am 16. Juli in Salzburg – die Bühnenproben für die Eröffnungspremiere hatten bereits begonnen – übernahm Sir Georg Solti die musikalische Leitung.

Der Wiener Kurier nannte die Produktion damals ein “Opernfest für die Nachwelt” und war der Ansicht, die Zeit prächtiger Kostüme und opulenter Szenerien sei vorüber. Altmodische und konventionelle Inszenierungen, so war man überzeugt, würden einem anstehenden und unaufhaltsamen Zeitgeistwandel zum Opfer fallen. Heute wird die Inszenierung vor allem dafür gelobt, dass sie alle Ingredienzien in sich vereint, welche die Faszination Musiktheater ausmachen. Das ist das Entscheidende, notabene: Ob wir angesprochen, gefesselt, berührt werden. Ob Kopf und Herz, Verstand und Gemüt inspiriert und bereichert werden. Dazu gibt es viele Wege – den von 1989 sehen wir heute Abend im Kurs.

14. März 2017

Die Sinfonie Nr. 3 c-Moll op. 78 “Orgelsinfonie” von Camille Saint-Saëns ist ein imposantes, eindrucksvolles Werk. Vor allem der Finalsatz, eingeleitet durch ein wuchtiges Maestoso und eine “klassische” sechzehntaktige und melodisch eingängige Periode, verfehlt seine Wirkung nicht. Gestern Abend nun, in unserer Kurswanderung durch die Musikgeschichte, haben wir zunächst diesen Sinfoniesatz gehört, um anschließend den 1978 erschienenen Song “If I Had Words” von Scott Fitzgerald und Yvonne Keeley auf uns wirken zu lassen.

“If I Had Words” benutzt das o. g. Hauptthema und unterlegt es mit einem Reggae-Beat. Der gesamte Song besteht ausschließlich aus den genannten sechzehn Takten, die über dreieinhalb Minuten lang ständig wiederholt werden. Text und Arrangement sind von Jonathan Hodge. Der Song kam in Großbritannien auf Platz 3 der Charts und war außerdem ein Hit in Irland, Belgien, den Niederlanden, in Skandinavien, in Australien und Neuseeland. Insgesamt wurden weltweit über eine Million Platten verkauft.

Saint-Saens

Es ist nicht weiter erstaunlich, dass sich sechzehn mehr oder weniger gleichbleibende Takte mit unterlegtem Reggae-Beat besser verkaufen als das sinfonische Original. Saint-Saëns galt zu Lebzeiten als ein eher konservativer, altmodischer Komponist. Vielleicht hätte er sich über die unerwartete Popularität fast sechzig Jahre nach seinem Tod trotzdem gefreut.

12. März 2017

Das Stadttheater Gießen spielt zurzeit Der Barbier von Bagdad von Peter Cornelius. Musik und Text bleiben unangetastet, doch die gesamte Handlung ist in ein surreales Tierreich verlegt. Der verliebte Nureddin ist eine Hummel, Gehilfin Bostana ist ein Maulwurf, der Barbier ist eine Schildkröte. Von ein paar anderen Figuren weiß man nicht so recht, was sie sind. Über die Inszenierung (Roman Hovenbitzer) verliert das Opernheft kein Wort. Die Handlung wird darin wie in jedem konventionellen Opernführer wiedergegeben, so als ob tatsächlich Der Barbier von Bagdad zur Aufführung käme.

Doch die Gießener machen aus einer liebenswerten Komödie eine absurd-clowneske Posse, die keinen nachvollziehbaren Transfer des Originals erkennen lässt. Schlüsselszenen der ursprünglichen Handlung werden bagatellisiert oder bleiben unsichtbar, das Beziehungsgeflecht der handelnden Personen (jetzt Tiere) wird kaum wiedergegeben. Das bunte Bühnenbild und die schrillen Kostüme geben der imaginären Wald- und Wiesenfauna sämtliche Alibis, die sie für ihre Aktionen benötigt, welche zumeist willkürlich und beliebig kreiert werden. Was das Publikum über zwei Stunden lang ertragen muss, ist ein bemerkenswerter Etikettenschwindel, der den Barbier von Bagdad bis zur Unkenntlichkeit entstellt und durch alberne Abwegigkeiten zum Klamauk verkommen lässt. Einige musikalisch gut gelungene Passagen, ein paar schöne Töne reichen da als Entschädigung nicht. In der Pause gibt’s Sekt, das hilft ein bisschen.

10. März 2017

Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt.
Mahatma Gandhi

Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird dir sein, als leuchten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können.
Antoine de Saint-Exupéry, Der kleine Prinz

8. März 2017

In der Erwartung, für einen ganzen Spielfilm zu müde zu sein, habe ich gestern Abend den Spielfilm Letzter Moment (NDR/Arte 2009) zur Aufnahme programmiert. Ich habe die ersten Minuten gesehen, dann die erste halbe Stunde, schließlich den ganzen Film. Sathyan Ramesh (Buch und Regie) erzählt die Geschichte von Isabel (Ulrike C. Tscharre), die sich kurz vor ihrer Hochzeit in einen fast vierzig Jahre älteren Mann (Matthias Habich) verliebt, trotzdem heiratet, dann aber ihre eigene Hochzeitsfeier im Augenblick der Erkenntnis verlässt. Bei der ersten Begegnung ihres neuen Freundes mit ihren Eltern erkennen sich der Liebhaber und Isabels Mutter wieder. Sie waren vor Jahrzehnten ein Liebespaar, sahen sich seither nicht, doch haben einander nie vergessen. Das ist der Ausgangspunkt für alle Beteiligten, unzählige Fragen zu stellen, ohne die meisten von ihnen wirklich zu benennen. Sind viele gemeinsame, vertraute und geräuschlose Jahre mit wenig Liebe besser als wenige, unwägbare und problematische Jahre mit viel Liebe? Was ist wirklich wichtig, worauf kommt es an?

Letzter Moment ist ein sehr lebenskluger, sensibler und poetischer Film, in dem Ulrike C. Tscharre und Matthias Habich absolut herausragend agieren. “Habichs Mundwinkel und Tscharres Augen drücken mehr aus, als die meisten deutschen Schauspieler vermögen. Ich liebe diesen Film! Lasst euch verzaubern!”, lautet ein Kommentar auf TV Spielfilm. Und eure Müdigkeit wird verfliegen, füge ich hinzu.

6. März 2017

Tatort Logo.

Vor ein paar Tagen lief im NDR-Fernsehen die Wiederholung des Tatorts “Weil sie böse sind” (2010). Keine herausragende Folge, aber immerhin prominent besetzt, u. a. mit Markus Boysen (der leider früh ermordet wird), Peter Lerchbaumer (der leider zu wenig Text hat) und Matthias Schweighöfer (der leider den Kasperl gibt, obwohl er das Krokodil ist). Der Film beginnt mit einer minutenlangen Sequenz, welcher das Allegretto aus Beethovens 7. Sinfonie unterlegt ist. Währenddessen – wir sind sozusagen noch im Vorspann – lesen wir, wer die zuständigen Personen für Szenenbild, Schnitt, Ton, Kamera etc. sind. Für die Musik wird Fabian Römer genannt. Noch immer läuft Beethoven, der ungenannt bleibt und auch im Abspann keine Erwähnung findet. Wer das Stück kennt und den Komponisten noch dazu, der mag sich wundern. Am Schluss dann die Aufklärung: Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten mit realen Personen wären rein zufällig.

Pause bis zum 5. März 2017

24. Februar 2017

Richtig, das Foto zeigt Georg Friedrich Händels Wohnhaus in London, heute das Handel House Museum in 25 Brook Street, London. In diesem Haus lebte Händel von 1723 bis zu seinem Tod im Jahr 1759. Der 23. Februar ist Händels Geburtstag. Normalerweise begehe ich diesen Tag mit Earl Grey und Shortbread. Gestern gab’s stattdessen heiße Zitrone und Hühnersuppe, erkältungsbedingt. John Mainwaring, Händels erster Biograf, verschweigt übrigens den allgemein bekannten, übermäßigen Appetit des Meisters nicht und bestätigt dessen “beständige und reichliche Versorgung mit Lebensmitteln”. Über Händels Essgewohnheiten bei grippalen Infekten äußert er sich nicht. Aber Kapaune, Schinken, Austern und Liköre ließen sich schon damals recht gut eine Weile lang aufbewahren.

23. Februar 2017

Frage des Tages:
Was ist auf dem Bild zu sehen? Einsendungen bitte per E-Mail. Es gibt was zu gewinnen, versprochen.

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(Foto: Andreas Praefcke)

21. Februar 2017

Fürst Leopold von Anhalt-Köthen war Dienstherr, Freund und Förderer von Johann Sebastian Bach. Leopold hatte als dilettierender Gambist den Wunsch, sich hier und da mit einfachen Partien an gemeinsamer Kammermusik zu beteiligen. So enthält das Brandenburgische Konzert Nr. 6 eine recht leichte Gambenpartie. Zwar gehen die Anforderungen über das Spielen leerer Saiten hinaus, doch sind insgesamt die technischen Hürden wahrlich nicht hoch. Bach hat seinem Arbeitgeber dessen Herzenswunsch gerne erfüllt. Unter Verzicht auf die Mitwirkung von Violinen gestaltete er die übrigen Stimmen umso kunstvoller und verhalf dem Konzert zu einer Sonderstellung innerhalb der ganzen Sammlung.

Auch von Mozart wissen wir, dass er mit seinem Konzert in F-Dur für drei Klaviere und Orchester KV 242 einer befreundeten Salzburger Familie ein besonderes Geschenk “zum Mitspielen” machte. Komponiert ist das Werk für die Gräfin Antonia Lodron und ihre beiden Töchter Aloisia und Josepha. Insbesondere der dritte Klavierpart ist sehr leicht, so dass in einer Aufnahme aus dem Jahr 1981 der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt die Stimme übernehmen konnte, im Zusammenspiel mit Christoph Eschenbach und Justus Frantz an den übrigen Klavieren.

Bleibt die Frage, wer heute den Zelebritäten dieser Welt etwas zum Mitspielen schreiben könnte. Und wer die Klasse hätte, sich dessen würdig zu erweisen, nicht nur musikalisch.

19. Februar 2017

Der Mensch will beschäftigt sein. Darum muss viel sprechen, wer wenig denkt.
Luc de Clapiers, Marquis de Vauvenargues (1715 – 1747)

17. Februar 2017

Logo Swan Inn

Point Rd, Little Haven
Haverfordwest SA62 3UL
UK

Erinnerungen. Die Tage verbringen wir mit langen Küstenwanderungen entlang des Pembrokeshire Coast Paths, mit Ausflügen nach St. Davids, Porthgain oder Tenby. Wir besuchen Kirchen und Museen, Antiquariate, Häuser und Gärten des National Trust. Wir bestellen Cream Tea mit Scones, Clotted Cream und Strawberry Jam, kaufen einen Kalender fürs nächste Jahr, ein paar Postkarten. Vor dem Abendessen gehen wir auf ein Bier ins Swan Inn, früher eine spelunkige Schmugglerkneipe, heute ein ambitionierter Pub mit entsprechender Speisekarte. Zum Essen gehen wir ins Castle, das ist nicht ganz so fein, dafür erschwinglich und mit sehr nettem Personal. Ob Tom, der aussieht wie der junge Burt Lancaster, noch dort arbeitet? No worries. Boondoggle. Any excuse.

16. Februar 2017

Heute geht es im Filmmusik-Kurs um leitmotivische Technik. Am Beispiel von Once Upon A Time In The West (“Spiel mir das Lied vom Tod”) werden wir sehen und hören, wie jede der handelnden Personen eine eigene musikalische Signatur erhält und somit auf akustischem Wege Hinweise gegeben werden, die von der Leinwand selbst nicht ausgehen. Richard Wagner lässt grüßen – schon in dessen Musikdramen steht das Liebespaar auf der Bühne, aber aus dem Orchestergraben erklingt die Musik des Rivalen. Das Glück ist bedroht – nicht sichtbar, aber unüberhörbar! Wir Zuschauer sind dem Liebespaar voraus, wir wissen mehr, wenigstens im Theater…

In den folgenden Wochen kümmern wir uns dann um verschiedene Arten der Filmmusik – nicht zu verwechseln mit Musik im Film, wie z. B. in Out of Africa (“Jenseits von Afrika”) mit dem 2. Satz aus Mozarts Klarinettenkonzert oder Monsieur Hire (“Die Verlobung des Monsieur Hire”) mit dem Finale aus dem Klavierquartett von Brahms. Auch eklektizistische Techniken werden wir behandeln, Paradebeispiel ist Hannah and her Sisters (“Hannah und ihre Schwestern”) von und mit Woody Allen. Ganz wunderbar ist hier die Taxiszene mit dem Anfang aus Puccinis “Madame Butterfly” – Fugato gleich Verstrickung, besser geht’s nicht. Ein Film mit Bach, Oper und Jazz, und das mit Mia Farrow, Barbara Hershey, Michael Caine und Max von Sydow. Ein Meisterwerk! Damit nicht genug – Le Roi danse (“Der König tanzt”) aus der Gattung Historienfilm mit der Originalmusik von Lully ist sozusagen ein Pflichtstück, ebenso wie The Innocents (“Schloss des Schreckens”) aus der Abteilung Horrorfilm – hier besteht die Musik aus einer unbegleiteten, übersetzt schutzlosen Kinderstimme, solo und a capella in einem Gruselschloss, wie wunderbar! Und, nicht zu vergessen: Vivement dimanche! (“Auf Liebe und Tod”), der letzte Film von François Truffaut, aus der Sparte Kriminalkomödie mit der Musik von Georges Delerue.

15. Februar 2017

Nach einer neuen Veröffentlichung des Statistischen Bundesamts musizieren gegenwärtig über drei Millionen Menschen in Deutschland in einem Chor, einem Instrumentalensemble oder einem Orchester. Nur knapp 70.000 davon sind Profis. Im Zusammenhang mit der steigenden Nachfrage nach Musikunterricht beschreibt Claudia Wanner vom Verband Deutscher Musikschulen (VdM) die Suche nach qualifizierten Lehrern als problematisch. Viele Fachlehrkräfte sind nicht für die Breitenausbildung zu gewinnen, so der Befund, und wollen vorrangig auf die Bühne. Und außerdem: “Lehrer an Musikschulen verdienen zu wenig.” So schlicht, so wahr.

Die seit geraumer Zeit am stärksten boomende Gruppe ist übrigens die der Senioren, die ihr früher einmal gelerntes Instrument auffrischen und dann in sogenannten “Silberlocken-Orchestern” ihren Spaß haben. Und die, die einfach mehr über Musik wissen wollen und sich weiterbilden in Seminaren zur Musikgeschichte, in Hörkursen, auf Opern- und Konzertreisen sowie in konzertpädagogischen Veranstaltungen.

13. Februar 2017

Plácido Domingo soll einmal gesagt haben, die Partie des Don José in Bizets Oper Carmen sei seine Lieblingsrolle, da die Darstellung des Verlustes von Selbstachtung und Selbstwertgefühl des verzweifelten Liebhabers in keiner anderen Oper ähnlich eindrucksvoll sei. Vielleicht hat der gute Plácido das tatsächlich gesagt, es wäre durchaus nachvollziehbar. Doch Vorsicht, nach einer anderen Quelle soll er gesagt haben, er habe keine Lieblingsrolle: “Das ist, als fragte man die Eltern einer spanischen Großfamilie, welches ihr liebstes Kind ist. Man liebt sie alle. Aber die wichtigste Rolle ist immer die, die ich gerade singe. Ihr gehört meine ganze Kraft und Energie.”

Das hört sich ebenfalls gut an. Wahrscheinlich hat er sowohl das eine als auch das andere gesagt. Wer jahrzehntelang Interviews gibt, der sagt halt viel, und auch schon mal das Gegenteil. Wie auch immer, wir hören heute den ersten Akt der Carmen aus der legendären Aufführung der Wiener Staatsoper 1978 (R.: Zeffirelli; Domingo, Obraztsova, Buchanan; Kleiber). Eine Sternstunde der Oper! Der Schlussbeifall nahm die Länge der ganzen Oper an, glaubt man dem damaligen Kritiker der Süddeutschen Zeitung. Wahrscheinlich stimmt es, wie auch das Gegenteil.

10. Februar 2017

Vettriano The Temptress
Jack Vettriano, The Temptress

Besonders aufregend und lange in Erinnerung sind Situationen, in denen unklar, aber entscheidend ist, wodurch die empfundene Verführung entsteht und ob wir ihr nachgeben werden. Manche Fragen stellen sich zur Unzeit.

9. Februar 2017

Die 1997 bei EMI Classics erschienene DVD mit Schuberts Streichquartett Nr. 14 “Der Tod und das Mädchen” enthält außer der fantastischen Aufnahme mit dem Alban Berg Quartett auch Bonusmaterial. Neben diversen Kommentaren zur Komposition sowie zur Interpretation und Gestaltung sind Unterrichtssituationen mit dem damals sehr jungen Artemis Quartett zu sehen. Sehr schön daran ist, dass auch Laien erkennen, besser gesagt erhören können, wie sich kleinste dynamische oder agogische Veränderungen auswirken und – je nach Dosierung – schnell zu viel oder zu wenig des Guten getan werden kann. Als “special guests” sind obendrein noch Julia Varady (Sopran) und Dietrich Fischer-Dieskau (Klavier) zu hören. Bei aller Wertschätzung für Frau Varady, aber so gut wie jeder hätte sich wohl eine sängerische Interpretation von Fischer-Dieskau gewünscht. Dass er sich stattdessen ans Klavier setzt, ob aus eigenem Entschluss oder auf Wunsch der Produktionsfirma, ist nichts weiter als snobistisch und für die erwartungsvolle Zuhörerschaft schlicht enttäuschend.

6. Februar 2017

Hin und wieder übernehme ich vertretungsweise Orgeldienste, so auch gestern. Manchmal ist das ganz schön, je nach Instrument, Kirche, Gemeinde und Tagesform. Gestern ist zunächst das Notenbuch mit den Liturgieabläufen nicht zu finden. Dann ist die Pfarrerin erkältet und will nicht singen, ich soll das bitte übernehmen. Dann eine lange Predigt über Moses in der Wüste. Ich bekomme Durst, wahrscheinlich fehlt mir deswegen beim Postludium die Inspiration. Es wird eine Improvisation im Schröder-Stil, etwas sperrig und mit vielen Quartparallelen. Ich höre mit einer leeren Quinte auf, mehr fällt mir nicht ein.

Im Fitness-Studio schaffe ich 30 Minuten auf dem Stepper ziemlich problemlos, mein Puls ist im grünen Bereich. Ich hänge noch ein paar Einheiten für Muskeln und Gelenke an. Zu Hause freue ich mich auf einen entspannten Nachmittag und mache Kaffee. Auf Kuchen verzichte ich, schließlich will ich die verlorenen Kalorien nicht gleich wieder draufschaffen. Ich stehe am Küchenfenster und sehe in den blauen Himmel. Swansea verliert in der Nachspielzeit. Irgendwie hält man immer mit den Falschen, sage ich. Nein, antwortet meine Tochter, du hältst mit den Richtigen. Die verlieren nur oft.

4. Februar 2017

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das erröten kann. Es ist aber auch das einzige, was Grund dazu hat.
Mark Twain (1835 – 1910)

2. Februar 2017

Heute beginnen wir mit einem neuen Filmmusik-Seminar, das bis zu den Sommerferien laufen wird, ggf. auch länger. Wir wollen uns mit einigen Kompositionstechniken vertraut machen, den Einsatz von Instrumenten oder Instrumentengruppen untersuchen (gelten eigentlich immer die gleichen Regeln für Krimis, Western, Liebesfilme, Sozialdramen etc.? – natürlich nicht!), klangliche Vorbilder zum Vergleich heranziehen (besonders die Freunde von Wagner, Debussy und Strawinsky kommen hier auf ihre Kosten) und uns im weiteren Sinne mit der Frage beschäftigen, welche Funktionen Filmmusik hat und welche Wirkungen sie erzeugen kann.

Psycho Logo

Standesgemäß beginnen wir mit Psycho (USA 1960). Eine der Fragen wird sein, warum Hitchcock den Mord unter der Dusche ausgerechnet mit brutaler Begleitung der Streicher gedreht hat, wo diese doch üblicherweise den Verliebten zu Hilfe kommen. Hier schon mal die Auflösung für die, die heute nicht kommen können: Hitchcock wollte die Szene ursprünglich ganz ohne Musik drehen, aber Komponist Bernard Herrmann konnte ihn von den Streichern überzeugen (oder überreden). Wir wissen, dass Hitchcock in einem seiner früheren Filme einmal eine Szene drehte, in der ein Rettungsboot auf hoher See treibt. Hitchcock wollte die Szene völlig ohne Musik drehen und stellte die rhetorische Frage, wo denn um Himmels willen die Musik mitten auf dem Ozean herkäme. Komponist David Raksin war um eine Antwort nicht verlegen: “Fragen Sie Hitchcock, woher die Kamera kommt, und ich sage ihm dann, woher die Musik kommt.”

31. Januar 2017

Mit Franz Schubert komme ich in meinen Kursen eigentlich nie ungelegen. Heute, an seinem 220. Geburtstag, hatte ich seine große C-Dur Sinfonie dabei (“statt Blumen”, wie eine Teilnehmerin sagte), in einer Aufnahme des Europakonzerts der Berliner Philharmoniker unter Riccardo Muti aus dem Jahr 2009. Der Austragungsort, das Teatro di San Carlo in Neapel, ist seit meinem dortigen Besuch im letzten Sommer ohnehin etwas Besonderes für mich. Doch auch ohne dieses außergewöhnliche Ambiente wäre das Hören und Sehen wieder ein Erlebnis gewesen. Es ist einfach eine großartige Musik und – bei aller Bewunderung für Schubert – selbst für diesen Komponisten eine herausragende Komposition. Und Riccardo Muti dirigiert ganz unaufgeregt, sehr ökonomisch und in gutem Sinne streng. Sehr angenehm, sowohl für die Musiker als auch für das Publikum!

30. Januar 2017

Mit einer spektakulären Matinee von La Moresca gehen gestern die 2. Wetzlarer Improvisationstage zu Ende. Mit seinem Crossover-Programm “The Lady’s Cup of Tea” begeistert das Ensemble für Alte Musik sowohl Liebhaber höfischer Barockmusik als auch Anhänger irisch-keltischer Folklore. Technisch auf herausragendem Niveau, begleitet von Spielwitz und hoher Improvisationskunst bescheren die Akteure dem Publikum einen gleichermaßen eigenwilligen wie außergewöhnlichen Hörgenuss. Dazu stellen die Musiker in launigem Ton ihre Instrumente vor, darunter Theorbe, Erzlaute und keltische Harfe. Das Publikum hat nach über zwei Stunden noch immer nicht genug und erzwingt mit stürmischem, lang anhaltendem Beifall zwei Zugaben.

La Moresca Kopie
(Foto: Andreas Müller)

Etwa eine Stunde nach Konzertschluss erhalte ich diese SMS einer Besucherin: “Welch ein glücklich machender Sonntagmorgen. Hätte am liebsten gleich einen Flug nach Irland gebucht. Vielen Dank.”

An den zwei Tagen zuvor sorgen das Berliner Ensemble Bassa und die Gießener Gruppe QuadrArt für ungewohnte Klänge. Bassa präsentiert mit seinem Programm “Tango Azul” Tanzmusik auf der Grenze zwischen Komposition und Improvisation. Musik zur blauen Stunde, zu hören in Salons und Bars, nachts oder frühmorgens, traumverloren und melancholisch. Der Wetzlarer Schwarz-Rot-Club ist mit zehn Tanzpaaren vertreten. Ihnen ist das Vergnügen anzumerken, sich nach dieser besonderen Musik bewegen zu können. Das Publikum zieht es dagegen vor, lieber nur zuzuhören. Die Einladung zum Mittanzen schlägt es aus. Vielleicht ist die Musik einfach zu schön.

QuadrArt verzichtet bei seiner experimentellen Musik auf traditionelle Parameter wie Harmonie oder Melodie. Die Klänge sind stark rhythmisch geprägt und leben von einer großen dymamischen Bandbreite. Die Tonerzeugung ist zuweilen kalkuliert verrrückt. Klaviertasten werden auch schon mal mit der Nase betätigt, der Saxofonist bläst zwei Instrumente gleichzeitig, der Cellist streicht und zupft nicht nur, sondern reibt, streichelt und massiert. Dazu entstehen großformatige Leinwandbilder von Valentin Gerstberger mit unterschiedlichsten Farbkompositionen. Klangfarbe, Farbklang. Assoziative Bilder zu spontaner, im selben Moment kreierter Musik. Das Ganze geht über zweieinhalb Stunden, und zu jeder Zeit sind alle Malplätze besetzt. Wunderbar!

27. Januar 2017

Gestern Abend, Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule, erstes Konzert der diesjährigen Wetzlarer Improvisationstage. Das Berliner context-Ensemble ist zu Gast und bietet eine eigenwillige Mixtur aus Tönen, Texten, Klängen und Geräuschen, überwiegend leise und geradezu hörerziehend. Wer sich öffnen kann für die Wahrnehmung verhangener, verschütteter Zwischentöne, für die Wirkung von versonnener Nachdenklichkeit und Stille, der kommt unbedingt auf seine Kosten. Wenige eruptive und nicht antizipierbare Passagen, zumeist perkussiv und klaviergestützt, sind zuvor ungehörte Kontraste zu abgetönten, suchenden und beinahe sedativen Klängen. Ein Abend für Wache und Hörwillige. Und für die, die buchstäblich die Ruhe weg haben und sie nur zu gerne wiederfinden würden.

26. Januar 2017

Vor gut zwei Wochen habe ich hier auf The Hidden Heart hingewiesen, eine DVD-Dokumentation über Leben und Werk von Benjamin Britten. Seitdem haben wir uns in mehreren Kursen mit Peter Grimes beschäftigt, dem 1945 uraufgeführten und stürmisch bejubelten Opernerstling Brittens. Im Anschluss an den heutigen Vormittagskurs sagte eine Teilnehmerin, dass sie noch niemals zuvor von einer Oper so berührt gewesen sei wie von Peter Grimes (wir haben die gemeinsame Produktion von BBC und English National Opera aus dem Jahr 1994 gesehen). Eine schönere Bestätigung kann es kaum geben, sowohl für das Werk als auch für die eigene Arbeit!

Das Hessische Staatstheater Wiesbaden bringt Peter Grimes ab dem 4. Februar in einer Neuinszenierung auf die Bühne. Für die Vorstellung am 18. Februar haben sich bereits 12 Kursteilnehmende zum gemeinsamen Opernbesuch angemeldet.

25. Januar 2017

Spätestens seit Match Point (2005) bin ich ein Bewunderer der Schauspielkunst von Scarlett Johansson. Sie spielt in dem Melodram (oder ist es ein Thriller?) hochsensibel und treffsicher auf der gesamten Klaviatur von Schuld und Sühne und Glück und Zufall und Liebe und Tod. Johanssons außergewöhnliche Performance kam nicht zuletzt durch die Inspiration und das Encouragement von Woody Allen zustande. Match Point ist einer der besten Filme Allens, wenn nicht sein bester. Scarlett Johansson hat seither noch viele Filme gedreht, in einigen davon ist ihre Ausstrahlung ähnlich intensiv wie in Match Point.

Scarlett Johansson
(Foto: Elen Nivrae)

Johanssons Engagement für Entwicklungshilfe und soziale Gerechtigkeit sowie für Umwelt- und Schulprojekte ist seit Jahren bekannt. Hätten wir nicht ohnehin schon lange große Sympathien für sie gehegt, wäre es jetzt so weit gewesen, nach ihrer Rede beim Women’s March in Washington im Anschluss an die Amtseinführung von US-Präsident Trump.

“President Trump, I did not vote for you. That said I respect that you are our president-elect and I want to be able to support you. But first I ask that you support me. Support my sister. Support my mother. Support my best friend and all of our girlfriends. Support the men and women here today that are anxiously awaiting to see how your next moves may drastically affect their lives.”

24. Januar 2017

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Improvisation – das ist, wenn niemand die Vorbereitung merkt.
François Truffaut (1932 – 1984)

23. Januar 2017

Puppenspieler, König.

König: “Puppenspiel – ist das schwer?”
Puppenspieler: “König ist schwerer.”
König: “Und dennoch will er es werden?”
Puppenspieler: “Gestattet Ihr mir eine Frage, Hoheit? Seht Ihr die Vögel? Wie sie glücklich durch die Lüfte tanzen?
Was wäre dabei, wenn Eure Töchter es ihnen gleichtäten?”
König: “Wir trauern um die verstorbene Königin.”
Puppenspieler: “Ja, das weiß ich wohl. Aber auch, dass das Leben weitergeht.”
König: “Seines vielleicht nicht, Puppenspieler.”
Puppenspieler: “Dann wünsch ich mir, dass auf meinem Grab getanzt wird.”
König: “Nutze er die Nächte, die ihm noch bleiben.”

Die zertanzten Schuhe (Ljubek, David, Hallervorden u. a.; R.: Eißler. ARD 2011)

22. Januar 2017

Gestern habe ich im Gießener Kinopolis Roméo et Juliette von Charles Gounod gesehen, live aus der Metropolitan Opera. Es war mein erster Versuch, Oper im Kino zu erleben. Am Ende, nach gut drei Stunden, bin ich mit sehr zwiespältigen Gefühlen heimgefahren, was mit der Aufführung selbst nichts zu tun hat. Nebenbei: Diana Damrau war eine exzellente Juliette, Vittorio Grigolo ein mehr als überzeugender Roméo, Dirigent Gianandrea Noseda sorgte für differenzierte Orchesterklänge. Die Nebenrollen waren gut bis ordentlich besetzt, der Chor agierte präsent und sicher. Die Inszenierung ging keine Risiken ein, auch Ausstattung und Kostüme waren konventionell und ohne Verschreckungspotential.

Oper im Kino, live aus der Met. Für € 31,50 hat man einen schönen Platz, sitzt darauf auch bequem und sieht und hört gut. Letzteres allerdings nur, wenn die Tontechnik die Voraussetzungen dazu schafft. Mit viel Fantasie kann man sich vielleicht eine Weile lang einbilden, wirklich in der Met zu sein. Wenn das Bild wackelt oder ganz stehen bleibt, wie etwa zwanzig Minuten vor Schluss geschehen (da wechselten auch die Untertitel von deutsch zu englisch), wird es mit der Autosuggestion schon schwieriger. Dann kann man sich immer noch vergegenwärtigen, dass ein Großteil des Publikums fein angezogen ist, wie in der Oper eben. Es gibt vorher und während der Pause (gegen Vorbestellung!) Sekt, Wein oder sonstige Getränke. Man darf die Gläser sogar mit zum Platz nehmen, was in der Oper gottseidank nicht erlaubt ist. Wir sind im Kino, vergessen wir das nicht. Es ist größer als das heimische Wohnzimmer, und man ist unter Leuten, immerhin. Ansonsten ist es Oper im Kino, das so tut, als sei es die Oper. Das ist wie teure Tütensuppe oder Premium Wandtapete “Backstein”. Lassen wir’s dabei.

20. Januar 2017

Ich glaube nicht, dass ich in meinen Beziehungen zu den Sängern übermäßig eitel gewesen bin. Bei der alljährlichen Rückkehr von Birgit Nilsson an unser Haus zelebrierte ich jedesmal das Ritual, dankbar vor ihr auf die Knie zu fallen. Nachdem ich 1971 in den Adelsstand erhoben worden war, kommentierte sie: “Sie machen das viel besser, seit Sie es für die Königin geübt haben.” Einmal fielen Bon Herman und ich gemeinsam auf die Knie, um Franco Corelli anzuflehen, bei einer Vorstellung in Cleveland für den erkrankten Carlo Bergonzi einzuspringen. Allerdings stellte sich heraus, dass wir an die falsche Zimmertür geklopft hatten. Eine ältere Dame streckte den Kopf heraus und erblickte zu ihrem Erstaunen zwei Männer, die auf dem Läufer vor ihrer Tür auf den Knien lagen.

Ich gestattete Joan Sutherland, uns ihren Mann als Dirigenten vorzuschreiben, und erlaubte Renata Tebaldi, uns zu einer Neuinszenierung von “Adriana Lecouvreur” zu zwingen, eine Oper, die ich verabscheue. Frau Tebaldi war immer sehr liebenswürdig und sehr hartnäckig; ich plegte zu sagen, sie habe Grübchen aus Eisen.
Sir Rudolf Bing (1902 – 1997), aus “5000 Abende in der Oper”

Sir Rudolf Bing war von 1950 bis 1972 Generalmanager der Metropolitan Opera in New York.

19. Januar 2017

Gestern Abend haben wir uns, wie jeden Mittwoch, im Kreis der Opernfreunde getroffen und uns Donizettis Lucia di Lammermoor angesehen. Die Aufnahme aus der Metropolitan Opera aus dem Jahr 1983 zeigt Joan Sutherland in der Titelpartie auf der Höhe ihrer Gesangskunst, Alfredo Kraus ist ein fast ebenbürtiger Edgardo. Richard Bonynge am Pult wählt zumeist frische Tempi und kommt damit den Bühnenakteuren sehr entgegen. Die Inszenierung ist eher konventionell und unspektakulär, Kostüme und Ausstattung sind dagegen opulent und treffen den Geschmack derjenigen, die es gern üppig bis protzig mögen. Donizettis Kunstgriff, in der “Wahnsinnsarie” die Flöte im Orchestergraben sozusagen als Alter ego der um den Verstand gebrachten Lucia zum Einsatz zu bringen, ist ein kompositorisches Bravourstück der gesamten Belcanto-Epoche.

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Gaetano Donizetti, Lithografie von Joseph Kriehuber (1842)

Dem vernichtenden Urteil meines Dirigierlehrers zur Studienzeit (“Über Donizetti kann man sagen: Die Callas hat das toll gesungen”) habe ich schon damals widersprochen, und zwar nicht wegen der Callas. Weder mein Lehrer noch ich kannten alle 71 Opern, die für Donizetti nachweisbar sind (das wird sich bis heute kaum geändert haben). Das gesamte Œuvre geht weit über Lucia di Lammermoor, L’elisir d’amore, La fille du régiment oder Don Pasquale hinaus. Maria Stuarda, Anna Bolena, Lucrezia Borgia und La favorite, um nur wenige weitere Opern zu nennen, sind dafür bekannte Belege mit zahllosen Aufführungen in allen großen Opernhäusern der Welt. Es dürfte dabei kaum der Anspruch ehemaliger wie heutiger Operndiven oder Startenöre gewesen sein, ihre herausragenden Stimmen an wertlose Partituren zu verschwenden.

17. Januar 2017

Das ist wahrscheinlich eine Naturerscheinung: dass man konservativer wird. Man erwärmt sich automatisch immer weniger für die Zukunft, weil man fürchtet, die Zukunft werde nur eine negative Steigerung der Gegenwart sein.
Max Goldt

15. Januar 2017

Vor genau fünfzehn Jahren, im Januar 2002, spielte das Norsk Barokkorkester unter Rolf Lislevand in Oslo den Zyklus Lachrimae von John Dowland ein, dazu sechs Lieder zusammen mit der Mezzosopranistin Randi Stene. Dowlands Pavanen sind kunstvollste und weltberühmte Beispiele hochemotionaler, melancholischer Instrumentalmusik. Entstanden sind die Stücke wahrscheinlich zu Anfang des 17. Jahrhunderts während Dowlands Zeit am dänischen Königshof unter Christian IV. Dem Norsk Barokkorkester war fraglos bewusst, welche Maßstäbe Dowland hinsichtlich der Faktur wie des Ausdrucksgehaltes mit Lachrimae gesetzt hat. Ebenso dürften dem Ensemble andere Einspielungen namhafter Ensembles bekannt gewesen sein. Gleichwohl oder gerade deswegen ist den norwegischen Musikern eine mitreißende, aufwühlende Interpretation gelungen. Die Aufnahme ist ein einziges Plädoyer der Leidenschaft, technisch herausragend und dabei von atemberaubender Regel- und Zügellosigkeit der Gestaltung. Eine im besten Sinne unbeherrschte Aufnahme, wie sie nur jemand zustande bringt, der mit den Abgründen, Maßlosigkeiten, Verzweiflungen und Seelenqualen der Liebe bestens vertraut ist. Kein Wunder, dass die CD nur noch schwer zu bekommen ist. Wer die Gelegenheit hat, sollte sie unbedingt nutzen.

Lachrimae CD

13. Januar 2017

Zerbrochene Spiegel, unter der aufgestellten Leiter durchgehen, schwarze Katze von links, Salz borgen oder verschütten, Freitag, der 13…. Was sind die Ursprünge dieser vermeintlichen Unheilsboten?

Freitag der 13.

Das Spiegelbild steht für die Seele desjenigen, der hineinschaut. Wenn der Spiegel bricht – also die Seele – braucht sie sieben lange Jahre, um wieder zu heilen. – Mit dem Durchschreiten einer aufgestellten Leiter fordert man das Schicksal heraus. Man verletzt die heilige Form des Dreiecks, das geometrische Zeichen für die Dreieinigkeit, die Trinität. – Salz borgen bringt Pech, beim Verschütten droht Streit. Dieser Aberglaube stammt aus der Zeit, als die weißen Körnchen noch sehr kostbar waren – der Verlust von Salz war also ein Unglück. – Wenn eine schwarze Katze unseren Weg kreuzt, dann hoffentlich von rechts. “Links” nämlich bedeutet im Volksglauben die Seite des Bösen oder Unheilvollen – die Ausdrücke “linker Vogel” oder “links liegen lassen” werden so verständlich.  – Ja, und beim letzten Abendmahl saßen dreizehn Menschen am Tisch – der 13. war der Verräter Judas, und Jesus wurde an einem Freitag gekreuzigt. Adam und Eva sollen übrigens freitags in den verbotenen Apfel gebissen haben. Das hat zur Vertreibung aus dem Paradies gereicht, da hat es dann Spiegel, Leitern, Salz und schwarze Katzen nicht mehr gebraucht.

11. Januar 2017

Die DVD-Dokumentation The Hidden Heart (EMI Classics, 2009) stellt drei große Werke des englischen Komponisten Benjamin Britten (1913 – 1976) in den Mittelpunkt, Peter Grimes, War Requiem und Death in Venice. Familienangehörige, Sänger, Musikkritiker und weitere Zeitzeugen erinnern sich an ihre Begegnungen mit Britten, an Konzerte, Gespräche und Schriftwechsel, und geben einen Einblick in die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit. Das künstlerische Schaffen Brittens wird – konzentriert auf die genannten Werke – ebenso dargestellt wie die persönliche Beziehung Brittens zu dem Tenor Peter Pears. Der Titel der DVD verweist darauf, dass beide Künstler sich zu ihrer Liebe nicht öffentlich bekennen durften – Homosexualität, dazu noch begleitet von Pazifismus, wurde von der damaligen englischen Gesellschaft mehrheitlich abgelehnt. The Hidden Heart ist ein gleichermaßen liebevolles, verständiges wie berührendes Porträt Benjamin Brittens, dieser bedeutenden Künstlerpersönlichkeit des 20. Jahrhunderts, seines Schaffens und seiner Welt. Sehr empfehlenswert, nicht nur für Britten-und Pears-Fans!

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9. Januar 2017

Ist man verliebt, so meinte einst Victor Hugo, so ziehen Sterne durch die Seele. Über Sternschnuppen, die zwar hell, aber nur kurz leuchten und dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden, hat er nichts gesagt. Dabei sind Sterne, die lange durch die Seele ziehen, doch eher selten und lassen bisweilen den Verdacht aufkommen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Vor allem, wenn sie auch nach längerer Zeit noch mit unverminderter Leuchtkraft strahlen.

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Zwei Regeln habe das Leben, sagt Geheimrat Schlüter in Erich Kästners Drei Männer im Schnee (1955): “Zwei und zwei ist vier, und auf Frauen muss man warten.” Eigentlich ist der olle Schlüter nicht nur ein sympathischer, sondern auch kluger Kerl, doch hier sind seine Aussagen problematisch. Arithmetik ist Berechnung, also unsicher, und warten muss man nur auf Sterne, die durch die Seele ziehen. Auf Fixsterne wartet man dabei besonders lange, doch manchmal lohnt es sich.

7. Januar 2017

Gestern, auf dem Weg zur Universitätsklinik Gießen, bin ich an einem Hinweisschild mit der Aufschrift “Studierendencafé” vorbeigekommen. Von meinem Sohn weiß ich, dass er einen “Studierendenausweis” hat, anders als ich früher, der ich einen Studentenausweis hatte. Während der Fahrt habe ich mich gefragt, ob es nun auch Beifahrendensitz und Nichtschwimmendenbecken heißt. Und ob es in Schulen jetzt Lehrendenzimmer gibt (Raucherzimmer ja wohl nicht mehr, aber vielleicht Rauchendenzimmer?) und Lernendentoiletten? Oder Schüler/-innentoiletten, Schüler*innentoiletten oder SchülerInnentoiletten? (Schüler-Innentoiletten, haha!) Benutzen Bauhandwerkende (!) jetzt Mauerndenkellen? Und muss man jeden Quatsch mitmachen?

5. Januar 2017

Den zu Silvester 2015 gefassten Vorsatz, im neuen Jahr mindestens einmal pro Monat in die Oper zu gehen, habe ich 2016 in die Tat umgesetzt. Gesehen und gehört – in manchen Fällen muss ich sagen “erlebt” – habe ich Xerse von Cavalli in Caen, Tosca von Puccini in Essen, Die weiße Dame von Boieldieu in Gießen, Rigoletto von Verdi in Mainz, Boris Godunow von Mussorgsky in Wiesbaden, Der goldene Hahn von Rimski-Korsakow in Düsseldorf, La Calisto von Cavalli in Darmstadt, La Juive von Halévy in Mannheim, Aida von Verdi in Neapel, Benvenuto Cellini von Berlioz in Köln, Jephte von Händel in Amsterdam und Ezio von Gluck in Frankfurt am Main.

Für 2017 gilt der gleiche Vorsatz, und drei Vorstellungen habe ich für das Fühjahr bereits fest geplant: Les Troyens von Berlioz in Frankfurt (März), Il ritorno d’Ulisse in patria von Monteverdi in Dijon (April) und The Rake’s Progress von Strawinsky in Frankfurt (April).

Tipp: An der Staatsoper im Schillertheater Berlin hat King Arthur von Purcell am 15. Januar Premiere (Leitung René Jacobs), ein Workshop für Erwachsene findet dazu am kommenden Samstag, 7. Januar von 14 – 18 Uhr statt. Tickets sind an der Theaterkasse erhältlich: (030) 20 35 45 57.

Pause bis zum 5. Januar 2017

21. Dezember 2016

Ein sehr intensives, zuweilen aufregendes und nicht immer leichtes Jahr geht zu Ende. Über die Turbulenzen in Politik und Gesellschaft, in Wirtschaft, Kultur oder Sport wird in zahlreichen Jahresrückblicken berichtet und diskutiert. Wir spüren, dass viele äußere Ereignisse mehr mit unserem Leben zu tun haben, als wir dachten oder zu glauben bereit waren. Doch unsere inneren Sensoren sind noch intakt, und so empfinden wir Unsicherheiten und Unwägbarkeiten, vielleicht auch den Verlust von Vertrautheit und Geborgenheit. Doch wir dürfen lernen, uns neuen Herausforderungen zu stellen! Gehen wir also daran, Kommendes zu begrüßen und dankbar anzunehmen. Denken wir positiv – wem das Dach weggeflogen ist, der hat freie Sicht auf die Sterne!

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Mein herzlicher Dank gilt allen, die mich im alten Jahr begleitet haben – Veranstalter, Kursteilnehmende, Konzertbesucher, Leserinnen und Leser, Redakteure, Organisatoren, Helferinnen und Helfer und alle übrigen! Auf dass wir uns auch im kommenden Jahr wieder hören, sehen oder voneinander lesen werden. Ich freue mich sehr darauf! Frohe Festtage und meine besten Wünsche für ein glückliches Jahr 2017!

Ihr und Euer
Thomas Sander

20. Dezember 2016

I’m 36 years old and I don’t mind the age. I like the view from here. The future is here and I have to make the most of it, as every woman must. So, when you hear all the talk about how tardy I am or how often it seems I make people wait, remember: I’m waiting, too. I’ve been waiting all my life.
Marilyn Monroe

19. Dezember 2016

Die Nachricht, dass fast jeder siebte Bürger an den bevorstehenden Feiertagen mehr Alkohol trinkt als üblich, kann kaum überraschen. Eine einschlägige Studie des Verbandes der Privaten Krankenversicherung ergab, dass sich die Gruppe der jungen Menschen zwischen 18 und 24 Jahren dabei besonders trinkfest zeigt. Ein Viertel der Befragten dieser Altersklasse erwartet von sich, die Feiertage betrunken zu erleben. Auf die Gründe geht die Studie nicht ein. Ein Zusammenhang von alkoholaffinem Verhalten und fortgesetzter Beschallung mit weihnachtlichem Liedgut, insbesondere durch Jingle Bells und Heidschi bumbeidschi bum bum, wurde offenbar nicht untersucht. Zur Erlangung psychischer Stabilität würde ja für die genannten Lieder auch Kinderpunsch reichen, sogar der ohne Alkohol. Wer allerdings Last Christmas eher als Final Christmas versteht, könnte für sich die Lage als aussichtslos interpretieren und in der Folge verstärkt Hochprozentigem zusprechen. Dann ginge der erhöhte Alkoholkonsum lediglich auf ein semantisches Missverständnis zurück! Eine Muh, eine Mäh, eine Täterätätä ist da doch eindeutiger, zudem ist es musikalisch bis Humba, humba täterä nicht weit. Kein bisschen depressiv, sondern heiter bis karnevalesk und fürs Singen unter Alkoholeinfluss unbedingt geeignet.

15. Dezember 2016

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In Strawinskys Jeu des cartes schlagen die scheinbar Kleinen die Großen. Der Joker nimmt zwar die Identität anderer Karten an, handelt intrigant und hinterhältig, verliert aber am Ende doch. Gegen eine ganze Sequenz von Herz-Karten kann er nichts ausrichten. Gut so!

Unser Herzkönig dagegen erntet zwar allenthalben Bewunderung, doch sein Schicksal ist ungewiss. Seine chevalereske Geste führt nicht zwangsläufig ans Ziel. “Nichts ist unsicherer als die Liebe”, befindet John Irving im Hotel New Hampshire. “Garantie gibt VW auf die Lichtmaschine”, würde mein Hausarzt hinzufügen. Nur damit wir nicht herzlos mit erfolgversprechend verwechseln.

13. Dezember 2016

Wir wissen sehr wohl, mit welcher Vertrautheit wir uns durch den Tag bewegen, aber nachts bewegt sich der Tag mit der gleichen Vertrautheit durch uns …
Inger Christensen (1935 – 2009)

12. Dezember 2016

Wetzlarer Neue Zeitung, 11. Dezember 2016
Von Ann-Christin Kuhlmann

Musik trifft Tanz trifft Malerei
IMPROVISATIONSTAGE Kulturamt und Musikschule stellen Programm 2017 vor

WETZLAR. Musik, Tanz, Malerei vereint – Ende Januar ist es wieder soweit: Die 2. Wetzlarer Improvisationstage beginnen. Besucher können sich auf ein breites Spektrum an Veranstaltungen freuen. Nach dem erfolgreichen Auftakt in diesem Jahr gehen das Kulturamt und die Musikschule mit den Wetzlarer Improvisationstagen 2017 in die zweite Runde. Denn die Premiere stieß beim Publikum auf positive Resonanz oder wie Kulturamtsleiterin Kornelia Dietsch zusammenfasst: „Das neue Format war ein Wagnis – wir wagten und gewannen.”

Auch Musikschulleiter Thomas Sander ist zufrieden: „Das Konzept sprach vermutlich so viele Menschen an, weil Improvisation an keine festen Vorgaben wie Spielanleitungen oder Noten gebunden ist. Die verschiedenen Künste waren zwar bekannt, ihre Ausformung während der Veranstaltung jedoch nicht. Das machte es spannend.“ Manche Besucher kamen sogar zu allen vier Veranstaltungen. Für das neue Programm gelte, was auch 2016 der Fall war: „Im Zentrum steht die Kunst der Musik, die wir mit anderen Künsten vernetzen möchten“, so Sander.

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Freuen sich auf die zweite Auflage der Improvisationstage (von links): Kulturdezernent Jörg Kratkey, Kornelia Dietsch, Thomas Sander, Maike Jäckel und Sven Martens. (Foto: Kuhlmann)

Los geht’s am 26. Januar um 19.30 Uhr mit dem „ensemble context“ für frei improvisierte Musik und Sprache. Es ist im Konzertsaal der Musikschule zu Gast. Kooperationspartner in 2017 sind das Forum Wetzlar und ece-Centermanagement sowie der Schwarz-Rot-Club Wetzlar. Sie bringen sich auch im Programm ein. So der Schwarz-Rot-Club. „Auch Tango ist Improvisation“, sagt Tanzlehrerin Maike Jäckel. „Die Wetzlarer Tangoszene ist in den letzten zwei Jahren explodiert, wir freuen uns, dabei zu sein.“ Und so ist am 27. Januar (19.30 Uhr) in der Musikschule nicht nur ein Tanzpaar des Clubs zu erleben, sondern auch die Tangoband „Bassa“ mit ihrem Programm „Tango Azul“. Die dritte Veranstaltung findet im Forum statt. Am 28. Januar um 15 Uhr begrüßt „QuadrArt“ die Besucher zu Musik und Malerei. Forummanager Sven Martens: „Wir wollen die Besucher animieren, mitzumachen.“ Mitmachen heißt in dem Fall: mitmalen. Das Akustische der Musik solle assoziiert und visuell ausgedrückt werden durch Malerei. Und Sander ist sicher: „Durch das Mitmachen kommt der Facettenreichtum vollkommen zum Tragen.“

Den Abschluss der Improvisationstage bildet am 29. Januar um 11.00 Uhr “The Lady’s Cup of Tea” mit der Gruppe „La Moresca“. Sie bietet eine Verbindung von keltischer Folklore und barocker Kammermusik. „Da können wir ein wirkliches Crossover erwarten“, verspricht Sander. Die Erwartungen an die zweiten Improvisationstage sind klar definiert, so Kulturdezernent Jörg Kratkey abschließend: „Wir wünschen uns wieder viele Besucher und restlose Begeisterung, so dass wir die Improvisationstage auch in 2018 wieder ausrichten können.“ Alle Veranstaltungen sind zwar kostenlos, Spenden aber willkommen. (ack)

10. Dezember 2016

“Hör auf deine innere Stimme” – wie oft schon ist uns das empfohlen worden, wenn eine schwierige Entscheidung anstand und wir uns damit schwer getan haben! Hör auf deine innere Stimme – das wäre wohl kein Problem, wenn diese nach gregorianischem Muster als einzige zu vernehmen wäre. Zuweilen wird das Treffen von Entscheidungen dadurch erschwert, dass wir es in unserem Inneren mit einem polyphonen Geflecht von Stimmen zu tun haben. Dann nehmen wir nicht nur diese eine, einzige Stimme wahr, auf die zu hören uns geraten wird. Vielmehr müssen wir auf das Zusammenwirken von individuellen, aber doch voneinander abhängigen Stimmen achten, und psychomentale Mehrstimmigkeit kann verwirrend bis anstrengend sein.

Vielleicht hilft Nostalgie. Sie steigert das Wohlbefinden, macht optimistisch, großzügig und glücklich. Lieb gewordene Erinnerungen sind wichtig für das seelische Gleichgewicht und wirken sogar auf den Körper. Wenn wir in Räumen mit niedriger Tempetarur in schönen Erinnerungen schwelgen, können diese nach einer chinesischen Studie die geschätzte Raumtemperatur um bis zu vier Grad erhöhen. Darüber hinaus sind wir (oder die Chinesen?) unter dem Einfluss von nostalgischen Gedanken eher bereit, Kälte zu tolerieren. Sei’s drum, jedenfalls sind wir lieber in kalten Räumen erinnerungsselig als in wohltemperierter Umgebung zukunftsverzweifelt. Und dann klappt’s auch mit der inneren Stimme.

8. Dezember 2016

Zurück aus Gütersloh, wo ich an der VHS den Baustein Musik zum Kulturführerschein betreut und eine Vormittagsveranstaltung der Senioren-Uni geleitet habe. Beide Male war das Thema “Advents- und Weihnachtsmusik durch die Jahrhunderte”. Wir haben Musik vom Mittelalter bis zur Avantgarde gehört, sowohl Vokalkompositionen als auch reine Instrumentalstücke. Dabei haben wir uns gefragt, was das Adventliche oder Weihnachtliche der Musik – sofern wir das in dieser Weise wahrnehmen – eigentlich ausmacht. Wir haben die Perspektive, die der Komponist dazu einnimmt, als wesentlich verstanden und den jeweiligen musikalischen Transfers nachgespürt. Wir haben die musikalischen Ausdrucksmittel wahrgenommen, Satztechniken analysiert und stilistische Besonderheiten einzelner Epochen herausgearbeitet. In beiden Veranstaltungen war das Echo ausgesprochen positiv. Den größten Eindruck haben die O-Antiphonen von Charpentier und die Choralvariationen über “Vom Himmel hoch” von Strawinsky gemacht, beides Stücke von nicht gerade hohem Bekanntheitsgrad. Eine Teilnehmerin hat die Charpentier-CD fotografiert, vielleicht kauft sie ein Exemplar. Ich bin am Umsatz nicht beteiligt, aber ich freue mich auch so.

6. Dezember 2016

Nikolaus, Weihnachtsmann, Santa Claus. Rentierschlitten, roter Mantel und Mütze, Sack voller Geschenke. Oder doch Mitra, Bischofsstab und Priestergewand? Wen interessiert’s? Die Initiative “Achtung – weihnachtsmannfreie Zone” zum Beispiel. Sie weist seit Jahren darauf hin, dass “der am Konsum orientierte Weihnachtsmann der Geschenke-lndustrie nur noch wenig mit dem heiligen Bischof gemein hat.” Letzterer kommt zudem oft in Begleitung. Je nach Region ist das Knecht Ruprecht, Krampus, Klausen, Klaubauf, Pelzmärtel, Rauwuckl, Butz, Rumpelblas oder Schmutzli. Jedenfalls hat es den Nikolaus wirklich gegeben (geboren wurde er vermutlich zwischen 270 und 286 n. Chr.), den Weihnachtsmann nicht. Der ist eine Kunstfigur und eine Erfindung der Werbung. Nur die Geschenke sind echt.

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4. Dezember 2016

Würden uns nach der Rückkehr aus dem Sommerurlaub nicht sogleich Spekulatius, Zimsterne und Dominosteine angeboten, sondern erst ab sagen wir Mitte November, überkäme uns dann gleichwohl schon nach dem 2. Advent dieses Gefühl von frühzeitiger Weihnachtsübersättigung, und zwar nicht nur hinsichtlich des Gebäcks?

1. Dezember 2016

Magnus Carlsen bleibt Schachweltmeister. Der “Mozart des Schachs”, so ist zu lesen, habe verdient gegen Herausforderer Sergej Karjakin gewonnen. Mozart des Schachs – was ist bloß damit gemeint? Genie, Eleganz, Unkonventionalität, Verschwendungssucht? Es kam doch während des Wettkampfes wohl nicht zum Ausschank von Punsch? Die Schlussstellung der letzten Partie gibt darüber keinen Aufschluss, ist aber hübsch anzusehen.

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Weiß: Carlsen
Schwarz: Karjakin

29. November 2016

Hörpädagogische Kurse machen am meisten Spaß, wenn Kursteilnehmende von Stücken, die sie bisher nicht kannten, unerwartet begeistert sind. So geschehen in dieser Woche, als ein Hörer vom Konzert für Orchester von Béla Bartók geradezu überwältigt war. “Ich glaube nicht, dass Sie mir in diesem Kurs noch etwas vorspielen können, das mich mehr fasziniert.” Das Gefühl, in einer bisher nicht gekannten Klangwelt völlig aufzugehen, gewissermaßen ein kompositorisches Zuhause zu finden – was gibt es Schöneres für denjenigen, der es so erlebt? Und natürlich für den, der es ausgewählt und gehofft hat, dass seine eigene Begeisterung sich wenigstens ein bisschen auf die Zuhörer überträgt! Eigentlich konnte ja nicht viel schief gehen mit den Berliner Philharmonikern und Pierre Boulez – und trotzdem, für viele Hörer ist Bartóks Musik immer noch eine Herausforderung. Umso mehr hat mich die Frage des Kursteilnehmers gefreut, ob es noch mehr davon gibt. Ja, gibt es! Zum Beispiel drei wunderbare Klavierkonzerte, die Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta, sechs Streichquartette, die Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug, zwei Violinkonzerte, Herzog Blaubarts Burg….

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27. November 2016

Wenn man ins Theater geht wie in die Kirche oder in den Gerichtssaal, oder in die Schule, das ist schon falsch. Man muss ins Theater gehen wie zu einem Sportsfest. Es handelt sich hier nicht um Ringkämpfe mit dem Bizeps. Es sind feinere Raufereien. Sie gehen mit Worten vor sich. Es sind immer mindestens zwei Leute auf der Bühne, und es handelt sich meistens um einen Kampf. Man muss genau zusehen, wer gewinnt. [...] Man sieht in die Leute hinein, man muß nur scharf zugucken, es ist wie bei Ringkämpfen: die kleinen Tricks sind das Interessante. Das hat das Kino nicht, das mehr für die Dummen ist, die das Innere und Schwierigere nicht begreifen. Darum müssen die Klügeren und Feineren in das Theater gehen, aber sie müssen es, wie gesagt, mehr nach der sportlichen Seite hin betrachten.
Bertolt Brecht, 1920

Wir wollen uns nicht die Mühe machen, Beispiele für anspruchsvolles und ambitioniertes Kino um 1920 anzuführen. Und wir erstellen auch keine Liste von geistlosen Theaterproduktionen derselben Zeit. Wir machen uns lediglich bewusst, dass Brecht 22 Jahre alt war, als er die zitierten Sätze niederschrieb. Das stimmt uns milde und nachsichtig.

25. November 2016

Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden.
Matthias Brandt zu Beginn seines Erzählbandes “Raumpatrouille”
Kiepenheuer & Witsch, 176 Seiten, € 18.-
ISBN 978-3-46204-5673

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(Foto: Siebbi)

24. November 2016

Heute Vormittag. Wir hören und sehen Góreckis Sinfonie der Klagelieder in der Aufnahme mit der Sopranistin Dawn Upshaw und The London Sinfonietta unter David Zinman. Die Musik, ebenso die schockierenden, kaum zu ertragenden Bilder hinterlassen ihre Wirkung. Eine Hörerin ist tief beeindruckt und spricht dann sehr angetan von der Gestaltung der Gesangspartie. Ich wage zu antworten, dass die Wirkung des Stückes eigentlich schon in der Vorlage selbst liegt, sozusagen auskomponiert ist. Manche Interpretationszutaten sind mir zuviel, der Betroffenheitsausdruck zu groß, das Parfum zu schwer. Das ruft entschiedenen Widerspruch hervor. Nein, distanziert kann man das ja wohl gar nicht singen, bei solch einem Thema geht das überhaupt nicht, man muss doch die innere Anteilnahme spüren…. Was kann ich noch sagen? Dass eine Anklageschrift nicht im Ton der Empörung vorgetragen wird, dass eine Dokumentation durch Versachlichung an Kontur, Schärfe und Glaubhaftigkeit gewinnt? Aber wir sind weder im Gerichtssaal noch in einem wissenschaftlichen Hauptseminar. Schließlich fragt jemand, ob Frauen anders hören als Männer. Das hat gerade noch gefehlt, aber so kommen wir aus der Nummer wenigstens halbwegs heil heraus. Bis zum nächsten Mal.

22. November 2016

Am kommenden Samstag, 26. November um 19.00 Uhr veranstaltet die Deutsch-Italienische Gesellschaft Mittelhessen e.V. einen kulinarisch-musikalischen Abend unter dem Titel Una serata con Rossini (Ristorante Geranio, Am Kurpark 2, 35619 Braunfels). Für die Musik sorgen der Tenor Kornel Maciejowski und Evgeni Ganev am Klavier. Dazu gebe ich ein paar Erläuterungen über Gioachino Rossini und sein kompositorisches Schaffen. Auch Nicht-Mitglieder sind herzlich willkommen! Es gibt ein 3-Gang-Gourmet-Menü nach Rezepten des Feinschmeckers und Komponisten. Preis € 38,00 p. P. ohne Getränke.

Nach eigener Aussage hat Rossini in seinem Leben nur dreimal geweint, nämlich als seine erste Oper durchfiel, dann, als er Paganini die Violine spielen hörte, und zum dritten Mal, als ihm bei einer Bootsfahrt ein mit Trüffeln gefüllter Truthahn ins Wasser fiel. Den Vogel wird es am Samstag also nicht geben, doch vielleicht die berühmten Tournedos á la Rossini, mit denen sich der Maestro nicht selten Kummer von der Seele gegessen hat.

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(Foto: Jonas M. Luster)

21. November 2016

“Nach 1880 ist eben nichts Gescheites mehr komponiert worden”, sagte kürzlich ein Kursteilnehmer im Anschluss an eine Hörstunde mit Szymanowskis 3. Sinfonie. Der Hörer würde wohl auf Nachfrage seine Behauptung nicht ernsthaft aufrecht erhalten wollen, und doch schwingt in solch einem launig klingenden Kommentar auch Geringschätzung und Ablehnung für Musik des 20. Jahrhunderts mit. Warum ist das so? “Wenn Sie sagen, dass es große Kunst ist, dann wird es wohl so sein” – eine höfliche Konzession, die tiefe Einblicke in subjektive Hilflosigkeiten gewährt. Musik ohne Symmetrien, ohne periodischen Aufbau, ohne Dur/Moll-Tonalität, ohne vertraute Skalen – viele Hörerinnen und Hörer stehen hier immer wieder unerfahren und ratlos vor klanglichen Verläufen, die für sie nicht antizipierbar und somit unverständlich sind. Ein Kollege nennt das den “Ging-allein-Effekt” – wer “Hänschen klein” sagt, muss auch “ging allein” sagen. Zwei und zwei ist vier, und vier und vier ist acht. Und wehe, wenn nicht!

Diese über Jahrzehnte gewachsenen musikalischen Vertrautheiten, Berechenbarkeiten und Verlässlichkeiten – sozusagen von Kindesbeinen an und fortgesetzt in Schule, Ausbildung und Beruf, Freizeit und Hobby – stehen häufig einer unvoreingenommenen Annäherung an Musik der Moderne oder Avantgarde massiv im Wege. Wie oft haben wir die Diskussion geführt, was Musik überhaupt sei oder was sie enthalten müsse! Melodie, Harmonie, Rhythmus, Takt? Bei der Uraufführung von Beethovens “Eroica” verlangten die Leute ihr Geld zurück, bei Strawinskys “Sacre du printemps” hat sich das Publikum geprügelt und die Bestuhlung zerlegt. Wären wir nur dabei gewesen, was hätten wir alles lernen können! Verstehen und nicht verstehen ist das eine, mögen und nicht mögen das andere. Achtung: Wissen gefährdet nicht nur die Dummheit, sondern wirkt auch genussfördernd!

19. November 2016

Freundschaft ist, wenn dich einer für gutes Schwimmen lobt, nachdem du beim Segeln gekentert bist.
Werner Schneyder

17. November 2016

In der letzten Ausgabe des Magazins Silberhorn schreibt Hans-Jürgen Schaal zu Beginn seines Artikels “Feuer aus dem Geist schlagen”, Musik sei eine Sache für junge Leute. Von “völligem Mitgerissensein” ist dann zu lesen, von “maßloser Begeisterung”, von einem “vertrauensvollen Sich-Ausliefern an den Sound”. Dann die Feststellung: “Das gibt es später im Leben einfach nicht mehr”. Es folgen Sätze über das angebliche Erlöschen von Feuer und Risiko im Alter, über das “Gefängnis der Wiederholung”, über “permanenten Lebensfluch”. Was sind Alterswerke? Bachs “Kunst der Fuge” sei “kontrapunktisches Gehirnjogging gegen die Verkalkung, eine Art von extraschwerem Senioren-Sudoku”, befindet der Autor und fordert wenig später, “Musik sollte Risiko, Regelverstoß und Temperament sein, nicht Vorübung zum Tode”. Da traut sich aber einer was – und besteht die Prüfungen in Provokationssemantik und Verbalnarzissmus mit Auszeichnung.

15. November 2016

Novembertag

Geht ein sonnenloser Tag
wiederum zur Neige,
und der graue Nebel tropft
durch die kahlen Zweige.

Leise atmend ruht die See,
müde, traumumsponnen …
eine Woge, schaumgekrönt,
ist im Sand zerronnen.
Clara Müller-Jahnke (1860-1905)

13. November 2016

Zurück aus Amsterdam, zurück von einer sehr schönen Opernreise. Natürlich ist der Besuch der Vorstellung immer der Höhepunkt einer solchen Reise, und wieder einmal haben wir Glück. Händels Jephta, szenisch aufgeführt in De Nationale Opera, ist musikalisch sehr beeindruckend, zudem lässt die Inszenierung in positivem Sinn Raum für angeregte Diskussionen. Eine dreistündige Stadtrundfahrt gibt Einblicke in die bewegte Geschichte der Stadt, dazu Tipps zu Besuchen weiterer kultureller Einrichtungen wie Theater, Museen, Konzerthäuser etc.

Die Ausstellung Happy Birthday Marilyn zum 90. Geburtstag von Marilyn Monroe (De Nieuwe Kerk) ist ein großes, bewegendes Geschenk. Die zahlreichen Exponate aus dem persönlichen Besitz Marilyns in Augenschein nehmen zu können und dabei das Gefühl zu empfinden, es handle sich um Sensationsfunde, um kostbare Devotionalien – das ist schon etwas sehr Besonderes. Und da sind sie wieder, die von Andreas Jacke beschriebenen Projektionen und Rettungsfantasien, von denen sich unsereins nie ganz befreien wird. Beseelt von einer Mixtur aus Bewunderung, Trauer und stillem Glück verlasse ich den Ort, trinke in irgendeinem Bistro ein Amstel oder Heineken, ziehe weiter durch die Straßen, kaufe eine Dose mit Gebäck und zwei Ansichtskarten. Im Tuschinski-Theater bestelle ich einen Kaffee und bestaune das Interieur. Wieder ein paar Schritte, dann ins Grand Café L’Opera (Rembrandtplein) für eine heiße Schokolade. Es kommt eine falsche Rechnung über fünfzehn Euro. Ich überlege kurz, kommentarlos zu bezahlen und reklamiere dann doch. Es ist spät geworden, die Zeit ist schnell verflogen. Ich würde gern länger bleiben, doch ich bin zum Essen verabredet und muss los.

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9. November 2016

Die eingängige Melodik der Berliner Luft oder der Schlösser, die im Monde liegen sorgte zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die große Popularität von Paul Lincke. Seine Operetten, Gesangswalzer, Lieder und Charakterstücke waren beim Publikum außerordentlich beliebt. Zuweilen wird seine Bedeutung für Berlin mit der von Johann Strauß für Wien und Jacques Offenbach für Paris verglichen. Der Komponist Paul Dessau zum Beispiel schätzte Linckes Glühwürmchen-Idyll sehr und hielt das Stück für “etwas Großartiges, das mit Kitsch überhaupt nichts zu tun” hat. Und Richard Strauss antwortete 1941 auf die Frage des NS-Reichpropagandaministers, wen er als Unterhaltungsmusik-Komponisten gelten lasse: “Allenfalls noch Paul Lincke. Die anderen sind doch niedrigstes Niveau.”

Am 7. November, also vor zwei Tagen, feierte die Musikwelt den 150. Geburtstag des Berliner Ehrenbürgers. Die Straße parallel zum Landwehrkanal im Stadtteil Kreuzberg wurde 1956 erst in Lincke-Ufer, zehn Jahre später dann in Paul-Lincke-Ufer umbenannt.

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Berlin, Paul-Lincke-Ufer (Foto: Lienhard Schulz)

7. November 2016

“Für mich muss Weihnachtsmusik festlich sein”, erklärte eine Teilnehmerin zu Beginn des Kurses “In dulci jubilo – Weihnachtsmusik durch die Jahrhunderte” in der Musikschule Friedrichsdorf. Also getragene Musik für Blechbläser? Was ist Weihnachts- oder Adventsmusik, und wer entscheidet das? Bei textgebundener Musik mag das auf der Hand liegen, wenn es sich um geistliche oder biblische Vorlagen handelt. Aber bei reiner Instrumentalmusik? Mein erstes Klangbeispiel war dann Antidotum tarantulae von Athanasius Kircher. Die Geburt Jesu als Gegengift zu unseren Sünden? Eine interessante Perspektive, ebenso wie die Nr. XVIII aus den Vingt regards sur l’enfant Jésus, “Regard de l’onction terrible” von Olivier Messiaen. Die Salbung des Herrn als furchtbares Erlebnis für die irdischen Herrscher – acht Minuten Klaviermusik mit aggressiven, dissonanten Klängen. Weihnachtsmusik? Jeder Komponist hat seine eigene Betrachtungsweise, sieht das Geschehen aus ganz persönlichem Blickwinkel und gibt ihm seinen eigenen Sinn.

Natürlich ist uns das Festliche, das Würdevolle und Erhabene sehr vertraut, sozusagen mit Pauken und Trompeten, buchstäblich. Doch es geht auch anders – introvertiert, beseelt und ganz piano, wieder ganz wörtlich. Wie Weihnachten von Max Reger für Orgel solo. Zum Glück verfügen wir über diese enorme Bandbreite an Musikstücken und können wählen, welches für uns die ideale Weihnachtsmusik ist, bis hin zu Muh und Mäh und Täterätätä. Nur Junge, komm bald wieder ist kein Weihnachtslied, obwohl der Titel das durchaus hergäbe. Allerdings mehr im Advent.

5. November 2016

Unsere diesjährige Opernreise geht nach Amsterdam (De Nationale Opera). Im Laufe der letzten Jahre haben wir einige bedeutende Häuser in Europa besucht, z. B. die Mailänder Scala, die Wiener Staatsoper oder die Pariser Opéra Bastille. Für das nächste Jahr ist eine Reise nach London (Covent Garden) geplant. Das Opernhaus in Zürich ist weiterhin ein attraktives Ziel, auch wenn die Schweiz sehr teuer ist. Ebenso sollte das Teatro La Fenice in Venedig in der engeren Wahl bleiben. Bisher sind wir mit dem Bus gereist, mit Aufenthalten vor Ort von jeweils drei bis vier Tagen, immer in sehr schönen Hotels.

Nach London und evtl. Zürich oder Venedig würde ich gerne Ziele ins Auge fassen, die sich aufgrund der Entfernung für Busreisen eigentlich nicht eignen wie z. B. Barcelona oder St. Petersburg. Auch Oslo wäre spannend, als kombinierte Bus- und Schiffsreise, ab Kiel mit der Color Line. Natürlich kommen auch kleinere, gleichwohl großartige Häuser in Betracht wie Toulouse, Bilbao oder Mantua. Ein großer Reiz, übrigens nicht nur für mich, liegt darüber hinaus in noch ferneren Zielen. Die Metropolitan in New York, das Teatro Colón in Buenos Aires, das Sydney Opera House, das Grand Theatre in Shanghai – alles wunderbare Städte und Ziele für die nächsten Jahre! Könnte nur sein, dass die Reisegruppen dann etwas kleiner werden….

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Shanghai, Grand Theatre (Foto: Pyzhou)

2. November 2016

Nicht deswegen habe ich keine Eile,
weil ich mehr Zeit habe,
sondern weil ich weiß,
dass mir die Eile alles zerstört.
Ein Leben in Eile hast du verpasst.

Gelesen letzte Woche in Berlin,
U-Bahnhof Gleisdreieck,
während des Wartens auf die Bahn

31. Oktober 2016

Ein Dirigent sollte nicht zu viel reden, die Musiker mögen das nicht.
Andris Nelsons

Wahrscheinlich stimmt das. Der Dirigent ist der natürliche Feind des Orchesters, heißt es. Nur die wenigsten Orchestermusiker schätzen Erläuterungen. Wenn überhaupt, müssen Erklärungen kurz und knapp ausfallen, egal ob es sich um sachliche, technische Hinweise handelt oder um die Aufforderung, einen violetten Nebel zu spielen, wie Harnoncourt es einmal verlangt haben soll. Warum bloß? Weil Orchestermusiker irgendwann glauben, schon alles zu kennen? Jedes subito piano, jedes rubato, jeden Vergleich, jede Anekdote? Erfahrenes Orchester und junger Dirigent, ist das per se problematisch? Nein! Bernstein, Celibidache, Kleiber – sie alle haben erleben müssen, dass während ihrer Proben mit wirklich großen, namhaften Orchestern geredet, getuschelt und schlicht nicht zugehört wurde. Es ist keine Frage des Alters, es ist eine Frage des Benehmens! Zugegeben, es gibt unter Dirigenten auch Ich-Erzähler und Selbstdarsteller. Dann werden die Orchestergrabenkämpfe nonverbal während der Musik ausgetragen. Beim Speed-Dating entscheidet sich in den ersten sieben Sekunden, ob es funkt oder nicht. Bei Dirigenten und Orchestern sind es vielleicht sieben Minuten. Und wenn es gefunkt hat, darf der Dirigent auch reden. Nur nicht so viel.

30. Oktober 2016

Nochmal zum Thema Literaturnobelpreis. Vor ein paar Tagen hat der peruanische Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa in Berlin die Vergabe des Preises an Bob Dylan als “Ausdruck der zunehmenden Frivolität der Kultur in unserer Zeit” bezeichnet. Llosa sprach von der “Zivilisation des Spektakels”, die inzwischen bis zur Schwedischen Akademie reiche.

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Mario Vargas Llosa (Foto: Arild Vågen)

Wir dürfen getrost davon ausgehen, dass Vargas Llosa keine Einzelmeinung vertritt. Doch statt einen solchen Klartext zu sprechen, haben viele Beobachter und Kommentatoren es vorgezogen, die Entscheidung als “mutig” oder “wegweisend” zu interpretieren. Wahrscheinlich wird demnächst auch ein Nobelpreis für Philosophie vergeben, den dann Richard David Precht bekommen wird. Den Preis für Musik teilt sich Ralph Siegel. Mit wem, darf er sich aussuchen.

Pause bis zum 30. Oktober 2016

13. Oktober 2016

Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan begrüßen, aber die Verwendung von Chorizo in der Paella ablehnen – das geht nicht zusammen. Sich hier in Anspruchs- und Niveaufragen flexibel zeigen, dort aber auf Regeln und tradierte Vorschriften pochen – wer soll das verstehen? Macht die Vorliebe für düstere Metaphern in Kreuzreimen schon gute Lyrik? Ist eine würzige Wurst im Reis gleich eine Kriegserklärung an Spanien? Kommt’s Freunde, hätte Harry Valérien gesagt, lasst’s amal gut sein. Der Bob Dylan schreibt und singt ganz schön, der Jamie Oliver kann gut kochen. Der eine steht jetzt in einer Reihe mit Hesse, Mann und Hemingway, der andere muss sich die hämisch-ironische Belehrung gefallen lassen, Fish and Chips bestünde neuerdings aus Auberginen und Ente. Merke: Im Übertreiben unterscheiden sich die Mitglieder des Nobelpreiskomitees nicht von empörungsbesoffenen Hobbyköchen und Internetusern. Bob Dylan und Jamie Oliver werden damit zurechtkommen.

11. Oktober 2016

Anlässlich der Deutschland-Premiere von “Inferno” weilt Filmstar Tom Hanks in Berlin. Er würde gern mehr Zeit “in der faszinierendsten Stadt der Welt” verbringen, so sagt er. Voraussetzung sei, dass jemand ihm ein Appartement überließe, am besten eines, von dem aus er zu Fuß die bekannte Würstchenbude “Curry 36″ erreichen könne. Daraus schließen wir, dass Mr. Hanks Berliner Currywurst schätzt, was bei ihm wie “curry worse” klingt. Er wäre auch mit einem Plattenbau in Ostberlin zufrieden, ergänzt er. Nun, es gibt eben verschiedene Formen der Selbstkasteiung. Ob auch der Besuch von “Inferno” dazu zählt, können wir erst ab übermorgen beurteilen. Dann kommt der Film in die Kinos.

9. Oktober 2016

Gesualdos Musik klingt, als würde ein hautwandiger Raum von selbst zu klingen beginnen. Das ist das einzige Selbstverständliche an dieser Musik, an der nichts “natürlich”, alles aber herrliche Willkür und außerordentliche Gewalt ist. Gerade hat der Principe noch mit dem Dolch in Leichen gestochert, schon setzt er peinvolle, subtile Kontrapunkte, die schönsten, die es gibt. Es bleibt ohne Beispiel.
Wolfgang Rihm

Gesualdo – Fürst, Mörder, Komponist heißt der Ballettabend, der am kommenden Samstag als künstlerische Spurensuche im Salzburger Landestheater Premiere haben wird. Es hat etwa 400 Jahre gedauert, bis die Madrigale von Carlo Gesualdo (1566 – 1613), Fürst von Venosa, 2013 in seiner Heimat Neapel wieder aufgeführt wurden. Selbstverständlich war auch hier bekannt, dass Gesualdos Musik weltweit bewundert und bestaunt wird. Doch nicht ohne ein gewisses Frösteln sprechen die Neapolitaner von dem berühmten Sohn ihrer Stadt, der in seinem Palazzo seine Frau und deren Liebhaber in flagranti erwischte und brutal ermordete. Es spuke bis heute in seinem Palast, so erzählt man, und Gesualdos Seelenqualen könne man in seiner Chormusik Takt für Takt nachspüren. Kaum eine Passage ohne harmonische Kühnheiten, unerwartete Wendungen und Taktwechsel. Das Werk eines Psychopathen, der sich nach der Tat auf sein Schloss zurückzog. Eine gerichtliche Untersuchung blieb ohne Folgen, denn Ehrenmorde unter Adligen wurden nicht gesühnt. Gesualdo mied fortan die Öffentlichkeit und komponierte den Rest seines Lebens atemberaubende Gesänge. Gesualdo – Fürst, Mörder, Komponist. Wer es am Samstag nicht bis Salzburg schafft, hat noch Zeit bis Mai 2017. Bis dahin gibt es siebzehn Vorstellungen.

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7. Oktober 2016

Eine der kompositorischen Stärken von Dmitri Schostakowitsch ist sein Gespür für einprägsame Rhythmik und Melodik bei gleichzeitiger Knappheit im Ausdruck. Wir haben uns in dieser Woche mit seinem Cellokonzert Nr. 1 Es-Dur op. 107 befasst, welches die genannten Charakteristika in besonderer Weise zeigt. Gleich das erste Thema, vom Solocello intoniert und später von einzelnen Orchesterinstrumenten und -gruppen in immer wieder veränderter Form aufgegriffen, lässt den Zuhörer nicht los. Es ist ein zupackendes, vitales Thema, das im letzten Satz des Werkes noch einmal wiederkehrt. Schostakowitsch zitiert es sowohl im Original als auch augmentiert, so dass fast der Eindruck entsteht, der Komponist habe einfach nicht davon lassen können. Thematische Verklammerung, Kompositionstechnik oder Intention hin oder her – das Thema ist einfach unwiderstehlich! Ein schöner, willkommener Ohrwurm fürs Wochenende.

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4. Oktober 2016

Bis zum Abschluss des Umbaus der Kölner Oper dient das Staatenhaus am Rheinpark als Interimsspielstätte, voraussichtlich bis zum Ende der laufenden Spielzeit. Bekanntlich kann man sich an Provisorien gewöhnen, sofern diese Bezeichnung hier zutreffend ist. Immerhin führen die baulichen Bedingungen des Staatenhauses zu gravierenden Änderungen der Vorstellungsabläufe. Es gibt keinen Orchestergraben, die Bühne liegt zwischen Publikum und Orchester, der Dirigent hat also Chor und Solisten im Rücken, folglich bekommen diese ihre Einsätze über zusätzliche Assistenten, welche vor der ersten Parkettreihe ihren Platz haben. Der Großteil der Bühnenarbeiten kann von den Zuschauern verfolgt werden, der Auf- und Abbau von Staffagen, Plateaus, Dekorationen etc. vollzieht sich buchstäblich unter Aufsicht des Publikums.

Das Ganze hat den Charakter eines elaborierten Workshops, mit faszinierenden Einblicken in das Making-of der Produktion. Zuweilen hofft man als Gast, zu Aushilfsarbeiten herangezogen zu werden, wenn ein paar Quader gesetzt oder Teppiche verlegt werden müssen. Leider vergeblich, die Bühnencrew schafft alles mühelos allein. Gestern Abend, während der Dernière von Benvenuto Cellini, konnte einem durchaus der Gedanke unterlaufen, dass man das alles sehr vermissen könnte, wenn das Opernhaus am Offenbachplatz eines Tages saniert sein wird. Und wie selbstverständlich, quasi nebenbei war die Aufführung ein Augen- und Ohrenschmaus der Extraklasse. Einzig die langweilige Einführung hielt mit dem Rest des Abends nicht mit. Bitte erzählen statt ablesen! Und der Komponist heißt Berlioz – gesprochen Berlios, nicht Berliosch! Sorgfalt und Qualität sollten auch für die Einführung gelten und sind weder Luxus noch Glücksache.

3. Oktober 2016

Turandot
Eis, das dir Feuer gibt
und durch dein Feuer noch mehr zu Eis wird!
Offenbar und undurchsichtig!
Wenn es frei dich will,
macht es mehr zum Knechte dich.
Nimmt es dich zum Knechte,
so macht es zum König dich!
Das Eis, das Feuer gibt, was ist es?

Kalaf
Mein Sieg, der dich nunmehr
mir gegeben hat!
Mein Feuer taut dein Eis: “Turandot!”

Kleiner Nachtrag zum Thema Eisbrecher…

30. September 2016

Die französische Schauspielerin Audrey Tautou (“Die fabelhafte Welt der Amélie”) soll in einem Interview gesagt haben, sie wolle lieber an Bord eines Eisbrechers sterben als in einem Altenheim. Das lassen wir mal so stehen.

28. September 2016

Chorsängerinnen und –sänger in Deutschland sind hinsichtlich zentraler soziographischer Merkmale untypisch für den Bevölkerungsdurchschnitt. Eine Studie des Instituts für Musik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg resümiert gar “ein von der Gesamtbevölkerung eklatant abweichendes Profil”. Einem geringen Anteil von Hauptschülern steht ein hoher Anteil an Chorsängern mit höheren Bildungsabschlüssen gegenüber. Soziokulturelle Einflüsse beeinflussen Mitgliedschaften in Chören, so das Ergebnis.

Gleichzeitig singen in Deutschland nur knapp drei Prozent der Bevölkerung in Chören. Die Quote liegt höher, wohin man auch schaut – ob in Österreich, Irland, Skandinavien, Baltikum, Südafrika, USA. Vor allem Projektchöre machen den etablierten Vereinsformationen seit Jahren Konkurrenz. Wer singen will, so die Ansicht nicht weniger Insider, schließt sich einem Projektchor an. In etablierten Gesangsvereinen haben dagegen Mitglieder eher selten Interesse an Musik. Hier haben Feierabend, Geselligkeit und Austausch Priorität, unabhängig vom Bildungsgrad – was dem Ergebnis der Studie nicht entgegen steht.

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26. September 2016

Am letzten Wochenende war im BR Fernsehen eine Wiederholung des Fernsehfilms Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit (R.: Wolfgang Murnberger, D/A 2015) zu sehen. Die Hauptrollen sind mit Tobias Moretti als Luis Trenker und Brigitte Hobmeier als Leni Riefenstahl besetzt. In Rückblenden, so informiert der Sender auf seiner Homepage, “wird die Geschichte zweier Opportunisten erzählt, die sich, besessen vom Willen nach künstlerischem Erfolg, instrumentalisieren ließen”. Die ZEIT schrieb nach der Erstausstrahlung, der Film sei “auch das Psychogramm zeitgenössischer Alphatiere zwischen Zwergenmut und Größenwahn, Profilneurose und Geltungsbewusstsein, Macht und Ohnmacht”. Tobias Moretti und Brigitte Hobmeier zeigen alle diese Facetten. Moretti hat seinen Trenker gründlich studiert und erweckt vor allem dessen draufgängerische Chuzpe und Schneidigkeit zum Leben. Brigitte Hobmeiers Riefenstahl zeigt deren multiple Persönlichkeit sehr sensibel und mit großer Intensität. Die Erstausstrahlung von Luis Trenker – Der schmale Grat der Wahrheit im November 2015 wurde in Deutschland übrigens von über dreieinhalb Millionen Zuschauern gesehen – ein beachtlicher Wert.

23. September 2016

Das Nichtschwimmer, ein beliebtes und in doppeltem Sinne ausgezeichnetes Restaurant in Bielefeld, wirbt in seinem Internet-Auftritt u. a. mit Zitaten bekannter Schriftsteller. Den Anfang macht Franz Kafka: “”Das Leben, eine fortwährende Ablenkung, die nicht einmal zu Besinnung darüber kommen lässt, wovon sie ablenkt.” Nach klugen Sätzen von Heine und Voltaire dann Leonardo da Vinci: “Wenn du meinst, dass im Alter die Weisheit dich nähren soll, dann eigne sie dir in deiner Jugend an, so dass dir im Alter die Nahrung nicht fehle.” Schließlich der schönste Satz – von Karl Heinrich Waggerl: “Schweigen ist ein köstlicher Genuss, aber um ihn ganz auszuschöpfen, muss man einen Gefährten haben. Allein ist man nur stumm.” Ablenkung, Nahrung, Genuss – ein gutes Restaurant ist eben alles, nur nicht Geschmacksache.
Nichtschwimmer, Arndtstr. 6-8, 33602 Bielefeld, Tel. 0521-5577530

21. September 2016

Bitte vormerken – die Termine der 2. Wetzlarer Improvisationstage 2017! Es werden wieder vier wunderbare Konzerte von großer stilistischer Vielfalt – mit experimentellen Elementen, gemischt mit vermeintlich vertrauten, gefühlt traditionellen Klängen! Mit ganz verschiedenen Formen und Verläufen, mit visuellen Umsetzungen und der Möglichkeit zum kreativen Mitmachen. Oder einfach nur zum Hören, Sehen und Staunen. Nicht verpassen!

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Do, 26.01.2017
19.30 Uhr, Musikschule
context Ensemble
Improvisations-Ensemble für Stimme und Elektronik,
Sprache, Klavier und Perkussion

Fr, 27.01.2017
19.30 Uhr, Musikschule
Bassa
Tango Azul – Violine, Klarinette, Gitarre, Kontrabass
mit Beteiligung eines Tango-Paars vom Schwarz-Rot-Club Wetzlar e.V.

Sa, 28.01.2017
15.00 Uhr, FORUM Wetzlar
QuadrArt und Annette Winkels
Musik zur Malerei – Malerei zur Musik
Violoncello, Erweitertes Saxophon, Akkordeon, Piano

So, 29.01.2017
11.00 Uhr, Musikschule
La Moresca
Crossover – Höfische Musik, Tanz, Folklore

19. September 2016

Die Oper Köln setzt auch in der neuen Spielzeit ihre “Operntage” fort. An vier Terminen gibt es Karten zum Einheitspreis von € 15,00 auf allen Plätzen! Den Anfang macht am 3. Oktober 2016 Benvenuto Cellini von Berlioz. Es folgen La voix humaine (Poulenc)/Herzog Blaubarts Burg (Bartók) am 15. Januar 2017, Lucia di Lammermoor (Donizetti) am 9. April 2017 und Die Gezeichneten (Schreker) am 12. Juli 2017.

Das Angebot ist sehr attraktiv – wer Karten erwerben möchte, sollte sich also frühzeitig darum kümmern (Ticket Hotline 0221 – 22 12 84 00)!

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16. September 2016

Ein örtlicher Reiseveranstalter hat uns vor gut zwei Wochen eine Konzertreise zur Elbphilharmonie nach Hamburg für März 2017 angeboten. Jetzt ist die Reise mit über vierzig Anmeldungen so gut wie ausverkauft. Natürlich ist das sehr erfreulich, aber unsereins macht sich doch Gedanken über den Hauptgrund für diesen großen Zuspruch. Ich tippe auf die Elbphilharmonie als Bauwerk, ehrlich gesagt. Das Konzerthaus wird im Januar 2017 nach fast zehnjähriger Bauzeit endlich eröffnet, und Konzept, Architektur, Akustik und äußere Erscheinung sind sicher außergewöhnlich. Allerdings gilt dies auch für die Kosten, denn immerhin schlägt das Projekt für die Steuerzahler mit rund 800 Millionen Euro zu Buche.

Das Interesse am Konzertprogramm folgt im Übrigen den Fragen nach den im Reisepaket inkludierten Serviceleistungen (Hotelstandard, Frühstücksbuffet, Stadtrundfahrt, Kartenkategorie etc.). Das Violinkonzert von Korngold und Elgars 2. Sinfonie stehen für die Teilnehmenden also wohl kaum im Vordergrund ihrer Entscheidung, bei der Konzertreise mit dabei zu sein. Bleibt trotzdem zu hoffen, dass man sich auf der Heimreise nicht nur an den Ort des Geschehens, sondern auch an die Musik erinnern wird. Die nämlich hat es allemal verdient und unterscheidet notabene eine so bezeichnete Konzertreise von einer bloßen Städtetour mit Sightseeing.

14. September 2016

Sonntag, 2. April 2017, 15.00 Uhr
Opéra de Dijon
Monteverdi, Il ritorno d’ Ulisse in patria
Regie: Mariame Clément
mit Rolando Villazón (Ulisse), Magdalena Kožená (Penelope) u. a.
Le Concert d’Astrée, Ltg. Emmanuelle Haïm
€ 57,00

Es gibt noch Karten (www.opera-dijon.fr, Tel. 00 33 – 3 80 48 82 82 ) und freie Plätze in meinem Auto. Ich bleibe allerdings ein paar Tage und fahre schon am Freitag los.

11. September 2016

40 Jahre Abitur, Klassentreffen mit Führung durch das Gymnasium und Einsichtnahme in die Abiturklausuren – das war schon etwas sehr Besonderes gestern, mit vielen Erinnerungen, Anekdoten und “Weißt du noch”-Geschichten. Nur etwa ein Drittel des Jahrgangs war gekommen, doch die berührenden Momente, das wirklich Bewegende erlebt ohnehin jeder allein und ganz für sich. Der Eintritt durch das alte Hauptportal, der Weg durch die Flure, das Lehrerzimmer, die Klassenräume. Die alte Turnhalle mit dem Parkettboden, der immer noch so aussieht wie damals, der Naturwissenschaftstrakt mit Biologie, Physik und Chemie, das ehemalige Sprachlabor, Kunstraum, Handarbeit (heute “Textiles Gestalten”). Dann der mit Spannung erwartete Musikraum, im 2. Obergeschoss, äußerlich kaum verändert, mit den eingelassenen Schränken gegenüber den Fenstern. Hier habe ich gesungen und Rhythmen geklatscht, später dann Kadenzen an die Tafel geschrieben und zum ersten Mal Alban Bergs “Wozzeck” gehört. Nebenan der Instrumentenraum, wo tatsächlich noch das alte Sperrhake-Cembalo steht und auf dem wahrscheinlich nie jemand spielt, also alles wie gehabt. Höhepunkt aber die alte Aula! Hier fanden die Schulkonzerte statt, bei denen ich als Mitglied des Schulorchesters mitgewirkt habe. Geprobt wurde immer samstags in der 5. Stunde, nach Ende des regulären Unterrichts. In der Aula hatte ich meinen ersten öffentlichen Auftritt als Dirigent und natürlich das Konzert am 26.06.1976, in dem ich als 18-jähriger Abiturient schwer verliebt meine “Fuga sabina” uraufgeführt habe, eine Komposition für Sabine, ein Mädchen aus der achten Klasse. Noch einmal auf dieser Bühne zu stehen mit ihren kleinen Seitenaufgängen, dem dunklen Vorhang, den alten Requisiten, dem Steinway-Flügel…. Ein bisschen Wehmut schwingt mit, das ist ganz normal. Es hat auch mit den immer wiederkehrenden Themen des Lebens zu tun, mit Fragen nach Zeit und Sinn und Ziel – was war, was ist, was hätte werden können und was wird noch sein? Dass ich bei der Lektüre meiner Deutsch-Abiklausur feststellen musste, dass die korrigierende Frau Studienrätin meine Arbeit schlicht nicht verstanden hatte, tat nicht weh. Dafür war das Geschenk, überhaupt noch einmal vor Ort sein zu dürfen, zu schön.

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8. September 2016

Gestern Abend im Opernkurs: “Les Troyens” von Hector Berlioz, 3. Akt. Die Londoner Produktion (Royal Opera House) von 2012 liefert ein weiteres starkes Argument für die Beschäftigung mit der großen französischen Oper, diesem so speziellen Zweig des Musiktheaters. Mitreißende Chöre, kunstvolle Arien und Ensembles, eingebettet in intensive und differenzierte Orchesterklänge – dazu spielt Berlioz klug und virtuos mit den Mitteln der Dramaturgie, insbesondere mit retardierenden Momenten. Die Trojaner treffen in Karthago ein, und jeder von uns wartet mit Spannung auf die erste Begegnung zwischen Dido und Aeneas – nach der Lektüre des Librettos wissen wir, dass sie in überwältigender, tragischer Liebe zueinander entflammen werden. Dido kennt ihren künftigen Geliebten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, und so warten wir zusammen mit ihr. Doch Berlioz lässt seinen Helden erst mit einiger Verspätung auftreten, dafür allerdings imponierend kraftvoll und siegessicher. Dido ist tief beeindruckt, sie wird Aeneas in rasender Leidenschaft verfallen und ahnt bereits jetzt, dass sie ihren Gefühlen schutzlos und unkontrollierbar ausgeliefert sein wird. Wir dürfen ihr bei jedem Schritt in die Katastrophe zusehen, wir fiebern mit ihr, wir möchten ihr mit guten Ratschlägen zu Hilfe kommen, eigentlich müssten wir längst selbst auf der Bühne sein. In diesen Momenten lieben wir Berlioz und die Grand opéra und wissen, dass er stimmt, dieser Satz: Wir können alles, denn wir sind die Oper.

6. September 2016

Bereits in der letzten Woche haben wir uns in zwei Kursen mit Richard Strauss’ Alpensinfonie beschäftigt, nun folgt heute und am Donnerstag die 2003 entstandene Alpensinfonie in Bildern von Tobias Melle. Die Musik von Richard Strauss ist nicht zuletzt wegen der großen Besetzung – es spielen weit mehr als 100 Musiker u. a. Windmaschine, Donnermaschine, Glockenspiel und Herdengeläute – und der damit verbundenen kunstvollen Verwendung klanglicher Möglichkeiten ausgesprochen bildhaft. Insofern war es Tobias Melles selbstgestellte und wohlverstandene Aufgabe, die unsichtbar vorhandenen Bilder sichtbar zu machen, ohne die Musik zum Soundtrack zu degradieren. Vielmehr habe er einen “Eyetrack” geschaffen, so Melle, und liegt damit ganz richtig. Kommt üblicherweise zu bereits vorhandenen Bildern – ob Kino, Malerei oder Fotografie – die Musik erst hinzu, so unterfüttern hier sozusagen die Bilder bereits vorhandene Klänge – auf Augenhöhe, so das Wortspiel erlaubt ist.

Mit der Alpensinfonie in Bildern ist ohne Zweifel die Erfahrung einer Wanderung gelungen, wie sie Boris Baginski im Booklet der DVD beschreibt: Das ist es doch, was ein Bergerlebnis ausmacht: Die Anstrengung des Anstiegs, die Ruhe, Stille, Würde und Erhabenheit der wilden, unberührten Natur, mit all ihren Gefahren – das ermöglicht eine Selbsterfahrung, ein großes Erlebnis, ein Sich-Einordnen in die Dimensionen der Natur – und auch eine “Reinigung”. Heute scheint diese Geisteshaltung fast altmodisch, angesichts von Funsport und Erlebnisparks – aber ist nicht eine solche Form des Erlebens die weitaus großartigere und im eigentlichen Sinne die wertvollere?

Strauss Alpensinfonie

4. September 2016

In zahlreichen Büchern hat der amerikanische Psychiater und Bestseller-Autor Irvin D. Yalom über seine Erfahrungen und Erlebnisse mit Patienten berichtet. Aus Gründen der Vertraulichkeit hat er die jeweilige Identität der einzelnen Patienten stark verschleiert, wie er schreibt, und immer deren Zustimmung oder schriftliche Genehmigung zur Veröffentlichung eingeholt. Die einzelnen Episoden sind durchweg unterhaltsam, der Erzählstil ist leichtfüßig und unkompliziert. Die Besonderheit liegt weniger im Inhalt bzw. in den verschiedenen Dispositionen und Ausgangssituationen seiner Besucher, sondern vielmehr in komprimierten, verblüffenden Sätzen, die sowohl seinen Patienten als auch ihm selbst entfahren. “Sie müssen die Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit aufgeben”, sagt er zum Beispiel oder spricht über Menschen, “die zu einem Klassentreffen gehen und sich dort Hals über Kopf verlieben, manchmal in eine alte Liebe, oft in jemanden, den sie früher nicht einmal gut kannten.” Yalom nennt das “Liebe via Assoziation” und identifiziert “träumerische Erwartungen an ein aufregendes Leben, das sich märchenhaft und unermesslich” vor ihnen ausbreitet, als Grund für die Übertragung auf eine Person, die zum Symbol für Glück und Erfüllung wird, oft mit verheerendem Ausgang. An anderer Stelle geht es um kleine und große Geheimnisse. “Ich arbeite bei Starbucks”, postet jemand auf einer anonymen Website, “und wenn Kunden unfreundlich sind, gebe ich ihnen koffeinfreien Kaffee.”
Tipp: Irvin D. Yalom, Denn alles ist vergänglich; btb Verlag, München 2015

30. August 2016

Die Wahrheit nachbilden mag gut sein, aber die Wahrheit erfinden ist besser, viel besser.
Giuseppe Verdi (1813 – 1901)

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29. August 2016

2016 ist das Internationale Jahr der Hülsenfrüchte. Unter der Leitung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen soll das Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit für die ernährungsphysiologischen Vorzüge von Hülsenfrüchten und den Nutzen für eine nachhaltige Landwirtschaft gestärkt werden. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung führt im Jahr der Hülsenfrüchte Veranstaltungen durch, um die Wahrnehmung des Potentials der Hülsenfrüchte in der Öffentlichkeit zu verstärken.

2016 ist auch das Wissenschaftsjahr der Meere und Ozeane, ausgerichtet vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Ein wichtiger Aspekt des Themas ist der Schutz der Meere vor den Auswirkungen von Klimawandel, Rohstoffabbau und Vermüllung.

Und 2016 ist das Jahr der Harfe, eines der ältesten Musikinstrumente der Menschheit! Schon seit ca. 3000 v. Chr. sind Hinweise auf Harfeninstrumente erhalten. Die Harfe ist ein äußerst vielseitiges Instrument und als Klangfarbe im Orchester bedeutend, eignet sich aber auch vorzüglich als Soloinstrument. Die Harfe findet nicht nur in der klassischen Musik Verwendung, sondern wird auch in anderen Genres wie Pop, Jazz und Folk eingesetzt.

So, und wer verlinkt jetzt diese Widmungen? Ozeane, Harfen und Hülsenfrüchte müssten doch zueinander gebracht werden können! Wie wär’s mit einer Neufassung der “Meuterei auf der Bounty”? Ein 2016er Infotainment-Abenteuer mit daily mushy peas und Harp Lager vom Fass. Claude-Oliver Rudolph als Käpt’n Bligh trägt eine Sonnenbrille von oceanblue. In weiteren Rollen Tom Cruise (!), Claus Kleber und Gundula Gause.

27. August 2016

Das Jahresende 1963 war ereignishaft darin, daß der Tod seine Sense schwang. Die schwarzen Raben flogen. Sie flogen auch zu Winfried Zillig. Musiker, Kapellmeister und Komponist. Schönberg-Schüler. [...] Einmal wird man die Biographie dieser Generation schreiben müssen, die eine verfluchte Zeit hindurch nicht sein konnte, was sie sein wollte. Die Widerstände hätten sie stärker gemacht? Ach, die Widerstände haben sie nicht zu dem kommen lassen, was „Leben“ heißt! [...] Zillig gehörte – als Komponist und Dirigent – zu jenen großen Talenten, in denen das Genie gereift wäre, wenn man ihnen Zeit dazu gelassen hätte. Statt dessen gibt man ihm Ämter.

So schrieb die ZEIT zum Jahresende 1963 und würdigte den Musiker und Autor Winfried Zillig. Was passiert – die Frage drängt sich auf – wenn das Talent die ihm angebotenen Ämter zum Zwecke der eigenen Entwicklung und Reife ausschlägt? Später im Text heißt es, es “geht jetzt darum, dass die Dirigenten die Partituren – die sehr kunstvollen und kraftvollen Partituren Zilligs – auf die Notenpulte legen”. Also doch? Was soll sich entwickeln, der Künstler oder der Kunstbetrieb? Vertragen sich Talent und Amt wirklich nicht? Nicht jedes Talent erhält ein Amt, soviel ist sicher. Doch auch nicht jeder, der ein Amt hat, hat auch Talent.

25. August 2016

Man muss einem Kritiker nur in aller Offenheit versichern, dass man kein Künstler ist, und schon führen sie ein Gespräch mit uns, als verstünde man von Kunst so viel wie sie.
Max Frisch (1911 – 1991)

23. August 2016

In der aktuellen Ausgabe von üben & musizieren findet sich eine Besprechung von Hänsel und Gretel für Streichquartett. “Eingängige Melodien, samtiger Streicherklang und romantische Hörner” seien – neben den Stimmen der HauptdarstellerInnen (wir behalten sowohl die Schreibweise als auch die Wahl der Parenthese bei) – “die wichtigsten Bestandteile von Engelbert Humperdincks Opern-Dauerbrenner”. In der Quartett-Fassung fehlen indes die Singstimmen ebenso wie die Hörner. Dies sei der “aufgeräumt” wirkenden Partitur geschuldet, heißt es in der Rezension. Überhaupt sei es “gar nicht so sehr um die Illusion des großen Orchesterklangs” gegangen” (!), “sondern mehr um eine sachgerechte Transformation in ein ganz anderes musikalisches Genre”. Überhaupt klinge ja Humperdincks Originalpartitur “teilweise etwas aufgesetzt und schwülstig”, befindet der Autor und stellt fest, die Bearbeitung “projiziert” dies aber nun “auf ein durchsichtiges, klares und etwas neutraleres Klangideal”.

Dass heutzutage jeder für sein Instrument oder für seine Besetzung alle verfügbare Musik bearbeitet, arrangiert oder sonstwie passend macht – daran haben wir uns bis hin zu Werbetrailern, Videoclips und Handy-Klingeltönen längst gewöhnt. Wir konzedieren auch gerne, dass Bearbeitungen zuweilen etwas Charmantes, gar Erschließendes, etwas pädagogisch Sinnvolles oder schlicht Schönes anhaften kann. Dazu aber vermeintliche Schwächen des Originals zu reklamieren, ist nur albern. Immerhin aber sind wir nun mit Hänsel und Gretel für Streichquartett um ein Oxymoron reicher.

20. August 2016

“Du glaubst nicht recht, was du weißt, nicht wahr?”
“Doch, schon. Ich weiß, ich liebe dich. Und ich weiß, dass Flügel eines Schmetterlings eine Blüte in China streifen können und dadurch einen Hurrikan in der Karibik auslösen – das glaube ich. Man kann sogar die Chancen ausrechnen. Ist nur nicht wahrscheinlich. Und es dauert so lange.”
Havanna. R.: Sydney Pollack. Drehbuch: Judith Rascoe, David Rayfiel. USA 1990. Deutsche Synchronfassung.

18. August 2016

Während der letzten Woche habe ich ein paar Tage in Berlin verbracht und dort u. a. eine Aufführung der Shakespeare Company Berlin miterlebt: “Macbeth!” nach William Shakespeare. Die Company selbst schreibt in ihrem Flyer, dass sie mit einer der großen Tragödien Shakespeares neue Wege geht und im Spiel zugleich ihrer Tradition des Volkstheaters treu bleibt. Eine neue Übersetzung, Live-Musik und Chorgesang als Hexenprophezeiung sind dabei Bestandteile einer Reise jenseits der eigenen Ängste.

Insgesamt bieten die sechs Schauspieler in verschiedenen Rollen über 2½ Stunden Theaterkunst auf hohem Niveau, wenngleich sich manche Änderung im Vergleich zum Original nicht unmittelbar erschließt. So leuchtet nicht recht ein, warum Teile des Schlussmonologs Macbeth’s gleich zu Anfang aus dem Munde von Lady Macbeth zu vernehmen sind und obendrein trotz des abgründig-zynischen Inhalts recht salopp klingen. Auch über den einen oder anderen Aktualitätsbezug hätte sich Shakespeare vermutlich gewundert, und wohl nicht nur er. Doch sei’s drum – das Ensemble findet zu einer starken, ausdruckswilligen Gesamtleistung. Insbesondere die Musikbeiträge sind kunstvoll improvisiert und von madrigaleskem Charme. Outdoor! – zu fortgeschrittener Stunde setzt wegen der geringen Abendtemperatur ein spürbares Frösteln ein (oder doch wegen des Machthungers der Lady?), aber da haben Herz und Gemüt längst Feuer gefangen und wärmen von innen.

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16. August 2016

Posillipo ist ein Stadtteil von Neapel und liegt südwestlich des historischen Zentrums. Der Name leitet sich ab vom antiken Pausilypon, was soviel wie „schmerzstillend“ oder „Ende des Leidens“ bedeutet, ähnlich wie Sanssouci. Die antike Villa Pausilypon ist über die Grotta di Seiano zu erreichen, einen 770 Meter langen Tunnel, der während der Regierungszeit des Tiberius erbaut wurde. Es gibt zahlreiche Schönheiten, mit denen Posillipo aufwartet, die Villa Pausilypon ist nur eine davon. Eine großzügige Villa mit eigenem Amphitheater bot bereits vor zweitausend Jahren jeden erdenklichen Komfort. Am aufregendsten ist der Blick auf La Gaiola, eine kleine vorgelagerte Insel. Auf dem nur wenige Quadratmeter großen Eiland ließ ein italienischer Politiker im 19. Jahrhundert eine prächtige Villa erbauen, die noch heute dort steht, geheimnisumwittert und verfallen, gleichwohl mit bezwingendem Charme. Mit ein paar Schwimmzügen erreicht man La Gaiola, schaut aufs Meer, zum Strand oder paddelt zwischen den Felsen hindurch. Oder, wie gesagt, man bleibt oben auf dem Hügel und schaut dem Treiben zu. Auf dem Weg zurück ins Stadtzentrum von Neapel bewundert man den Palazzo Donn’Anna, eine spektakuläre, direkt am Wasser liegende und teilbewohnte Ruine aus dem 17. Jahrhundert. Danach isst man bei “Reginella” eine Pizza con melanzane grigliate, die es nirgendwo besser gibt. “La dolce vita” kann ganz einfach sein.

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Pause bis zum 15. August 2016

12. Juli 2016

Die Wetzlarer Neue Zeitung schreibt zum Abschlusskonzert des diesjährigen Chorprojektes der Wetzlarer Musikschule:

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Haydn trifft Genzmer
Wetzlar. Seit zwölf Jahren lädt die Musikschule zum sechsmonatigen Chorprojekt ein. Jedes Jahr zu einem anderen Thema. Diesmal haben sich die 30 Sängerinnen und Sänger Chormusik aus zwei unterschiedlichen Jahrhunderten vorgenommen. Die Spannung zwischen den Werken habe den Reiz ausgemacht, erklärte Schulleiter Thomas Sander vor 70 Besuchern im Saal der Musikschule. Ausgewählt hatte er Chormusik von Haydn (1732 – 1809) und Harald Genzmer (1909 – 2007). Dass verschiedene Jahrhunderte verschiedene musikalische Ausdrucksformen hervorbringen, stellte der Chor eindrücklich vor. Sander erläuterte die Besonderheiten der Stücke. War Genzmer eher unbekannt, so folgte mit Haydn ein überaus bekannter Komponist. Aus dessen mehr als 1000 Werken hatte Sander drei Stücke ausgesucht, die dieser nach Texten aus dem frühen 13. Jahrhundert geschaffen hat. Das Publikum in der Musikschule hatte seine Freude und dankte mit viel Applaus.
(Text und Foto: Lothar Rühl)

10. Juli 2016

Nach fast drei Tagen wirkt die Aufführung von La Juive im Nationaltheater Mannheim immer noch nach. Ein großes Opernerlebnis, eindrucksvoll und bewegend. Das macht zum einen die Musik von Halévy, die jede emotionale Stimmung auf den Punkt bringt und im wahrsten Sinne des Wortes situativ und taktgenau den richtigen Tonfall trifft. Zum anderen liegt die Wirkung im Ausdrucksvermögen der Sängerinnen und Sänger – hier bietet vor allem Roy Cornelius Smith in der Rolle des Éléazar eine glänzende Vorstellung und rührt mit seiner Arie “Rachel, quand du Seigneur” das Publikum zu Tränen. Unter der musikalischen Leitung von Alois Seidlmeier kreieren die übrigen Solisten ebenso wie Chor und Orchester eindrückliche, intensive Klänge. Die Inszenierung von Peter Konwitschny positioniert sich zum Thema der Oper, also zu den Auswüchsen ideologischer Verblendung und den verheerenden Folgen von religiösem Fanatismus, in beklemmenden Bildern. Noch lange wirkt das Finale des dritten Aktes nach – der Chor agiert hier als intolerante, gehässige, aufgeputschte Menge und produziert im rhythmischen Staccato Sprengstoffgürtel am Fließband. Die Szene geht sehr unter die Haut und zeigt auf  flamboyante Weise, wozu Theater fähig ist.

In Mannheim wird La Juive während der kommenden Spielzeit leider nicht mehr zu sehen sein. Die Opéra National du Rhin in Straßburg zeigt das Stück in Konwitschnys Inszenierung im Februar 2017. In der Inszenierung von Calixto Bieito bringt die Bayerische Staatsoper La Juive im Oktober dieses Jahres.

8. Juli 2016

Es gibt nur zwei Arten von Musik: gute und schlechte. Es kommt nicht darauf an was du spielst, sondern wie du spielst.
Louis Armstrong (1901 – 1971)

6. Juli 2016

Heute ist Tag des Kusses. Wissenschaftler sagen, dass Küssen das Immunsystem stärken und Stress abbauen kann. Außerdem würden beim Küssen alle 34 Gesichtsmuskeln trainiert. Die meisten Philematologen, also Kussforscher, sehen im Küssen ein romantisch-sexuelles Verhalten. Die im 19. Jahrhundert verbreitete These, dass Chinesen den Kuss der Europäer für eine abstoßende Spielart von Kannibalismus halten, findet heute außer bei Kabarettisten und Sakralsektierern keine Anhänger mehr. Interessanter übrigens als die Erkenntnis, dass ein Mensch in 70 Lebensjahren durchschnittlich mehr als 76 Tage mit Küssen verbringt, ist das Ergebnis einer Studie, wonach zwei Drittel der Menschen beim Küssen den Kopf nach rechts neigen. Wenn man der Theorie anhängt, dass das Küssen seine Wurzeln nicht in der tierischen Brutpflege und in Fütterungsritualen hat, sondern die Ursprünge im Beschnüffeln und Belecken des Hinterteils bei Begegnungen von Vierbeinern liegen und diese Geste sich beim Aufrichten des Menschen von unten nach oben verlagert hat – ja, dann ergibt die Aufforderung “Du kannst mich mal am A…. lecken” einen ganz neuen Sinn! Ob der Großteil der Vierbeiner das Hinterteil dabei nach rechts geneigt hat, ist wissenschaftlich nicht erforscht.

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4. Juli 2016

Termin der Woche: Do, 7. Juli, 19.00 Uhr, Nationaltheater Mannheim: Fromental Halévy, La Juive
Koproduktion des Nationaltheaters Mannheim mit dem Kunsthuis Opera Vlaanderen (Belgien)

Die Derniére, doch für mich gleich zwei Premieren: Ich war noch nie im Mannheimer Nationaltheater, und ich habe Halévys La Juive noch nie auf der Bühne gesehen. Eine mitreißende, packende Geschichte von Hass, Rache und religiösem Fanatismus, von Fromental Halévy, dem Schwiegervater Georges Bizets, ebenso stark und beeindruckend vertont!

Kardinal Brogny und der Jude Eléazar haben eine gemeinsame Vorgeschichte: Brogny verurteilte die Söhne des Juden zum Tod auf dem Scheiterhaufen, Eléazar rettete unerkannt Brognys Tochter aus einem brennenden Haus. Unter dem Namen Rachel zieht er sie in jüdischem Glauben auf. Ihrem leiblichen Vater hat er jedoch nie verziehen. Reichsfürst Léopold verliebt sich in die schöne vermeintliche Jüdin, obwohl er bereits mit der Nichte des Kaisers verbunden ist. Eine Ehe mit Rachel ist unmöglich, doch Vater und Tochter fühlen sich verraten. Rachel macht ihre Beziehung mit Léopold öffentlich, Brogny lässt hierfür alle drei in den Kerker werfen. Eine nachträgliche Entlastung rettet Léopold, der Jude und seine vermeintliche Tochter aber werden zum Tode verurteilt. In dem Moment, in dem Rachel stirbt, eröffnet Eléazar Brogny ihre wahre Identität. Die Handlung bettet einen Privatkonflikt in eine historische Situation ein, das Konzil von Konstanz 1414, und eröffnet Halévy vielfältige kompositorische Möglichkeiten. Einerseits charakterisiert er die Hauptfiguren auf eindringliche Weise, was sich in expressiver Melodik zeigt. Andererseits nutzt er die Volksszenen zu großen Tableaus, die in ihrer Kraft bestechen und einen starken klanglichen Sog entfalten. Hierbei verwendet Halévy eine damals neuartige Klangmischung, in der er die tiefen Bläser hervorhebt. Der anhaltende große Erfolg dieser Oper machte Halévy zum wichtigsten Vertreter der Grand opéra nach Meyerbeer. (Quelle: NTM)

1. Juli 2016

Die Uraufführung von Gustav Mahlers 6. Sinfonie – wir haben uns in dieser Woche mit dem Werk näher beschäftigt – fand 1906 im Essener Saalbau statt. Es spielten die Essener Philharmoniker, gemeinsam mit dem Utrechter Sinfonieorchester, unter der Leitung des Komponisten. Der Essener Saalbau war nur zwei Jahre zuvor feierlich eingeweiht worden, es dirigierte Richard Strauss. 1913 führte Max Reger hier seine Böcklin-Suite zum ersten Mal auf, und auch in den nachfolgenden Jahren war der Saalbau mehrfach Schauplatz großartiger musikalischer Darbietungen. Bei einem Bombenangriff im Juli 1943 erlitt das Konzerthaus schwerste Schäden, wie im Übrigen die gesamte Essener Innenstadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand ein modernisierter Wiederaufbau im schlichten Stil. In den Jahren 2002 bis 2004 wurde der Saalbau als Sitz der Philharmonie Essen vollständig renoviert und mit neuer technischer Ausstattung versehen. Am 4. Juni 2004 fand die Wiedereröffnung des neuen Konzert- und Veranstaltungsortes statt.

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Saalbau Essen, 2004
Foto: Thomas Robbin

Heute lese ich, dass der frühere Bundeswirtschaftsminister und derzeitige Chef der RAG-Stiftung, Werner Müller, einen Solidarpakt im Volumen von 50 Milliarden Euro für das Ruhrgebiet fordert. Mit dem Geld könnten Straßen saniert und ganze Stadtviertel attraktiv gemacht werden, ebenso könnte man Unternehmen ansiedeln. Mindestens 200 Milliarden Euro seien in den Aufbau Ost geflossen, so Müller, auch viel Steuergelder der Bürger des Ruhrgebiets. Auf den Aufbau Ost müsse nun der Aufbau West folgen. Müller beklagt, dass die Infrastruktur und manche Stadtteile “verkommen”, dass es Viertel in Duisburg, Dortmund und im Essener Norden gibt, “da möchte niemand wohnen oder seinen Betrieb haben. Wir können die gut fünf Millionen Menschen im Ruhrgebiet nicht hängen lassen.”

Wir pflichten dem bei, ohne Vorbehalt. Und hoffen inständig, dass der ersehnte Solidarpakt so rasch wie möglich auf den Weg gebracht wird und – nicht minder wichtig – dabei die richtigen Prioritäten gesetzt werden, gerne in Erinnerung an ein Wort des ehemaligen Landesvaters von Nordrhein-Westfalen und späteren Bundespräsidenten Johannes Rau: “Wenn wir Musik und Sport und Kunst für die Sahne auf dem Kuchen halten und nicht für die Hefe im Teig, dann verstehen wir unsere Gesellschaft falsch.”

29. Juni 2016

Mit ein bisschen Glück kann ich vor meiner Neapel-Reise noch an einem Crash-Kurs Italienisch teilnehmen. Das wäre schön, denn im Ausland gebietet die Höflichkeit, wenigstens ein paar Versatzstücke der Konversation in der Landessprache zu beherrschen. Etwas mehr als “buongiorno”, “il conto per favore” oder “non è possibile” würde ich schon gerne sagen können. Doch kein Italiener erwartet, dass ich mit ihm die Rolle Italiens in der EU diskutiere, schon gar nicht auf italienisch. Vielleicht doch noch auf englisch? Seit dem Brexit wird ja unter den EU-Delegierten darüber gesprochen, was denn nun Verhandlungssprache sein soll, so ganz ohne die Briten. Also wie wär’s mit italienisch? Lässt sich schnell lernen und vor allem gut singen (wenn’s mal mit dem Verhandeln schwierig werden sollte). Und “fruttivendola” klingt einfach schöner als “fruiterer”, das würde jede Obstverkäuferin bestätigen.

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Vincenzo Campi, La Fruttivendola

27. Juni 2016

Nachdem Jerome Boateng nun sein erstes Länderspieltor geschossen hat, noch dazu im Achtelfinale eines wichtigen Turniers und obendrein mit verhärteter Wadenmuskulatur, wollen ihn wohl endgültig alle als Nachbarn haben. Naja, vielleicht nicht alle. Wann klappt’s denn mit dem Nachbarn? Dazu könnten sich Raab oder Böhmermann mal was Kreatives überlegen. Vielleicht eine Sendung ohne Bild und Ton, sozusagen Kopfkino ohne Einschalten, dafür mit Abschalten. Wir sehen fern, sehr fern. Glotzenlose Nachbarschaftshilfe als psychomentale Recreation. Zu anspruchsvoll? Lieber eine Sendung mit Entertainplacebo, variierenden Bildpausen und spontaner Irritation? “Ist der Bildschirm schwarz, oder gibt Boateng gerade ein Interview?” Deutschland sucht den Supernachbarn, Alexander Gauland im Gespräch mit Thorsten Legat. “Wie sind Sie zum Fußball gekommen?” “Immer die Castroper Straße hoch.” Aus, aus, aus, aus!!! Das Spiel ist aus!!!!

24. Juni 2016

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There is nothing either good or bad, but thinking makes it so.
Shakespeare, Hamlet

22. Juni 2016

Die nächste Opernreise der Wetzlarer Musikschule findet vom 10. – 13. November 2016 statt und geht nach Amsterdam (De Nationale Opera). Auf dem Programm steht eine szenische Aufführung des Oratoriums Jephta von Georg Friedrich Händel (Regie Claus Guth). Die Titelpartie singt Richard Croft, in weiteren Rollen sind Wiebke Lehmkuhl, Anna Prohaska, Bejun Mehta, Florian Boesch und Anna Quintans zu hören. Es spielt Concerto Köln, die musikalische Leitung hat Ivor Bolton.

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“Wir versuchen immer”, so hat die Regisseurin Lydia Steier einmal erklärt, “einen Draht zu ziehen zwischen einer anderen Zeit und unserer Zeit, sonst hat es keinen Sinn, diese Stücke zu präsentieren.” Nach der Lektüre der Amsterdamer Homepage dürfen wir in diesem Sinne von einer Inszenierung ausgehen, welche die alttestamentarische, persönliche Tragödie Jephtas mit einer aktuellen Botschaft in der Bedeutung der Mahnung, des Mementos verknüpft. Claus Guth erzählt die alte Geschichte eines Verlierers, der versucht, dem unseligen Kreislauf seines Lebens zu entkommen. Das Individuum trifft falsche Entscheidungen und vergibt Chancen – desozialisiert, zermürbt und aufgerieben zwischen Hoffnung und Angst.

Jephta ist Händels letztes Oratorium. Er vollendet es, beinahe vollständig erblindet, im August 1751. Im zweiten Akt vermerkt er beim Chor „How dark, O Lord, are Thy decrees“ in deutscher Sprache „biß hierher komen den 13 Febr. 1751 verhindert worden wegen so relaxt des gesichts meines linken auges“.

20. Juni 2016

Katzenjammer ist was Schönes, solange es sich um die Folk-Rock-Band aus Norwegen handelt. Anne Marit Bergheim, Solveig Heilo und Turid Jørgensen (bis 2015 auch Marianne Sveen) spielen eine stilistisch schwer einzuordnende Musik, die zuweilen nach Tanz und Jahrmarkt klingt, nach Bar und Zirkus, nach Sonne und Wind. Die Stücke sind häufig sehr sinnlich und erzählen von Sehnsucht und Lust, von Schmerz und Verzeihen, von Träumen und Aufbruch. Katzenjammer singt vom richtigen Leben, so wie wir es uns wünschen, wie es sein kann, wie es ist.

Katzenjammer

17. Juni 2016

Hitchcock hat noch ganz andere Sachen gesagt, zum Beispiel: “Ich finde, die englischen Frauen, die Schwedinnen, die Norddeutschen und die Skandinavierinnen sind interessanter als die romanischen, die Italienerinnen und die Französinnen. Der Sex darf nicht gleich ins Auge stechen. Eine junge Engländerin mag daherkommen wie eine Lehrerin, aber wenn Sie mit ihr in ein Taxi steigen, überrascht sie Sie damit, dass sie Ihnen in den Hosenschlitz greift. [...] Ich brauche Damen, wirkliche Damen, die dann im Schlafzimmer zu Nutten werden. Der armen Marilyn Monroe konnte man den Sex vom Gesicht ablesen, auch Brigitte Bardot, und das ist nicht besonders fein. [...] Die [haben] nur schlechte Filme gedreht. Warum? Weil es mit ihnen keine Überraschung gibt, folglich auch keine guten Szenen.

Marilyn Monroe und Brigitte Bardot haben mit Regisseuren wie Howard Hawks, Billy Wilder, Otto Preminger, John Huston, George Cukor, Anatole Litvak, Henri-Georges Clouzot und Louis Malle gearbeitet. Es ist unwahrscheinlich, dass Hitchcock den genannten Regie-Kollegen oder den Schauspielerinnen seine Ansichten auf direktem Wege übermittelt hat. Vielleicht hat er ihnen Kondome zukommen lassen – mit Packungsaufdruck: Warnung! Griffe in den Hosenschlitz beeinträchtigen das Urteilsvermögen.

16. Juni 2016

Kunst kommt für mich vor Demokratie.
Alfred Hitchcock (1899 – 1980)

14. Juni 2016

Vor vielen Jahren hielt mich spätabends die Gelsenkirchener Verkehrspolizei an, weil ich auf der B 227 sehr langsam unterwegs war. Die Beamten fragten nach dem Grund meiner sedierten, tranceartigen Fahrweise, und ich erklärte, dass ich gerade im Musiktheater ein Sinfoniekonzert mit Mahlers Dritter gehört hatte: “Sie wissen schon, die mit dem entrückten D-Dur-Adagio.” Die etwas ratlosen Polizisten verzichteten auf einen Alkoholtest, empfahlen ein für eine Schnellstraße angemessenes Tempo und wünschten einen guten Heimweg.

Ich hatte bis zu diesem Tag keine Vorstellung davon, dass der Schlusssatz (Langsam. Ruhevoll. Empfunden) wie ein Zaubertrank wirkt und – wie la-belle-epoque schreibt – “uns in den Zustand der inneren Erschöpfung, aber auch der geistigen und seelischen Erfüllung und des vollkommenen Glücks” hebt. Der programmatische Zusatz “Was mir die Liebe erzählt” verweist auf ein sinfonisches Finale, wie es kein vergleichbares gibt. Wir besprechen Mahlers 3. Sinfonie heute und am Donnerstag im Kurs.

13. Juni 2016

Es ist – ich gebe es zu – einer meiner Lieblingsfehler, und es war klar, dass er pünktlich zu den Übertragungen der Fußball-Europameisterschaft wieder auftauchen würde. Meiner Erwartung entsprechend sagte also gestern der Kommentator während seiner Live-Reportage wieder gewunken statt gewinkt. Daran habe ich mich mit heiterer Resignation gewöhnt und zitiere hier gerne Eduard Engel, der schon 1918 in seinem Werk Gutes Deutsch. Ein Führer durch falsch und richtig schreibt: “Von winken gibt es in Süddeutschland ein, dort ernst gemeintes, gewunken; in Norddeutschland wird es nur bewußt drollig gebraucht.” Ob der besagte Fußballkommentator Süd- oder Norddeutscher ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Noch 1998 stellt der Duden fest: “Das unregelmäßige 2. Partizip gewunken dringt heute, obwohl es hochsprachlich nicht als korrekt gilt, über das mundartliche hinaus.” Doch schon in der Ausgabe von 2005 steht gewunken kommentarlos neben dem als Hauptform gekennzeichneten gewinkt. Leider empfiehlt auch das grammatische Informationssystem des Instituts für deutsche Sprache (ids), dass der “Verteufelung von gewunken das Lebewohl zugewunken” werden sollte und rät dann allen Ernstes, bei einem eher konservativen Adressaten vielleicht doch großzügig gewinkt zu schreiben.

Ich bin da weniger konziliant. Erst wenn die Sterne geblunken haben und ich mit gezunkenen Karten über die Straße gehunken bin – dann werde ich auch gewunken akzeptieren.

10. Juni 2016

Den Uhund haben eine Schülerin und ich vor Jahren während einer Klavierstunde entdeckt. Wir sprachen über Zählzeiten im Dreivierteltakt und behandelten die Unterteilung in Achtel und Sechzehntel. “1 – 2 – 3″ zählten wir gemeinsam die Viertel, dann “1 und 2 und 3 und” die Achtel.
“Jetzt die Sechzehntel”, sagte ich. “1 uhund 2 uhund 3 uhund….”
“Uhund?”, fragte meine Schülerin.
“Ja, Uhund. Das Sechzehntel-Tier”, bestätigte ich.
“Das Sechzehntel-Tier?”
“Ja, eine Kreuzung aus Uhu und Hund. Uhund eben. Ein Tier für unterteilte Zählzeiten.”
“Ich verstehe. Ist bestimmt sehr musikalisch. Ruft und bellt nur in Sechzehnteln, oder?”
“Genau. Und sieht cool aus.”

Uhund

8. Juni 2016

Hab jetzt 6 Solosonaten für die Geige allein geschrieben. Mir geht’s gut, wie’s den Geigen geht dabei, weiß ich nicht.
Max Reger, 1905

Eine Bewertung des Werkes von Max Reger (1873 – 1916) fällt der Musikwelt seit jeher nicht leicht. Von einer konsensualen Einschätzung kann keine Rede sein, wenngleich der kompositorische Rang nie bestritten wird – von Igor Strawinsky einmal abgesehen, der Regers Musik ebenso wie dessen Erscheinung abstoßend fand. Der junge Sergei Prokofjew hingegen war von Reger fasziniert, und von Paul Hindemith sind die Sätze überliefert: “Max Reger war der letzte Riese in der Musik. Ich bin ohne ihn gar nicht zu denken.” Reger selbst erwartete, dass man ihn als reaktionär bezeichnen und zum alten Eisen werfen würde. Vielleicht wäre er über die zahlreichen Veranstaltungen, Konzerte und CD-Produktionen anlässlich seines 100. Todestages einigermaßen erstaunt.

Max Reger 1913

Regers Musik ist schwer, technisch wie musikalisch. Bisweilen entziehen sich Interpreten den Mühen der Einstudierung, zumal ein ungeteilt positives Echo im Konzertsaal nur von ausgewiesenen Kennern zu erwarten ist. Reger hat seine eigene Gemeinde von Bewunderern, doch das Abonnentenpublikum tut sich schwer. Ein erster Zugang kann sich – wenn überhaupt – nur über den Ausdrucksgehalt der Musik erschließen, ein satztechnisches oder harmonisches Verständnis ist für Laien so gut wie unmöglich. In Abwandlung des oben genannten Zitats wäre die Frage “wie’s dem Hörer dabei geht” nur allzu berechtigt, nicht nur in Bezug auf die Sonaten für Geige.

5. Juni 2016

Wetzlarer Neue Zeitung, 5. Juni 2016

SCHWELGEN IN ERINNERUNGEN
EIN ABEND FÜR MARILYN MONROE

WETZLAR. Es sollten 90 Minuten für 90 Jahre werden. So Thomas Sander am Mittwochabend in der Musikschule. Eine Ehrung für Marilyn Monroe, die am 1. Juni 90 Jahre alt geworden wäre. Tatsächlich wurde der Vortrag etwas länger, aber es hatten sich auch deutlich mehr als 90 Besucher eingefunden, um sich in die Zeit von Hollywoods Glanz und Glamour entführen zu lassen und in alten Liedern und Erinnerungen zu schwelgen.

Er sei weniger ein Fan als vielmehr ein Bewunderer und Kenner des Werks der meistfotografierten Frau des 20. Jahrhunderts, sagte Sander im Anschluss seines Vortrags. Das war dem Leiter der Musikschule im Verlauf des Abends deutlich anzumerken. Ohne Notizen hielt der den über anderthalbstündigen Vortrag frei. Er touchierte kurz die Kindheit der Schauspielerin und ging dann nahtlos zu der Zeit über, in der aus der von Pflegefamilie zu Pflegefamilie abgeschobenen und bereits mit 16 Jahren verheirateten Norma Jeane Baker die Filmikone Marilyn Monroe wurde.

Model und B-Movie-Darstellerin sei sie zunächst gewesen, aber spätestens mit Sanders erklärtem Lieblingsfilm “Niagara” (1953) habe sie zeigen können, welches schauspielerische Talent in ihr steckte. Doch Niagara sei nicht nur ein brillant inszenierter Thriller gewesen, konstatierte Sander. Auch durch den monothematischen Einsatz der Filmmusik, dem Song “Kiss me”, habe sich dieser Film von anderen seiner Zeit hervorgehoben. Zur genaueren Untermalung seiner These setzte sich Sander ans Klavier und spielte die musikalische Sequenz, die im Film orchestral, jazzig, lasziv gesummt und unter der Dusche gesungen auftaucht und sogar vom Geläut der Kirchenglocken intoniert wird. Erst die letzte Szene des Films verzerrt die Melodie durch eine düster-bedrohliche Verschiebung in Moll. “Sie sind so still,” bemerkte Sander die Wirkung, die sein Spiel hatte, lächelnd.

Doch nicht allein Marilyns künstlerisches Schaffen hatte er im Visier. Er zitierte Passagen aus Biografien und zeichnete so ein facettenreiches Bild der zu Lebzeiten oft verkannten Schauspielerin. Immer wieder sorgte Marilyn Monroe für Überraschungen. Plante der Regisseur vier Tage für eine komplizierte Szene, reichten 20 Minuten. Dafür musste der Satz “Wo ist der Whisky” aus “Some Like it Hot” 65 Mal gedreht werden. Die Filmausschnitte waren hervorragend gewählt. Das Publikum schwankte zwischen Tränen und Gelächter, erinnerte sich an Lieblingsfilme und entdeckte neue. 90 Minuten reichten bei Weitem nicht aus, um alles über Marilyn Monroe abzudecken. (bon)

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Thomas Sander erinnerte auch musikalisch an die Schauspielerin Marilyn Monroe (Foto: Bonacker)

3. Juni 2016

Zum Frühstück lese ich heute in der Tageszeitung, dass die Entscheidung darüber, ob Uli Hoeneß nochmals einen hochrangigen Posten bei Bayern München übernimmt, bis Ende dieses Monats fallen wird. So steht es tatsächlich geschrieben – bis Ende dieses Monats. Dieses, nicht diesen. Oh Wunder! Wie hatten wir uns schon an Wendungen wie “zum Ende diesen Quartals” oder “Kinder diesen Alters” gewöhnt! Komisch, niemand spricht bisher von den “Fenstern diesen Hauses” oder den “Früchten diesen Feldes”. Aber das kommt womöglich noch, wer weiß. Vielleicht bis zum Ende diesen… äh, dieses Jahres.

Weiter lese ich, dass der Geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin, eine ausreichende öffentliche Finanzierung für Theater und ihre Beschäftigten fordert. Völlig zu Recht stellt er fest, dass die Mitarbeiter an Theatern immer mehr arbeiten, aber dabei nicht mehr, sondern eher weniger verdienen. Darüber hinaus fällt uns immer dann ein, so Bolwin, dass der Staat zu wenig Geld hat, wenn es um Bildung und Kultur geht. An Bund und Länder appeliert er, Kommunen in ausreichender Weise mit Steuermitteln auszustatten, “schließlich gehört das kulturelle Angebot zur Lebensqualität einer Stadt. Es zieht doch keiner nach Dortmund, weil dort so ein gut funktionierendes Einwohnermeldeamt existiert.”

30. Mai 2016

In einem seiner letzten Interviews sprach Roger Willemsen auch über Paarbeziehungen und unterschied dabei deduktive von induktiven Herangehensweisen. Viele Menschen, so sagte er sinngemäß, pflegen einen deduktiven Zugang in der Weise, dass sie genaue Vorstellungen hinsichtlich einer Beziehung haben und sich danach den Partner aussuchen. Er selber dagegen könne nur induktiv vorgehen und zunächst einen Partner finden, um anschließend zu sehen, was mit diesem in welcher Form zusammen möglich ist.

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Das erinnerte mich sofort an Robert Carsens Pariser Tannhäuser-Inszenierung. Darin läuft der tragische Held während der ganzen Zeit mit einem fertigen Rahmen durch die Welt und sucht dazu das passende Bild. Er könnte sich viel Kummer ersparen, wenn er zunächst das Bild finden würde, für das er sich entscheiden will. Anschließend könnte er sich in Ruhe überlegen, welcher Rahmen dazu passen könnte, ja ob sein Bild überhaupt gerahmt werden muss oder soll. Machen wir also uns und andere nicht unglücklich durch das Festhalten an alten Rahmen und Begrenzungen! Überprüfen wir unsere eigenen Denkmuster, dann können wir mit George Bernard Shaw sagen: “Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Jedesmal nimmt er neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Annahme, sie würden noch auf mich passen.”

28. Mai 2016

Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ich bestimmte Geschichten so oft erzählt habe, dass ich nicht mehr weiß, ob ich sie wirklich erlebt habe. Ich wusste eine Zeitlang noch, dass ich sie wirklich erlebt habe, aber irgendwie haben die sich dann verselbständigt. Geschichten drängen sich zwischen die Wirklichkeit, und man weiß es nicht mehr. Also, ich weiß, dass ich nie mit der Monroe geschlafen habe und daher auch nie ’ne Geschichte darüber erfunden habe.
Hellmuth Karasek (1934 – 2015) im Jahre 2012 in einem Interview auf die Frage, ob der Regisseur Billy Wilder für eine gute Geschichte das eine oder andere zurechtgebogen habe, wie glaubwürdig dessen Erzählungen seien und ob Wilder nicht jemand ist, der “die Wahrheit sagt, selbst wenn er lügt”.

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Foto: JesterWr/C. Grube

An einer anderen Stelle des Gesprächs ist von “heiligen Stätten” die Rede und wie man sich freut, wenn man selbst dort ist. Orte, an denen die großen Stars übernachtet oder sich anderweitig aufgehalten haben. Das kann ich gut verstehen. Ich würde zum Beispiel gerne mal eine Nacht im Hotel Crowne Plaza Niagara Falls verbringen, Zimmer 801. Marilyn Monroe hat dort während der Dreharbeiten zu Niagara gewohnt. Sollte dieser Wunsch jemals in Erfüllung gehen, wäre es schön, wenn ich hinterher wüsste, dass ich es wirklich erlebt habe. Wenn nicht, würde ich die Geschichte wahrscheinlich erfinden. Sie wäre sogar wahr.

25. Mai 2016

Mir fehlt etwas, wenn ich keine Musik höre, und wenn ich Musik höre, fehlt mir erst recht etwas. Dies ist das Beste, was ich über Musik zu sagen weiß.
Robert Walser (1878 – 1956)

24. Mai 2016

Das Wichtigste beim Komponieren sei der Radiergummi, hat Igor Strawinsky einmal gesagt. Die Kunst, ganz wörtlich, liegt also im Weglassen. Weglassen kann in der Kunst aber nur jemand, der die Fülle kennt und weiß, welche Extrakte, Konzentrationen und Verknappungen überhaupt formuliert werden können. Vom Herzen in den Kopf, dann aufs Papier. Über den Klang in die Köpfe und Herzen der Zuhörer, ins Leben.

Beim kürzlich ausgetragenen Eurovision Song Contest (ESC) belegte der deutsche Beitrag den letzten Platz. Bei der Jury wie auch bei den Fernsehzuschauern fiel der Beitrag durch. Sängerin Jamie-Lee (18) glaubt zu wissen, woran es lag: “Ich glaube, mein japanischer Manga-Style. In Deutschland hatten die Leute genug Zeit zu verstehen, warum ich so rumlaufe. Bei Europa war es zu wenig Zeit, mich kennenzulernen und zu verstehen, denke ich.“ Hm, der japanische Manga-Style…. Vielleicht lag es schlicht am fehlenden Radiergummi?

22. Mai 2016

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20. Mai 2016

“Operetten gelten als muffig und spießig – ein Irrtum, denn diese unerhörte musikdramatische Kunst birgt bei aller Ironie ein utopisches Potential, das spielerisch die Welt aus den Angeln heben möchte.” Der Literaturwissenschaftler Volker Klotz kommt zu diesem Befund und bezeichnet die Operette als “unerhörte“ Gattung (wie schön!), als ein im besten Fall dramaturgisch wie musikalisch „aufsässiges Bühnenstück, das wider erstarrte und verhockte Lebenshaltungen“ anrennt.

Spielerisch die Welt aus den Angeln heben – wer von uns wollte das nicht oder hat nicht wenigstens einmal davon geträumt? Und wollten wir nicht sowieso gegen erstarrte und verhockte (oder war es verbockte … verzockte?) Lebenshaltungen anrennen? Was ist daraus geworden? “Früher war mehr Operette”, so könnten wir in Abwandlung eines bekannten Bonmots sagen, und damit sind nicht nur die Spielpläne der Theater gemeint. Warten wir nicht immerfort und tun so, als hätten wir ewig Zeit! Und halten wir uns an ein Wort von Robert Stolz, einem der größten Komponisten von Operetten und Filmmusiken: “Es bleibt einem im Leben nur das, was man verschenkt hat.”

18. Mai 2016

It’s true we don’t know what we’ve got until its gone, but we don’t know what we’ve been missing until it arrives. Pleasure of love lasts but a moment, pain of love lasts a lifetime.
Bette Davis (1908 – 1989)

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16. Mai 2016

Hier noch einmal zwei Passagen aus Lord Alfred Tennysons Ulysses (1833, veröffentlicht 1842). Der zweite Teil wird zitiert im James-Bond-Film Skyfall (2012). Ein Gesang der Erkenntnis, Beharrlichkeit und Zuversicht, umspielt von milder Trauer, dabei sehr klug und von großer Klarheit.

Ich kann nicht rasten vom Reisen, ich will das Leben
trinken bis zum letzten Tropfen. Ich habe es jederzeit sehr genossen,
habe sehr gelitten, sowohl mit denen,
die mich liebten, als auch allein.

Sind wir auch länger nicht die Kraft,
die Erd‘ und Himmel einst bewegte,
so sind wir dennoch was wir sind;
Helden mit Herzen von gleichem Schlag,
geschwächt von Zeit
und von dem Schicksal;
doch stark im Willen
zu ringen, zu suchen, zu finden.
Und nie zu weichen.

15. Mai 2016

Ich war im 5. oder 6. Semester, als ein Kommilitone aus der Abteilung Gesang einmal meinte, Dietrich Fischer-Dieskau sei kein großartiger Sänger, aber ein herausragender Interpret. Damals kam mir diese Ansicht geradezu blasphemisch vor, doch im Laufe der Jahre konnte ich der Einschätzung immer mehr abgewinnen. Mir gefiel die Unterscheidung – sprechen wir über die Stimme, also über Timbre, Register, Volumen etc. oder über Wandlungsfähigkeit, Gestaltungswillen, Überzeugungskraft? Aus allen einzelnen Facetten wird doch das Ganze, wie im richtigen Leben – oder etwa nicht? Wir haben allerdings – und das ist die gute Nachricht – keine Verpflichtung zur Objektivität, wenn wir jemanden verehren.

So geht es mir mit Mélanie Laurent und ihrem 2011 beim Label “Atmosphériques” erschienenen Debütalbum En t’attendant. Zwölf Lieder, überwiegend in einem rezitativisch-nachdenklichen Tonfall, versonnen und melancholisch. Das Album wirkt reif und ausbalanciert, ganz wunderbar. Mein Studienfreund würde vielleicht sagen, sie ist keine großartige Sängerin, aber eine gute Chansonnette. Mir wär’s egal. Ich bin bei Mélanie Laurent sowieso nicht objektiv, und das ist ganz in Ordnung so.

Inglourious Basterds Premiere Nashville
Foto: Bev Moser

12. Mai 2016

Glaubhaftigkeit. Man muss eine Figur annehmen mit allen Stärken und Schwächen – ohne sich neben sie zu stellen und sie zu kommentieren. […] Man muss in die Haut der Figur schlüpfen. Dabei kommt man von der Distanz zur Nähe. Es geht darum, eine Figur völlig zu akzeptieren und in ihr aufzugehen. Das ist ein Prozess, den man jedes Mal neu durchläuft. Zuallererst wird die Partie intellektuell erschlossen. Man versucht, sie zu verstehen und mehr und mehr mit ihr zu verschmelzen. Man kann nicht naiv sagen, ich spiele jetzt mal den Hänsel. Das wird nicht funktionieren. Ich muss jeden Satz auf seine Wahrheit und das Warum abklopfen. Wer das nicht schafft, dem wird man nicht glauben. Ob in einem kleinen oder großen Opernhaus.
Waltraud Meier

Quelle: Mozartfest Würzburg, Magazin 2016. Das Gespräch mit Waltraud Meier führte Intendantin Evelyn Meining.

9. Mai 2016

Nachträglich zum gestrigen Besuch in Düsseldorf lese ich, dass Rimski-Korsakow Opern für “die im Grunde bezauberndsten und berauschendsten Lügen” hielt und erfahre, dass Märchen zeitlebens einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn ausübten. Kein Wunder also, dass er seiner Oper Der goldene Hahn den Untertitel “Märchen mit Moral” gab und darin impressionistische Skalen, liedhafte Folklore und sinnlich-orientalische Klangfarben miteinander verschmelzen ließ. Das Libretto von Wladimir Bjelski nach Puschkins Märchen bot ihm dazu alle Möglichkeiten, und als Vertreter einer nationalen Schule mit eigener russischer Musik nutzte er diese weidlich aus.

Die Deutsche Oper am Rhein setzt das Stück grandios um – Regie, Bühnenbild, Kostüme, Sänger und Orchester bieten zweieinhalb Stunden pures Hör- und Sehvergnügen. Der goldene Hahn läuft am 15. Mai zum letzten Mal in dieser Spielzeit, danach als Wiederaufnahme in der Saison 2016/17.

7. Mai 2016

Der alte König Dodon bekommt von einem Astrologen einen goldenen Hahn geschenkt. Dieser soll das Reich bewachen und seine Stimme erheben, wenn Feinde und Gefahren drohen. Einige Zeit später muss Dodon in den Krieg ziehen und verliert dabei seine beiden Söhne. Eine schöne Frau erscheint und gibt sich als Zarin von Schemacha aus. Dodon verliebt sich in sie und kehrt mit ihr zusammen in die Hauptstadt zurück. Dort verlangt der Astrologe die schöne Zarin als Lohn für den Hahn. Dodon weigert sich, den Lohn zu zahlen und erschlägt den Astrologen. Der Hahn tötet daraufhin den Zaren durch einen Schnabelhieb und verschwindet mit der hohnlachenden Schemacha. Das Volk bleibt ratlos zurück. Wie soll eine Zukunft ohne Herrscher aussehen?

Ein philosophisches Märchen für Erwachsene, eine groteske Gesellschaftssatire, eine erotische Komödie – die Deutsche Oper am Rhein spielt Der goldene Hahn von Nikolai Rimski-Korsakow und wirbt mit den wiedergegebenen Bezeichnungen für ein auf deutschsprachigen Bühnen nicht allzu oft gespieltes Stück. In der Oper, die in ihrer Handlung auf das gleichnamige Märchen von Puschkin zurückgeht, wird ein engstirniges zaristisches System ad absurdum geführt. Das konnte den offiziellen Behörden zur Zeit der Entstehung natürlich nicht gefallen. Rimski-Korsakow verbrachte seine letzten Lebensmonate im Kampf mit der Zensur. Eine gedruckte Ausgabe und eine Aufführung des Goldenen Hahns waren verboten. Rimski-Korsakow starb 1908, die Uraufführung fand ein Jahr später in Moskau statt. Ich sehe eine Aufführung der Deutschen Oper am Rhein morgen Nachmittag in Düsseldorf.

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6. Mai 2016

Mein Lieblingsfilm mit Marilyn Monroe ist Niagara (Regie Henry Hathaway, USA 1953). Die New York Times schrieb damals, dass 20th Century Fox neben den bekannten sieben Weltwundern zwei weitere entdeckt hätte – die Niagarafälle und Marilyn Monroe, und die Aussicht sei in beiden Fällen atemberaubend. Die Katholische Filmkritik befindet unfreiwillig komisch, der Film zeige ein “amerikanisches Ehedrama mit geschickter Verwendung von Naturschönheiten. Einstufung: Für Erwachsene, mit Vorbehalten.”

Kiss, das zentrale Lied des Films und Vorlage für den monothematischen Einsatz der Filmmusik von Sol Kaplan, wurde komponiert von Lionel Newman (Musik) und Haven Gillespie (Text). “There is no other song”, sagt Marilyn in einer zentralen Szene des Films. Kein Einspruch.

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4. Mai 2016

Der künstlerische Leiter der Göttinger Händel-Festspiele, Laurence Cummings, meinte kürzlich in einem Interview, dass die barocke Da-Capo-Arie mit der Wiederholung ihres A-Teils heutzutage für den Konzertbetrieb kein Problem mehr darstellt. Wir wüssten mittlerweile viel mehr über Verzierungen als früher, und damit seien Wiederholungen jetzt aufregender, so seine Schlussfolgerung. Darüber hinaus, so ein weiterer Gedanke Cummings’, konzentrierten sich die heutigen Barockorchester darauf, bestimmte Aufführungsbedingungen wieder herzustellen, und möglicherweise würde das Publikum genau das lieben – eine Zeitreise, eine Verbindung zur Vergangenheit.

Das mag ja alles sein. Trotzdem ist etwas anderes entscheidend: Es gab zu allen Zeiten gute und schlechte Musik – und ebenso aufregende oder langweilige Gestaltungen und Interpretationen. Nicht nur Barockmusik wurde und wird viel zu häufig uninspiriert und anämisch gespielt, für Musik aller anderen Epochen gilt dies ebenso. Und wer als Konsument tatsächlich so weit geht, beim Kartoffelschälen Mozart, Brahms oder Debussy zu hören, der sollte sich mit B- oder C-Ware bescheiden. Anders geht es auch nicht! Wird die Musik nämlich aufregend, begeisternd, packend, ja verstörend gespielt, dann muss die Suppe verbrennen. So ähnlich hat es Nikolaus Harnoncourt einmal gesagt. Und noch etwas: Es geht gerade in der Barockmusik nicht zuallererst um Töne, um irgendeine technische Brillanz, um neue oder alte Instrumente, sondern darum, dass die Interpreten diejenigen sind, die den kompositorischen Schaffensprozess zum Abschluss bringen. Ohne Fantasie keine Schönheit, ohne Kreativität keine Kunst.

2. Mai 2016

Morgen wollen wir im Vormittagskurs den Einstieg in das sinfonische Werk von Anton Bruckner finden. Das wird ein bisschen Zeit in Anspruch nehmen, denn immerhin haben wir es mit insgesamt zehn Sinfonien zu tun, die eine zum Teil sehr weit entwickelte Klangsprache aufweisen. Es ist gut möglich, dass sich eine Diskussion entspinnen wird zum Thema Wirkung, zu Größe und Umfang, anders verstanden als Schwere und Monumentalität. Wir werden darauf zu sprechen kommen, welche Bedeutung der Nationalsozialismus Bruckners Musik zuteil werden lässt, insbesondere für propagandistische Zwecke. Und schließlich: Wer ist dieser Mann, der seine 7. Sinfonie König Ludwig II., die 8. Sinfonie Kaiser Franz Joseph und seine 9. Sinfonie dem lieben Gott widmet? Der sein Leben lang schriftliche, erfolglose Heiratsanträge verfasst, vorzugsweise an junge Frauen um die 20? Für die Betrachtung seines Œuvres ist das nicht unerheblich. Vielleicht hat in der Tat eine explosive Mischung aus militantem Katholizismus und sexueller Unterzuckerung das Entstehen dieser massiven, gewaltigen Klangflächen begünstigt, wer weiß. Jedenfalls geht eine eigenartige Wirkung von Bruckners Musik aus, und nur die wenigsten lässt sie kalt, so oder so.

Bruckner Büste

1. Mai 2016

Mayday

30. April 2016

Gedankensplitter

Wer in einer Sprache angeredet wird, die er/sie nicht gelernt hat, kann nicht wissen, ob das Gesagte bedeutsam oder sinnfrei ist.

In eben dieser Situation befinden sich die meisten beim Betrachten von Bildern und beim Hören von Musik, wenn diese (Bilder wie Musik) nicht hinreichend “vorgekostet“ worden sind.
Dieter Mulch

28. April 2016

Seit ein paar Jahren werden auf deutschen Bühnen wieder häufiger Opern der französischen Romantik aufgeführt. Werke von Gounod, Meyerbeer und Massenet tauchen seit längerem auf Spielplänen deutschsprachiger Theater auf, Stücke von Bizet, Berlioz und Saint-Saëns ohnehin. Doch Opern von Boieldieu, Halévy, Thomas oder Auber waren bisher eher seltener zu finden. Umso schöner, dass sich seit geraumer Zeit einige Häuser – auch kleinere – daran machen, diverse Schätze zu heben. Das Stadttheater Gießen erfreut in der laufenden Spielzeit sein Publikum mit Boieldieus Die weiße Dame, das Nationaltheater Mannheim führt Halévys La Juive (Die Jüdin) auf, übrigens ein von Wagner, Verdi und Mahler hochgelobtes Stück und bis zur Zeit des Nationalsozialismus ein Reißer in deutschen Musiktheatern. Und Achtung!, das Theater für Niedersachsen Hildesheim spielt im Mai und Juni Fra Diavolo von Auber. Wunderbar! Und viele weitere Werke warten darauf, der Vergessenheit entrissen zu werden. Machen wir uns klar, dass allein Massenet über zwanzig Opern geschrieben hat, wir aber bestenfalls Werther und Manon kennen, dazu vielleicht die Meditation aus Thaïs und eine Arie aus Le Cid ! Alle Entdecker, Ausgräber und sonstigen musikalischen Trüffelschweine wollen wir ermutigen, auch weiterhin vergessene Werke aufzuspüren und diese ins Rampenlicht zu stellen. Nicht wenige von ihnen haben es wahrlich verdient.

24. April 2016

Die Liebe betrügt uns nie. Wir sind es, die die Liebe betrügen.
Aus dem Programmheft von “La Calisto” von Francesco Cavalli, Staatstheater Darmstadt

Diesen Sätzen haben wir eigentlich nichts hinzuzufügen. Doch jenseits des Inhaltlichen wollen wir hervorheben, dass den Darmstädtern eine kreative und fantasievolle Koproduktion mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main gelungen ist. Humorvoll und charmant, bisweilen auch versonnen und nachdenklich wird allen möglichen und unmöglichen Verwicklungen der göttlich-menschlichen Liebesgeschichte nachgespürt. Jupiter, Juno, Merkur, Diana, Calisto, Endimione, Satyr und Pan – sie alle können sich Amors Pfeilen nicht entziehen bzw. kapitulieren vor den Auswirkungen der liebesgöttlichen Launen. Bühne, Kostüme und Regie wirken einfallsreich und schlüssig, die Sängerinnen und Sänger – die allermeisten Gesangsstudierende der Frankfurter Hochschule – finden zu einer geschlossenen, homogenen Ensembleleistung. Hin und wieder, vor allem im 1. Akt, loten die Instrumentalisten den emotionalen Ausdrucksgehalt der Musik zwar nicht vollständig aus, doch dafür gelingt der Schluss berührend schön und wirkt bis weit in den langen Schlussapplaus hinein nach.

Calisto

22. April 2016

In London wird im Juni das erste Nacktrestaurant eröffnet, es gibt bereits über 10.000 Reservierungen. The Bunyadi legt Wert auf die Information, dass den Gästen das unbekleidete Dinieren freigestellt ist – es gibt einen separaten Bereich für diejenigen, die lieber angezogen speisen. Ansonsten sorgen Abtrennungen für Diskretion, Fotografieren ist verboten. Seine Gäste sollen die “wahre Freiheit” erleben, sagt Restaurantgründer Seb Lyall. Es gibt vegane und nichtvegane Gerichte, serviert auf handgetöpfertem Geschirr. Die Gäste sitzen auf Baumstämmen und bekommen Bademäntel, welche gefaltet und auf den Sitz gelegt werden können. Ob es Tafelmusik geben wird – möglicherweise als naked performance – ist nicht bekannt.

20. April 2016

“Wir haben keine Auswärtsschwäche. Wir haben eine Ergebnisschwäche in Auswärtsspielen.” Mit diesem Satz hat sich der Fußballer Christian Gentner als feinsinniger Beobachter der deutschen Sprache zu erkennen gegeben, wie schön. Er hätte hinzufügen können, dass Gewerkschaften natürlich nicht die 35-Stunden-Woche fordern, sondern selbstverständlich an der 168-Stunden-Woche festhalten, während dieser jedoch nur 35 Stunden arbeiten wollen.

Öffentliche Musikschulen haben zunehmend das Problem, qualifiziertes Personal zu finden. Das hat mehrere Gründe, liegt aber hauptsächlich daran, dass die Verdienstmöglichkeiten (Achtung, polysemantische Falle – hier ist nur von Geld die Rede!) schlecht sind. Immer weniger Festangestellte, dafür mehr freie Mitarbeiter ohne den Anspruch auf Sozialleistungen. Diejenigen, die noch feste Arbeitsverträge haben, warten auf ausstehende Tariferhöhungen, leisten zum Teil unentgeltliche Mehrarbeit und verzichten auf Sonderzahlungen für zusätzliche Dienste. Unworte des Jahres: Kommunaler Sparzwang, freiwillige Leistung, Wiedervorlage. Welcher Berufsanfänger soll unter diesen Bedingungen in einer öffentlichen VdM-Schule seine Zukunft sehen?

Mittel- und langfristig wird sich zwangsläufig die Qualität des Lehrpersonals verschlechtern – es sei denn, die finanzielle Ausstattung der Musikschulen wird spürbar verbessert und die Schulen unterziehen gleichzeitig ihre Binnenstrukturen einer Effizienzprüfung. Flexibilität (nein, kein Euphemismus für Verschlechterung – im Gegenteil!) und Kreativität müssen auf die Agenda! Sehen wir in Veränderung zuerst Chancen, nicht Risiken! Nur so verhindern wir, dass Christian Gentner eines Tages sagt: “Wir haben keinen Musikschulniedergang. Wir haben einen Niedergang von Niveau und Qualität an Musikschulen.”

17. April 2016

Bei außergewöhnlichen Wasserständen, so heißt es, ist eine Schifffahrt durch die Loreley-Passage immer noch mit beträchtlichen Risiken verbunden. Die gefährlichsten Felsen im Fahrwasser sind zwar gesprengt, doch gibt es immer wieder Unfälle. Aus zuweilen ungeklärten Gründen kommt es zu Grundberührung, zum Ausfall von Antrieb und Steuerung. In der Folge müssen havarierte und manövrierunfähige Schiffe mit großem Aufwand wieder freigeschleppt werden.

Ein schönes Bild. Wenn unser Leben eine Schifffahrt ist, wie vielen Loreleys begegnen wir dann? Und bringt uns nur deren Gesang und Schönheit vom Kurs ab, oder gibt es noch andere “ungeklärte” Gründe für Steuerungsprobleme und Kontrollverluste? Warum genau werden wir manövrierunfähig? In Brentanos Ballade kommen die Rheinschiffer an den Felsenriffen zu Tode – so arg müssen unsere Lebenshavarien nicht enden, doch die Katastrophen bleiben sozusagen nicht im Schiffsrumpf stecken. Wir spüren sie an uns selbst, und sie sind uns anzusehen. Wählen wir denn im Wiederholungsfall die längere, umständlichere, aber sichere Route, vielleicht wenigstens teilkaskoversichert? Oder entscheiden wir uns wieder für das Unkalkulierbare, das Abenteuer, das Risiko? Loreley live, life for love. Oder war es umgekehrt? Wir könnten uns wappnen und außer unserem Schiff auch uns selbst einem Sicherheits-Check unterziehen. Die Frage ist, ob wir das wollen – und damit womöglich ein noch größeres Desaster einleiten. Immerhin, soweit haben wir verstanden: Wenn wir nicht wenigstens einen der von uns selbst gewählten Häfen sicher erreichen, liegt es wahrscheinlich nicht am Schiff. Und für ein Schiff ohne Hafen ist kein Wind der richtige. Aber das wusste schon Seneca.

kitschlore
Kunstverlag Michel & Co, Frankfurt am Main

14. April 2016

Buchungsbestätigung
Napoli, Teatro di San Carlo
Aida 28/07/2016  20.30
Poltrona III Settore – Intero
17 – 018
50.00 €

13. April 2016

Das Teatro San Carlo in Neapel ist eines der ältesten und angesehensten Opernhäuser der Welt. 1737 wurde es eröffnet, und zahlreiche Komponisten, Sänger und Dirigenten waren hier tätig. Donizettis Lucia di Lammermoor wurde hier uraufgeführt, Enrico Caruso hat als gebürtiger Neapolitaner hier gesungen, Riccardo Muti kommt immer wieder gern in seine Heimatstadt und natürlich auch in dieses wunderbare Opernhaus. Hier wird viel Wert auf ein makelloses Aussehen bei einer Opernaufführung gelegt, und die Einwohner machen ihrer Begeisterung sowie Enttäuschung nicht selten lauthals Luft. Es kann durchaus passieren, dass z.B. jemand “Endlich!” schreit, wenn auf Caravadossi in Puccinis Tosca im 3. Akt geschossen wird, wenn er schlecht singt. Bis zur Sommerpause stehen u. a. Madama Butterfly und Aida auf dem Programm. Karten sind noch erhältlich und mit € 50 für vordere Plätze nicht teuer. Und, von der Oper mal abgesehen, ist Neapel eine verrückte, aufregende Stadt mit sooo italienischem Leben – und bietet viel mehr als nur Pizza und Straßenverkehr ohne erkennbare Regeln. Andiamo, avanti!

Teatro San Carlo

11. April 2016

Im Rahmen der diesjährigen Dresdner Musikfestspiele (5. Mai – 5. Juni) wird Martina Gedeck am 11. Mai im Deutschen Hygiene Museum aus dem Leben George Gershwins erzählen. Dessen Musik habe etwas Lebensbejahendes, Mitreißendes, sagt die Schauspielerin und ergänzt, Gershwins Musik habe für sie stark mit dem amerikanischen Lebensgefühl zu tun. Die Musik, so sagt sie, besitzt Eleganz, Nonchalance, Begeisterung “über die vielen Möglichkeiten” und Melancholie. Es folgt der wichtigste Satz – auf die Frage, ob Gershwins Musik zeitlos sei oder eher Zeitgeschichte illustriere: “Seine Musik spricht – wie jede gute Musik – Geist und Sinne an, und das immer neu. Da gibt es keine zeitliche Begrenzung.”

Gershwin

Pause bis zum 10. April 2016

26. März 2016

Gestern habe ich im Staatstheater Wiesbaden die Premiere von Boris Godunow miterlebt. In einer schlüssigen, teilweise beeindruckenden Inszenierung von Christian Sedelmayer überzeugten starke Solisten, insbesondere Shavleg Armasi (Boris), Young Doo Park (Pimen) und Monica Bohinec (Marina), ein stimmgewaltiger Chor – die Ensembles aus Wiesbaden und Darmstadt hatten sich zusammengeschlossen – und ein differenziert aufspielendes Orchester unter der sicheren Leitung von GMD Zsolt Hamar. Kleinere Nachlässigkeiten in der Ausgestaltung einzelner Phrasen wollen wir hier nicht bemängeln, auch wenn Boris gerade in seinen melancholisch-versunkenen Momenten bei behutsameren Tempi eine wichtige Facette seines Gemüts stärker hätte akzentuieren können. Sei’s drum, der musikalische Eindruck war imposant, das Bühnenbild von Christian Sedelmayer und Pascal Seibicke eindringlich (vor allem in der Schankszene!), die Kostüme von Caroline von Voss fantasievoll, doch ohne Verleugnung gegebenen Lokalkolorits. Nach über vier Stunden viel Beifall und zahllose Bravo-Rufe, absolut berechtigt.

Vor Beginn der Vorstellung hatte ich meinen Mantel an der Garderobe abgegeben. Ich erhielt meine Marke, fragte nach der Gebühr und erfuhr, dass das Staatstheater mit Beginn der laufenden Spielzeit die Garderobengebühr abgeschafft hat. Sieh mal an! Zum Vergleich: Das Opernhaus Dortmund hat das Garderobenpersonal abgeschafft. Es gibt jetzt Spinde, wie im Schwimmbad (Einwurf 10 Cent, man bekommt die Münze zurück). Auch dort ist also die Abgabe der Garderobe gratis. Und die Garderobefrauen haben jetzt abends frei. Sie könnten in die Oper gehen. Aber wovon?

24. März 2016

If you don’t love yourself, how in the hell are you going to love somebody else?
Gillian Jacobs

love+serie

23. März 2016

Die Osterferien werde ich unter anderem zum Aussortieren von Büchern, CD und DVD nutzen. Wer kennt das nicht – man hat so viel im Regal stehen und hört und sieht doch immer die gleichen Stücke. Wie im Restaurant, wo uns unzählige Vorschläge gemacht werden, und wir doch immer wieder nur aus drei, vier Gerichten unsere Wahl treffen. Ein probates Mittel ist das umgekehrte Ausschlussverfahren – was darf auf keinen Fall weg, sozusagen die erweiterte Top Ten für die imaginäre einsame Insel.

Ich schaue nach Komponisten – Monteverdi, Händel, Mozart, Brahms, Verdi, Debussy, Strawinsky – das darf natürlich alles nicht weg. Von Dirigenten wie Solti, Kleiber, Boulez, Harnoncourt oder Pappano behalte ich natürlich auch alles. Und von Stimmwundern wie Björling, Sutherland, Domingo, Hampson, Netrebko, Yoncheva und vielen anderen kann man doch nichts weggeben! Also wird das nicht groß was mit dem Aussortieren, das sehe ich schon…. Abwechslungsreicheres Hören und Sehen ist wohl die klügere Wahl – vielleicht wartet ja so einiges darauf, neu entdeckt zu werden! Also, auf geht’s!

21. März 2016

Gestern nach dem Abendessen erzählt mein Sohn John, dass er sich wieder mal den Faust mit Gründgens angeschaut hat. Er ist sowohl vom Stück als auch von der großartigen Darstellung des Mephisto durch Gründgens tief beeindruckt, was mich sehr freut. Ich sage, dass die Semperoper Dresden gerade Faust/Margarethe von Gounod spielt und frage, ob er nicht Lust hat sich das anzusehen. Tatsächlich ist er nicht abgeneigt. Daraufhin fragt Emily, meine Tochter, worum es im Faust eigentlich geht.

“Faust verkauft seine Seele an Mephisto”, beginne ich meine Erläuterung. “Er ist getrieben von einer unstillbaren Gier nach Leben, er will Jugend und Liebeslust zurück, er … -”
“Also so’ n Fantasy-Scheiß”, sagt Emily.
“So haben Goethes Zeitgenossen es vielleicht verstanden”, meint John und lacht.
“Fantasy-Scheiß würde ich nicht sagen”, sage ich kleinlaut. Emily grinst.
Die Gretchenfrage? Nein, lieber nicht.

18. März 2016

Für Freunde der Klaviermusik abseits ausgetretener Pfade ist jetzt im Helbling-Verlag eine bemerkenswerte CD-Ersteinspielung erschienen: Die Geisterszenen von Anselm Hüttenbrenner (1794 – 1868), ergänzt um die Geistervariationen von Robert Schumann (1810 – 1856), gespielt von der Pianistin Julia Rinderle.

Hüttenbrenner hatte in Graz seine Ausbildung zum Juristen abgeschlossen, bevor er in Wien Freund und Studienkollege von Franz Schubert wurde. Beide studierten bei Antonio Salieri, gemeinsam lernten sie Beethoven kennen. Schon zu Lebzeiten war Hüttenbrenner als Komponist, Pianist und Lehrer sehr geschätzt und angesehen. Zu seinem gesamten Œuvre zählen Opern, Messen, Requien, Kammermusik, Lieder sowie Chor- und Klaviermusik. Viele seiner Werke sind verloren oder verschollen. Aus heutiger Sicht, zumal im Vergleich mit Schubert, wollen wir die Einschätzung Peter Gülkes nicht unterschlagen, der Hüttenbrenner eine nur “mittlere Begabung” und einen “Charakter von provinziellem Zuschnitt” bescheinigt. Nun, neben einem Riesen ist jeder noch so groß Gewachsene klein. Was Sternstunden nicht ausschließt….

Die jetzige Veröffentlichung der Geisterszenen ist jedenfalls nicht nur aus editorischen Gründen von großem Wert. Eine gewaltige “Naturfantasie”, in Klang gegossene romantische Tonbilder – wir hören (und sehen) gewittriges Donnergrollen, Nebelschwaden, Gebirgsbäche. Der Zugang zu den 22 Szenen ist leicht, spontan und bereitet hinsichtlich des Schaffens assoziativer Bilder keinerlei Anstrengung. Julia Rinderle ruft die gesamte Palette ihrer pianistischen Gestaltungsmittel ab und beeindruckt mit spukhaften, halsbrecherischen Klangkaskaden ebenso wie mit idyllischer, kantabler Linienführung. Ein 56-seitiges, aufwändig gestaltetes und glänzend recherchiertes Booklet begleitet die sehr gelungene Einspielung.

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17. März 2016

Ein heiterer Morgen. Blauer Himmel, kein Wölkchen. Die Vorhersage verspricht einen klaren Tag mit Temperaturen bis zu 13°. Dazu passend hören wir Brahms’ 2. Sinfonie, über die der Musikkritiker Eduard Hanslick 1878 schrieb, sie “scheint wie die Sonne auf Kenner und Laien”. Nichts Schweres, Unheilvolles haftet dieser Sinfonie an, es dominieren tänzerische Passagen und geradezu idyllische Abschnitte. Wir warten auf das NDR-Pausenzeichen. Da-di-di, da-di-dihi-da-daha. Carlos Kleiber dirigiert die Wiener Philharmoniker, elegant und unnachahmlich. Wirklich ein schöner Tag. Meteorologisch, musikalisch.

Auch sonst ist alles gut. Papst Franziskus übt scharfe Kritik an der Politik der Abschottung vor den Flüchtlingen, Hans-Ulrich Jörges vom Stern will zum selben Thema endlich Taten sehen, Frauke Petry boykottiert das ZDF-Morgenmagazin, Bayern München dreht ein verloren geglaubtes Spiel, Oliver Pocher und Sabine Lisicki sind kein Paar mehr. Alles gut.

15. März 2016

Wer rechnet, ist immer in Gefahr, sich zu verrechnen. Die dumme Kuh trifft immer das richtige Gras.
Theodor Fontane (1819 – 1898)

Olle Fischer Kuh

14. März 2016

Over The Top With Franz – die von David Alden 1997 für das Fernsehen inszenierte Fassung von Schuberts Winterreise mit Ian Bostridge (Tenor) und Julius Drake (Klavier) zeigt den schmalen Grat, auf dem sich eine visuelle Umsetzung der Partitur zwangsläufig bewegen muss. Nicht grundlos standen die Musiker den Fragen des Regisseurs nach Identität, Herkunft und Intention des Erzählers zunächst sehr skeptisch gegenüber. Wie hätte es auch anders sein sollen? Ein Liederzyklus, also ein Werk mit Text und Musik, kann und will ja gerade nicht alles sichtbar machen, sondern in Fantasien, Träumen und Sehnsüchten begründete und gleichzeitig dem eigenen Erleben und Begreifen entsprechende Gestaltungsräume schaffen. Sich der Mittel des Szenischen, des Opernhaften zu bedienen, bedeutete für beide Musiker einen mutigen, unkonventionellen Schritt, durchaus begleitet von Unbehagen und der Sorge, den eigenen künstlerischen Ansprüchen untreu werden zu können. Umso bemerkenswerter ist das Ergebnis der Zusammenarbeit – eine fesselnde, lange nachwirkende Darstellung menschlicher Einsamkeit und Verlassenheit. Wir sehen und hören das Werk heute Abend im Kurs.

Schubert Winterreise Cover

12. März 2016

Heute mach ich mir kein Abendbrot. Heute mach ich mir Gedanken.
Wolfgang Neuss (1923 – 1989)

Chapeau!, trotzdem werde ich etwas essen, und zwar “Tartiflette”, das ist gebackener Käse mit Kartoffeln und Speck. Das kommt davon, wenn man ZEIT online liest. Das Gericht, so heißt es da, “ist kalorienmäßig gut geeignet, wenn man den ganzen Tag Ski fahren war oder auf dem Bau arbeitet. Aber […] es schmeckt auch sehr gut, wenn man den ganzen Tag herumgesessen hat und sich nur, wenn es gar nicht anders ging, erhoben hat.” Sehr praktisch. Ich will mich hier nicht darüber verbreiten, wie mein heutiger Tag ausgesehen hat. Nur soviel: Ski fahren oder auf dem Bau arbeiten war ich nicht.

Tartiflette-recipe

10. März 2016

Wollten Sie nicht schon immer von einem Schwan geliebt werden? Von einem Goldregen verführt? Oder sogar endlich etwas mit Ihrer Vorgesetzten anfangen? Alles ist möglich, wenn Jupiter, der Gott aller Götter, Sie liebt, zumal im paradiesischen Arkadien…

Mit diesen Worten wirbt das Staatstheater Darmstadt für seine Produktion von La Calisto, eine der berühmtesten Opern von Francesco Cavalli (1602 – 1676). So genial sein Lehrer Claudio Monteverdi auf dem Gebiet des Dramatischen ist, so herausragend zeigt sich Cavalli im Melodischen. Die Entwicklung des Ariosen ist meisterhaft und bis ins Detail kunstfertig (eine der betörendsten Arien ist Endimiones “Lucidissima face”). Cavalli komponierte seine karnevaleske Verwechslungskomödie vor über 350 Jahren – mit berührenden Melodien und hinreißenden Arien. Und die Götter sind in Liebesdingen auch nur Menschen, wie schön! – Eifersucht, Ehekrise und Liebeskummer inklusive. In Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt und gefördert von der Hessischen Theaterakademie, bringen die Darmstädter nun diese wunderbare Oper auf die Bühne. Premiere ist am 15. April.

8. März 2016

quotation bethenny frankel

7. März 2016

Nikolaus Harnoncourt ist tot. Der große Dirigent, Autor, Musikphilosoph und Vermittler der “Klangrede” starb am Samstag im Alter von 86 Jahren, wie seine Familie am Sonntag mitteilte. Harnoncourt sei nach einer schweren Erkrankung friedlich im Kreis seiner Familie entschlafen, hieß es in einer Erklärung der Familie. “Trauer und Dankbarkeit sind groß. Es war eine wunderbare Zusammenarbeit”, schrieb seine Frau Alice im Namen der Verwandten. Harnoncourt hatte sich erst im Dezember aus gesundheitlichen Gründen vom Dirigentenpult zurückgezogen.

Damals sprach er in einer Botschaft an sein Publikum von einer “ungewöhnlich tiefen Beziehung zwischen uns am Podium und Ihnen im Saal”, freute sich über diese so lange währende “glückliche Entdeckergemeinschaft” und wusste: “Da wird wohl vieles bleiben.”

Trauer und Dankbarkeit sind groß – das gilt auch für uns, wenngleich in anderer Weise. Was wir ihm zu verdanken haben, ist unermesslich. “Musik muss die Seele aufreißen”, hat er einmal gesagt und verwies immer wieder auf die Bedeutung der Kunst für das menschliche Dasein. “Die Kunst ist die Nabelschnur, die uns mit dem Göttlichen verbindet, sie garantiert unser Mensch-Sein.”

Harnoncourt

4. März 2016

Vor ein paar Tagen haben wir “La Valse” besprochen – Maurice Ravels gnadenlose Zerstörung musikalischer Walzerseligkeit, Abbild des Desaströsen und fratzenhaftes, verzerrtes Aufblitzen ehemals heller und glänzender, jetzt finster und morbide erscheinender Farben. Vor dem Hintergrund der Bilder des Ersten Weltkrieges hören wir zahlreiche Vorahnungen der unaufhaltsamen Katastrophe – mit verschwimmenden Rhythmen und Harmonien, schmerzenden Dissonanzen und verstörenden Klangfarben. Das ganze Stück wirkt wie ein Albtraum, wie eine unkontrollierbare Zugfahrt, der wir nicht entrinnen können. Wie der Dirigent Stéphane Denève sagt, klingen Klarinetten, Celli und Kontrabässe “wie Erbrochenes, wirklich furchtbar”.

Die Berliner Philharmoniker haben das Werk beim Silvesterkonzert 2015 unter der Leitung von Sir Simon Rattle aufgeführt. Gut, niemand hat bisher die Qualität der New Yorker Philharmoniker unter Pierre Boulez erreicht (unbedingt die Aufnahme aus den 70er Jahren kaufen!), doch hätten wir uns trotzdem insbesondere das Brachiale, das Eruptive eindringlicher, schroffer, mutiger gewünscht. Nun, jedenfalls wurde das Konzert auf arte live übertragen und von Annette Gerlach moderiert. Während die Homepage des Senders das Stück zutreffend als “Walzer-Taumel, der am Ende vollends aus den Fugen gerät” charakterisiert, meinte Frau Gerlach sinngemäß “herrliche Walzer- und Champagnerklänge” zu vernehmen. Jemand hätte ihr das Stück vorher erklären sollen. In unserem Kurs sind noch Plätze frei.

2. März 2016

Ein guter Film hilft. Etwas Intelligentes lesen hilft. Jemanden treffen, der einem etwas Neues über das Leben erzählt. Das gibt mir die Kraft weiterzumachen. Und meine Kinder natürlich. Und Liebe. Liebe zwischen Mann und Frau. Ich glaube, Liebe ist das Einzige, wofür ich mich wirklich interessiere.
Laetitia Casta

29. Februar 2016

Leonardo DiCaprio hat seinen ersten Oscar gewonnen. Endlich, und vor dem Hintergrund seiner Glanzleistungen in diversen Filmen (Gilbert Grape, Titanic, The Departed, Aviator, The Wolf of Wall Street, The Great Gatsby, um nur einige zu nennen) absolut berechtigt. Der Film, für den er die begehrte Auszeichnung jetzt erhielt (The Revenant), gibt diese zwar eigentlich nicht her, aber so ist das im Leben. Dinge passieren spät, bisweilen zu spät, und nur selten ohne Grund. DiCaprio ist jetzt 41, die Filmwelt durfte also davon ausgehen, dass er nicht auf ewig leer ausgehen würde (es gibt prominente Beispiele, ich weiß). Trotzdem haftet diesem Oscar jetzt der Beigeschmack des Versäumten, ja der Ausdruck des Schuldbewussten an. Im Fußball wäre das ein unberechtigter Strafstoß nach zahllosen nicht geahndeten Fouls, eine gewissenhafte Konzessionsentscheidung, die den Anlass gesucht hat und wusste, dass es ihn geben wird. Der Ausgezeichnete wird sich dennoch freuen. Er hat den Preis mehr als verdient, nicht ausgerechnet jetzt, sondern schon längst, und das bei weitem nicht nur, wie David Hugendick auf Zeit online schreibt, weil keiner “so innerlich verwahrlost in eine leere Milchflasche pinkeln” kann wie er. Das ist launig geschrieben, aber verstellt den Blick. Leonardo DiCaprio ist ein sehr wandlungsfähiger, großartiger Charakterdarsteller. Und könnte der Oscar sich seine Akteure aussuchen, wäre die Wartezeit wohl deutlich kürzer ausgefallen.

Leonardo DiCaprio

27. Februar 2016

Gestern Abend im Staatstheater Mainz war ich früh genug, um der Einführung zu Rigoletto beizuwohnen. Dramaturg Lars Gebhardt lenkte die Aufmerksamkeit des Publikums dankenswerterweise auf einige wesentliche Aspekte, so z. B. die freie Entscheidung Gildas, sich für den Herzog zu opfern und für ihn in den Tod zu gehen. Üblicherweise wird die plausible Sichtweise Sparafuciles und Maddalenas – dass nämlich der Zufall die verkleidete Gilda den Tod finden lässt, da sie die erstbeste Person ist, die dem gedungenen Mörder über den Weg läuft – auch der Zuhörerschaft nahe gebracht. Wie wohltuend, dass die Mainzer Produktion (Inszenierung Lorenzo Fioroni) sehr deutlich werden lässt, dass Gildas Tod von ihr selbst bestimmt ist. Die vermeintlich Schwache, die Unerfahrene und von der Gesellschaft Ferngehaltene ist souverän und letztlich von allen handelnden Personen die stärkste. Hand in Hand damit geht die Zeichnung der Titelfigur. Rigoletto ist zu keiner Zeit in der Lage, den Fluch des Grafen Monterone (die Oper sollte ursprünglich “La Maledizione” heißen) und seine eigene Erinnerung daran richtig zu deuten. Unfähig, sein Verhalten zu ändern, hält er am Ende folgerichtig nicht seine vermeintlich so geliebte Tochter in den Armen, sondern steht ein paar Schritte von ihr entfernt, nach wie vor “blind im Inneren, gegenüber sich selbst und seinem Tun”, wie es im Programmheft sehr zutreffend heißt.

Die Inszenierung ist packend und liefert opulente Bilder. Es schneit, es brennt, es stürmt. Im zweiten Akt entledigen sich die Höflinge ihrer Kostüme (“wir spielen hier nur Theater”), ziehen sich später auf der Bühne wieder um, beobachten das Geschehen und schlagen sich sozusagen auf  die Zuschauerseite. Clemens Schuldt, einer der vielversprechendsten Dirigenten Deutschlands der jüngeren Generation (er wird ab der Spielzeit 2016/2017 Chefdirigent des Münchener Kammerorchesters), beweist Sicherheit in der Wahl der Tempi, der Orchesterklang ist intensiv und dicht, trotzdem haben die Sänger alle Freiheiten. Werner Van Mechelen ist ein großartiger Rigoletto, sängerisch wie darstellerisch. Paul O’Neill (Herzog), Marie-Christine Haase (Gilda) Tamta Tarieli (Maddalena) und Hans-Otto Weiß (Sparafucile) sind in ihren jeweiligen Rollen glaubhaft und stimmlich sehr präsent. Mit Rigoletto gelang Verdi der endgültige Durchbruch als Komponist. Er selbst hielt das Werk für eines seiner gelungensten Stücke, die Uraufführung war ein überwältigender Erfolg. Die Mainzer zeigen in dieser Spielzeit, warum.

Rigoletto, Mainz

26. Februar 2016

Das Wasser, das du nicht trinken kannst, lass fließen.
Alexander Sergejewitsch Puschkin (1799 – 1837)

Puschkin, Gemälde

24. Februar 2016

Wir alle schleppen tonnenweise Ballast mit uns herum, aus der Art, wie wir erzogen wurden und aus unseren ersten Beziehungen. Wenn wir jemand Neues treffen, sind wir im Grunde schon total versaut. Für eine Weile gelingt es uns, dem anderen weiszumachen, dass wir gesund sind, aber ganz allmählich merkt der andere, dass mit dir etwas nicht stimmt. Wie soll das nur gehen mit der Liebe?
Judd Apatow (*1967, US-amerikanischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent)

Apatow ist mit Komödien seit 2004 kommerziell sehr erfolgreich. Gerade läuft die Netflix-Serie Love an, mit Paul Rust und Gillian Jacobs in den Hauptrollen. Apatows Protagonisten zeigen sich ungeniert, unromantisch, peinlich, sympathisch, ehrlich und machen weder einander noch sich selbst etwas vor. Die feine Ironie des Erzählstils entgeht uns nicht. Der Grat ist schmal, und das Konzept geht auf – wir lachen über die beiden. Und dann über uns selbst, hoffentlich.

23. Februar 2016

Ab der nächsten Woche beginnen wir ein neues Chorprojekt. Auf dem Programm stehen Vierstimmige Gesänge von Joseph Haydn, Chorlieder nach mittelhochdeutschen Texten von Harald Genzmer und Stücke für Sprechchor von Carl Orff. Über die Sprechchor-Stücke schreibt der Schott-Verlag, diese zeigten Möglichkeiten, das dichterische Wort als ein ursprünglich und wesenhaft Erklingendes zu verwirklichen. Die Sprache großer Dichtung von Sophokles / Hölderlin über Schiller, Goethe bis zu Klangspieletüden wird rhythmisiert oder von einem rhythmisch durchgestalteten Klanggrund getragen. Neben a-cappella-Sätzen stehen Einrichtungen mit Instrumenten, die den Ablauf gliedern und akzentuieren. Die Stücke für Sprechchor (Kammerensemble oder große Besetzung) sind Endformen sprachlicher Gestaltung.

Es stellt eine große Herausforderung dar, diese Stücke präsentabel zu erarbeiten. Ihr Vortrag verlangt rhythmische Sicherheit, Gefühl für Tempo, Puls und Metrum sowie eine gewisse deklamatorische Übung. Wir wagen so etwas zum ersten Mal, jedenfalls im Rahmen eines Chorprojektes. Aber wer singen will, muss sprechen können, i.e. die Regeln der Sprache kennen. Und da sind wir wieder: Musik als Klangrede, mit eigener Grammatik und verschiedensten Stilmitteln der Rhetorik. Wem dazu noch Sinn für Theater und Bühne gegeben ist, der wird seine helle Freude haben.

21. Februar 2016

“Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single über parship.” Das wirft Fragen auf. Erstens, wie macht der das bloß? Zweitens, oder ist das gar nicht immer derselbe? Drittens, braucht es zur glücklichen Liebe nicht zwei? Gut, von glücklich war nicht die Rede. Viertens hat Parship 4,5 Millionen Mitglieder. Wenn sich jemand neu anmeldet, und sich alle 11 Minuten ein Single verliebt, kommt der dann in 8,5 Jahren dran? Oder anders gefragt, ist bei der genannten Anzahl an Mitgliedern wirklich in etwa 94 Jahren jeder bedient?

Wir wollen nicht kleinkrämerisch sein. Die Liebe ist doch was Schönes, mal im Ernst. Auch wenn sie tragisch endet, wie gestern wieder im Essener Aalto-Theater. Tosca liebt Cavaradossi, ganz ohne parship, jedenfalls war keine Werbung zu sehen. Scarpia hat’s wie in jeder Vorstellung bei der Schönen versucht, aber wie immer erfolglos und obendrein tödlich. Doch Vorsicht, statistisch gesehen ist auch er irgendwann dran. Tosca ist dann alt und grau, aber darum geht es nicht. Ein neuer Regieansatz könnte alle überleben und ihre Premium-Mitgliedschaften vorzeitig beenden lassen. Wie so viele vor ihnen, statistisch alle 8 Minuten. The parship-theater proudly presents….

19. Februar 2016

Wetzlarer Neue Zeitung, 19. Februar 2016

Brillant und lehrreich zugleich
Abschlusskonzert des Chorprojektes der Musikschule in Naunheims Kirche

von Andreas Müller

Wetzlar-Naunheim. Zu einer geistlichen Abendmusik hatte die Evangelische Kirchengemeinde Naunheim in Zusammenarbeit mit der Wetzlarer Musikschule in die evangelische Kirche Naunheim eingeladen. Thomas Sander, Leiter der Wetzlarer Musikschule, hatte das Projektensemble und den Projektchor sehr gut vorbereitet. In einem Benefizkonzert für die Kinder- & Jugendförderung stellte er Vokalmusikmusik des Hochbarock Instrumentalmusik der frühen Moderne gegenüber. Im Instrumentalensemble, besetzt mit drei Violinen, Bratsche, Cello und Kontrabass, spielten Dozenten der Musikschule mit Musikern anderer Ensembles zusammen. Die sechs Musiker waren optimal aufeinander eingespielt und harmonierten sehr gut. Sowohl als Begleitung und Stütze des Chores als auch bei den „Fünf Stücken für Streichorchester“ op. 44/4 von Paul Hindemith demonstrierten sie großes musikalisches Können und sorgten mit ihrem feinsinnigen Spiel für ein besonderes Klangerlebnis. Der Projektchor, bestehend aus 22 Sängern, hatte seit November geprobt.

Konzert Naunheim 02-2016 groß

Thomas Sander gab zu Beginn, aber auch immer wieder zwischen den einzelnen Stücken, wertvolle Erklärungen zu den Stücken und den Komponisten und wies außerdem auf Besonderheiten der Kompositionstechniken hin. So konnten sich die Zuhörer sehr gut auf die einzelnen Stücke einstellen. Rosenmüller hat seine Werke in schlichter Klangtechnik, aber mit großer Ausdrucksschönheit ausgestattet, erklärte Sander. Rosenmüller war für den Posten des Thomaskantors in Leipzig vorgesehen. Aufgrund des Vorwurfes der Päderastie wurde er es dann aber nicht. Sozusagen als Kontrapunkt zwischen die Barockgesänge stellte Sander immer die gleichen zwei Sätze (1. Satz: Langsam; 2. Satz: Langsam. Schnell) aus Hindemiths „Fünf Stücken für Streichorchester“. Über Hindemith wusste Sander zu berichten, dass er sein Publikum mit ungewohnten Klängen oft verschreckt habe. In Nazi-Deutschland durfte er schließlich nicht mehr gespielt werden, worauf Hindemith zunächst in die Schweiz, später in die USA auswanderte. Hindemith habe viel von „Gebrauchsmusik“ gehalten, berichtete Sander über den hessischen Komponisten. Er habe Musik begreifbar machen wollen. Sowohl Laien als auch Profis sollten Verständnis für die Musik erlangen. Um dies dem Naunheimer Publikum zu erleichtern, griff Sander zu dem Trick der Wiederholung. Somit war der Wiedererkennungseffekt gegeben und die Zuhörer konnten sich besser in diese Musik hineinhören.

Das erste Hindemith-Stück stand in einem ruhigen 4/4-Takt. Parallel zu den Gesangsstücken aus dem Barock wechselte auch das zweite Hindemith-Stück von einem langsamen Viertel-Takt in einen schnellen 3/2-Takt. Die Streicher intonierten sehr melancholisch und unterstrichen deutlich betonte Noten. War der erste Choral von Rosenmüller, „Alle Menschen müssen sterben”, in Moll notiert, steht der zweite „Nun Gott Lob, es ist vollbracht“ in Dur. Sander erklärte, dass damit musikalisch die Textstelle „jauchzen und springen“ und die Hoffnung, was nach dem Tod kommt, umgesetzt wurde. Er nannte Rosenmüller einen Klangmagier in der Übertragung von Bildern in Musik. Bei seinem Dirigat versank er tief in der Musik, ging förmlich in ihr auf und modulierte die Klänge mit seinen Bewegungen. Nach der dritten Wiederholung von Hindemith folgte ein sehr schlichter, dritter Begräbnisgesang.

Den Abschluss des Konzertes bildete der Schlusschor aus dem Oratorium „Jephte“ von Giacomo Carissimi (1605-1674). Dieser war als Lehrer sehr geschätzt. Sein berühmtester Schüler dürfte wohl Marc-Antoine Charpentiere gewesen sein, aus dessen „Te Deum“ die berühmte Eurovisions-Fanfare stammt. Carissimi baut im Schlusschor die Stimmen nacheinander bis zur Sechsstimmigkeit auf und sorgt in den drei Takten von Jephtes Wehklagen für eine im Barock ungewöhnliche Anhäufung von Dissonanzen. Mit langem Applaus dankten die Zuhörer für das besondere Konzert.

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… freut mich sehr, gerade heute – am 135. Geburtstag von Armin Knab.

16. Februar 2016

Die Schweizer Resilienzforscherin Professor Pasqualina Perrig-Chiello von der Universität Bern erforscht die Gründe dafür, warum es einigen Menschen besonders gut gelingt, gravierende Schicksalsschläge zu verarbeiten und hat dabei eine ganze Reihe von Charaktereigenschaften ausgemacht, die widerstandsfähige Menschen kennzeichnen. Optimismus, Humor und Dankbarkeit für das Schöne im Leben gehören dazu, ebenso die Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen, ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen. Vor allem aber ist es die Lust daran, das eigene Leben selbst zu gestalten. Pasqualina Perrig-Chiello: “Resiliente Menschen nehmen ihr Leben kreativ, mutig und lösungsorientiert in die eigene Hand. Sie sind entscheidungsstark und verfolgen ihre Ziele sehr engagiert. Wenn sich ihr Leben verändert, können sie ihre Ziele aber auch anpassen.”

Alles richtig, aber geht es auch ein bisschen konkreter? Was ist mit Musizieren, Chorsingen, Theater- und Opernbesuchen? Das Leben kreativ, mutig und lösungsorientiert in die eigene Hand nehmen, das eigene Leben selbst gestalten – was ist das anderes? Unbekanntes Terrain betreten, entdecken, erobern! Emotionen spüren, kennenlernen, ihnen nachgeben! Bedürfnisse und Sehnsüchte erkennen, Risiken eingehen und Ziele anpassen – ja, bei letzterem sind wir gebrannte Kinder und verbinden mit “Anpassung” steigende Gebühren oder sinkende Renditen, jedenfalls nichts Positives – aber wer untersagt uns, Ziele nach oben zu korrigieren und höher hinaus zu wollen? “Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit”, hat Karl Valentin einmal gesagt. Resiliente Menschen haben es also nicht leicht, aber gut. Wenn das kein Ziel ist!

14. Februar 2016

Gestern haben wir in der Evangelischen Kirche Wetzlar-Naunheim unser Chorprojekt mit einer “Geistlichen Abendmusik” zum Abschluss gebracht. Auf dem Programm standen drei Begräbnisgesänge von Johann Rosenmüller, der Schlusschor aus Jephte von Giacomo Carissimi und zwei Sätze aus Fünf Stücke für Streicher 0p. 44/4 von Paul Hindemith. Ich habe dem Publikum, wie ich es gern tue und auch immer wieder dazu ermutigt werde, Erläuterungen zur Musik gegeben – zu historischen und biografischen Hintergründen, zu Satztechniken, zum Wort-Ton-Verhältnis und manchem mehr. Unter anderem sprach ich über die Taktwechsel in den Chorälen -  über den Platz für Trauer und Klage in den geradtaktigen ersten Abschnitten, über Erlösungs- und Seligkeitsversprechen in der jeweils folgenden Tripla.

Binnen weniger Tage habe ich jetzt zwei Interviews mit Roger Willemsen gesehen, beide aus dem letzten Jahr, kurz vor seinem 60. Geburtstag, aufgenommen zu einem Zeitpunkt, als er seine Krebsdiagnose noch nicht kannte. Im Gespräch mit Juri Steiner spricht er über die normale, dem Alter entsprechende körperliche “Materialermüdung” und sagt, dass er diesbezüglich keine großen Dramen auf sich zukommen sieht. Dann ergänzt er, dass er ein “stark reduziertes Interesse an der Zukunft” hat und beschließt das Interview mit der Antwort auf die selbstgestellte Frage, wer er sei: “Ein Entflammter, ein Vermittler.”

Nach einer Woche ist sein Tod für mich immer noch unwirklich. Seine Rhetorik, seine Erzähl- und Fabulierlust sind vielfach bestaunt und gerühmt worden, zu Recht. Mehr als das aber rühren mich seine empathische Leidenschaft und das tiefe Gespür dafür, was wirklich wichtig ist in diesem Leben. “Ich würde gerne glauben, aber ich kann nicht”, hat er einmal gesagt, und der Sinn des Lebens “besteht darin, die gegebene Frist sinnvoll zu nutzen. Nicht nur Spaß zu haben.” Wenn die Frist dann um ist, was ist mit einem Leben nach dem Tod? “Darüber kann ich nichts wissen, und das betrübt mich nicht.”

12. Februar 2016

Gestern fragt mich mein Sohn: “Papa, was ist der Unterschied zwischen einem Comedian und einem Kabarettisten?” Kurze Pause, dann gibt er die Antwort selbst: “Der Comedian macht es wegen dem Geld. Der Kabarettist macht es wegen des Geldes.”

9. Februar 2016

Die Nachricht vom Tode Roger Willemsens berührt mich sehr. Ich hatte das Glück, ihn persönlich kennenlernen zu dürfen, nach einer seiner Lesungen im Dortmunder Harenberg City-Center. Eine ganze Weile zuvor hatte ich ihm als begeisterter Zuschauer von Willemsens Woche meine John McEnroe gewidmete Court Music geschickt, für die er sich in einem handgeschriebenen Brief bedankt und versprochen hatte, mich in seine Sendung einzuladen, wenn McEnroe einmal zu Gast sein sollte. Nun saß er also am Autogrammtisch, und ich stellte mich vor. Er erinnerte sich sofort an die CD, an die Verbindung von höfischer Musik mit dem Tennissport und sagte, dass die Musik bei ihm immer mal liefe und ich ihm damit wirklich eine Freude gemacht hätte. Dann signierte er für mich mit sehr lieben Worten ein Exemplar seiner Deutschlandreise. Es ist lange her, und doch ist die Erinnerung daran sehr frisch. Gute Reise, Roger Willemsen!

Roger Willemsen

8. Februar 2015

Andrea De Carlo geht in seinem Roman “Sie und Er” schon ziemlich zu Anfang der Frage nach, wer oder was eigentlich welche Saite in uns zum Schwingen bringt. Er gibt auch gleich die Antwort, indem er sagt, dass viele voneinander unterschiedliche Züge, Neigungen und Dispositionen in uns angelegt sind und von vielen Menschen, denen wir begegnen, zum Leben erweckt werden. Kurioserweise passiert dies am ehesten bei flüchtigen Begegnungen wie z. B. in der U-Bahn oder an der Supermarktkasse. Wir stellen uns für eine kleine Weile das Kaleidoskop der Möglichkeiten vor, das wir mit diesem oder jenem Menschen zusammen erleben könnten oder schon hätten erleben können. Dann ist dieser Mensch fort, und wir befassen uns wenig später mit einer nächsten, äußerlich und innerlich völlig anderen Person. Und wieder spüren wir verpasste Chancen, vertane Gelegenheiten, nicht genutzte Optionen. Es gibt sie nicht, diese eine, einzige Saite! Wir können, wie jedes taugliche Instrument, so oder so oder so klingen, immer in Abhängigkeit von anderen. Was hätte aus uns, aus unserem Leben werden können? Was wird noch daraus? Wer sind wir?

De Carlo, Sie und Er

5. Februar 2016

[…] Nur eine finanziell und ideell maximal aufgewertete Kultur- und Bildungspolitik wird in der Lage sein, die gewaltigen anstehenden Probleme der Flüchtlingswelle grundgesetzkonform und human zu bewältigen.

Ob dazu Figuren wie Bayerns Ministerpräsident in spe Söder (erhielt gerade irgendwie zu Recht den Orden wider den tierischen Ernst), ein verknorzter de Maizière, der Mehrwert-Steuermann Schäuble oder der Meinungs-Brummkreisel Gabriel die richtige Besetzung abgeben, darf stark bezweifelt werden. Für sie reduziert sich die diffus herbeigesehnte deutsche Leitkultur doch auf eine Art Wohlverhaltens-Knigge. Wer als Flüchtling sein Fahrrad falsch parkt oder eine deutsche Frau anguckt, wird verhaftet und ausgewiesen. Es lebe das deutsche Dschungelcamp-Kulturverständnis.
Theo Geißler in der nmz, Nr. 2/16

1. Februar 2016

Es gibt Bücher, denen man eine gewisse literarische Qualität nicht absprechen kann und die man durchaus gerne liest, doch für die der Begriff “große Literatur” zu hoch gegriffen wäre. So ist es mir jetzt mit Späte Einsichten von David Leavitt gegangen (im Original The Two Hotel Francforts, New York/USA 2013). Das Buch hat Originalität und zuweilen auch Witz, und doch bleibt eine ganz andere Passage haften, die eher versonnen-nachdenklich klingt und umweht ist von leiser Melancholie. Und für diese Stelle allein hat sich die Lektüre des ganzen Romans dann gelohnt.

[…] Meine große Schwäche ist, dass ich den Fluss der Zeit nicht akzeptieren kann. Ich will gegen das Verblassen der Erinnerungen durch die Zeit ankämpfen. Ein ganz und gar vergeblicher Versuch, weil – vielleicht hast du das auch bemerkt – gerade die Erinnerungen, die wir am häufigsten beschwören, am schnellsten verblassen und durch – wie soll ich sagen – durch eine Art Erinnerungsfiktion ersetzt werden. Wie ein Traum. Wohingegen die Dinge, die wir völlig vergessen haben und die uns nach dreißig Jahren plötzlich mitten in der Nacht überfallen, eine gespenstische Frische haben. […]

29. Januar 2016

Ich war siebzehn Jahre alt, als ich meine erste Wagner-Oper hörte. Ein Freund nahm mich mit in eine Vorstellung von Lohengrin an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf. Das war etwas vollkommen Neues für mich, der ich zuvor nur Opern von Cavalli, Händel, Mozart, Lortzing und Rossini gesehen hatte. Nun also Wagner, ich war sehr gespannt. Und mit welcher Wucht schlug dieses Werk ein! Ich war fasziniert von der Musik, natürlich sofort von diesem unglaublichen Vorspiel zum 1. Akt, das ja die ganze Handlung musikalisch zusammenfasst, extrem komprimiert und inhaltlich proportional zur gesamten Spieldauer der Oper. Begeistert war ich von den Sängern, dem Bühnenbild, dem Orchester mit seinen Blechbläsern, die ich noch nie auf diese Weise spielen gehört hatte.

Meine Eltern bekamen damals regelmäßig Besuch von einem passionierten Opernliebhaber. Er versorgte über Jahre die ganze Familie mit Opernquerschnitten, Sängerportaits, Messen, Kantaten etc., alles auf Langspielplatten und Musikkassetten. Am jenem Nachmittag, als ich Lohengrin sah, war er wieder einmal zu Gast und bemerkte meine Abwesenheit. “Thomas ist in Düsseldorf und sieht sich Lohengrin an”, sagten meine Eltern. “Wenn er wiederkommt, ist er Wagner-Fan”, so die Antwort. Genauso war’s und hielt auch eine Weile lang an.

Wir haben in dieser Woche im Opernkurs die Aufnahme aus der Bayerischen Staatsoper von 2009 gesehen (Bayerisches Staatsorchester, Nagano; Kaufmann, Harteros, Koch, Schuster, Fischesser). Natürlich bin ich bei Lohengrin sozusagen prädisponiert, aber wer bei diesem Stück unbeeindruckt bleibt (lassen wir ein paar Unverständlichkeiten der Inszenierung beiseite), dem hilft auch keine andere Wagner-Oper. Ein grandioses Erlebnis, mein lieber Schwan!

Lohengrin

27. Januar 2016

Heute trinken wir Punsch, zu Mozarts 260. Geburtstag. Sein Lieblingsgetränk! Vielleicht gönnen wir uns einen Wachpunsch, so wie Constanze ihn am Abend vor der Uraufführung des Don Giovanni zubereitet hat, damit Wolfgang länger aufbleiben konnte. Es war ein gutgemeinter Versuch ihm Zeit zu verschaffen, denn Mozart war mit dem Komponieren im Rückstand. Er schlief trotzdem ein und musste am nächsten Morgen, also am Tag der Aufführung (!) noch die Ouvertüre komponieren und sämtliche Stimmen schreiben. Und so hat er’s auch gemacht, vermutlich mit müden Augen… Glückwunschpunsch!

Mozart Sonnenbrille

1. Wetzlarer Improvisationstage

21. – 24. Januar 2016
Kooperation des Kulturamts der Stadt Wetzlar
und der Wetzlarer Musikschule e.V. mit
der Phantastischen Bibliothek Wetzlar
Künstlerische Leitung: Thomas Sander

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Die 1. Wetzlarer Improvisationstage finden vom 21. – 24. Januar 2016 statt. Mit dem viertägigen Festival gehen das Kulturamt der Stadt Wetzlar und die Wetzlarer Musikschule neue Wege. Der Jahrhunderte alten Kunst der Improvisation wird damit ein neues Forum gegeben, bei dem die Musik im Mittelpunkt steht. Verknüpfungen und Querverbindungen zu anderen Sparten wie Literatur, Malerei, Fotografie, Tanz u. a. ermöglichen dabei neue Blickwinkel und Gestaltungspotentiale. Bei der Premiere der Improvisationstage ist die Phantastische Bibliothek Wetzlar Kooperationspartner. Renommierte Künstler aus dem In- und Ausland garantieren ein spannendes und facettenreiches Programm. Der Eintritt zu allen Konzerten ist frei, eine improvisierte (!) Spende wird erbeten.

Do, 21. Januar 2016, 19.30 Uhr
Wetzlarer Musikschule
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Tanz-Musik-Video-Performance
Duo cri du coeur
Fine Kwiatkowski und Willehad Grafenhorst

Fr, 22. Januar 2016, 19.30 Uhr
Wetzlarer Dom
vorgelesen -
Orgelimprovisationen durch die Jahrhunderte
Prof. Thomas Lennartz, Orgel

Sa, 23. Januar 2016, 19.30 Uhr
Phantastische Bibliothek
Fantastic Jazz – Lit – Impro
Jazz & Poesie
Trio MAFARE und Peter Assmann

So, 24. Januar 2016, 11.00 Uhr
Wetzlarer Musikschule
About Aphrodite
Gilda Razani, saxophone/theremin
Hans Wanning, piano/electronics

Flyer Wetzlarer Improvisa

20. Januar 2016

Der französische Film “Coco & Igor”, von Jan Kounen 2009 gedreht, mit der Musik von Gabriel Yared, erzählt die kurze, aber heftige Liaison zwischen Coco Chanel und Igor Strawinsky. Gestern war diese in sehr ästhetischen Bildern erzählte Geschichte wieder auf ZDFkultur zu sehen. Kounen beschäftigt sich weniger mit der Frage, was die beiden Protagonisten eigentlich verbindet, sondern lässt die Atmosphäre der Zeit aufleben. Er wählt jeden Drehort sorfältig aus, lässt jedes Ambiente stilgerecht wiedererstehen und scheut beim Abbilden großer Konzertszenen keinen Aufwand. Anna Mouglalis und Mads Mikkelsen sind sehr präsent, und doch, wie gesagt, wissen wir nicht so recht, worum es wirklich geht – um Spannung, um Erotik oder Leidenschaft, um Liebe? Der Schluss zeigt uns Strawinsky wieder allein, von seiner Ehefrau verlassen. In der letzten Szene sehen wir sein Bild, als Foto im Schlafzimmer von Coco, die ihren neuen Liebhaber empfängt. O Fortuna!

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18. Januar 2016

Gestern Abend auf ARD-alpha: “Spötterdämmerung – Gespräche mit Friedrich Hollaender”, zum 40. Todestag des Künstlers (“Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt”). In Rainer Bertrams Film aus dem Jahr 1972 erzählt der damals 76-jährige Hollaender aus seinem Leben, über die vielen Menschen, denen er begegnet ist. Er hat mit zahlreichen Größen aus Film, Revue und Musical gearbeitet und war mit Schauspielern, Regisseuren und Produzenten, mit Kameraleuten und Musikern gut bekannt, mit einigen von ihnen eng befreundet. Wir hören fasziniert zu, wie er über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erzählt, über die 20er Jahre, die Berliner Kulturszene, später dann über die Zeit im amerikanischen Exil, auch über Hollywood. Besonders schön, hintersinnig und verschmitzt erzählt Hollaender, wie Marlene Dietrich eines ihrer Comebacks gibt. Sie ist also zurück, sagt er, nach Jahren der Abwesenheit ist sie also nun wieder da und posiert wie eh und je. Dann schaut sie sich das Ergebnis an und sagt zum Kameramann: “Na, da hast du mich aber gar nicht so schön fotografiert wie sonst!” Woraufhin der Kameramann antwortet: “Na, weißt du, Marlene, ich bin ja auch seit dem letzten Mal ein bisschen älter geworden.”

Friedrich Hollaender

16. Januar 2016

Reichtum, Ansehen, Macht, alles ist unbedeutend und nichtig gegen die Größe des Herzens – das Herz allein ist das einzige Kleinod auf der Welt, in ihm wohnt das Glück.
Adalbert Stifter (1805 – 1868)

15. Januar 2016

Andreas Müller schreibt heute in einem Vorbericht in der Wetzlarer Neuen Zeitung über die 1. Wetzlarer Improvisationstage:

Abseits ausgetretener Pfade
1. Wetzlarer Improvisationstage vom 21. bis 24. Januar

Wetzlar. Musikfreunde, die sich gerne auch abseits ausgetretener Pfade bewegen, können nun in Wetzlar fündig werden. Denn vom 21. bis 24. Januar finden die 1. Wetzlarer Improvisationstage statt. Damit will das Kulturamt der Stadt gemeinsam mit der Musikschule neue Wege gehen. Kooperationspartner im ersten Jahr wird die Phantastische Bibliothek sein, deren Leiterin Bettina Twrsnick den Kontakt zum Trio “Mafare” hergestellt hat. “Wir haben nach etwas Einzigartigem gesucht, etwas, was es in der Region um Wetzlar weit und breit nicht gibt”, erzählt Thomas Sander, Leiter der Wetzlarer Musikschule und künstlerischer Leiter der Improvisationstage. “Die Musik soll natürlich im Mittelpunkt stehen”, erklärt er.

Foto Improvisationstage Jan 2016

“Dabei wollen wir die Kunst der Improvisation in den Vordergrund stellen und zusätzlich zur Musik mit anderen künstlerischen Sparten kombinieren. Durch die Vernetzung sollen die Besucher ein neuartiges Hörerlebnis haben”, wünscht sich der Schulleiter. Mit Improvisation verbindet er die Kunst der Veränderung, Abwandlungen, Verfremdungen, Spiegelungen und das Spielen mit nichtmusikalischem Material. In der ersten Runde der neuen Reihe wird Musik mit Literatur einhergehen. Für die folgenden Jahre sollen dann andere Kooperationspartner ausgewählt werden. Die auftretenden Künstler kennt Sander persönlich oder hat sie auf Empfehlung ausgesucht.

Auftakt- und Abschlussveranstaltung werden in der Musikschule am Schillerplatz 8 stattfinden. Am 21. Januar um 19.30 Uhr wird dort Fine Kwiatkowski zu improvisierter Musik ihres Mannes Willehad Grafenhorst eine Tanztheaterperformance zeigen. Weil auch ein sakraler Baustein im Konzept sein sollte, wird Thomas Lennartz, Professor für Improvisation und Liturgisches Orgelspiel, am 22. Januar um 19.30 Uhr unter dem Titel “vORGELesen” auf der Domorgel Improvisationen durch die Jahrhunderte spielen.

Jazz und Poesie gibt es am Samstag, 23. Januar, um 19.30 Uhr in der Phantastischen Bibliothek, Turmstraße 20. Das Trio “Mafare” wird zusammen mit dem Künstlerpoeten Peter Assmann “Fantastic Jazz-Lit-Impro” präsentieren. Zum Abschluss des Festivals erwartet das Publikum am Sonntag, 24. Januar, um 11 Uhr wiederum in der Musikschule experimentelle Musik, inspiriert durch große Sinfonien. Gilda Razani und Hans Wanning werden mit “About Aphrodite” eine Verschmelzung aus akustischen Instrumenten und Elektronik vorführen. Der Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen.

Übrigens: Thomas Sander berichtet zu den 1. Wetzlarer Improvisationstagen auch am Samstag, 16. Januar, um 17 Uhr in hr2 Kultur.

13. Januar 2016

Um ein tadelloses Mitglied der Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.
Ralph Waldo Emerson (1803 – 1882)

11. Januar 2016

Abends, zurück aus der Normandie. Noch berauscht von Cavalli und Lully, von Xerse gestern Abend im Théâtre Caen mit Le Concert d’Astrée, Emmanuelle Haïm und wunderbaren Sängerinnen und Sängern, vor allem dem Countertenor Tim Mead und der Sopranistin Emöke Baráth. Die Musik, ohnehin betörend, irisierend und von unverschämtem Charme, wird im Liebesduett der beiden zum Erlebnis für sämtliche Sinne. Und Cavalli, dieser Zauberer, findet Mitstreiter auf Augenhöhe: Emmanuelle Haïm entlockt ihrem Orchester nobelste Klänge, leicht und transparent, sinnlich, verliebt, verspielt. Haïms Dirigat ist hochvariabel, zuweilen schlank, knapp, dann fordernd und draufgängerisch, dann wieder zärtlich, behutsam und abwartend. Der Auftakt, mit beiden Händen von unten in Zeitlupe kommend, mit den Handinnenflächen nach oben, lädt das Continuo zum selbstgewählten Zeitpunkt des Einsatzes ein. Es folgen entrückte Klänge, sanft und zeitvergessen. Dann, zu den Ballettmusiken von Lully, positionieren sich die Instrumentalisten im ersten Rang, auf gegenüber liegenden Balkonen, zum doppelchörigen Musizieren. Die Rhetorik ist virtuos, wir können einstudierte Verzierung und spontane ornamentale Improvisation nicht unterscheiden. Wir wagen nicht uns zu rühren, werden in unserem Sessel immer kleiner und bestaunen die fantasievollen Choreografien der sechs Tänzer der Compagnie Leda. Nach vier Stunden ist das Fest zu Ende. Ein berührender, grandioser Abend.

Emmanuelle-Haim

Emmanuelle Haïm

7. Januar 2016

Am Vorabend zum Dreikönigstag ist Pierre Boulez im Alter von 90 Jahren gestorben. Wie ich gerade höre, hat Wolfgang Rihm – vielleicht nicht ganz zufällig – einen Vergleich mit den drei Weisen bemüht und gemeint, so sei nun also “der Letzte der Heiligen Drei Könige” gestorben (mit den anderen beiden dürfte er Stockhausen und Ligeti gemeint haben). Und Daniel Barenboim wird zitiert mit den Worten “Er (Boulez) hat mit dem Kopf gefühlt und mit dem Herzen gedacht”. Nun ja, was nach einem hübschen Bonmot klingt und die Besonderheit, wenn nicht die Einzigartigkeit von Boulez ausdrücken soll, ist in Wahrheit für Künstler nicht ungewöhnlich (und nicht nur für Künstler). Wir wollen nicht zuviel in so einen Satz hineingeben, aber spätestens seit Saint-Exupéry wissen wir doch, dass man nur mit dem Herzen gut sieht. Allerdings, das sei hier konzediert, war Pierre Boulez kein kleiner Prinz, sondern ein großer Musiker. Provokant, elegant, visionär, mutig, humorvoll. Er selbst verstand sich mehr als Komponist denn als Dirigent. Indes, sein “Jahrhundert-Ring” hat in den siebziger Jahren in Bayreuth und weit darüber hinaus größte Wellen geschlagen und die Wagner-Rezeption nachhaltig beeinflusst, ja signifikant verändert. Und seine Interpretationen der Werke von Igor Strawinsky und Maurice Ravel, letztere mit dem New York Philharmonic Orchestra, sind unerreicht und werden es lange bleiben.

6. Januar 2016

Auf Einladung des Hessischen Rundfunks bin ich am Samstag, 16. Januar um 17.00 Uhr in der Sendung hr2-kultur zu Gast. Ich werde mit Christiane Hillebrand eine Stunde lang über die 1. Wetzlarer Improvisationstage sprechen und dabei auch die Künstler mit ein paar Hörproben vorstellen. Was für eine schöne Gelegenheit, das Festival zu bewerben! In der Woche vor Beginn der Improvisationstage wird darüber hinaus ein Beitrag auf hr4 gesendet, ebenfalls mit Klangbeispielen und zwei kurzen, bereits aufgenommenen Interviews.

4. Januar 2016

Was ich wirklich sagen möchte ist, dass das, was die Welt braucht, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit ist. Jeder: Stars, Arbeiter, Schwarze, Juden, Araber – wir sind alle Geschwister. Bitte machen Sie mich nicht lächerlich. Ich habe nichts dagegen, Witze zu machen, aber ich will nicht selbst wie einer wirken.
Marilyn Monroe am Ende eines Interviews mit dem Life Magazin 1962. Es sollte ihr letztes sein. Sie starb – unter bis heute nicht völlig geklärten Umständen – am 5. August 1962.

Monroe

Am 1. Juni 2016 würde Marilyn Monroe 90 Jahre alt. Für diesen Tag lade ich schon jetzt zu einer Hommage “Happy Birthday, Norma Jeane!” in den Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule ein. Beginn ist um 19.30 Uhr.

Pause bis zum 4. Januar 2016

20. Dezember 2015

„Eine beschwingte Partitur mit optimistischem Grundton. Originell und mit vielen Aha-Effekten …“, schreibt die Frankfurter Rundschau, und die Welt am Sonntag befindet: “Schlaflosigkeit und Burn-out sind die neuen Volkskrankheiten. Der Psychologe Stephan Grünewald empfiehlt ein altbewährtes Hausmittel gegen die Erschöpfung: Nehmen Sie Ihre Träume ernst!“ Wasser auf meine Mühle! Die Rede ist von Grünewalds Buch Die erschöpfte Gesellschaft (Herder 2015, ISBN 978-3451067006). Mein Last Minute-Tipp für Weihnachten, zum Verschenken oder – besser – zum Selberlesen!

Weihnachtssterne

Frohe Festtage! Mein herzlicher Dank gilt allen, die mich im alten Jahr begleitet haben – Veranstalter, Kursteilnehmende, Konzertbesucher, Redakteure, Organisatoren, Helferinnen und Helfer und alle übrigen! Auf dass wir uns auch im kommenden Jahr wieder zu den unterschiedlichsten Themen und Anlässen hören, sehen oder voneinander lesen werden. Ich freue mich sehr darauf! Auf ein gesundes, erfolgreiches Jahr 2016!

Ihr und Euer
Thomas Sander

19. Dezember 2015

Wetzlarer Neue Zeitung, 18. Dezember 2015

In Wetzlar wird improvisiert
Premiere – Am 21. Januar startet eine neue Konzertreihe von Musikschule und Stadt

Wetzlar. Das Kulturleben der Stadt wird um eine Attraktion reicher. Denn zum ersten Mal öffnen die “Wetzlarer Improvisationstage” am 21. Januar 2016 ihre Pforten. Bis zum 24. Januar steht dann musikalische Improvisation im Mittelpunkt, um aber Verbindungslinien unter anderem zu Tanz oder Musik zu ziehen. Veranstaltet wird das Festival von der Musikschule und dem Kulturamt, die diesmal als Dritten die Phantastische Bibliothek ins Boot holen. “Dieses Festival ist etwas ganz Neues”, freute sich Kulturamtsleiterin Kornelia Dietsch, die das Programm gemeinsam mit dem künstlerischen Leiter und Chef der Musikschule Thomas Sander vorstellte.

Impro Dietsch Sander

Ein wenig sei die Idee zum Festival aus der Tradition der “Wetzlarer Gitarrentage” entstanden. Über viele Jahre habe man sie erfolgreich durchgeführt, um sie jetzt durch Neues zu ersetzen. “Die Gitarrentage waren so lange wunderbar, so lange sie für die Stadt ein Alleinstellungsmerkmal waren”, ergänzte Sander. Mittlerweile sei es jedoch nicht mehr so einfach, Künstler exklusiv zu bekommen. Da es zudem nun auch Gitarrentage an anderen Orten gibt, wurde ein neues Alleinstellungsmerkmal gesucht – und in den Improvisationstagen auch gefunden. Schwerpunkt der Veranstaltungsreihe ist dabei immer die Musik, aber der dritte Partner und sein Beitrag sind nicht festgelegt. Diesmal ist dies die Phantastische Bibliothek, es kann beim nächsten Mal ein ganz anderer sein, etwa ein Fotograf.

Der Startschuss für die Erstauflage fällt am 21. Januar um 19.30 Uhr in der Musikschule. Unter dem Motto “nogonie” wird Fine Grafenhorst Tanz-Performance-Theater präsentieren. Natürlich zu improvisierter Musik. Weiter geht es am 22. Januar um 19.30 Uhr im Dom mit Thomas Lennartz’ Orgelimprovisation durch die Jahrhunderte unter dem Titel “Vorgelesen”. Die musikalische Darbietung des Professors für Improvisation und Liturgisches Orgelspiel sowie Leiters des Kirchenmusikalischen Instituts der Leipziger Hochschule für Musik und Theater wird durch Textvorträge ergänzt.

Am 23. Januar um 19.30 Uhr geht es in die Phantastische Bibliothek zu Jazz und Poesie mit Künstlern aus der Schweiz und Österreich. Konkret werden der Künstler-Poet Peter Assmann und das “Trio Mafare” eine so genannte “Fantastic Jazz-Lit-Impro” darbieten. Festivalabschluss ist dann am 24. Januar um 11 Uhr wieder in der Musikschule mit Gilda Razanis und Hans Wannings “About Aphrodite”. Zu erwarten sind musikalische Darbietungen mit Saxofon, Theremin, Piano und Electronics. Der Eintritt zu den Konzerten ist frei, eine Spende wird erbeten. (sh)

17. Dezember 2015

1993, drei Jahre vor ihrem Tod, entwarf Ruth Berghaus, die “Grande Dame des Regietheaters”, Carl Maria von Webers Freischütz für das Opernhaus Zürich. Über fast alle Produktionen von Ruth Berghaus wurde kontrovers diskutiert, und auch der Freischütz bildet keine Ausnahme. Oft, so heißt es in der DVD-Ausgabe von Zweitausendeins, hat sie mit ihrem Stil dem Naturalismus eine radikale Absage erteilt. Bildsprache, Signale, Gestik und visuelle Brüche waren ihr wichtiger als das Nacherzählen der Handlung. Der Live-Mitschnitt aus dem Zürcher Opernhaus von 1999 (Harnoncourt; Nielsen, Hartelius, Seiffert, Salminen, Polgár) dokumentiert das auf beeindruckende Weise.

Ruth-Berghaus

Unbedingt vormerken: Matti Salminen singt im Frühjahr 2016 im Staatstheater Wiesbaden in der Neuinszenierung von Mussorgskys Boris Godunow die Titelpartie! Premiere ist am 25. März (Karfreitag).

Salminen

14. Dezember 2015

Gestern, beim Benefiz-Weihnachtskonzert Wetzlarer Schulen, spielten vier Jugendliche der Goetheschule den “Weihnachtskanon” von Johann Pachelbel, in der Besetzung für drei Violinen und Klavier. Nun, eigentlich heißt das Stück schlicht “Kanon” und ist die wohl populärste Komposition Pachelbels. Dem Kanon folgt im Original eine Gigue, die jedoch gestern entfiel. Dem Rahmen der Veranstaltung entsprechend hieß also das Stück “Weihnachtskanon”, macht ja nichts. Doch wie klingt eigentlich Weihnachtsmusik? Was ist das überhaupt? 6/8-Takt, mezzopiano, Violinen? Letztere, sagen wir es mal so, können zum Generieren einer gewissen Empfindsamkeit hilfreich sein, und das ganz positiv, wie gestern. Streichinstrumente sind Emotionsträger. Der Himmel hängt voller Geigen – und eben nicht voller Klarinetten, Gitarren oder Marimbaphonen. Doch auch für die gibt es Weihnachtsmusik, von lieblich bis laut, von schön bis schräg. Und nebenbei, Geigen können auch ganz anders, siehe “Psycho”. Doch ein Hitchcock-Thriller ist kein Weihnachtsfilm, und der Nikolaus ist kein Osterhase, wie wir von Uli Hoeneß gelernt haben. Wie ich heute lese, muss Glühwein laut Gesetzgeber mindestens sieben Prozent Alkohol beinhalten. Da wird uns doch gleich warm ums Herz, ganz ohne Weihnachtsmusik.

12. Dezember 2015

Wozu das Künstlergeschwätz, die endlosen Gespräche über Kunst, die Auseinandersetzungen in den Künstlercafés bis zwei Uhr nachts, wo man den lieben Gott in der hohlen Hand zu halten meint?
Auf dem Wege, inmitten dieses flachen Landes, habe ich die Empfindung, als hätte ich niemals etwas verstanden, niemals etwas gesehen, als kennte ich nicht mehr davon wie der schwarze Käfer, der über die Straße läuft und sich im Staube abmüht.
Vor einigen Tagen habe ich bei dem Direktor einer Kunstzeitschrift gesessen.
“Was halten Sie von den modernen Kunstrichtungen? Ist die Rückkehr zum Neo-Naturalismus eine Gefahr?” fragte er mich.
Am Ende der Straße senkt sich das Tal, und auf dem anderen Abhang liegt die kleine Stadt Nesles: Schieferdächer, grüne und rote Vierecke scheinen den blauen Himmel zu berühren und in ihm aufzugehen.
“Ist der Neo-Naturalismus eine Gefahr?”
Ungleich lieber hätte ich die einfache Frage gehört: “Wie finden Sie mein Dienstmädchen?”

Ich habe erfahren, dass es Augenblicke gibt, wo die Worte Seligkeit, Glück, Eingebung, Schwärmerei nichts mehr ausdrücken. Ich erinnere mich an innerlichst bewegte Minuten, da ich mich außerhalb der Zeit befand. Wenn dann jemand seine Hand auf meine Schulter gelegt und gesprochen hätte: “Sag’ einen Wunsch, verlange, was du haben möchtest. Willst du reich sein? Willst du ein Schloss haben? Dienerschaft? Oder Mitglied der Ehrenlegion werden?” würde ich antworten: “Nein, nichts, es kommt, wie es kommt…”
Die Straße weiter hinauf, in der Nähe des kleinen Tümpels, liegt der Friedhof. Die Gitterpforte ist immer geöffnet, den ganzen Tag scheint die Sonne darauf. Eine einzelne Tanne ragt über die Mauer. Kein Lärm stört die Ruhe der Ebene. Im Winter fliegen die Raben vorbei und im Sommer junge Rebhühner… und so wiederholt es sich immer…
Dort ruht mein Vater. Wie einfach das ist, er hat gelebt.
Wenn er mich hören könnte und ich ihn fragte: “Wünschest du etwas?”, würde er mir antworten: “Nein, nichts… jeder zu seiner Zeit. Im Augenblick bist du an der Reihe… Liebe das Leben… liebe es um seiner selbst willen…”
Maurice de Vlaminck (1876 – 1958), “Gefahr voraus!” Aufzeichnungen eines Malers. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1930. Übersetzung von Jürgen Eggebrecht
Original: Tournant dangereux, souvenirs de ma vie

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10. Dezember 2015

Plovdiv wird Kulturhauptstadt Europas 2019! Endlich! Das heißt, wir können uns jetzt drei Jahre lang darauf freuen und dann hinfahren. Nein, wir fahren vorher hin und schauen uns diese unglaubliche Stadt an und tauchen ein in eine wunderbare, andere, neue, alte Welt. Wie schön!

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Das antike Theater aus dem 2. Jahrhundert, das von Kaiser Marc Aurel angelegt wurde und heute 3000 Zuschauern Platz bietet, wenn in den Monaten Mai, Juni und September klassisches Theater gespielt wird und viele Konzerte stattfinden.

8. Dezember 2015

Internet-Fundstück, aus einem Interview im Oktober 1996, veröffentlicht in RONDO 5/97.

RONDO: Sie haben mal geschrieben: “Wir steuern auf einen allgemeinen kulturellen Zusammenbruch zu” …
Harnoncourt: Das ist nicht zu übersehen. Aber es ist eigenartig, dass ein Pessimist wie ich, der überhaupt keinen Ausweg sieht, irgendeinen Funken hat, dass es doch nicht so ist. Aber das ist wahrscheinlich der menschliche Wahnsinn.
RONDO: … der einen überleben lässt …
Harnoncourt: Vielleicht.

7. Dezember 2015

Am Vorabend seines 86. Geburtstags, den er gestern feierte, hat Nikolaus Harnoncourt seinen Rückzug vom Dirigentenpult bekannt gegeben. “Meine körperlichen Kräfte gebieten eine Absage meiner weiteren Pläne”, schrieb er in einem Brief an sein Publikum. Alle noch anstehenden Termine sind abgesagt. Vor einem Jahr noch, in einem Interview mit der WELT, sagte er: “Jetzt werde ich dauernd für mein Lebenswerk lobgestrudelt. Furchtbar. Das klingt so abgeschlossen. Ich bin doch noch nicht fertig! Oder wollt ihr, dass ich alter Trottel aufhör’?”

Nun hört er auf, und wir können ihm nicht genug danken für alles, was er uns in Wort, Schrift und Ton geschenkt hat. Reich sind wir geworden durch ihn, haben die Musik besser verstanden, sie neu gehört, als “Klangrede” mit eigener Syntax, Grammatik, Rhetorik. Ich habe das Glück gehabt, ihn mit seinem Concentus Musicus Wien im dortigen Konzerthaus zu erleben, mit einem reinen Bach-Programm, im Herbst 1983. Schon vorher habe ich ihn sehr bewundert, das ist bis heute so geblieben. Für die Zukunft nur das Beste, Nikolaus Harnoncourt!

Nikolaus Harnoncourt

6. Dezember 2015

Nikolaushaus

Tipp: Köln, Weihnachtsmärkte. Dom, Neumarkt (besonders schön!), Alter Markt, Heumarkt.
Schöne Verkaufshäuschen, großes kunstgewerbliches Angebot, vielseitige Gastronomie,
geschmackvolle Dekoration, keine nervtötende Musik. Sehr empfehlenswert!

3. Dezember 2015

Was übrigens meinen besonderen Unmut erregt, ist die Allgegenwart des Sports in der aktuellen Berichterstattung. Was passiert denn da? Da verkündet ein Leistungssportler, dass er gewinnen möchte und der Gegner nicht zu unterschätzen sei oder ähnliche Plattitüden. Sport ist natürlich nichts Schlimmes, wenn man ihn selbst betreibt, aber müssen wir uns das ständig als Objekt gesellschaftlicher Auseinandersetzung bieten lassen?
Christian Gerhaher

Buchtipp:
Christian Gerhaher
Halb Worte sind’s, halb Melodie. Gespräche mit Vera Baur
Henschel Verlag, Leipzig 2015
ISBN 978-3894879426
Gebunden, 176 Seiten, € 22,95

Gerhaher, Gespräche

1. Dezember 2015

Ich finde, es gehört zum Leben dazu, dass es kompliziert ist und am Ende als Rechnung nicht aufgeht.
Christian Gerhaher

29. November 2015

Spectre, so wird allenthalben orakelt, könnte Daniel Craigs letztes Abenteuer als James Bond gewesen sein. Manche Beobachter meinen, die vier Filme mit Craig seien inhaltlich wie formal als Tetralogie zu verstehen, Spectre habe erkennbar den Schlusspunkt gesetzt. Andere glauben, Craig sei schlicht bondmüde, was für ein schönes Wort. Schon befasst sich die Filmwelt mit der Frage, ob nicht die Zeit reif ist für eine Frau in der Rolle von 007Jamie Bonda, vielleicht dunkelhäutig, oder alleinerziehend, oder lesbisch (Bonda-Boys welcome). Oder alles gleichzeitig. Vielleicht mit familiären Wurzeln in Ostdeutschland (zur Not ginge auch Bielefeld). Bei insgesamt nunmehr 58 Beischlafpartnern in 25 Filmen und der Lizenz zum Vö… äh, Töten wäre HIV-positiv noch eine Option. Das Büro leitet Manni Penner, ggf. mit Schwerbehinderung, der Gleichstellungsbeauftragte lässt grüßen. Frau Broccoli sollte sich beizeiten Gedanken machen, doch nicht zu viele. Manche Ideen zur cineastischen Abbildung gesellschaftlicher Wirklichkeiten zerstieben zuweilen schneller als 007 schießen kann.

26. November 2015

Mir fällt gerade auf, dass ich in diesem Jahr nur auf ein halbes Dutzend Opernbesuche kommen werde. Doch immerhin, es waren Aufführungen in sechs verschiedenen Städten, mit sehr schönen Abenden: Mozarts Idomeneo in Essen, Donizettis Linda di Chamounix in Gießen, Cestis Orontea in Frankfurt, Puccinis La Bohème in Wien, Mozarts Schauspieldirektor in Berlin, Verdis La Traviata in Dortmund. Und das nächste Jahr beginnt mit einem Paukenschlag, gleich im Januar: Cavallis Xerse in Caen! Darauf freue ich mich sehr, vor allem auf Emmanuelle Haïm und Le Concert d’Astrée. Ich war zum letzten Mal vor vier Jahren in Frankreich (Paris, Tannhäuser in der Bastille), doch mein letzter Besuch in der Normandie liegt ewig zurück. Damals allerdings war ich nicht als Operntourist unterwegs, sondern schlicht als urlaubender Mittdreißiger, der sich für Cafés, Restaurants, Häfen und Strandpromenaden interessiert. Ich habe mir damals Deauville, Honfleur und Étretat angesehen, daran habe ich schöne Erinnerungen. Ein Abstecher nach Caen war auch dabei, nur für ein paar Stunden und ohne Theater, im wahrsten Sinne des Wortes. Das wird jetzt anders sein, wie schön!

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24. November 2015

Heute Morgen las eine Sprecherin mit deutlich hörbarem Sigmatismus die Nachrichten auf hr-online. Webdefinitionen bestimmen das Lispeln als Form der Dyslalie. Diese gilt in der deutschen Sprache als – Achtung – “Sprechfehler”. Wohlgemerkt “Sprechfehler”, nicht “Sprachfehler”. Ich hatte von Anfang an den Verdacht, dass die Bezeichnung “Sprachfehler” wohl unziemlich ist. Angeblich lispeln manche Menschen nicht, wenn sie singen. Stimmt, ich zum Beispiel. Aber ich lispele auch sonst nicht. Naja, die Sprecherin, also die mit dem Sprechfehler, hätte ja die Nachrichten singen können. Aber vielleicht kann sie auch das nur fehlerhaft, wer will das wissen? Und wenn schon! Es gibt ja auch Leute, die für die Zeitung oder für den Videotext arbeiten und nicht fehlerfrei schreiben können. Da hilft dann auch Singen nicht. Wer nicht hören will, kann ja lesen? Oder singen? Falsches Sprechen, falsches Schreiben, falsches Singen – alles halb so wild heutzutage, alles irgendwie egal. Man kann eben aus einem Pisspott keine Mokkatasse machen. Wozu auch?

23. November 2015

Franz von Suppé, eigentlich Francesco Ezechiele Ermenegildo Cavaliere Suppé-Demelli (was ja viel schöner klingt!), verdankt seine Popularität hauptsächlich den Ouvertüren zu “Leichte Kavallerie” und “Dichter und Bauer”, zudem seiner Operette “Boccaccio”. Dass er insgesamt über 200 Bühnenwerke schrieb, ist nur wenig bekannt. Immerhin aber wird sein 1855 komponiertes Requiem in d-Moll gelegentlich aufgeführt. Ein bemerkenswertes Stück, das klingt, als ob Suppé hat sagen wollen “Hört mal her, das kann ich auch”, und in der Tat findet er hier zu einer ganz eigenen romantischen Tonsprache. Wie schön für uns, dass er ein paar Jahre zuvor Jura und Medizin zu den Akten gelegt hatte! Die frühen, persönlichen Begegnungen mit Rossini, Donizetti und Verdi hatten ihn sehr beeinflusst, der spätere Erfolg gab ihm die Bestätigung, mit der Wahl der Kapellmeisterei und des Komponierens richtig entschieden zu haben. Also – hin und wieder nicht nur “Dichter und Bauer” hören, sondern Franz von Suppé kennenlernen!

22. November 2015

Du bist verrückt mein Kind

19. November 2015

Heute Abend werden wir uns im Kurs “Es gibt was auf die Ohren – Klassische (?) Musik im 20. Jahrhundert” mit den Streichquartetten von Peter Ruzicka beschäftigen. Ruzicka hat sehr viele Talente und ist in der Hauptsache Komponist, Dirigent und Intendant. In letzterer Eigenschaft leitete er von 2003 – 2006 die Salzburger Festspiele, mit herausragenden Produktionen, vor allem Mozarts “Titus” und “Don Giovanni” auf schier unfassbarem künstlerischen Niveau. Seine Streichquartette, um darauf zurückzukommen, haben stets etwas Suchendes und wirken häufig wie Ausdrucksexperimente auf neuem, unbekanntem Terrain. Die Produktion sämtlicher Quartette erstreckt sich über Jahrzehnte, und doch verbindet die einzelnen Stücke das Fragende, Erspürende, Explorierende. Über sein 5. Streichquartett “STURZ” (2004, also im 21. Jahrhundert komponiert!) schreibt er, dem Werk liegt die Vorstellung eines abwärts stürzenden Ausbruchs zu Grunde, der nach einem langen, tastenden Klangfeld im Zentrum des Stückes erreicht wird. Der Ausbruch hinterlässt ein instabiles klangliches Echo, das wie ein Klangschatten auf das zuvor Erklungene verweist. Auskomponierte Orientierungssuche, zeitlos und voller Zweifel. Sehr spannend, auch für Anfänger.

17. November 2015

Am Ende haben wir wohl doch geglaubt, er sei unsterblich. Dass er älter wurde, gebrechlicher – das war augenfällig. Aber dass er eines Tages tatsächlich sterben könnte, war ein Gedanke, den wir nicht mehr zugelassen haben. So beginnt ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo seinen Artikel zum Tode von Helmut Schmidt, heute vor einer Woche. Und er findet für den Schluss seines Textes diese Worte: Helmut Schmidt ist tot, und wir, die ihn überlebt haben, müssen jetzt erwachsen werden. Ob wir es wollen oder nicht. 

Ein wenig helfen vielleicht die Mozart-Klavierkonzerte KV 242 und KV 365, die Helmut Schmidt 1981 zusammen mit Christoph Eschenbach, Justus Frantz und dem London Philharmonic Orchestra aufgenommen hat. Hören wir einfach zu!

Schmidt Mozart Cover

16. November 2015

“Trauernd am Lagerfeuer” überschreibt Lenz Jacobsen seinen Artikel auf ZEIT online über die Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu den Terroranschlägen von Paris:  […] In den antiken Tragödien repräsentiert der Chor häufig eine politische Gemeinschaft und hat die Funktion, das Geschehen auf der Bühne zu interpretieren und mit Gefühl und Deutung zu begleiten. Diese Rolle übernehmen an diesem Abend auch ARD und ZDF: Sie sind der Fernsehchor zu diesem Terrordrama. Claus Kleber ist der bundesdeutsche Chorleiter.  […]

Das liest sich ganz süffig, zugegeben, und Herr Jacobsen mochte wohl auf diese Pointe nicht verzichten. Doch im antiken Drama gibt es keinen Chorleiter, und abgesehen davon gibt es Chöre im heutigen Sinne – also mehrere Singende pro Stimme im Gegensatz zu solistischer Besetzung – erst seit gut dreihundert Jahren, somit ist der Berufsstand des Chorleiters, so wie wir ihn heute verstehen, nicht älter. Selbst der singende Hofnarr, der ja kein Chorleiter ist, reicht historisch nicht weit genug zurück. Immerhin schützt ihn die Narrenfreiheit, was er mit manchen Fernsehmoderatoren und Journalisten gemein zu haben scheint.

13. November 2015

Samstag, 14. November 2015, 20.00 Uhr
Große Orangerie im Schloss Charlottenburg, Berlin
W. A. Mozart, Der Schauspieldirektor
Kategorie A, freie Platzwahl
Große Vorfreude!

Schauspieldirektor, lang

11. November 2015

Vor ein paar Tagen habe ich den Thriller “Departed – Unter Feinden” gesehen (USA/Hongkong 2006, Regie Martin Scorsese). Der mehrfach oscarprämierte Film ist absolut sehenswert, vor allem wegen der psychologischen Zeichnung der Hauptdarsteller. Die Besetzung ist grandios: Leonardo DiCaprio, Matt Damon, Jack Nicholson, Mark Wahlberg, Alec Baldwin, Vera Farmiga. Der Film hat mehrere herausragende Sequenzen, doch eine steht über allem: Die Szene, in der Leonardo DiCaprio und Vera Farmiga einander wortlos verführen, unterlegt mit der Live-Version von „Comfortably Numb“, gesungen von Van Morrison, Roger Waters und The Band (vom The-Wall-Konzert 1990 auf dem Potsdamer Platz, ursprünglich von Pink Floyd). Die besagte Szene dauert gut drei Minuten und ist damit nur etwa halb so lang wie der gesamte Song, der das Parfum des Zelebrierens, des Hymnischen trägt. Martin Scorsese hat über den Film gesagt, dass für ihn weniger die Handlung als vielmehr die Personen und deren Einstellung zum Leben im Vordergrund gestanden hätten. Zu Tränen gerührt sieht man den beiden zu und braucht keine Erklärungen mehr. The child is grown, the dream is gone.

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Pause bis zum 10. November 2015

24. Oktober 2015

“Ich verabscheue die Musik als Weltanschauung und rate, die Musik um ihrer selbst willen zu lieben und nicht der Gefühle wegen, die sie im Hörer hervorruft.” Von Igor Strawinsky ist dieser Satz, und er fügte hinzu, viele Menschen gäben in die Musik etwas hinein, das diese von sich aus gar nicht enthält – und meinte damit keineswegs nur ein assoziatives, bildhaftes Hören. Ist aber das emotionale Verknüpfen, das individuelle Generieren von außermusikalischen Koordinaten nicht verständlich, ja schlechterdings nur menschlich? Musik wird doch deswegen nicht zum Vehikel, zum Werkzeug, nur weil die Liebe zu ihr sich nicht ausschließlich auf Rhythmus, Melodik, Harmonik und Klangfarbe bezieht! Die Musik ist mehr als die Summe der Töne, heißt es richtigerweise. Wir könnten auch sagen, die Liebe zur Musik erschöpft sich nicht im Bestaunen von Parametern. Die Liebe zur Musik geht über das analytische Durchdringen und Bewundern satztechnischer oder formaler Kunstfertigkeiten weit hinaus. Wie die Liebe überhaupt, die große zumal, mehr ist als ein Palimpsest nachvollziehbarer Leidenschaften – ein Mysterium, das sich dem Erklärbaren, dem wirklichen Verstehen letztlich entzieht.

22. Oktober 2015

Wenn wir uns der Vergangenheit nicht stellen, wird alles Leben aus der Lüge kommen.
Javier Marías

Seit zwanzig Jahren warte ich darauf, dass sich ein Librettist des Romans Mein Herz so weiß (Corazón tan blanco, Barcelona 1992) annimmt, ein Textbuch daraus macht und einen Komponisten findet, der die Musik zur Oper schreibt. Mein Herz so weiß ist ein herausragendes Meisterwerk, eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe – insofern ist der Wunsch, es möge eine Oper daraus entstehen können, wohl verständlich. Ein zentrales Thema des Romans ist die Sprache. Welche Wirkungen können Gedanken, innere Wünsche und Geheimnisse auslösen, wenn sie einmal ausgesprochen sind? Betrug und Wahrheit, Verbrechen und Sühne, Verzweiflung und Liebe – was, mein Herz (so weiß), verlangst du mehr? Das obige Zitat ist dem Klappentext des in diesem Jahr bei Fischer in Frankfurt erschienenen Buches So fängt das Schlimme an entnommen (Así empieza lo malo, Madrid 2014). Marías ist als Topograf seelischer Abgründe und Leidenschaften eine Ausnahmeerscheinung, eines Beweises hat es nach so vielen Jahren großer Romane nicht bedurft. Umso stärker und unvermittelter erzeugt seine Sprache gleich auf den ersten Seiten einen unwiderstehlichen Sog. Wir wissen, wie recht er hat und lesen trotzdem weiter. Wir müssen weiterlesen, auch wenn wir im Vorhinein wissen, dass wir Erschütterungen in unserem Leben nicht umgehen können, auch die größten nicht, und dass es keine Gerechtigkeit gibt. Ein Moralist und Pessimist sei er, meint Sigrid Löffler. Vielleicht stimmt das ja. Aber wir erkennen beim Lesen die Vexierbilder unseres eigenen Lebens! Auflösen allerdings müssen wir sie schon selber.

21. Oktober 2015

Wünsche sind nie klug. Das ist sogar das Beste an ihnen.
Charles Dickens (1812 – 1870)

Dickens

19. Oktober 2015

“Die gefährlichste Weltanschauung ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben”, wusste schon Alexander von Humboldt . Was aufs Sehen oder Anschauen zutrifft, gilt ebenso gut für das Hören. Dass es manchen Zeitgenossen gefällt, sich zu allem und jedem zu äußern, ohne durch einschlägige Sachkenntnis vorbelastet zu sein – daran haben wir uns gewöhnt. Was aber, wenn jemand vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren mal ein Stück von Händel oder Haydn gehört hat, das Gehörte sterbenslangweilig fand und dieser Musik seither aus dem Weg gegangen ist? Wie wollen wir das Urteilsvermögen eines solchen Hörers bewerten? “Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?”, fragte Georg Christoph Lichtenberg. Wir können aber auch fragen: Wenn eine Musik langweilig klingt, liegt das allemal am Komponisten? Wenn unser fiktiver Hörer (in Wirklichkeit gibt es unzählige davon) heute dasselbe Stück hören würde, aufregend und berührend gespielt, vielleicht von Les Musiciens du Louvre oder von Le Concert d’Astrée – was würde er sagen? Vielleicht würde er erkennen, dass die Totgeglaubten ja leben – vor allem ihre Partituren! Vielleicht würde er sich an ein lange zurückliegendes, uninspiriertes Gefiedel erinnern und erstaunt feststellen: “Händel? Nie gehört.”

16. Oktober 2015

Dieses Unterscheiden zwischen einem Meisterwerk und einem nur interessanten Werk ist ein mitteleuropäisches Phänomen. Natürlich gibt es Meisterwerke, ohne Frage. Aber dieses Ranking, was ist die beste Bruckner-Sinfonie, das beste Bartók-Ballett… Viele Leute denken, das wichtigste Repertoire sei das, was Karajan dirigierte. Und was er nicht dirigiert hat, sei nicht wichtig. Sagen wir so: Das ist nicht der einzige Weg, die Dinge zu sehen.
Sir Simon Rattle

Ich bin weiß Gott nicht immer begeistert von Sir Simon, egal ob er dirigiert oder ein Interview gibt – aber hier hat er recht! Schönes Wochenende!

13. Oktober 2015

Wie alt müssen wir werden, um Mozart zu lieben? Wie viele Jahre müssen ins Land gehen, wie viele Erlebnisse und Erinnerungen müssen wir verarbeitet haben, um das “Andante cantabile” der Jupitersinfonie, das “Qui tollis” der c-Moll Messe oder den Schluss des “Don Giovanni” annähernd verstehen zu können? Lieben, Bewundern, Wissen, Begreifen. Worüber reden wir? Liebt man mehr, wenn man versteht? Was lieben so viele Menschen an Mozarts Musik? Einen vermeintlich “galanten”, “leichten”, “verspielten”, “gefälligen” Tonfall? Sozusagen als “impression in residence”, gerne hartnäckig und möglichst untherapierbar? Sehen wir, was wir sehen wollen? Hören wir, was wir hören wollen? “Ich mach’ mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.” Wirklich?? Dann sollte Mozart nicht dazugehören. Denn er zwingt uns, wie Nikolaus Harnoncourt sagt, “in seelische Abgründe zu schauen, und im nächsten Moment in den Himmel.” Das ist für manche einfach zuviel. Zuviel des Guten, ironischerweise.

Mozart Lange

11. Oktober 2015

Filmtipp: Sicario, ein US-amerikanischer Krimi über den Drogenhandel an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Das zweistündige Drama – Regie von Denis Villeneuve nach einem Drehbuch von Taylor Sheridan, Musik von Jóhann Jóhannsson – hatte bei den diesjährigen Film Festivals in Cannes und Toronto Premiere. In den Hauptrollen sind Emily Blunt, Benicio del Toro, Josh Brolin und Victor Garber zu sehen. Soweit die nüchterne Beschreibung. Anders ausgedrückt ist Sicario ein dicht inszenierter, knallharter und dunkel-brutaler Drogenthriller, der mit Bildern eines erbarmungslosen Höllentrips aufwartet. Warnung vor seelischer Ruhestörung! Die Eindrücke wirken lange nach, bis weit in die Nacht und länger! Nichts für zart Besaitete!

Sicario

8. Oktober 2015

Ich sitze im Café und blättere im Stern Nr. 40 vom 24.09.2015. Unter “Top Ten” finde ich auf Platz 10 das neue Puccini-Album (CD und DVD) von Jonas Kaufmann. Über “Nessun dorma” lese ich: […] Kaufmann singt unerschrocken auf den Höhepunkt der Arie zu – auf jenes überlange, hohe zweigestrichene H, das einen umbringen kann. Kaufmanns Ton steht wie eine Eins. Er verstummt. Das Orchester spielt noch ungefähr 15 Sekunden weiter. Und in Kaufmanns Gesicht bebt und zuckt es. Er scheint fast zu explodieren vor Kraft. Das Stück endet. Tobender Applaus. Kaufmann lacht. Wie ein Mann. – “Niveaulimbo” würde mein Sohn zu dieser jounalistischen Leistung sagen und läge richtig.

6. Oktober 2015

Lisa Batiashvili hat gerade das Violinkonzert von Brahms mit der Staatskapelle Dresden eingespielt. Sie habe sich schon früh sehr in diese Musik verliebt, sagt sie. “Es ist für mich eine leidenschaftliche Musik. Als Kind braucht man zugegeben etwas Zeit, um sich daran zu gewöhnen. Doch wenn man das einmal getan hat, dann kommt man nicht mehr davon los. Brahms’ Musik ist so menschlich.” Auf den Hinweis, Pablo de Sarasate habe das Werk abgelehnt mit der Begründung, die einzige Melodie des Konzerts dürfe die Oboe spielen, antwortet Lisa Batiashvili lachend: “Was soll ich dazu sagen? Mein Mann ist Oboist!”

Batiashvili Brahms

5. Oktober 2015

Letzte Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum. Angeführt vom FDP-Politiker Wolfgang Kubicki und zusammen mit ein paar mir unbekannten Helfern habe ich eine Bank ausgeraubt. So etwas hätte ich weder Kubicki noch mir selber zugetraut. Ich kann mich an eine eigene Maskierung nicht erinnern, doch Kubicki hat eine petrolfarbene Wollmütze mit Sehschlitzen über den Kopf gezogen, das weiß ich noch. Wir stehen hinter einem Kleintransporter, er reckt seinen tätowierten Unterarm in die Luft und gibt wortlos Anweisungen. Alles sehr entspannt. Im Gebäude sehe ich den Filialleiter. Mit hochgekrempelten Hemdsärmeln sitzt er auf einem Hocker, stimmt seine Gitarre und lässt uns gewähren. Dann werde ich wach. Wieso Kubicki? Wieso eine Bank überfallen? Wer ist der Filialleiter? Und warum spielt er ausgerechnet Gitarre? Da hätte es doch weiß Gott andere Optionen gegeben… Haarscharf am Albtraum vorbei, mit Wohlwollen. Beim nächsten Mal brechen wir in die Oper ein, am besten mit Harnoncourt, Hampson und Schäfer. Wir kidnappen Mozart, hauen mit ihm ab und kommen nicht zurück. Natürlich hinterlassen wir Spuren, wie immer. Schließlich wollen wir gesucht und gefunden werden.

3. Oktober 2015

Trotz meines hohen Alters schmeckt mir die französische Küche immer noch, esse ich immer noch Poulet mit Champignons, Beefsteak mit Kartoffeln, Rebhuhn mit Kohl und verwechsle weder Küche mit Apotheke, noch Land mit Sanatorium, Arbeit mit Produktion, Laster mit Liebe.
Maurice de Vlaminck

Vlaminck Carriéres-sur-Seine

30. September 2015

Ich bedaure jene, die das Elend nicht kannten, und ich bedaure auch jene, die sich nicht aus eigenen Mitteln daraus erheben konnten. Das Elend hinterläßt tiefe Spuren. Die Tränen des Liebeskummers vergißt man nicht; sie bewahren ihre Bitterkeit, an deren Geschmack sich der Mund erinnert. Wenn man gute Zähne hat und hungrig ist, schmeckt hartes Brot ausgezeichnet. Wer eine schöne Stimme hat, wird dem Elend zum Trotz singen.
Maurice de Vlaminck (1876 – 1958)

Vlaminck

29. September 2015

Wir wollen nicht verzagen / in unsrer trüben Zeit,
die Kerze weitertragen / in schwarze Ewigkeit
und nimmermehr vergessen / des, der die Flamme speist
mit Kräften unermessen: ich weiß nicht, wie er heißt.
Gerhart Hauptmann (1862 – 1946)

27. September 2015

Heute hat Freddy Quinn Geburtstag – herzlichen Glückwunsch! 84 Jahre ist der Sänger und Schauspieler nun alt und kann auf ein sehr bewegtes, ereignisreiches Leben zurückblicken. Als Sohn eines irischen Kaufmanns und einer österreichischen Journalistin wurde er 1931 geboren, wahrscheinlich in Österreich (Wien oder Niederfladnitz), vielleicht aber auch in Istrien (Pula) – sein Geburtsort steht nicht zweifelsfrei fest. Freddy Quinn wuchs in den USA, in Belgien, in Ungarn und in Österreich auf. Schon als Minderjähriger reiste er per Autostopp durch Südeuropa und Nordafrika. Er arbeitete für Zirkusunternehmen, spielte in Bars vor Fremdenlegionären Gitarre und sang Lieder über Sehnsucht und Heimweh, bevor in den 50er Jahren in Deutschland seine außergewöhnliche Karriere begann. Mit Titeln wie Heimweh, Die Gitarre und das Meer, La Paloma und Junge, komm bald wieder wurde Freddy Quinn zum ersten bundesdeutschen Schallplattenmillionär.

Obwohl ihm später größere Hits nicht mehr glückten, blieb er mit zahlreichen Tourneen, Gastspielen, Film- und Fernsehauftritten einem größeren, mit ihm älter gewordenen Publikum stets präsent. So trat er in den Musikshows Musik aus Studio B und Zum Blauen Bock auf, spielte in der Heinz-Erhardt-Hommage Noch ’ne Oper (1979) mit und übernahm kleinere Fernsehrollen, z. B.  in Großstadtrevier. Von 2009 an zog er sich zunehmend aus dem Rampenlicht zurück, trat nicht mehr auf und verzichtete auf Interviews. Freddy Quinn lebt in Hamburg.

German singer and entertainer Quinn is pictured before the start of his trial in the northern ...

25. September 2015

Even if I don’t believe it’s true, I’ll send my heart on you.
Titelsong aus “Woran dein Herz hängt” (D 2009, Musik von Michael Klaukien und Andreas Lonardoni)

Liebeskummer.Ortsausgang

24. September 2015

I don’t know. How much does Toscanini have?
Benny Goodman (1909 – 1986) vor einem Konzert in der Carnegie Hall 1938 auf die Frage, wie lang die Pause dauern soll

Benny Goodman

23. September 2015

Nach allem, was wir wissen, hat Sergei Rachmaninow große Probleme damit gehabt, seine eigenen Werke auf “romantische” Weise zu spielen. Er war nicht nur Komponist, sondern – wie viele seiner Kollegen im 19. Jahrhundert – auch Virtuose. Die uns erhalten gebliebenen Tondokumente mit Interpretationen eigener Klaviermusik weisen einen merkwürdig sachlichen, nüchternen Tonfall auf. Die Tempi sind häufig absurd schnell, über weite Strecken klingt die Musik oberflächlich und gehetzt. Warum? Der mit Rachmaninoff befreundete Dirigent Eugene Ormandy erzählte einmal in einem Interview 1961: “He hated his own music and was usually unhappy about it when he performed or conducted it in public.” – Rachmaninows Musik sei “gefühlvolle Jauche”, hat Richard Strauss gesagt. Wenig schmeichelhaft! Empfand Rachmaninow das vielleicht ganz ähnlich? Und hat er deswegen auf dem Podium “dagegengesteuert”? Beim Hören des 2. Klavierkonzertes c-Moll op. 18 (1901) – es ist sein populärstes Stück – scheinen uns solche Gedanken ganz abwegig zu sein. Trotzdem ist Rachmaninows idiosynkratischer Umgang mit seinen eigenen Werken nicht zu leugnen. Die letzten Gründe dafür werden wir wohl nie erfahren.

Rachmaninov

20. September 2015

Könnte ich auf die berüchtigte einsame Insel nur ein einziges Klavierkonzert mitnehmen, würde ich ohne zu überlegen das von Schumann wählen. Ich weiß, dass Mozart, Chopin, Brahms und Tschaikowsky grandiose Solokonzerte geschrieben haben, ich weiß es wirklich, beruhigt euch! Trotzdem ist das Schumann-Konzert sozusagen “dasjenige welche”, und zwar wegen der “Bauchstelle” im dritten Satz. Die Stelle – eine Sequenz mit Vorhaltsbildungen, erst in Dur, dann in Moll, nach Dreiklangsbrechungen im Klavier – kommt zweimal vor, jeweils doppelt, also viermal insgesamt. Regelmäßig, wie auf Bestellung und verblüffend zuverlässig reagiert mein Bauch bei dieser Stelle. So, als würde der sehnlichst erwartete Anruf kommen oder als stünde die Angebetete plötzlich vor der Tür. Das Verrückte ist, dass es immer funktioniert, wirklich immer. Unter einer Voraussetzung: Es muss die Aufnahme mit Géza Anda und den Berliner Philharmonikern unter Rafael Kubelík sein (1964). Sonst klappt es nicht. Bei niemandem. Nicht bei Perahia, nicht bei Zimerman, nicht bei Brendel, nicht bei Argerich. Es klappt nur mit Géza Anda. Das ist einfach unverwechselbar und unvergleichlich! Bei den anderen ist es so, als würde man mit einer klugen, attraktiven und charmanten Frau zum Essen ausgehen und hinterher sagen, dass es ein schöner Abend war. Bei Géza Anda – um im Bild zu bleiben – haben die Götter den Tisch gedeckt, das Menu ist überwältigend. Und die Herzdame verspricht Genüsse jenseits der Kulinarik.

16. September 2015

Vor ein paar Tagen ist Arvo Pärt 80 Jahre alt geworden. In zahlreichen Musikzeitschriften, auf Kulturseiten und in Feuilletons waren zu diesem Anlass erfreulich verständige Artikel über den estnischen Komponisten zu lesen. Viele Beiträge beschäftigten sich mit dem, was die Gesellschaft zur Verleihung des Internationalen Brückepreises in zwei Sätzen auf den Punkt gebracht hat: “Sein Schaffen genießt so große Akzeptanz wie bei keinem anderen Komponisten der zeitgenössischen Musik. Sein Werk macht das menschliche Grundbedürfnis nach einer Verbindung von Ästhetik, Ethik und Spiritualität, die in unserer überwiegend säkularisierten Gesellschaft so oft der Politik und der Ökonomie untergeordnet werden, deutlich und erlebbar.”

Ästhetik, Ethik und Spiritualität – das sind die Schlüssel zum Verständnis erstens von Pärts Musik, zweitens der Wertschätzung, die seinem Œuvre entgegengebracht wird. Noch kürzlich war eine Kursteilnehmerin tief beeindruckt vom Cantus in memoriam Benjamin Britten, einem Werk für Glocke und Streichorchester (1977/1980). Sie erkundigte sich per E-Mail genauestens über den Komponisten und den Titel des Werkes, da sie die CD unbedingt kaufen und wieder hören wollte. Viele Menschen erleben Pärts Musik als Ausdruck einer archaischen, tief sitzenden Sehnsucht nach Trost und Sanftmut, nach Verständnis und Liebe. Die Musik hat zuweilen etwas Therapeutisches und kann mit ihrer meditativen Ruhe und Stille, auch durch Schmerz und Trauer, Begleiterin sein in Phasen oder auf einzelnen Wegen unseres Lebens. Dabei geht es nicht um Stilmittel, Techniken oder Strukturen, sondern um Erfahrung und Erkenntnis, also um uns selbst.

Pärt

14. September 2015

Gut zwanzig Jahre ist es her, dass die Schauspielerin Sunnyi Melles in einer Talkshow der ARD zum Thema Verliebtsein sagte: “Man wird so furchtbar unehrgeizig.” Amüsiert war sie, leise, verletzlich, schalkhaft, verliebt eben. Das ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Und wie wahr ist dieser Satz! “Man wird so furchtbar unehrgeizig.” Kein Grund, sich Sorgen zu machen, im Gegenteil. Erst wenn Ambitionen und Ideen sich zurückmelden, wenn neue Pläne und ihre Ausführungen Gestalt annehmen – dann wird es ernst. Geschweige denn, wenn wir wieder geregelt essen, trinken und nachts durchschlafen, mit den bekannten Träumen. Wenn wir wieder das “heute-journal” gucken, Heizölpreise vergleichen, samstags Rasen mähen und im Internet den nächsten Urlaub buchen, nach eingehendem holidaycheck selbstverständlich. Dann sollten wir vielleicht anfangen darüber nachzudenken, ob etwas nicht stimmt.

Klatschmohn

13. September 2015

Gewiss, der Freischütz ist ein unvergleichliches Kunstwerk, aber er ist keine Große Oper. Auf einer geräumigen Bühne, im riesigen Zuschauersaal verliert das Werk, einem Genrebild vergleichbar, das in einer Kunstausstellung zu hoch aufgehängt wurde. Und doch ist es auch keine Opéra comique, obwohl in der Originalgestalt die Musikstücke von gesprochenen Szenen unterbrochen wurden. Der Freischütz ist die Große Oper für eine Kleinstadt – in seiner von Grund auf germanischen Mentalität hat er sich in jedem anderen Land nur schwer akklimatisieren können.
Camille Saint-Saëns (1835 – 1921)

Das Zitat ist einem Aufsatz entnommen, den Saint-Saëns für L’Estafette am 10. Juli 1876 schrieb. An anderer Stelle lässt er einen anonymen Operndirektor auf ironische Art sagen, dem Freischütz mangele es an Klarheit und Spannung, obendrein fehle es an schönen Stoffen, an Samt und Seide, vor allem aber sei die Szene in der Wolfsschlucht kein bisschen lustig, man müsse daher ein Ballett einfügen. Es gebe da bloß Windesrauschen, Donnergrollen und das Knirschen der vom Sturm gerüttelten Tannen… Kein bisschen lustig. “Germanisch-depressiv” hat das eine Kabarettistin kürzlich genannt. Vielleicht ist da ja was dran, so insgesamt. Aber am Freischütz wollen wir es nicht ernsthaft festmachen, oder?

10. September 2015

Vögelurlaub

Na, das ist doch mal was! Schnell anmelden, in einem Monat geht’s los!
Hier noch ein paar Musiktipps für den perfekten Urlaub:

Jean-Philippe Rameau, Le rappel des oiseaux
Robert Schumann, Vogel als Prophet
Ottorino Respighi, Gli uccelli
Igor Strawinsky, Le chant du rossignol
Charlie Parker, Bird of Paradise
Ludwig Hirsch, Komm großer schwarzer Vogel
Hans Hartz, Die weißen Tauben sind müde

9. September 2015

Mehr als drei Jahrzehnte lang währte das Interviewprojekt des ungarischen Musikredakteurs und -publizisten Bálint András Varga: Er stellte bedeutenden Komponisten jeweils dieselben drei Fragen. Das Ergebnis liegt jetzt in deutscher Ausgabe auf 320 Seiten vor – Drei Fragen an 73 Komponisten, conbrio-Verlag, Hardcover, € 29,90. “Eine unerlässliche Lektüre für alle, denen die Musik unserer Zeit am Herzen liegt”, so Sir Simon Rattle. Also rasch auf den Wunschzettel damit, Weihnachten kommt manchmal schneller als einem lieb ist!

7. September 2015

Der Kunstlehrer zeigt ein Bild und fragt die Schüler: “Was wird hier dargestellt, ein Sonnenaufgang oder ein Sonnenuntergang?” Darauf Marie: “Ein Sonnenuntergang. Kein Künstler steht so früh auf.”

Warum heißt es wohl “Götterdämmerung”, könnten wir uns fragen… War Wagner etwa Langschläfer? Auch das noch? Nach allem, was wir schon wissen, würde uns das allerdings nicht mehr schrecken. Laut Nietzsche war Wagner “das unhöflichste Genie der Welt”, und – da wir Urteile von Philosophen in besonderer Weise schätzen, nicht wahr, Günter? – Peter Sloterdijk meinte kürzlich, “Wagner gebührt ein Vorzugsplatz unter denen, die man nicht persönlich gekannt haben möchte.”

Bei der Gelegenheit, bitte unbedingt lesen: Peter Sloterdijk, “Bayreuther Assoziationen, ZEIT online vom 25. August 2015 – ein herrlicher Text, süffig, sprachverliebt, souverän. Interessiert sich jemand für Inhalte?

6. September 2015

Checkpoint Bravo war ein von den Amerikanern genutzter alliierter Kontrollpunkt am ehemaligen Grenzübergang Dreilinden-Drewitz. Seit dem 15. Oktober 1969 befand er sich auf der neu gebauten Verlängerung der AVUS (A115) entlang der Transitstrecke zwischen der Bundesrepublik und West-Berlin. Die heute unter Denkmalschutz stehenden Abfertigungsgebäude, das Brückenhaus (Zollstelle), die Tankstellen und die Raststätte wurden zwischen 1968 und 1972 errichtet.

Die knallrote Pop-Art Raststätte ist wohl das markanteste Gebäude am Grenzübergang, entworfen von Architekt Rainer G. Rümmler, der auch viele der Berliner U-Bahnhöfe zur damaligen Zeit baute. Modern, ambitioniert und mit einem Anflug von Verwegenheit konzipiert, hatte sie dennoch an diesem Standort keine Chance und wurde kaum genutzt. Wer in die Bundesrepublik wollte, hatte meist gerade erst gefrühstückt, wer von dort kam und die Durchfahrt durchs DDR-Niemandsland geschafft hatte, wollte einfach nur schnell nach Hause. Nur neun Monate nach der Eröffnung wurde die Raststätte wegen Publikumsmangel wieder geschlossen.

raststaette_dreilinden

4. September 2015

Wie wird heute Musik gehört? Verändern die digitalen Medien das Musikhören grundlegend? Kann man das Musikhören erlernen? Welche neuen Trends des Musikhörens gibt es im Konzertbetrieb? Wie nachhaltig sind diese? Welche Impulse ergeben sich daraus wiederum für den Musikunterricht und die Musikvermittlung? Wie funktioniert barrierefreies Musikhören?

Im Nikolaisaal Potsdam sind am 13. und 14. November 2015 Musikliebhaber und Fachpublikum eingeladen, gemeinsam mit Wissenschaftlern, Konzertveranstaltern und Musikvermittlern diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Ein Wochenende zur Zukunft des Musikhörens – ich bin dabei!

Musikhören

2. September 2015

Ein Papierschiff segelt erst schnell davon, dann sinkt es. Man weiß schon vorher, dass so ein Schiffchen sinken wird, aber man faltet es trotzdem, steckt einen Zweig als Mast hindurch, befestigt ein Segel aus Papier daran und setzt es vorsichtig aufs Wasser. “Schau mal, wie schön es segelt”, sagt man zu seinem Kind, während man schon weiß, dass das Kind gleich weinen wird, wenn das Schiffchen untergeht. Man weiß Dinge, die man lieber nicht ausspricht. Auch sich selbst gegenüber nicht. Und wenn das Papierschiff gesunken ist, faltet man ein neues.
aus: Toine Heijmans, Irrfahrt

1. September 2015

Der Fußballspieler Kevin De Bruyne wechselt für 80 Millionen Euro vom VfL Wolfsburg zu Manchester City. Für etwa diese Summe, so schreibt der Journalist Armin Lehmann auf WDR 2 Klartext, wurde vor einigen Jahren der Borussia-Park in Mönchengladbach gebaut. Edmund Stoiber, ehemaliger bayerischer Ministerpräsident und Mitglied des Aufsichtsrates beim FC Bayern München, schätzt die gesamte Größenordnung des Deals inklusive Gehalt und Prämien gar auf 150 Millionen Euro und ergänzt: “Das ist die halbe Allianz-Arena.”

Armin Lehmann nennt das “Irrsinn” und findet, “der Fußball ist mittlerweile in finanzielle Dimensionen vorgestoßen, die ihn auf Sicht zerstören werden. […] Wenn ein Spieler schon teurer ist als das Stadion, in dem er spielt, dann läuft etwas gewaltig schief in den Arenen dieser Welt.” Es ist zu befürchten, dass wir erst am Anfang einer verheerenden Entwicklung stehen, und es ist nicht abzusehen, welche Deformationen diese der “schönsten Nebensache der Welt” zufügen wird.

Nun wird ein talentierter oder technisch versierter Kicker zuweilen auch “Ballkünstler” oder “Fußball-Rastelli” genannt. Ist das vor dem Hintergrund der beschriebenen Auswüchse wirklich angemessen? Mit dem aufzubringenden Geld, das im Konzertbetrieb für die Verpflichtung beispielsweise einer Hilary Hahn oder eines Jonas Kaufmann nötig ist, kann man jedenfalls keine Philharmonie bauen, auch kein Opernhaus! Herr De Bruyne ist Fußballer, kein Künstler. Wäre er es, müsste er im Übrigen wohl mit weniger als den geschätzten 20 Millionen pro anno auskommen (Fragen zur Versicherungspflicht beantwortet die Künstlersozialkasse). Doch mit Kunst haben De Bruyne und ähnlich hofierte Vereinswechsler wenig zu tun. Und eines Enrico Rastelli würdig ist dabei höchstens die Begabung ihrer Zahlenjongleure, vulgo Finanzberater.

31. August 2015

Letzte Woche war ich in Leipzig. Es war mein erster Besuch in dieser Stadt, die bekanntlich seit geraumer Zeit einen immensen Zulauf erfährt und mittlerweile zur am schnellsten wachsenden Großstadt Deutschlands avanciert ist. Es gibt genügend gute Gründe, Leipzig zu besuchen, doch unsereins fährt in erster Linie der Kultur und Geschichte wegen dorthin. Und so schreibt sich das Besuchsprogramm beinahe von ganz allein: Thomaskirche, Bach-Museum, Nikolaikirche, Gewandhaus, Oper, Zeitgeschichtliches Forum, Altes und Neues Rathaus, Naschmarkt, Völkerschlachtdenkmal, Auerbachs Keller – die Liste der Sehenswürdigkeiten ließe sich verlängern. Mit am beeindruckensten war der Besuch des Mendelssohn-Hauses in der Goldschmidtstraße. Das Haus bietet die Möglichkeit, die letzte und einzige erhaltene Privatwohnung des Komponisten zu besichtigen. Still und mit nobler Zurückhaltung kommen mir diese großzügigen Räumlichkeiten entgegen. Ich bewundere originales Mobiliar, Noten, Briefe, Aquarelle. Geradezu ehrfürchtig gehe ich ins Arbeitszimmer, wo der “Elias” entstand, in die Küche, den Schlafraum, den Salon. Wer möchte, darf computeranimiert ein virtuelles Orchester dirigieren, ganz “richtig” mit Partitur und Taktstock. Schließlich, wie zufällig, finde ich an der Wand einen Ausspruch von Johannes Brahms: “Ich wollte meine sämtlichen Werke dafür hingeben, wenn mir ein Werk wie die Hebriden-Ouvertüre gelungen wäre.” Ausgerechnet er sagt so etwas! Ich verlasse das Haus bereichert, beglückt.

Mendessohn_Bartholdy

Pause bis zum 31. August 2015

Eiskonfekt

16. August 2015

Gestern Abend, Kinopolis Gießen. Zusammen mit etwa 400 Besuchern (!) habe ich mir “Mission Impossible – Rogue Nation” mit Tom Cruise, Rebecca Ferguson, Sean Harris, Alec Baldwin u. a. angesehen. Der Film ist ein temporeicher und im besten Sinn unterhaltsamer Actionthriller und der mittlerweile fünfte Teil der äußerst erfolgreichen MI-Reihe. Eine über zweistündige Spionagestory mit zahreichen Täuschungen und doppelten Böden, Verfolgungsjagden, atemberaubenden Stunts und perfekt gesetzten Spannungshöhepunkten. Vor allem aber mit einer ordentlichen Portion Selbstironie, die in einer Sequenz aus der Wiener Staatsoper ihren Höhepunkt findet. “Turandot” wird gegeben, und wir sehen ein hingerissenes Publikum, das vom erbitterten Kampf, der gleichzeitig (und zeitgleich!) zwischen den Agenten hinter den Kulissen tobt, nichts weiß. Wir sehen beides, Agentenplot und Opernhandlung, und denken sofort an “James Bond – Ein Quantum Trost”, mit den genial verwobenen “Gut gegen Böse”-Szenen von Film und Oper, damals mit “Tosca” von der Seebühne in Bregenz. Nun also wieder Puccini, wieder mit ausgeklügelten Bühnenmaschinerien, wieder mit Agenten in aussichtsloser Lage, aber beneidenswerter körperlicher Verfassung. Diesmal müssen die Bösen allerdings den Moment für den tödlichen Schuss in der Partitur finden – ja, können denn Killer Noten lesen?! Herrlich! Und schließlich “Nessun dorma”, der Schlager schlechthin. Wir hören in der beschriebenen Szene das Original, dann in mehreren Sequenzen bearbeitete, verfremdete, aber gut erkennbare Zitate. Besonders wirkungsvoll ist dieser Kunstgriff am Schluss, wenn Cruise und Ferguson sich trennen, und sie sagt: “Du weißt, wo du mich findest.” Das sagt Turandot in der Oper zwar nicht, doch dafür singt sie von “amore”, das reicht.

MissionImpossible5_Plakat

14. August 2015

Heute wird Wim Wenders 70 Jahre alt – von hier aus die herzlichsten Glückwünsche! Zum Frühstück habe ich auf hr-info (das Informationsradio des Hessischen Rundfunks, wirbt mit “wer es hört, hat mehr zu sagen”) ein Interview mit dem Schauspieler Rüdiger Vogler gehört, dessen Kinokarriere über zwei Jahrzehnte lang mit dem Namen von Wim Wenders eng verbunden war. Vogler erzählte zunächst über Wenders’ Ausnahmeblick für Motive und Bilder (“er ist auch ein hervorragender Fotograf”), danach über den mittlerweile historischen Wert einzelner Filme (vor allem Paris, Texas  und Der Himmel über Berlin), schließlich über Wenders’ Anliegen, stets das Innere seiner Protagonisten aufzuzeigen und die Beweggründe ihres Handelns verständlich zu machen. “Bei Wenders geht es darum: Wie sollen wir leben? Wie können wir leben, überhaupt?” Was für ein schöner Start in den Tag!

Wenders

13. August 2015

sale

Ausverkauf. “Sale” heißt das heute, wenn Schnäppchen auf uns warten, wenn wir “richtig” sparen können. Wenn das mal keine Kunst ist, das “richtig” sparen! Warum? Weil wir doch sonst, wenn gerade nicht “Sale” angesagt ist, in allem so verschwenderisch sind? Was ist uns lieb und teuer, unbedingt und vorbehaltlos? Und zahlen wir noch in harter Währung, also in Liebe, Leidenschaft, Hingabe und Verantwortung? Was ist daraus geworden? Richtig, ein “Sparprogramm”! Sale! Wir sparen fast jeden Tag an uns, an unseren Gefühlen, an unseren Wünschen und Sehnsüchten. Wir sind “mit weniger” zufrieden, und es fehlt nicht viel bis “ohne”. Widersetzen wir uns dem! Wir müssen nicht sparen, sondern uns “verausgaben”. Und nicht mit bis zu 50% weniger, sondern mit bis zu 100% mehr – das wär’s!

11. August 2015

Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.
Seneca (4 v. Chr. – 65)

Seneca

Seneca, Marmor-Büste. Anonym, 17. Jahrhundert.
Museo del Prado, Madrid.

9. August 2015

Ich habe alte Dinge mit neuem Blick betrachtet, mehr nicht.
Claude Debussy

Kleine Brötchen backen, wenn du mal große gebacken hast, ist nicht so leicht.
Michael Kessler als Stefan Effenberg in “Kessler ist…” (ZDFneo)

Wer ständig glücklich sein möchte, muss sich oft verändern.
Konfuzius

Wenn auch alle drei Sätze aus unterschiedlichen Zeiten und Kulturen stammen, gesprochen oder geschrieben vor dem Hintergrund ganz individueller Erfahrungen und Empfindungen, so haben sie doch etwas gemeinsam. Sie handeln von schwierigen Aufgaben, deren Anspruch und Schwere, von Mut und Bereitschaft, sich den Herausforderungen bestimmter Lebenssituationen zu stellen. Wann ist es Zeit für einen neuen Blick auf vermeintlich Bekanntes, Vertrautes? Wann wird uns abverlangt innezuhalten, eine Pause zu machen, ja einen Schritt zurück zu gehen? Was, wenn wir erkennen, dass wir dem Glück nachjagen, uns aber dabei die Puste ausgeht und wir nur immer erschöpfter werden? Was, wenn uns Hören und Sehen buchstäblich vergangen ist? Und wenn bisherige Erfahrungen und Rezepte nicht weiterhelfen? Dann ist die Zeit für Veränderung gekommen, für Ruhe und Langsamkeit, für Stille, für Besinnung und Reife. Nehmen und geben wir uns diese Zeit!

8. August 2015

Gestern habe ich Freiluftschach gespielt, mit großem Vergnügen, in der Wetzlarer Fußgängerzone. Nach gutem Beginn habe ich irgendwann den Faden verloren und musste aufgeben. Danach erfuhr ich von meinem Gegner, dass er Experte in klassischer Feldtheorie der Physik ist und sich mit Skalarpotentialen, Divergenzoperatoren etc. beschäftigt. Du meine Güte! Mir hätten gestern etwas bessere Kenntnisse in schachspezifischer Spielfeldtheorie schon weitergeholfen. Doch am Ende sah ich mich ganz unerwartet einer Dame gegenüber (was mich außerhalb des Schachfelds eher selten erschreckt) und gab die Partie in aussichtsloser Stellung verloren. “Schach ist das schnellste Spiel der Welt, weil man in jeder Sekunde Tausende von Gedanken ordnen muss”, hat Albert Einstein gesagt. Der kannte sich bestimmt auch in Feldtheorie aus.

Freiluftschach

5. August 2015

“In Kooperation mit Mozart” heißt das Gesprächskonzert, das für den 18. Februar 2016 mit der Deutsch-Österreichischen Gesellschaft Wetzlar verabredet ist. Ich werde versuchen, diesen vielleicht größten Komponisten der Musikgeschichte mit Texten, Bildern und Klangbeispielen zu porträtieren. Ihn, über den Nikolaus Harnoncourt sagt, dass wir nicht mit ihm fertig werden. Er selber, Harnoncourt, versucht es seit über acht Jahrzehnten. Ich habe zwei Stunden, und ich freue mich sehr darauf!

4. August 2015

“Wenn die Männer klüger wären, würden sie nicht versuchen, die Frauen zu dominieren.” So steht es geschrieben, nachzulesen in der Sammlung Tausendundeine Nacht. Sheherazade erzählt darin u. a. das Märchen der Prinzessin Turandot, die nur den Mann heiratet, der ihr intellektuell ebenbürtig ist und sich imstande zeigt, unter Einsatz seines Lebens ihre schwierigen Rätsel zu lösen. Eine anspruchsvolle, fordernde, selbstbewusste Frau. Allerdings – das wollen wir bei aller Grausamkeit ihrer Spielregeln doch konzedieren – lässt sie den Vorteil, seinen Namen zu kennen, ungenutzt. Immerhin hätte sie dieses Wissen von der Verpflichtung zur Eheschließung entbunden, sie hätte den Namen nur aussprechen müssen…. Ein kluger Prinz, dieser Kalaf – er gibt der Angebeteten alle Trümpfe in die Hand, und wir werden Zeugen des Erfolgs dieser Strategie. Hat sie das erkannt, von Anfang an? Gehört das zum Spiel dazu, hat sie deswegen kapituliert? Geht das Spiel weiter? Oder hat hier schlicht die Liebe gesiegt, nicht mehr und nicht weniger? Das wäre schön. Geradezu wie im Märchen.

Turandot

2. August 2015

Die Ehe, so stellte Gottfried Benn fest, sei “eine Institution zur Lähmung des Geschlechtstriebs”. Nach langen gemeinsamen Jahren erstirbt offenbar die Lust auf das bis zum letzten Leberfleck erkundete Terrain des anderen Körpers. Dieses Phänomen trägt den Namen “Coolidge-Effekt”. Er beruht auf einer hübschen Anekdote. Calvin Coolidge, in den zwanziger Jahren Präsident der Vereinigten Staaten, besuchte mit seiner Frau eine Farm. Grace Coolidge sah einen Hahn beim Besteigen einer Henne, und man erklärte ihr, dass das Tier sich den Spaß bis zu zwölfmal am Tag gönne. “Sagen Sie das meinem Mann”, bat Frau Coolidge. Die Botschaft wurde ausgerichtet, prompt erkundigte sich der Präsident, ob der Hahn immer dieselbe Henne besteige. Nein, lautete die Antwort. Coolidge: “Sagen Sie das meiner Frau.”

18 Uhr, 29°. Wir essen einen Salat mit gebratenen Hähnchenfiletstreifen (!), Weizenreis, Gurken, Tomaten, Staudensellerie, Lauchzwiebeln, Feta, Ingwer und Knoblauch. Dazu trinken wir gekühlten Weißwein und hören Händel, “Ode for St. Cecilia’s Day”.

1. August 2015

Mozartkugeln selbst gemacht

200 g Nougat (Nuss-Nougat-Masse)
200 g Marzipan-Rohmasse
2 EL Kirschwasser
10 g Pistazien, fein gehackt
125 g Puderzucker, gesiebt
100 g Kuvertüre

Zubereitung:
Die kalte Nuss-Nougat-Masse in Würfel (ca. 1 x 1 x 1 cm) schneiden, zu Kugeln formen, kalt stellen. Marzipan-Rohmasse geschmeidig rühren, Kirschwasser und feingehackte Pistazien hinzufügen. Puderzucker unterkneten. Marzipanmasse zu einer etwa 2 cm dicken Rolle formen. In so viele Stücke schneiden, wie Kugeln vorhanden sind. Die Marzipanstücke auf einer mit Puderzucker bestäubten Tischplatte flach auseinander drücken. Die Nougatkugeln darauf legen. Die Marzipanmasse zusammenschlagen, an den Rändern gut andrücken, zu Kugeln formen. In Kuvertüre tauchen.

Die Kugeln schmecken super, mindestens so gut wie die gekauften. Gehen natürlich direkt auf die Hüften, aber was soll’s. Mozart, Musik, süß – das liegt allerdings schwer im Magen. So wie Wagner-Weia-Waga-Wellen (Stockfisch mit Kapern, Knoblauch und Crème fraîche). Wagalaweia! Auweia! Sapperlot und Donnerknispel! Da hilft nur ein Bahrscher Bitter. Oder zwei.

31. Juli 2015

Verliebte sind Liebende im Neugeborenenzustand, so hilflos in der Liebe, wie das kleine Kind, das lebt, ohne das Geringste vom Leben zu wissen. Alles Alltägliche ist ihnen neu. Jede Kleinigkeit kann zum Symbol werden. Nichts steht im Weg. Die ganze Welt scheint zugeschnitten auf die Schwebe der Verliebten: auf ihre Schwebe des Glücks mit dem Anderen, den sie kaum mehr als Anderen erleben, eher als Verlängerung ihrer selbst. Sie schwärmen von der Liebe, aber lieben nicht. Verliebte und Liebende trennen Welten, aber wer weiß das schon immer? […] Dem hellen Schwärmen folgen die ewigen Sekunden der Lust, Tage, die zu Nächten werden, Nächte, die zu Tagen werden, während hinter dem Rücken schon langsam ein Alltag der Liebe einsetzt. Für die wenigsten bleibt es dabei, auf die meisten kommen noch zwei Akte zu: Trennung und Einsamkeit.
Bodo Kirchhoff im Vorwort zum Lesebuch “Niemandstage der Verliebtheit”

Nicht-Musiker finden während der letzten “zwei Akte” Trost bei Bach, Mozart oder Debussy, jedenfalls wird es so erzählt. Ich selber habe das Hören dieser Musik in entsprechenden Situationen oder Phasen nie als hilfreich empfunden. Wenn “Herz und Mund und Tat und Leben” zur Ruhe kommen sollen, sich sammeln müssen, um neue Kraft und Zuversicht zu gewinnen, dann helfen lange Spaziergänge und eine anständige Gastronomie. Liebe geht durch den Magen, so heißt es. Doch auch den Zurückgelassenen, durch Liebesmühen Geschwächten und Entliebten sei dies anempfohlen: geht raus, genießt die Natur, die frische Luft – und esst was Gescheites.

Vergissmeinnicht

29. Juli 2015

Apropos: Orson Welles wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Die ZEIT hat vor ein paar Wochen aus diesem Anlass ein Interview mit Senta Berger geführt, die darin u. a. von ihrem ersten Zusammentreffen erzählt: Ich wurde abgeholt von seinem persönlichen Assistenten, Peter Bogdanovich. Und dann fuhren wir downtown. Wir fuhren da lange, lange an all diesen aufgegebenen Vierteln vorbei, die früher einmal das Zentrum von Los Angeles waren. Dann kamen wir zu einem alten Theater: roter Plüsch, staubig, mehr oder weniger in einem Hinterhof. Und dann trat Orson Welles aus dem Bühneneingang hinaus. Dieses dröhnende Lachen habe ich noch im Ohr. Es folgte eine feste Umarmung. Er nahm mir gleich alle Angst und machte Späße mit meinem Namen. Senta gab’s ja im Englischen gar nicht. Da war ich dann “Santa Baby” für ihn. […] Er hat immer geschrieben, hat immer Ideen gehabt, hat diese Ideen immer allen erzählt. Und während er sie erzählte, hat er auch schon so ein bisschen das Interesse daran verloren. Er war ein großer Märchenerzähler. Wie er “Moby Dick” erzählt, nur wie er es erzählt! Wenn Sie das hören, wissen Sie schon, was ich meine mit dem Geschichtenerzählen. Wenn es ein Beruf gewesen wäre, und er hätte davon leben können, dann wäre es seine Berufung gewesen.” – Von Orson Welles sind im Übrigen ein paar schöne Zitate überliefert, darunter dieses: “Liebe ist ein Zeitwort, ein Verhältniswort, ein Zahlwort oder ein Umstandswort – je nachdem.”

25. Juli 2015

Heute zeigte mir mein Sohn das nachstehende Foto von Orson Welles und meinte, wir, Welles und ich, sähen uns ähnlich. Nach meinem Verständnis heißt das übersetzt “Papa, du musst was tun”. Die Sommerferien – sie haben gerade begonnen – sollten sich für entsprechende Veränderungen wohl eignen. Von Gemeinsamkeiten hinsichtlich des künstlerischen Genies sprach mein Sohn übrigens nicht. Doch ich will da keine Absicht unterstellen. Wem von uns unterlaufen nicht zuweilen kleine Nachlässigkeiten…?

Orson Welles

22. Juli 2015

Gestern Abend in Friedrichsdorf, Einführung zum Kurs “Es gibt was auf die Ohren! – Klassische (?) Musik im 20. Jahrundert” (Beginn 10. September). Wir hören und sehen Maurice Ravels “La Valse”. Das Ende des eleganten Wiener Kaiserhof-Flairs, eine Walzer-Apotheose der brachial-gewalttätigen Art,  ein Zertrümmern musikalischer Walzerseligkeit – bizarr, fratzenhaft, verzerrt. Zudem eine hörbare Vorahnung des kommenden Ersten Weltkriegs, der drohenden Zerstörung, mit einem Finale von Gewalt und Chaos. “Überall macht er die schönsten Melodien”, sagt der Dirigent Stéphane Denève, “aber mit einer Begleitung, die manchmal klingt wie eine schlechte Verdauung […] Diese Klänge in Klarinetten, Cello und Kontrabass! Es klingt wie Erbrochenes, wirklich furchtbar.” Eine Hörerin meint, “einem Herzkranken sollte man das nicht vorspielen. Aber Sie hatten uns ja vorgewarnt.” Ich finde, ehrlich gesagt, Herzkranke sollten sich von ganz anderen Stücken fernhalten. Dowland, Monteverdi, Mozart, Strauss – die Liste ließe sich fortsetzen. Aber dazu später mehr.

20. Juli 2015

Zum selben Thema schreibt heute die Wetzlarer Neue Zeitung:

Von Lothar Rühl

Musikschule geht auf die Straße
Aktionstag: Konzerte an vielen Stellen in der Stadt bringen Wetzlar zum Klingen

WETZLAR Zum Tag der offenen Tür hat die Wetzlarer Musikschule erstmals nicht darauf gewartet, dass die Besucher zu ihr kommen. Hunderte Musikschüler und ihre Lehrer sind stattdessen auf die Straßen gegangen. Sie begegneten den Wetzlarern in der Fußgängerzone, im Forum und auf dem Schillerplatz. Und Musikschulleiter Thomas Sander und sein Team konnten zufrieden sein mit dem Verlauf des ersten Aktionstages.

Viele Kontakte entstanden, als die Musikschüler in öffentlichen Konzerten ihren Leistungsstand präsentierten. Nach Angaben von Sander hat die Wetzlarer Musikschule derzeit 1400 Schüler, die von 36 Lehrkräfte unterrichtet werden. In den Räumen am Schillerplatz können Interessenten alle gängigen Instrumente erlernen, derzeit 24 verschiedene. Darunter sind auch Exoten wie Alphorn, Didgeridoo und Mundharmonika. Neben der Grundstufe gibt es die Fachbereiche Blasinstrumente, Tasteninstrumente, Zupfinstrumente und Streichinstrumente. Dazu kommen die Fachbereiche Rockwerkstatt, Gesang und Tanz sowie die musikalische Erwachsenenbildung mit Chorprojekten, Opernreisen, Hörkursen und Musikgeschichte.

Eröffnet wurde der Aktionstag unter dem Motto “Musik bewegt dich” mit einem musikalischen Umzug der Grundstufenkinder. Sie kamen mit Eltern und Geschwistern und zogen mit bunten Luftballons vom Schillerplatz zum Domplatz und zurück. Immer wieder stoppte der Umzug von rund 150 Teilnehmern, um ein Lied anzustimmen. Auf die Melodie von “Ein Vogel wollte Hochzeit machen” erklang der Werbesong “Auf dem Schillerplatz, da ist was los, da feiert die Musikschule ganz groß”. Auf einer eigens errichteten Bühne vor der Musikschule traten Gruppen der Musikschule nonstop auf. Darunter war auch die Big Band “Tuxedo Drive”, die mir ihrem Swing die Passanten und Besucher der Biergärten unterhielt.

Auch im Forum nutzte die Musikschule die Bühne am Brunnen. Die Fachbereiche Tasten und Streicher sowie die Rock-Werkstatt fanden ihr Publikum unter den Kunden des Einkaufszentrums. Am Eisenmarkt war das Bläserensemble zu hören. Weitere Veranstaltungsorte waren die Gaststätte Harlekin und die Untere Stadtkirche, wo sich der Fachbereich Zupfinstrumente mit vier Konzerten dem Publikum zeigte. In der Musikschule konnten Kinder und Erwachsene am Schnupperunterricht teilnehmen. Hier gab es auch eine Notenbörse, ein Infostand und Kaffee und Kuchen sowie kalte Getränke. Das sonnige Wetter sorgte dafür, dass die Musikschüler ideale Bedingungen vorfanden, um für ihr Hobby zu werben.

19. Juli 2015

Über den Aktionstag “Musik bewegt Dich” der Wetzlarer Musikschule am 18. Juli schreibt das Sonntag-Morgenmagazin heute (Text und Fotos von Valentin Gerstberger):
SoMoMa19.07.2015

16. Juli 2015

Es gibt nicht so viele Komponisten, deren Werke wir – bezogen auf unsere Stimmung oder Seelenlage – immer hören können. Oder sagen wir besser fast immer, denn unausweichlich kommen wir alle zuweilen in Situationen, in denen wir bewusst aufs Musikhören verzichten. Von diesen Momenten abgesehen, ist die Bandbreite der Wahlmöglichkeiten ziemlich groß: Von Bachs Orchestersuiten über Mozarts Sinfonien bis hin zu Klaviermusik von Debussy trifft vieles unsere alltägliche Gemütsverfassung relativ passgenau und konvenient. Mit Berlioz, Wagner und Schostakowitsch tun wir uns schon schwerer. Hier müssen wir auf einen geeigneten Tag warten, auf eine bestimmte Stunde. Und wie selten erst sind wir frei für Gesualdo, Wolf oder Hartmann! Sollten wir uns nicht häufiger aufmachen und das Entlegene, das Unbekannte entdecken? Wie neugierig sind wir noch, und wie offen? In dieser Woche haben wir in den Kursen Ravels “Daphnis und Chloe”, Chopins 1. Klavierkonzert, Glucks “Iphigenie auf Tauris”, Mendelssohns Violinkonzert und seine 3. Sinfonie gehört. Auch das alles, um auf den Anfang zurückzukommen, können wir nicht “immer” hören. Aber vielleicht häufiger als bisher. Weil wir gelernt haben und immer wieder die Erfahrung machen, dass vieles auf und zu uns passt, von dem wir bislang bestenfalls eine vage, unbestimmte Ahnung hatten, wenn überhaupt. So vieles wartet auf uns….

14. Juli 2015

Über das Abschlusskonzert des diesjährigen Chorprojekts schreibt heute die Wetzlarer Neue Zeitung:

Madrigale erfreuen die Zuhörer
Gelungenes Konzert in der Musikschule

Wetzlar. “Madrigale und höfische Lieder” waren das Thema des Chorprojekts der Wetzlarer Musikschule, das von Schulleiter Thomas Sander geleitet wurde. Am Samstagabend fand das Abschlusskonzert im Konzertsaal statt. In seiner Rolle als Moderator freute er sich über die gute Resonanz – trotz der brütenden Hitze. “Leider musste das angekündigte Klarinettenensemble absagen, weil zu viele Mitglieder wegen Klassenfahrten und ähnlichen Gründen abwesend sind”, bedauerte der engagierte Musiker.

Der mehr als 30-stimmige Chor stellt sein hohes Niveau unter Beweis

Das erste Werk “Im kühlen Maien” (Hans Leo Hassler) konnte trotzdem doppelchörig vorgetragen werden – dank des Blechbläserensembles. Schon hier wurde das hohe Niveau des mehr als 30-stimmigen Chors deutlich, in dem einige bekannte Gesichter aus Wetzlarer Chören zu finden waren. Als weitere Mitstreiterin war die Mezzo-Sopranistin Annette Meisner gekommen, die auch mit Erkältung eindrucksvoll Werke von John Dowland und Georg Friedrich Händel intonierte. Sehr lebendig und mit viel Gefühl gelangen die Liebeslieder des Renaissancekomponisten Dowland zu einem echten Ohrenschmaus: Von Sander am Klavier begleitet, erklangen “A Shepard in a Shade” und “Come again, sweet love doth now invite!” Ebenso beeindruckend waren Georg Friedrich Händels “Verdi prati” (Alcina) und “Silent Worship” (Tolomeo).

Der Chor hatte bekannte wie eingängige Stücke einstudiert und zeigte sich bestens aufgelegt. Romantische Dinge standen auch hier im Mittelpunkt, wie die “Drei schönen Dinge fein” von Daniel Friderici oder Hasslers “Tanzen und Springen” oder Heinrich Alberts “Du mein einzig Licht”. “Musica die ganz lieblich Kunst” (Johannes Jeep), Standardrepertoire vieler Chöre mit langer Tradition, durfte natürlich nicht fehlen. Mit viel Spaß und “Lirilirum” wurde Johann Scheins “Ihr Brüder, lieben Brüder mein” vorgetragen. Als besonderes Highlight präsentierte Sander “Innsbruck, ich muss Dich lassen” (Heinrich Isaac), das vom Reimschema als dreihebiger Jambus und auch von der Melodie mit relativ geringem Tonumfang etwas Besonderes ist. “Der wehmütige Charakter entsteht vor allem durch die Zeilenschlüsse im Seufzermotiv und die häufige Berührung der Terz”, erläuterte Sander. Das Publikum zeigte sich begeistert von dem sehr passend gewählten Liedgut und sparte nicht mit Applaus.

Text und Foto: Heike Pöllmitz

Chorprojekt 2015

13. Juli 2015

In letzter Zeit, es fällt mir selbst auf, habe ich in meinen Kursen viele Einspielungen mit Daniel Barenboim verwendet. Dieser außergewöhnliche und mit zahllosen Preisen und Auszeichnungen dekorierte Musiker ist, wer wüsste das nicht, seit Jahrzehnten auf allen renommierten Bühnen der Welt zu Hause, als Dirigent wie als Pianist. Kürzlich sagte mir ein Kollege, es sei ihm ein Rätsel, wie dieser Mann bei den unzähligen Verpflichtungen auf derart hohem Niveau Klavier spielen kann. Woher nimmt er die Zeit zum Üben? Er dirigiert und spielt, unterrichtet, leitet Projekte, engagiert sich in der Politik und vieles mehr. Umso erstaunlicher ist, was wir hören und sehen: Die Klavierkonzerte von Mozart, Beethoven, Chopin, Brahms, Tschaikowsky und anderen, dazu die vielen Sinfoniekonzerte, nicht nur zu Silvester und Neujahr, mit den großen Orchestern der Welt, dazu die Ramallah-Konzerte, die Aufführungen mit dem Orchester des West-Östlichen Divans und und und… 72 Jahre ist Barenboim nun alt, und es sieht nach allem aus, nur nicht nach Ruhestand. Wie schön.

Austria; Vienna; Director Daniel Barenboim in an interview by "Der Spiegel"

11. Juli 2015

Heute feiert der große schwedisch-amerikanische Dirigent Herbert Blomstedt seinen 88. Geburtstag. Wir gratulieren auf das Herzlichste! Nachfolgend ein Auszug aus dem Buch Der Taktstock – Dirigenten erzählen von ihrem Instrument von Eckhard Roelcke (Paul Zsolnay Verlag, Wien 2000). Sympathisch und überzeugend erzählt Herbert Blomstedt über sein Verständnis des Dirigenten, dessen Funktion und Aufgabe, und nicht zuletzt über die Bedingungen für das Entstehen von schöner Musik.

Der Taktstock als Machtsymbol ist nicht mehr aktuell. Der Dirigent ist kein Halbgott. Das war er vielleicht vor hundert Jahren. Oder er wurde als Halbgott angesehen. Er war unfehlbar und wurde immer angestaunt. Kollegen, die diesen Typus noch verkörpern, werden immer seltener und immer lächerlicher. Ich sehe ab und zu Fotos von Kollegen, wie sie den Taktstock fast wie eine Waffe, wie einen Dolch halten. Der Taktstock als Symbol von Macht und Kraft: Das ist mir äußerst zuwider! Die meisten Kollegen verwenden den Taktstock aus praktischen Gründen und nicht als Machtsymbol. Der heutige Dirigent muss, um wirklich erstklassige Ergebnisse zu erzielen, mit seinen Musikern kooperieren und das beste aus ihnen herauslocken. Das tut man bestimmt nicht mit Drohungen oder mit “Taktschlägereien”. Der Dirigent ist vor allem ein Diener der Musiker. Der Dirigent sollte keine eitle Erscheinung sein. Das hasse ich. Das hat nichts mit Musik zu tun oder sehr wenig. Man ist Diener der Musik und Diener seiner Musiker. Wir lieben doch alle die Musik. Nur wenn wir ein gemeinsames Liebesverhältnis zur Musik haben, kommt wirklich etwas Schönes heraus.

Blomstedt

8. Juli 2015

“Man geht kaum zu weit, wenn man diese Gluck-Tragödie als das vollendetste Werk unter seinen »Reformopern« bezeichnet: Seit der Pariser Uraufführung am 18. Mai 1779 hat sie ihren Siegeszug fortgeführt. Der Grund hierfür liegt vor allem in der nach Glaubhaftigkeit und emotionaler Wahrhaftigkeit strebenden Operndramaturgie, die auf alles Dekorative und Effektheischende verzichtet. Iphigenie auf Tauris ist antikes Drama pur, angereichert mit einer unglaublich berührenden Musik.”

Mit diesen Worten warb das Staatstheater Kassel Ende 2014 für seine Aufführungen von Glucks prominentester Oper nach Orpheus und Eurydike. Letzte Chance am 24. Juli – wenn es irgendwie geht: hinfahren und erleben!

Gluck

7. Juli 2015

Mit den Werken von Frédéric Chopin habe ich mich bisher insgesamt eher selten beschäftigt. Er hat nicht ein einziges Stück für eine Besetzung ohne Klavier geschrieben, damit ist das gesamte Œuvre doch eher schmal. Keine Sinfonie, kein Streichquartett, keine Oper, nicht ein einziges Vokalwerk. Abgesehen davon, ich gebe es gerne zu, war mir schon während des Studiums seine Klaviermusik technisch zu anspruchsvoll. Mit meinen kleinen Händen habe ich lieber andere Stücke gespielt – Bach, nicht zu Schweres von Schumann und Brahms, Hindemith. Das war technisch zu schaffen, und es lag mir einfach mehr – so ist es bis heute. Heute im Kurs werden wir nun Chopins Klavierkonzerte hören – schöne Musik, keine Frage. Manch einem wird sogar das Herz aufgehen.

5. Juli 2015

Eigentlich wollte ich ab heute wieder schreiben. Aber es ist zu heiß, ich bitte um Verständnis – noch ein paar Tage Geduld! Danke!

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Pause bis zum 4. Juli 2015

24. Juni 2015

Helmuth Lohner ist tot. Der Schauspieler, Regisseur und Theaterdirektor ist in der Nacht zum Dienstag nach schwerer Krankheit im Alter von 82 Jahren gestorben. Lohner galt als einer der profiliertesten Charakterdarsteller seiner Generation. Sein Tod bedeute einen großen Verlust für das deutschsprachige Theater und großen Schmerz für alle, die ihn kennen und ihm nahestanden, sagte der Direktor des Wiener Theaters in der Josefstadt, Herbert Föttinger. Dieses Theater war praktisch Lohners Hausbühne. Dort war er nicht nur Schauspieler, sondern von 1997 bis 2006 auch künstlerischer Direktor.

Lohner wirkte in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen mit, sein ganze Liebe jedoch galt dem Theater. Die Kritiker lobten ihn als facettenreichen, disziplinierten und hochsensiblen Darsteller und “Menschengestalter”. Er feierte Erfolge in den großen Häusern wie in München, Berlin, Düsseldorf und Zürich. In den 80er Jahren band er sich als Schauspieler fest an das Wiener Burgtheater. Neben dem tiefernsten Fach konnte der Opernbegeisterte, im Alltag ein eher leiser Mensch, mit seiner komödiantischen Ader die Zuschauer zum Lachen bringen. Ab den 90er Jahren inszenierte Helmuth Lohner als Regisseur auch Opern und Operetten. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen zählten u. a. die Kainz-Medaille, der Johann-Nestroy-Ring und der Titel Österreichischer Kammerschauspieler. (Quelle: carz/dpa)

Gerhard Stadelmaier schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über vieles, was mit Helmuth Lohner unvergessen bleiben wird, und erinnert sich an eine sehr berührende Szene: “Als Stephan von Sala in Thomas Langhoffs Salzburger Inszenierung von Schnitzlers „Der einsame Weg“ (1987) stand er still und staunend und unendlich traurig vor dem, was das Leben und eventuell die Liebe von einem Menschen fordern könnten: nichts als Hingabe – bis in den Tod.”

Lohner

21. Juni 2015

Gestern habe ich anlässlich eines Geburtstages wieder ein Exemplar meines Lieblingsbuches verschenkt, ich weiß nicht zum wievielten Mal – “Ein letzter Sommer” von Steve Tesich. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bespricht einen “Roman voll übermütigem Witz, herzzerreißender Melancholie, Klugheit und Poesie”. Stefan Kellerer rezensiert einen “wunderbaren Roman, in dem jeder Satz auf erschütternde Art und Weise wahr und wahrhaftig ist, dass man gar nicht mehr aufhören kann und will mit dem Lesen”. Christine Westermann nennt das Buch ein “Meisterwerk” und schreibt: “Steve Tesich war ein begnadeter Drehbuchautor, ich vermute mal, dass er beim Schreiben immer schon ans Kino, an die Bilder gedacht hat. Und die projiziert er mühelos und mit großer Leichtigkeit in die Köpfe seiner Leser.” Elke Heidenreich fasst sich kurz: “Das ist ganz große Literatur.” Auf amazon gibt es über fünfzig Rezensionen, die meisten mit fünf (Höchstwertung) oder vier Sternen. Ich kenne das Buch erst seit 2010, ich habe es damals im Urlaub in einer Bücherkiste gefunden und geradezu verschlungen, tief beeindruckt und sehr bewegt. Es ist sozusagen mein Buch. So etwas verstörend Richtiges, so etwas verzweifelt Komisches habe ich weder zuvor noch danach je gelesen.

Steve Tesich wurde 1942 in Užice geboren und kam im Alter von vierzehn Jahren nach Indiana/USA. Er studierte russische Literatur an den Universitäten von Indiana und Columbia und promovierte 1967. Er schrieb zahlreiche Stücke und Drehbücher, u. a. das mit einem Oscar ausgezeichnete Drehbuch für den Film »Breaking Away« und für »Garp und wie er die Welt sah«. Bei Kein & Aber erschienen seine Romane »Ein letzter Sommer« (2005) und »Abspann« (2006). Steve Tesich starb 1996 im Alter von 53 Jahren.

Ein letzter Sommer

19. Juni 2015

Eine Frau macht niemals einen Mann zum Narren; sie sitzt bloß dabei und sieht zu, wie er sich selbst dazu macht.
Frank Sinatra (1915 – 1998)

“Frankie Boy” würde in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feiern. Er wurde als Sohn italo-amerikanischer Eltern am 12.12.1915 in Hoboken, New Jersey geboren. Als Sänger, Schauspieler und Entertainer wurde er in einer beispiellosen Karriere zu einer der bekanntesten und angesehensten Persönlichkeiten der Musik- und Filmbranche im 20. Jahrhundert. Seine Alben mit Titeln wie Strangers in the Night, My Way und New York, New York machten ihn weltberühmt und wurden über 150 Millionen Mal verkauft. Er gewann den Oscar (für “Verdammt in alle Ewigkeit”) und mehrere Grammys, dazu unzählige weitere Film- und Musikpreise sowie hochrangige internationale Auszeichnungen. Zu seinen Filmpartnern gehörten Dean Martin, Sammy Davis jr., Edward G. Robinson, Tony Curtis, Doris Day, Shirley MacLaine, Grace Kelly und viele andere. Er arbeitete u. a. mit Regisseuren wie Otto Preminger, Mervyn LeRoy, Robert Aldrich und John Huston zusammen und führte in einigen Produktionen auch selbst Regie. Frank Sinatra starb am 14. Mai 1998 in Los Angeles.

Sinatra

17. Juni 2015

Heute Abend erleben wir im Opernkurs Ingmar Bermans “Die Zauberflöte” (Trollflöjten, Schweden 1975). Der Kinofilm wurde zum 50-jährigen Jubiläum des Schwedischen Fernsehens realisiert und mehrfach hochrangig ausgezeichnet: 1975 erhielt Ingmar Berman den Sonderpreis der National Society of Film Critics (für den Beweis wie unterhaltsam Oper im Film sein kann), 1976 war das Werk die “Beste fremdsprachige TV-Produktion” bei den British Academy Television Awards. Außerdem war “Die Zauberflöte” 1976 sowohl für den César als auch den Golden Globe Award für die Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert. Auch bei der Oscarverleihung 1976 wurde er in der Kategorie “Bestes Kostümdesign” nominiert.

Hellmuth Karasek schrieb damals in “Der Spiegel” (11/1976): “Der Librettist Schikaneder, der Mozart eine Vorlage nach der damaligen Volkstheatermode des spätbarocken Wiener “Zauberspiels” lieferte, hat zwar, so meint man, verteufelt viel Humanität, aber um so weniger Opernlogik zu Papier gebracht. Zuerst zieht ein Prinz im Namen einer guten Fee zu einem bösen Geist, das Monstrum Sarastro wird dann plötzlich gütig-weise, die Königin der Nacht klirrend böse — was tut’s, dass man die Tochter nun nicht mehr für die Mutter, sondern von der Mutter befreit? – Diese Ungereimtheiten, die sich noch mit den in der Regel unerträglich albernen Papageno-Drolerien potenzieren, nimmt man wegen Mozart achselzuckend in Kauf — und behilft sich als Regisseur schlecht und recht mit Steifftierchen-Charme, treuherziger Märchennaivität (“Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …”) und einem bisschen Kulissendonner und Kulissenblitz. Oper ist, wenn man nicht gerade die Augen zumachen muss. – Es ist also immer leicht, Mozart auf Kosten Schikaneders zu rechtfertigen, mit sogenannten Einfällen über den Text hinwegzutäuschen. Doch Ingmar Bergman tut das genaue Gegenteil. – Schikaneder ist ihm nicht Vorwand für Mozart, sondern Musik und Geist, Spiel und Idee sind eine Einheit, die Bergman – und weniger pathetisch lässt sich das leider kaum sagen – als das schönste Vermächtnis einer verbrüdernden Humanität verwirklicht: die Oper als beglaubigte Utopie.”

Und Das Lexikon des Internationalen Films schwärmt: “Mozarts komödiantisches Schauspiel vom Kampf der Mächte des Lichts und der Finsternis, von himmlischer und irdischer Liebe in einer kongenialen Filmfassung von Ingmar Bergman. Obwohl als TV-Produktion konzipiert, kommt die auf große Wirkung angelegte Gestaltung erst im Kino voll zur Geltung. Bergman hat sich nicht damit begnügt, eine Bühnenaufführung abzufilmen, sondern benutzt die Kamera als schöpferisches Mittel und Mitspieler im Geschehen; die Geschichte, in der sich Naives und Mythisches mischen, wurde auf ein menschliches Maß reduziert und fürs heutige Publikum begreifbar gemacht. […] Ein optischer und musikalischer Genuß von seltener Ausgewogenheit und Schönheit.”

Bergman Zauberflöte

14. Juni 2015

Eurovision Song Contest statt royaler Tradition

Wer am Samstag die Hochzeit von Schwedenprinz Carl Philip und der Model-Yogalehrerin Sofia Hellqvist am Bildschirm verfolgt hat (Gott sei Dank, ohne dass ein Moderator alles kaputtgequatscht hätte), konnte seinen Ohren nicht trauen. Seinen Augen schon, denn außer den putzigen Marinemützen der royalen Herren, gab es viele prächtige Roben zu bestaunen, nebst dem passenden Geschmeide. Was aber das Brautpaar sich da an musikalischer Begleitung ausgesucht hatte, zeigt, dass beim drittgeborenen Prinzen wohl schon alles egal ist. Hier hat kein Protokollwächter und kein Hofprediger mehr korrigierend eingegriffen. Einzug in die Kirche zu den Klängen eines gälischen Popsongs. Dann – immerhin – ein Choral, der sich anhörte wie unser evangelisches “Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer”. Paul Gerhardts “Geh aus mein Herz und suche Freud” mit anderer Melodie (schwedisch halt), aber dann kam es: Rihanna und Coldplay-Songs, dargeboten von schwedischen Schlagersängern, die sich auf einer Bühne wähnten. Der Knaller dann am Ende: Auszug zu Gospelklängen, wobei der Sänger ein frenetisches “Everybody clap your hands!” in die Kirche brüllte, woraufhin die gekrönten Häupter pflichtschuldigst mitklatschten und mit dem Kopf wippten. Entweder waren sie einfach froh, sich nach der langen Trauung wieder bewegen zu können, oder sie hatten Angst, sonst eine schlechte Presse zu bekommen, à la “guck mal, wie steif die Margrete ist”. O tempora, o mores! Auf den Adel ist auch kein Verlass mehr, nicht mal in Geschmacksdingen. Was ich gewählt hätte? Kantate 147. Das ist schön, eingängig und – Bach.

Autorin: Kicherliese (Kreisleiche) – Danke für die Zuschrift!

12. Juni 2015

“Ein Leben, in dem wir uns nicht selbst erforschen, ist es nicht wert, gelebt zu werden.” Dieser Satz von Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) wirft ein entscheidendes Licht darauf, wie wir unseren Erfahrungen ihre jeweiligen Bedeutungen geben. Wie wir etwas erleben, wie wir es bewerten, welchen Rang wir ihm verleihen – das alles hängt in hohem Maße davon ab, wie gut wir uns selber kennen. Was sind die Motive und Ursachen unseres Handelns, unserer Empfindungen, unserer Überzeugungen? Welche Erlebnisse prägen uns oder haben es in der Vergangenheit getan? Ja, wie gut kennen wir uns selbst? In welchen Situationen verfallen wir in bekannte Muster und Verhaltensweisen? Wie oft stehen wir uns dabei selbst im Weg? Und warum können wir nicht unseren Blickwinkel verändern, eine andere Sichtweise einnehmen? Wo sind sie – die Wege zum Glück? “Es ist schwer, das Glück in uns zu finden, und es ist ganz unmöglich, es anderswo zu finden”, sagt der französische Schriftsteller Nicolas Chamfort (1740 – 1794). Also los! Fangen wir endlich an, uns selber zu begreifen – ohne Angst vor Abgründen und Gefahren! Wir Menschen sind darauf angelegt, tiefe und verlässliche Bindungen einzugehen und zu erfahren. Aber dabei muss nicht alles, was uns vertraut ist, auf ewig so bleiben – das kann es gar nicht! Der amerikanische Psychiater und Schriftsteller Irvin Yalom (Bild) sagt es so: “Ich habe viele Menschen bis zu ihrem Tod begleitet. Es war niemand dabei, der am Ende seines Lebens gesagt hat ‘Ach, hätte ich doch noch mehr gearbeitet’. Die meisten haben bedauert, dass sie nicht mehr und länger ihre Beziehungen gepflegt haben.”

Irvin Yalom

11. Juni 2015

“Der Klaviervirtuose und Musikwissenschaftler hat nicht nur profundes Wissen über die Stücke, mit denen er sich auseinandergesetzt hat, sondern seine besonderen Entertainerqualitäten machen den Besuch seiner Vorträge zu einem lehrreichen und außergewöhnlich kurzweiligen und humorvollen Abend.” So schreibt es das Stadttheater Gießen in seinem Newsletter über Stefan Mickisch. Zum Abschluss des Strauss-Jubiläumsjahres spielt und erklärt Mickisch morgen Abend um 19.30 Uhr im Großen Haus Ausschnitte aus Der Rosenkavalier, Also sprach Zarathustra und Till Eulenspiegels lustige Streiche. “Wer Mickisch kennt, kommt, wer Mickisch nicht kennt, muss kommen!”, meint die Neue Zürcher Zeitung. Also, ich werde auf jeden Fall da sein.

9. Juni 2015

Heute Vormittag, Kurs “Sinfonien und Instrumentalkonzerte”, Beethovens Neunte. “Ode an die Freude”, “Seid umschlungen, Millionen”, “Europahymne”. Ehrfürchtiges Publikum. Und ich wage zu sagen, dass der Finalsatz Längen hat und manche Passagen an Kirmesmusik erinnern! Dieser ganze Abschnitt mit Marschmusik, Triangel und Tamtam – aufgesetztes Pathos und endlose Wiederholungen! Eine Zuhörerin sieht mich mit großen Augen an: “Sie sagen etwas gegen Beethoven!?” “Sogar gegen seine Neunte!” Ist das erlaubt? Naja, Wetzlar ist viel gewohnt als Goethe-Stadt. Darf man über den großen Dichter etwas Kritisches sagen? Wetzlar ist auch Optik-Stadt! Das macht es leichter. Mit Mikroskopen, Lupen und Okularen sieht (oder liest) man einfach besser. So halten wir unsere Sinne beisammen, uns könnte sonst Hören (wie Beethoven) und Sehen vergehen.

8. Juni 2015

Wer hohe Türme bauen will, muss lange beim Fundament verweilen.
Anton Bruckner (1824 – 1896)

5. Juni 2015

Sechzig Jahre ist es her, dass Harald Genzmer (1909 – 2007) die “Fünf Chorlieder nach mittelhochdeutschen Texten für 4-8stimmigen gemischten Chor a cappella” komponierte. Erst ein einziges Mal habe ich diese Stücke öffentlich aufgeführt, in den 80er Jahren in einem Konzert mit dem Hertener Kammerchor. Für das nächste Chorprojekt steht der Zyklus ganz oben auf meiner Wunschliste. Es ist eine kleine Sammlung von wirklich zauberhaften Liedern, eines schöner als das andere. Das emotionale Herzstück ist die Nr. 4, “Dû bist mîn”. Ein Stück in einem einzigartigen Tonfall – innig, zart, entrückt.

Dû bist mîn, ich bin dîn.
des solt dû gewis sîn.
dû bist beslozzen
in mînem herzen,
verlorn ist das sluzzelîn:
dû muost ouch immêr darinne sîn.
anonym, 12. Jahrhundert

3. Juni 2015

Eines Tages kam ich auf das Metronom und dessen Zweckmäßigkeit zu sprechen. “Wozu ein Metronom?” warf Herr Mendelssohn ein, “das ist ein recht überflüssiges Instrument. Ein Musiker, der bei dem Anblick eines Musikstückes nicht sofort dessen Zeitmaß errät, ist ein Stümper.” Ich hätte ihm erwidern können, dass es viele Stümper gibt; doch ich schwieg. Ich hatte damals fast noch gar nichts komponiert. Eines Tages wünschte er die Partitur der Ouvertüre zu “King Lear”, die ich schon in Nizza geschrieben hatte, zu sehen; er las sie zuerst aufmerksam und langsam durch, dann setzte er die Finger auf das Klavier, um sie zu spielen (was er mit unvergleichlichem Geschick tat), und sprach: “Geben Sie mir doch Ihr Tempo an.” “Wozu? Haben Sie mir nicht neulich gesagt, jeder Musiker, der beim Anblick des Stückes das Tempo nicht errät, sei ein Stümper?” Er wollte es sich nicht merken lassen, aber dieser Nachhieb oder vielmehr diese unerwarteten Kolbenstöße missfielen ihm sehr. Er benahm sich, sobald von Musik die Rede war, wie ein Stachelschwein; man wusste nicht, wo man ihn anfassen sollte, um sich nicht zu verletzen.
aus: Hector Berlioz, Erinnerungen – Beschreibung der Begegnung mit Felix Mendelssohn in Rom 1830/31

Wie schön, dieser letzte Satz! Ja, das gibt es in der Tat: Wir wissen nicht, wie wir jemanden anfassen sollen, weil wir uns verletzen werden, so oder so. “Er benimmt sich wie ein Stachelschwein” – herrlich! “Sie benimmt sich…” geht natürlich auch (und kommt genauso vor). Nebenbei bemerkt, hätten wir das Mendelssohn gar nicht zugetraut, diesem “Mozart der Romantik”, wie Schumann sich ausdrückte. Aber Vorsicht, Stachelschweine sind sensibel! Alle Schweine sind das (dass Stachelschweine Nagetiere sind, soll jetzt keine Rolle spielen). Besonders empfindsam zu sein wäre also eine echte Sauerei…

1. Juni 2015

“Was die Liebe für die Seele ist”, sagte Rossini einmal, “ist der Appetit für den Leib. Der Magen ist der Kapellmeister, der das große Orchester unserer Leidenschaften dirigiert. Essen, Lieben, Singen, Verdauen sind die vier Akte der komischen Oper, die wir das Leben nennen.”

Es heißt, Rossini habe in seinem Leben dreimal geweint: einmal, als sein “Barbier von Sevilla” ausgepfiffen wurde, ein zweites Mal, als er eine Arie seines Landsmanns Carafa hörte, und schließlich, als ihm auf einer Bootsfahrt ein getrüffelter Truthahn ins Wasser fiel.

Einst saß er mit dem erwähnten Carafa zu Tisch. Sie kamen auf Wagner zu sprechen, den Rossini nicht leiden konnte – zu gegensätzlich waren ihre Temperamente -, den der Freund dagegen glühend verteidigte. Ein prachtvoller Stör mit Kapernsauce wurde aufgetragen. Rossini füllte Carafas Teller mit viel Sauce und nichts anderem. “Du hast vergessen, mir Fisch zu geben”, warf ihm Carafa vor. “Ich habe es nicht vergessen, ich habe dich nur nach deinem Geschmack bedient. Viel Sauce, kein Fisch – das ist Wagner.”

aus: Cédric Dumont, Allegro con gusto – Rezepte und Geschichten von komponierenden Feinschmeckern, kochenden Kapellmeistern und verwöhnten Primadonnen

Rossini

29. Mai 2015

“Die Berliner Philharmoniker gelten als extrem selbstbewusst, ja notorisch arrogant. Die Arbeit mit ihnen, soll Rattle einmal gesagt haben, sei, als habe man irren Sex mit jemandem, den man partout nicht leiden könne.” So stand es zu lesen, vor knapp drei Wochen in der Zeit, noch bevor das Orchester entschied, sich in der Frage der Nachfolge Rattles zunächst nicht festzulegen. Immerhin, sofern das Zitat authentisch ist, wissen wir nun, dass der Maestro gewagte Vergleiche nicht scheut. Und das Spitzenensemble darf sich kapabel wähnen, seinem natürlichen Feind, dem Dirigenten, Delirien außergewöhnlichen Zuschnitts zu bescheren. “Irrer Sex mit jemandem, den man partout nicht leiden kann”… das regt die Fantasie an, nicht wahr? Und wem von uns fiele dazu nichts ein?

27. Mai 2015

“Ich bin dafür, jetzt erstmal mit der Relation im Dorf zu bleiben.”
Uwe Seeler

Ja, das finden wir auch. Irgendwann ist es mal gut. Wir könnten zwar “alles nochmal Paroli passieren lassen”, wie Horst Hrubesch meinte. Aber “man soll nicht alles so hochsterilisieren” (Bruno Labbadia). Damit ist alles gesagt.

26. Mai 2015

Heute fiel mir ein Leserbrief in die Hände, der vor Jahren in der Brigitte erschien. Geschrieben hat ihn Stephanie Neurath aus Fürth. Ich habe den Beitrag damals kopiert und bis heute aufbewahrt. Ein schöner Text – süffig, verspielt, charmant, ironisch. Im Nachgang zum gestrigen Eintrag passt er obendrein – und geht dabei weit über spezifische Lehr- und Lerninhalte des Unterrichtsfachs Musik hinaus.

“Wahrscheinlich gibt es nicht viele Berufe, an welche die Gesellschaft so widersprüchliche Ansprüche stellt wie an unseren: Gerecht soll er sein, der Lehrer, und zugleich menschlich und nachsichtig, straff soll er führen, doch taktvoll auf jedes Kind eingehen, Begabungen wecken, pädagogische Defizite ausgleichen, auf jeden Fall den Lehrplan einhalten, wobei hoch begabte Schüler gleichermaßen zu berücksichtigen sind wie begriffsstutzige. Mit einem Wort: Der Lehrer hat die Aufgabe, eine Wandergruppe mit Spitzensportlern und Behinderten bei Nacht und Nebel durch unwegsames Gelände in nord-südliche Richtung zu führen, und zwar so, dass alle bei bester Laune und möglichst gleichzeitig an drei verschiedenen Zielorten ankommen.”

25. Mai 2015

“Der Takt regelt die Betonungen in der Musik.” Wie oft, wenn wir in Kursen oder im Unterricht Begriffe wie Takt, Rhythmus, Tempo etc. behandeln, ist dieser Satz schon gefallen! An dieser Stelle spreche ich dann gerne über “Hänschen klein”, um zu zeigen, dass dieses Lied leider fast immer volltaktig statt auftaktig abgedruckt wird. Also singen wir bedenkenlos “Hänschen klein ging allein” statt “Hänschen klein ging allein“. Es ist aber völlig nebensächlich, dass der kleine Junge Hans heißt und ging – er könnte auch Franz, Karl oder Max heißen und gefahren oder geschwommen sein! Entscheidend ist, dass er klein ist und sich allein auf den Weg gemacht hat! Also müssten diese Worte betont sein und somit am Taktanfang stehen. – Letzte Woche, Helmholtz-Gymnasium Frankfurt am Main, Musikunterricht in Klasse 7. Rhetorische Frage in der naiven Erwartung, dass alle Arme nach oben gehen: Wer kennt “Hänschen klein?” Fünf Meldungen bei 25 Schülerinnen und Schülern. Sieh an. “Unterschiedlichkeit und Vielfalt bringen auch die Herkunft der Schülerinnen und Schüler aus allen Schichten der Bevölkerung mit sich, ihre verschiedenen Nationalitäten und religiösen Zugehörigkeiten.” Dieser Satz steht auf der website der Schule. Alles gut. Solange man im Musikunterricht den Begriff Takt nicht am Beispiel von “Hänschen klein” erläutern will.

22. Mai 2015

„Die Villa steht leer?“ fragte ich. Der alte Mann legte den Rechen zur Seite und zeigte auf die großen Erkerfenster. „Sie haben acht Monate hier gewohnt, dann waren sie plötzlich fort.“
Er seufzte. „Einige Möbel sind noch da. Die Küche, ein rotes Ledersofa,  noch ein paar andere Sachen.“
Ich schaute auf die bewachsene Fassade. Blauregen und Geißblatt blühten, der Duft war betörend.
„Una bella coppia“, sagte er. „Es war immer schön, wenn er am Flügel saß und spielte. Bach, Mendelssohn, Puccini… Naturalmente. Manchmal hat sie dazu gesungen.“
Er sah auf die Olivenbäume und legte ein paar Gartengeräte auf einen alten Holztisch.
„Eines Tages werden sie zurückkommen“, sagte er.
„Meinen Sie wirklich?“
Er lächelte. „Ma di certo! Il meglio viene ultima.“
aus:
Ric Hesekiel und Andreas H. Most (Hrsg.), Jahrestag

Pause bis zum 22. Mai 2015

7. Mai 2015

Silberhorn, das Magazin von nmz und jazzzeitung, veröffentlicht in seiner diesjährigen Sommerausgabe ein Interview mit Joachim Reiber. Der Germanist, Historiker und Essayist spricht u. a. über sein Buch “Duett zu dritt – Komponisten im Beziehungsdreieck” (Kremayr & Scheriau Verlag, Wien 2014) und verweist am Schluss auf glühende Liebesbriefe des österreichischen Komponisten Gottfried von Einem (1918 – 1996), die dieser seiner Nichte schrieb. Nicht um eine Dreiecksbeziehung sei es dabei gegangen, “aber doch um eine Geschichte, die ganz stark spüren lässt, welchen Antrieb die Sehnsucht nach der (unerreichbaren) Geliebten für die Kunst geben kann. […] Es gibt, selbstverständlich, vergleichbare zeitgenössische Fälle – und die wird es geben, solange Menschen sich liebend verstricken.”

5. Mai 2015

Die Neue Westfälische schreibt begeistert über Händels Oper “Xerxes” am Bielefelder Theater: “Es ist einer dieser beglückenden Opernabende, bei denen alles stimmt”, so heißt es, “einer, der gut unterhält, intellektuell anregt und emotional bewegt.” Es folgen Elogen auf die ausführenden Musiker, das Bühnenbild, die Regie. Und dann das Schönste: “Die Sänger dürfen in ihren Arien die emotionalen Landschaften ihrer Figuren ausloten. Grandios etwa, wenn Xerxes von seinem entflammten Herzen singt und sich dabei ein Feuer per Videoprojektion durch zwei gestaffelt im Bühnenraum stehende Rahmen frisst.” Das entflammte Herz, das Feuer der Leidenschaft bringt den Türrahmen, an den Xerxes sich lehnt, zum Brennen – was für ein Bild!

4. Mai 2015

Über den Abend “Musik in Österreich – Klassik und Romantik” schreibt jetzt der Wetzlar Kurier in seiner Mai-Ausgabe:

Bei der DÖG: Thomas Sander stellte “Musik in Österreich” vor

(wf). Mit der Musik in und aus Österreich von der Klassik bis zur Romantik beschäftigte sich Thomas Sander, Leiter der Musikschule Wetzlar, in einer inhaltsreichen und kurzweiligen zweistündigen Darstellung im Konzertsaal der Musikschule am Schillerplatz. Eingeladen zu diesem Exkurs der etwas anderen Art hatte die Deutsch-Österreichische Gesellschaft Wetzlar. Thomas Sander verstand es, dem Publikum anhand seiner fundierten und faktenreichen Kenntnisse des jeweiligen Werkes, der Zeitumstände und der Biografien der großen Komponisten mit ihren vielen unbekannten Details und Zusammenhängen lebhaft und lebendig zu Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozert, Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms und Franz Schubert einen nicht alltäglichen Zugang zu verschaffen.

Dabei bediente sich Sander nicht nur eigenhändig und gewohnt sicher des Flügels im Konzertsaal, sondern brachte zur Erläuterung versteckter Details wie “großer Linien” zahlreiche Konzertausschnitte anhand ausgesuchter, hochwertiger CDs und DVDs zu Gehör, stets versehen mit interessanten Anmerkungen zu Stilmitteln, überraschenden musikalischen Wendungen und Motivation an den richtigen Stellen, die den Zuhörern zahlreiche neue Einblicke und “Aha-Erlebnisse” bescherten.

“Ein exzellenter Überblick, der Lust auf mehr macht”, stellte Hans-Jürgen Irmer, Präsident der Deutsch-Österreichischen Gesellschaft Wetzlar, bilanzierend fest. Deshalb werde die DÖG im nächsten Jahr eine öffentliche Veranstaltung zum Thema Mozart anbieten, in der es um Leben und Werk dieses großen Komponisten geht.

Irmer bedankte sich namens der beiden DÖG-Vizepräsidenten Ingeborg Koster und Martin Dietz sowie des beeindruckten Publikums bei Thomas Sander für den sehr gelungenen Abend und überreichte ein Weinpräsent aus der Steiermark, in der auch Wetzlars Partnerstadt Schladming “zu Hause” ist.

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3. Mai 2015

Am 8. Mai 2015 jährt sich zum siebzigsten Mal das offizielle Ende des 2. Weltkrieges. Aus diesem Anlass lädt der Förderverein Schlosskirche Braunfels am Freitag, den 8. Mai um 19 Uhr alle Interessierten herzlich zu einer ökumenischen Gedenkandacht in die Braunfelser Schlosskirche ein. Nach einem Orgelvorspiel und der Begrüßung durch Kurt Söhngen, den Vorsitzenden des Fördervereins, wird der Zeitzeuge Ferdinand Betzenberger aus der Braunfelser Chronik lesen. Eine Orgel-Improvisation und ein Dankgebet beschließen die Gedenkstunde, die gemeinsam von der evangelischen und der katholischen Kirche sowie dem Haus Höhenblick gestaltet wird.

Über die Anfrage, ob ich bei der Veranstaltung die Orgel spielen würde, habe ich mich sehr gefreut und spontan zugesagt. Im “früheren Leben” war ich zwanzig Jahre lang neben Studium und Beruf in der Kirchenmusik aktiv, und auch heute noch übernehme ich gelegentlich Vertretungsdienste. Besondere Freude macht mir dabei das Improvisieren, dafür hatte ich schon immer ein Faible. Umso schöner, dass dazu in dem genannten würdigen Rahmen wieder Gelegenheit besteht.

1. Mai 2015

Ausrufezeichen - Fragezeichen

Zum ersten Mal habe ich das Bild vor Jahren in Bochum gesehen, im Behandlungszimmer meines damaligen Zahnarztes Dr. Wolf Brockhausen. Er erläutert das Bild auf seiner website und schreibt über die entscheidende Bedeutung des Schrittes, alles um sich herum als Ausdruck und Ergebnis seiner eigenen Bewertung zu sehen und nicht als scheinbar unabänderliche “Tatsache”. “Alles eine Sache der Perspektive”, könnte man sagen. Und der Bereitschaft, bisherige Positionen und Einstellungen zu überprüfen und somit Veränderungen möglich zu machen. Ich gebe den erläuternden Text nachfolgend leicht gekürzt wieder.

Stellen wir uns vor, wir schauen entlang der Wand voll auf das Fragezeichen. Aus diesem Blickwinkel ist der Schatten des Fragezeichens auf der Wand, der einem Ausrufezeichen gleicht, nicht sichtbar. Setzen wir nun das Fragezeichen als Symbol für “Ich weiß nicht weiter”, “Ich verstehe das nicht”, “Ich kann das nicht”, kurz gesagt als Ausdruck einer problematischen Situation, dann schaue ich auf dieses Problem, solange ich meinen Standort an der Wand nicht verändere. Bewege ich mich jedoch, verlasse ich also meine alte Position, meinen alten, bisherigen Blickwinkel an der Wand, meinen alten Standort und bewege mich um das Fragezeichen einen Viertelkreis herum, dann schaue auf die Schmalseite des Fragezeichens. Und dann verwandelt es sich in das, was sein Schattenbild darstellt: ein Ausrufezeichen. Und damit wird, nur durch ein Verlassen der alten Position und der Einnahme eines neuen Blickwinkels, aus dem “Problem” (= Fragezeichen) die Antwort, die Problemlösung (= Ausrufezeichen).

Das ganze Geheimnis, in Zukunft ein stressarmes und zufriedenes, wenn nicht gar glückliches Leben zu führen, liegt also darin, unsere alten Standpunkte zu den Dingen oder Umständen aufzugeben, die wir bisher innehatten. Das Problem bestand also letztlich darin, dass wir unseren Standpunkt für gegeben, für unabänderlich halten, und damit in unserer Einschätzung einer Situation … NICHT in der Situation selbst. Denn das Fragezeichen ist nur ein Fragezeichen, wenn wir es aus einem bestimmten Blickwinkel betrachten. UNSER STANDPUNKT zur Situation ist das Problem, ein “Problem an sich” gibt es nicht. Glückliche, gelassene Menschen haben also das Kunststück gelernt, Betrachtungswinkel aktiv zu ändern.

30. April 2015

Schaut in euer Herz und ihr werdet erfahren, dass in euch etwas lebt, das kein Feuer verbrennen und kein Meer ertränken kann.
Uesugi Kenshin (1530 – 1578)

29. April 2015

Das Magazin der Dresdner Musikfestspiele, die in diesem Jahr vom 13. Mai bis zum 7. Juni stattfinden, enthält u. a. einen lesenswerten Artikel mit dem Titel “Kaltes Feuer”. Darin geht es um die “Nordlichter” Grieg und Sibelius, ihre jeweiligen Aufenthalte in Italien und deren Auswirkungen auf das kompositorische Schaffen. Grieg, der seine Grundausbildung in Deutschland erhalten hatte, konnte in Italien seine “Begriffswelt” erweitern, so erfahren wir, vor allem sei seine Begegnung mit Franz Liszt in Rom bedeutsam gewesen. Auch Sibelius hatte offene Ohren für den Rat eines Freundes: “Spätherbst und Winter verbringen Sie in Italien, dem Land, in dem man cantabile, Maß und Harmonie, Plastik und Liniensymmetrie lernt, wo alles schön ist – auch das Hässliche. Sie erinnern sich wohl, welche Bedeutung Italien für Tschaikowskys Entwicklung hatte und für Richard Strauss.” Sibelius’ Eindrücke, die er gleichfalls in Rom gewann, hätten dann zu “seltsamen Gedanken über das Wesen der Musik” geführt, so lesen wir weiter, und die musikalischen Skizzen, die in Italien entstanden, bildeten schließlich den Ausgangspunkt seiner 2. Sinfonie. Gegen Ende des Artikels dann ein mit Distanz zitierter, gleichwohl trockener Ausspruch von Claude Debussy: “Ist Ihnen schon aufgefallen, wie unerträglich die Nordländer werden, wenn sie Südländer sein wollen?”

Grieg_Sibelius

27. April 2015

Gestern Abend, nach einem gelungenen Konzert zum Abschluss des letzten Chorprojektes, kam mir auf dem Heimweg ein Interview mit dem Dirigenten Kent Nagano in den Sinn. Kürzlich beklagte er in einem Gespräch mit spiegel-online gewisse Formen der heutigen Konzertpraxis und kritisierte Konsum und Ablenkung: “Heute gibt es Konzerte, während derer man Cocktails trinken kann, dazu gibt es Video-Einspielungen, das Licht bleibt an, damit man die Programme lesen kann; alles in der Hoffnung, dass die Konzerte unterhaltsamer werden. […] Wir leben in einer Zeit des Konsums. Alles wird konsumiert: Wein, Musik, das Fernsehen. Gleichzeitig wird alles kompakter, kürzer. Aber dadurch wird uns die Erfahrung von Komplexität und Vielschichtigkeit genommen. Und plötzlich verstehen wir die Welt nicht mehr. Dabei wissen wir alle aus eigener Erfahrung: Wenn es keine Ablenkung gibt, öffnet sich unsere Aufnahmebereitschaft für ein Gedicht, für ein Musikwerk, für Literatur. Natürlich war Unterhaltung immer ein Bestandteil klassischer Musik. Aber da ist eben noch unendlich viel mehr.” Ganz richtig, da ist eben noch unendlich viel mehr.

25. April 2015

“Wir haben auf Kosten der Sterblichen gelacht”, singt Thespis in Jean-Philippe Rameaus “Platée”. In einem Liebeslied auf Bacchus nach durchfeierter Nacht preist er, der Begründer der griechischen Tragödie, zudem Schauspieler und Theaterleiter, die Wahrheit, Freiheit und Aufrichtigkeit, die der Gott des Weines und des Rausches ihm hat zuteil werden lassen. Müde und schlaftrunken, den Blick auf unzählige Becher und Pokale gerichtet, erinnert er sich an Musik und Tanz, an Spiel und Verführung, an Sinnenfreuden und Genuss. Ungeplant erscheint Amor und besteht darauf, beim Erfinden eines neuen Schauspiels Pate zu stehen: “Wie kann ein Spiel ohne die Inspiration der Liebe sein?” Da wir zu den Sterblichen zählen, dürfen wir auf unsere Kosten getrost mitlachen. Auch wenn wir während durchfeierter Nächte zuweilen empfinden, wir gehörten nicht dazu.

Thespis

Thespis, Bronzeskulptur
Villa dei Papiri, Herculaneum. Archäologisches Nationalmuseum, Neapel.

24. April 2015

Im Rahmen der Europäischen Kulturwoche, die in Gütersloh jährlich vom dortigen Integrationsbeauftragten und verschiedenen Kooperationspartnern, u. a. der VHS, geplant und organisiert wird, zeigt das Polnische Generalkonsulat in der Volkshochschule eine Ausstellung zu zeitgenössischer polnischer Kultur. Die Ausstellung ist im Haus der VHS vom 27.9. bis zum 4.10.2015 zu sehen. In diesem Rahmen halte ich am Donnerstag, 1. Oktober um 19.00 Uhr einen Vortrag über Musik in Polen mit dem besonderen Fokus auf Komponisten des 20. Jahrhunderts, u. a. Lutosławski, Górecki und Penderecki. Ich freue mich sehr darauf – schon jetzt lade ich alle daran Interessierten herzlich ein!

Die langjährige Kooperation mit der VHS Gütersloh findet darüber hinaus auch 2016 ihre Fortsetzung. Für den Kulturführerschein ebenso wie für die Senioren-Uni gehen wir am 10. und 11. Februar ein spannendes Thema an: “Es gibt was auf die Ohren!” – Klassische (?) Musik im 20. Jahrhundert.

23. April 2015

Musizieren nicht gestattet

Köln, Innenstadt “Am Hof”, Nähe Dom und Hohe Straße

Liegt nicht das Problem des Straßenmusizierens unter anderem darin, dass sich manch eine(r) bemüßigt fühlt, etwas Tonales zum Besten zu geben, dies mit Rücksicht auf sensiblere Ohren aber besser lassen sollte? “Kunst kommt von wollen: Wer will, der kann auch, und nicht Talent, sondern der Entschluss macht den Künstler und seine Kunst”, sagt der Konzeptkünstler Timm Ulrichs (“Betreten der Ausstellung verboten!”). Ist das so? Wollen wir uns wirklich darauf verständigen? Selbstverwirklichung versus Lärmbelästigung!? Zwar können wir unsere Augen schließen und somit Sichtbares für uns unsichtbar machen, wenn wir wollen. Aber wir können nicht unsere Ohren verschließen! Da wäre man zuweilen in Fußgängerzonen gerne Eisbär, Flusspferd oder Maulwurf, ist denen doch diese Fähigkeit gegeben. Beneidenswert, gelegentlich.

21. April 2015

Die “Geistliche Abendmusik”, die im Februar krankheitsbedingt ausfallen musste, erklingt am kommenden Sonntag in der Evangelischen Kirche Wetzlar-Naunheim. Zentrales Werk ist die Kantate “Also hat Gott die Welt geliebet” für gemischten Chor und Streicher von Johann Rosenmüller. Daneben kommen die Sätze “Danket dem Herren” von Leonhard Lechner, “Nun lasst uns Gott dem Herren” von Joachim von Burck sowie das berühmte “Jesus bleibet meine Freude” aus der Kantate BWV 147 von Johann Sebastian Bach zur Aufführung. Ergänzt wird das Programm durch die Orgelpartita “Was Gott tut, das ist wohlgetan” von Johann Pachelbel. Beginn ist um 19.00 Uhr, der Eintritt ist frei. Herzliche Einladung!

19. April 2015

“Mit La Bohème ist Puccini die wahrscheinlich bewegendste und zarteste Liebesgeschichte der Opernliteratur gelungen. Eingebettet in die herrlichsten Melodien lässt die Geschichte der armen Mimì und ihres Rodolfo niemanden im Publikum ungerührt.” So schreibt es die Wiener Staatsoper auf ihrer website, ganz zu Recht  – und wir fahren hin und schauen uns das an! Vom 5. – 8. November geht die Studienreise der Wetzlarer Musikschule in diesem Herbst also nach Wien (nähere Informationen unter Termine). Hier haben mehr berühmte Komponisten gelebt als in irgendeiner anderen Stadt. Musik liegt hier förmlich in der Luft, nicht nur die “klassische”. Dazu natürlich die zahlreichen Theater, Museen, Plätze, Boutiquen, Antiquariate, Cafés und vieles mehr…. Große Vorfreude!

Wiener Staatsoper

17. April 2015

Die Briefe an die “Unsterbliche Geliebte” sind ein bis heute nicht gelöstes Rätsel der Beethovenforschung. Nach Ludwigs Beerdigung fand man im Nachlass unter anderem eine beträchtliche Summe Bankaktien und ein Testament, in dem Beethoven alles seiner “Unsterblichen Geliebten” hinterließ. Leider war kein Name genannt! Zahlreiche Musikwissenschaftler haben sich seither mit der Frage befasst, wer denn nun gemeint gewesen sein könnte – und bis heute haben wir darüber nicht endgültig Aufschluss erhalten. Gleichwohl ist es beinahe spannender zu sehen, in welch seelisch-geistigem Ausnahmezustand Beethoven gewesen sein muss, als er die besagten Briefe schrieb. Wohl oder wehe dem, so sind wir geneigt zu sagen, der zu solchen Empfindungen fähig ist….

… schon im Bette drängen sich die Ideen zu dir meine Unsterbliche Geliebte, hier und da freudig, dann wieder traurig. Vom Schicksaale abwartend, ob es unß erhört – leben kann ich entweder nur gantz mit dir oder gar nicht, ja ich habe beschlossen in der Ferne so lange herum zu irren, bis ich in deine Arme fliegen kann, und mich ganz heimathlich bei dir nennen kann, meine Seele von dir umgeben ins Reich der Geister schicken kann – ja leider muß es sejn – du wirst dich fassen um so mehr, da du meine Treue gegen dich kennst, nie eine andre kann mein Herz besizen, nie – nie –

Beethoven

16. April 2015

Wir müssen nicht jede Emotion zu Ende fühlen und uns fragen, was sie zu bedeuten hat. Und eine Erklärung für sie gefunden zu haben, heißt nicht, dass man die richtige gefunden hat. Wir erklären uns selbst dieses und jenes, um Ruhe zu finden, nicht um die wahrhaftigen Ursachen zu verfolgen. Insgeheim wissen wir das; denn die Ausgangsfrage ist aussichtslos unlösbar und die Lebenszeit zu knapp. Um das Leben zu sehen, zu spüren, anzufassen und manchmal sogar zu pflücken, brauchen wir Pause von uns selbst und nicht immer mehr davon. Loslassen gilt nicht nur für Probleme, Menschen und die Vergangenheit. Loslassen gilt auch einem selbst.
aus: Herz im K♥pf Blog

Als Seelenverwandtschaft bezeichnet man eine Verbindung zwischen zwei Personen, die sich durch eine tiefe, als naturgegeben erscheinende Wesensähnlichkeit verbunden fühlen, was sich in Liebe, Kommunikation, Intimität, Sexualität oder Spiritualität äußern kann. Eine mythische und esoterische Erklärung der Seelenverwandtschaft ist das Konzept der Dualseelen, das von einer überzeitlichen (ewigen) Verbindung zweier Seelen ausgeht, die sich in der irdischen Verbundenheit der betreffenden Menschen zeige.
Quelle: wikipedia

13. April 2015

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12. April 2015

Überleben: Üb erleben!
Walter Ludin

10. April 2015

Verabredungen um eine bestimmte Stunde waren ihm unbehaglich. Er drückte sich um sie, wo immer er konnte. […] Freunde, die ihn pünktlich wünschten, mussten zu allerlei Listen und kleinen Schwindeleien greifen. Die hübscheste Anekdote hat sich in Saint-Jean-de-Luz abgespielt, wahrscheinlich in den zwanziger Jahren. Die kleine baskische Stadt hat einen Kirchenchor von hohem Rang, die Schola Cantorum. Ihr Leiter, der Organist Charles Lebout, hatte Ravels drei Chöre a cappella einstudiert, “Nicolette”, “Trois beaux oiseaux du paradis” und “Ronde”. Er wollte sie dem Komponisten vorsingen lassen. Man verabredete sich für Mittwoch um drei. Ravel war die Fixierung auf eine bestimmte Stunde peinlich. Er sprach von allen möglichen Plänen für Mittwoch, von einem Ausflug, einer Pelotapartie, nur nicht von der Chorprobe. Er wohnte im Haus Gaudin, Rue Gambetta. Die Damen des Hauses redeten ihm gut zu, man könnte doch nicht Lebout mit der ganzen Schola Cantorum warten oder gar im Stich lassen. Ravel schwieg und rauchte eine Zigarette. Dann ging er zu seinem Morgenbad an den Strand. Die Kinder des Hauses hatten den Vorgang beobachtet. Sie machten einen Kriegsplan. Mittags kam Ravel heim, den Bademantel übergezogen, wie er es gern hatte. Er machte sich zurecht und ging in das benachbarte Restaurant, die Grotte Basque, um zu frühstücken. Als er zurückkam, war es fünf Minuten vor drei. Vor dem Haus stand ein Schubkarren, umringt von Kindern. Anne, die kleine Haustochter und Ravels Liebling, machte einen Knicks und sagte: “Monsieur Ravel, Ihre Wagen sind zur Abfahrt bereit. Welchen wünschen Sie heute?” Ravel lachte entzückt. “Den Rolls-Royce”, sagte er, ließ sich von den kleinen Freunden zum Schubkarren führen, nahm Platz und fuhr mit Lachen und Hallo vor dem Haus vor, wo der Chor auf ihn wartete. Er bereute es nicht, sondern fand die Wiedergabe der schweren Chorstücke so vollkommen, dass er nichts geändert wünschte. Sein Reich war ein Kinderreich, und wo immer der Alltag mit der kühnsten Fantasie verbunden war, fand er in Ravel jede Bereitwilligkeit zur Illusion.
aus: H.H. Stuckenschmidt, Maurice Ravel – Variationen über Person und Werk

Ravel

8. April 2015

Türkische Wissenschaftler haben angeblich herausgefunden, dass Ratten unter Einfluss von Popmusik homosexuell werden. Hm. Wir könnten dazu mehrere Fragen stellen, z. B. was verstehen wir unter Popmusik? Oder unter homosexuell? Oder unter Ratten!? (Scherz). Stellen wir an uns selber vielleicht auch signifikante Verhaltensänderungen fest, wenn wir mal gerade nicht Bach, Schubert oder Debussy hören, sondern eben Popmusik? Und geht das bis hin zum Changieren sexueller Präferenzen? Heißt es “Pop”musik, weil wir dann popp…. Also bitte!! Und wie haben sich eigentlich die Ratten verhalten, die schon vor Beginn der Laborversuche homosexuell waren? Naja, vielleicht ist alles auch nur ein Missverständnis. Irgendjemand hat “homosexuell” verstanden, als vom homo sapiens die Rede war. Und die Wissenschaftler haben nur gelesen, geforscht und gerätselt. Ganz seriös, wie Kaffee-Satz-Lese-Ratten.

6. April 2015

“I wanna be loved by you” – Marilyn. Das Kind in der Frau. Musiktheater von Titus Hoffmann, mit Sophie Berner und Andrea M. Pagani, mit Live-Band. Das Stadttheater Gießen zeigt die Revue in der laufenden Spielzeit als Wiederaufnahme, so auch am gestrigen Ostersonntag im vollbesetzten Großen Haus. “Dieser Blick hinter die Fassade der charismatischen Blondine Marilyn Monroe geschieht zwischen Tragik und Komik auf mehreren Ebenen, komplex und ungemein unterhaltsam”, befand Blickpunkt Musical nach der Premiere, und die örtliche Presse geizte nicht mit Superlativen. In der Tat ist das Kammerspiel von Sophie Berner und Andrea M. Pagani mehr als beeindruckend. Der Spagat zwischen dem “kleinen Mädchen” Norma Jean Baker und der glamourösen, scheinbar von keinerlei Selbstzweifeln geplagten “großen” Marilyn Monroe gelingt perfekt und fesselt das Publikum über zwei Stunden. Chapeau!

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3. April 2015

Das gestern eingestellte Foto zeigt das “Rote Haus” bei Karlskrona in Schweden. Der Schnappschuss ist einmalig, ein fotografisch großer Moment, ein “big shot”. Ein Moment, auf den der Fotograf vielleicht lange gewartet hat. Und worauf, wenn nicht auf das Besondere, Einzigartige und Unverwechselbare warten wir? Und was tun wir, wenn wir es finden, wenn es uns findet? Goethe sagte einmal, “die schönsten Momente im Leben sind nicht die, in denen man atmet, sondern die, die einem den Atem rauben.” Aber wie finden wir uns zurecht im bisweilen mühsamen Alltag, wie betten wir unsere Sehnsüchte, Träume und “schönsten Momente” darin ein? Da fiel gestern im Kino, der Film spielt keine Rolle, ganz unerwartet dieser Satz: “Es kommt der Tag, da musst du dich entscheiden zwischen dem, was du brauchst, und dem, was du willst.”

2. April 2015

Es gibt mehrere Möglichkeiten, das Besondere festzuhalten.

Rotes Haus Karlskrona

31. März 2015

Eine zweitägige Studienreise führt uns im Juni nach Karlsruhe. Im Badischen Staatstheater können Opernbegeisterte am 13.06. die Premiere von “Iphigenie auf Tauris” erleben. Mit diesem erfolgreichen (und folgenreichen!) Stück hat Christoph Willibald Gluck die Gattung Oper revolutioniert. Es geht um eine neue Ästhetik, um die Wahrhaftigkeit der dargestellten Emotionen und Affekte. Die Musik wird in den Dienst des Dramas gestellt – Iphigenie und Orest sind Figuren „aus Fleisch und Blut“, die leben, leiden und sich gegen das Leid auflehnen, anstatt sich in edler klassizistischer Einfalt zu üben.

Die Studienreise beinhaltet wie immer einen Einführungsabend in der Wetzlarer Musikschule, Fahrt im 4* Reisebus, Unterbringung im 4* Hotel, Opernkarten der Kategorie I oder II (wahlweise) für die Vorstellung am 13.06. und eine dreistündige Stadtführung am Sonntag, 14.06. nach dem Frühstück. Preis auf Anfrage. Anmeldungen nimmt das Sekretariat der Wetzlarer Musikschule ab sofort entgegen.

29. März 2015

Inselmittag

Wir sind Fremde
von Insel
zu Insel.
Aber am Mittag, wenn uns das Meer
bis ins Bett steigt
und die Vergangenheit
wie Kielwasser
an unsern Fersen abläuft
und das tote Meerkraut am Strand
zu goldenen Bäumen wird,
dann hält uns kein Netz
der Erinnerung mehr,
wir gleiten
hinaus,
und die abgesteckten
Meerstraßen der Fischer
und die Tiefenkarten
gelten nicht
für uns.
Hilde Domin (1909 – 2006)

27. März 2015

Eine meiner Lieblingsopern ist “L’incoronazione di Poppea” von Claudio Monteverdi. Es ist die erste Oper mit historischem Stoff, schon das allein macht sie zu etwas Besonderem. Darüber hinaus zeigt sich Monteverdi hier außerordentlich inspiriert und innovativ hinsichtlich der Dramaturgie und der psychologischen Zeichnung der Figuren. Niemand wirkt sonderlich sympathisch (vielleicht mit Ausnahme von Seneca), doch wir müssen allen Beteiligten sehr menschliche und nachvollziehbare Motive für ihr Handeln unterstellen. Liebe, Eifersucht, Machtgier, Rache, Intrige – die Oper enthält so ziemlich alles, was das Herz begehrt und versteht. Und natürlich ein überragendes Schlussduett, gleichermaßen berauschend wie intim, schlichtweg das Liebesduett der gesamten Opernliteratur. In dieser Woche haben wir im Opernkurs verschiedene Aufnahmen und Einspielungen miteinander verglichen, darunter die von Nikolaus Harnoncourt (Zürich 1977), Marc Minkowski (Aix-en-Provence 2006), Emmanuelle Haïm (Glyndebourne 2008 und Lille 2012) und Alessandro de Marchi (Oslo 2010). Die Bilder des Blutbades in der letztgenannten Fassung sind verstörend bis atemberaubend und unbedingt sehenswert. Wer indes lieber hört als sieht, der kommt an Sonya Yoncheva (Poppea) und Max Emmanuel Cencic (Nerone) nicht vorbei (Le Concert d’Astree, Emmanuelle Haïm; Lille 2012) – musikalisch und sängerisch absolut unwiderstehlich und auf allerhöchstem Niveau, mehr geht nicht.

Poppea Lille

25. März 2015

Wir machen Erfahrungen, die unser Leben verändern. Das passiert in jungen Jahren oder auch später. Wichtig ist, dass wir ihre Bedeutung erkennen und verstehen, für das tägliche Leben genauso wie für die Bühne. Ich sehe da keinen großen Unterschied, denn es ist letztlich doch ein und dasselbe.
Der amerikanische Tenor Sam Dash in einem Interview mit der Zeitschrift “Arts Classical Magazine”

23. März 2015

Life is short

20. März 2015

Die insel-taschenbuch-Ausgabe von Abbé Prévosts “Manon Lescaut” (1731) enthält ein sehr lesenswertes Nachwort von Josef Heinzelmann (1936 – 2010). Der Autor – Dramaturg, Regisseur, Lektor, Opern- und Theaterkritiker, Rundfunkautor, Übersetzer, Bearbeiter fürs Musiktheater und Historiker – beschreibt die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der “Geschichte des Ritters Des Grieux und der Manon Lescaut”, in erster Linie aber das Besondere, das Außerordentliche der Handlung sowie der Romanfiguren selbst. Er führt uns das Bild der Manon vor Augen und zeigt “die Liebenswerte, […] die sich im Überschwang der Liebe nach dem Gold drängt, den Reichtum aber gern der Liebe wieder opfert, […] diese Gestalt aus Oxymora, dieses Wesen aus Rätseln, das so einfach denkt und handelt”, und beschreibt Des Grieux, dem es nicht gelingt, “seine weiterschwelende Liebe zu ersticken”, der “sein Unglück voraussieht, ohne die Kraft zu haben, es zu vermeiden.” Und weiter: “Die Unbedingtheit, mit der die beiden ihrem Geschick verfallen sind, hat Größe […]” Während es über den Roman heißt, seine Handlung sei entwicklungslos, so lernen wir im Anschluss die Manons von Auber, Massenet, Offenbach, Puccini und Henze kennen. Und “hätte Prévost die verschiedenen Porträts seiner Manon in zwei Jahrhunderten voraussehen können, wie wir sie Revue passieren ließen, er hätte sie alle für Abbilder der Einen, Unerklärbaren gehalten.”

Manonlescaut1

18. März 2015

Morgen Abend findet mein Vortrag für die Deutsch-Österreichische Gesellschaft Wetzlar statt (19 Uhr, Musikschule am Schillerplatz, Konzertsaal). Ich stelle sechs Komponisten der Klassik und Romantik vor, einheimische wie “zugereiste”, biografisch wie musikalisch.

Von Haydn gibt es Ausschnitte aus der “Schöpfung” und den Sinfonien Nr. 45 (“Abschied”) und Nr. 94 (“mit dem Paukenschlag”), von Mozart die Ouvertüre zur “Zauberflöte” mit dem Vergleich einer szenischen Aufführung und der Filmfassung von Ingmar Bergman, von Beethoven den 2. Satz aus der 7. Sinfonie und den 2. Satz aus dem 5. Klavierkonzert. Eine Sequenz aus dem Film “Mit meinen heißen Tränen” gibt einen Einblick in die Lebensumstände von Franz Schubert, ergänzt durch den 1. Satz aus der Sinfonie h-Moll (“Unvollendete”) und das erste Stück des Liederzyklus “Winterreise”. Johannes Brahms ist vertreten mit einem Ausschnitt aus dem “Deutschen Requiem” und dem “Schicksalslied” für Chor und Orchester. Den Abschluss bilden der Finalsatz der 7. Sinfonie und das Adagio aus dem Streichquintett von Anton Bruckner.

17. März 2015

Auf n-tv online ist zu lesen, dass ein finnisches Forscherteam die Wirkung von klassischer Musik auf das Gehirn untersucht hat. Die Ergebnisse zeigten, so heißt es, dass durch das Hören klassischer Musik kognitive Fähigkeiten wie Lernen und Erinnern gesteigert werden. In diesem Zusammenhang wird im Artikel auf den Begriff vom “Mozart-Effekt” verwiesen, der seit 1993 die Runde macht. Dieser geht auf eine Forschungsarbeit der University of California zurück, deren Ergebnissen zufolge eine IQ-Steigerung durch klassische Musik möglich ist. Spätere Studien konnten einen derartigen Zusammenhang allerdings nicht belegen. Hierzulande hat sich zu der Frage, ob Musik schlau mache, schon vor Jahren Heiner Gembris, Professor für empirische und psychologische Musikpädagogik und Leiter des Instituts für Begabungsforschung in der Musik (IBFM) an der Universität Paderborn, bemerkenswert entspannt geäußert: “Ich weiß nicht, ob Musik schlau macht. Ich würde eher sagen: Wer schlau ist, macht Musik.“

15. März 2015

Heute, an den Iden des März, an Julius Caesars Todestag, sollte man sich eigentlich Händels Oper “Giulio Cesare” (1724) zu Gemüte führen (wenn man nicht Shakespeares Drama oder Thornton Wilders Briefroman bevorzugt). Caesars Ermordung wird allerdings in der Oper nicht thematisiert, sondern stattdessen schildert das Stück über dreieinhalb Stunden seine Liebesaffäre mit Cleopatra, mit allem Drum und Dran. Letzteres gilt für die Musik ebenso wie für die Dramaturgie. Es ist die am aufwändigsten instrumentierte Oper Händels, prachtvoll und klangschön, mit grandiosen Arien und Chören. Vor allem aber zeigt sich Händel hier als Meister der psychologischen Zeichnung und der musikalisch-sinnlichen Charakterisierung. Höhepunkt ist die Szene im zweiten Akt, wenn Cleopatra als die Tugend selbst erscheint (ausgerechnet!) und wir der Verherrlichung der sexuellen Leidenschaft ohne Rücksicht auf bestehende Ehebande beiwohnen dürfen. Das damalige Publikum war hingerissen – wie Caesar von Cleopatra….

Giulio Cesare

13. März 2015

23.30 Uhr. Komme gerade aus der Frankfurter Oper. Gesehen, nein – genossen und erlebt habe ich die Dernière von “L’Orontea”, der berühmtesten Oper von Antonio Cesti. Um es kurz zu machen, es ist schon spät: Ein barocker Klangzauber mit wunderbaren Stimmen und großartigen Instrumentalisten! Ein Fest für die Sinne, dargeboten mit großem Können, Stilkenntnis und Geschmack. Ein Erlebnis, fürwahr – sehr, sehr schön!

10. März 2015

Vor einigen Tagen lief im Fernsehen “Das Ende einer Affäre” (The End of the Affair, USA/GB 1999), eine Liebesgeschichte – und mehr als das – mit Julianne Moore und Ralph Fiennes in den Hauptrollen. Das Drehbuch basiert auf dem gleichnamigen Roman von Graham Greene aus dem Jahr 1951.

Schon die ersten Kritiken sind begeistert und beschreiben den Film als “emotional anspruchsvoll” und “stilistisch geschlossen”. Neben der Filmmusik von Michael Nyman werden insbesondere die leidenschaftlichen Darstellungen von Julianne Moore und Ralph Fiennes gelobt. Richard von Busack macht in metro auf einen signifikanten Unterschied zwischen Buch und Film aufmerksam: “Fiennes and Moore conduct with physical passion this love affair which is described by Greene almost scientifically, like a doctor’s description of a fever.”

Was darüber hinaus lange nachklingt, im Wortsinne, ist die Musik. Michael Nyman (The Piano, Prospero’s Books, Monsieur Hire, The Cook, the Thief, His Wife & Her Lover u. a.) unterfüttert die elegischen Bilder mit sensibler Melancholie und bitterer Süße. “There are things I can experience only with you.”

Das Ende einer Affäre

7. März 2015

Wir wissen bis heute nicht genau, warum Franz Schubert seine Sinfonie in h-Moll, die Unvollendete, nicht fertiggestellt hat. Möglicherweise hatte er die Absicht oder auch die Hoffnung, das Werk vervollständigen zu können. Jedenfalls blieb er mit der Komposition stecken und resignierte mit fortschreitender Zeit. Er war sich über Anspruch und Niveau der beiden vollendeten, fertiggestellten Sätze im Klaren, und es war ihm unmöglich, eine unangemessene Fortsetzung auch nur zu erwägen. Peter Gülke beschreibt das sehr eindrücklich in seinem Buch Franz Schubert und seine Zeit (1991) und kommt zu der Schlussfolgerung: “So groß die Erfüllungen der beiden Sätze, so schwer wog das Scheitern des Ganzen; dieses Stück aufzugeben muss Schubert viel gekostet haben.” Noch die letzte von Schubert konzipierte Musik, so heißt es weiter, das Andante aus dem Fragment D 936A vom Oktober 1828, “versucht etwas von dem einzulösen, was er hier schuldig geblieben war”. Das Kapitel schließt mit einem Zitat aus Kein Ort. Nirgends (1979) von Christa Wolf: “Sie könne an eine simple Niederlage nicht glauben, sagt die Günderrode … Manche Kapitulation zeige doch nur die Größe des Widerstands an.”

6. März 2015

Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.
Hilde Domin (1909 – 2006)

Johannes Brahms, Klavierkonzert Nr. 1 op. 15 d-Moll, 2. Satz: Adagio

4. März 2015

Gestern Abend, zweite Probe des Chorprojektes mit Madrigalen und höfischer Musik, “Innsbruck, ich muss dich lassen” von Heinrich Isaac (um 1450 – 1517), eines der beeindruckendsten Abschieds- und Trauerlieder aller Zeiten. Heute lese ich bei wikipedia, die Strophenform aus sechs dreihebigen jambischen Zeilen mit dem Reimschema A–A (weiblich)–B (männlich)–C–C (weiblich)–B (männlich) sei für die damalige Zeit ungewöhnlich. Die Melodie, so heißt es weiter, habe einen relativ geringen Tonumfang, und “ihr wehmütiger Charakter entsteht vor allem durch die Zeilenschlüsse mit Seufzermotiv und die häufige Berührung der Terz.” Na schau an, der Isaac! Der wusste, wie’s geht – dreihebige jambische Zeilen mit ungewöhnlichem Reimschema, Seufzermotiv und Terzberührung….

3. März 2015

Im letzten Dezember habe ich an dieser Stelle den Start des neuen Bond-Films “Spectre” im kommenden Herbst erwähnt und am Ende die Frage gestellt, wer wohl die Musik dazu schreibt. Auf zeit-online ist jetzt ein kurzer Bericht erschienen, der sich ausschließlich mit dem Umstand befasst, dass Monica Bellucci als neues Bond-Girl 50 Jahre alt ist. Ein Diskussionsbeitrag wirft die Frage nach den Gesetzmäßigkeiten des Filmbetriebes auf und wird deutlich: “Bei den Bond-Frauen geht es nicht darum, wie alt sie sind, sondern darum, welche Oberweite sie haben. Und Monica B. sieht noch lecker genug aus, wie 30 und nicht wie 50. Eine Frau, die ‘alt’ aussieht, würde auch keine Bond-Film-Nebenrolle bekommen, selbst wenn sie nur 25 wäre. Die Frauen in Bond-Filmen müssen einfach nur die gewisse ‘Fuckability’ haben, das reicht.” Die Filmmusik schreibt übrigens Thomas Newman.

2. März 2015

Zum Start des Sommersemesters beginnen in dieser Woche neue Kurse und Vorträge. Den Auftakt machen heute Abend in der Reihe der “Meisterwerke” die Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach. Morgen und am Donnerstag folgen “Große Sinfonien und Instrumentalkonzerte” mit Werken von Mozart und Beethoven, am Mittwoch “Lass dich eropern!” mit einer musikalischen Reise von der Anfängen der Florentiner Camerata bis zum Musiktheater unserer Zeit. Die Kurse laufen bis zum Herbst, wahrscheinlich eher länger, damit wir wirklich Zeit haben, einzelne Werke genauer kennenzulernen. Und wie bisher, so stehen auch diesmal wieder gemeinsame Opern- und Konzertbesuche an. Ich freue mich sehr darauf – auf das neue, gemeinsame Entdecken und Erleben von großer Musik und ihren Interpretationen! So lassen wir uns wieder verführen, berühren, verstören, betören – und erfahren so viel Neues über die Musik und, wenn wir Glück haben, über uns selbst.

1. März 2015

Karriere ist etwas Herrliches, aber man kann sich nicht in einer kalten Nacht an ihr wärmen.
Marilyn Monroe

marilyn-monroe

27. Februar 2015

Seit Tagen beschäftigt mich ein Stück, das so unverwechselbar, so apart und einzigartig klingt wie nur ganz wenige: Strawinskys letzte Ballett-Komposition Agon. Das Werk entstand über einen Zeitraum von drei Jahren (1954–1957) und hat eine Gesamtspielzeit von zwanzig Minuten. Die Klangsprache ist elegant, höfisch und zuweilen unterkühlt manieriert. Es kommen verschiedene Kompositionsverfahren zum Einsatz, modale und serielle Techniken sind auf einzigartige Weise miteinander vereint. Bei der Konstruktion seines Werkes stützte sich Strawinsky nachweislich auf ein französisches Tanzlehrbuch aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Der formalen An­lage nach ist Agon zudem eine Suite, die ihr äußerliches Vorbild ebenfalls im 17. Jahrhundert findet.

Agon erregte im Jahr 1957 in New York großes Aufsehen, das Stück wurde als revolutionär empfunden. Die Ballettkritikerin Arlene Croce von der Zeitschrift “New Yorker” meinte, sie habe nach der Aufführung des Agon eine ganze Woche nicht schlafen können.

Der choreografische Inhalt des Stückes ist ohne jede inhaltliche Vorgabe, die Komposition ohne jeden Gedanken an ein Bühnenbild oder eine Szenerie. Eine visuelle Ausführung soll ganz der Inter­pretation des Choreographen überlassen bleiben. Wie schön, wenn unsere Gedanken frei sind und wir dem Geschehen einen, nein unseren Sinn geben können….

Stuttgart Ballett

26. Februar 2015

Oper am Vormittag: Boulevard Solitude von Hans Werner Henze (1952). Es handelt sich, so schreibt Klaus Ulrich Spiegel auf seiner website, um den “Manon-Stoff als desillusionierendes Großstadt-Drama”. Mag sein, dass in Henzes Werk die Romantik geschwunden ist, anders als in den Stücken von Puccini oder Massenet. Sicher ist, dass der Transfer in die Moderne nicht folgenlos bleibt – auf das im Original geschilderte, tragische Sterben Manons wird verzichtet. Im letzten Bild geht die Schöne als verurteilte Mörderin im Zuchthaus stumm an ihrem ehemaligen Liebhaber Des Grieux vorüber, so als hätte es niemals einen gemeinsamen Herzschlag gegeben. Sieben Bilder – mehr Darstellungen von Situationen und Figuren als typische Handlungsabfolge – in einer Mischform aus Gesang, Instrumentalmusik, Tanz und Pantomime, mit traditionellen Elementen der Oper wie Arien und Duetten, aber auch mit Einflüssen des Jazz und avantgardistischen Elementen. Ein im Wortsinne “starkes Stück”, auch heute noch, über sechzig Jahre nach seiner Uraufführung.

25. Februar 2015

Tony Curtis war sechsmal verheiratet. Seine erste Ehefrau war Janet Leigh, die Ehe dauerte von 1951 bis 1962. Später sagte er: “For a while, we were Hollywood’s golden couple. I was very dedicated and devoted to Janet, and on top of my trade, but in her eyes that goldenness started to wear off. I realized that whatever I was, I wasn’t enough for Janet. That hurt me a lot and broke my heart.”

*****

Und, passend zum Thema, der Filmtipp: “Tot Ziens” (Heddy Honigmann, NL 1995) – eine Huldigung an die leidenschaftliche Liebe in ihrer ganzen Dualität: mit ihrer Schönheit und ihren Auswüchsen, mit der Verletzbarkeit, die sie verursacht und der Energie, die sie stiftet, mit ihrem starrköpfigen Egoismus und ihrer bewegenden Großzügigkeit. Regisseurin Heddy Honigmann: “Es genügt, einmal im Leben verliebt gewesen zu sein – und wer war das noch nie? – um zu wissen, dass die Liebe ein zumindest ambivalentes Gefühl ist. Ich wollte über diese Zweideutigkeit, über diese fantastische und nie versiegende Energie der Liebenden einen realistischen Film machen. Sozusagen eine Nahaufnahme der Leidenschaft.”

23. Februar 2015

Am Wochenende zeigte 3sat die zweiteilige Dokumentation “Hollywood Legenden” von Eckhart Schmidt aus dem Jahr 2004. Der deutsche Filmemacher und Autor lässt als ausgewiesener Spezialist und Kenner der amerikanischen Kinoszene zahlreiche Stars und Filmgrößen, eben “Legenden” zu Wort kommen, darunter Kim Novak, Tippi Hedren, Jane Russell, Mickey Rooney und Rock Hudson.

Besonders beindruckend und unerwartet bewegend sind die Erzählungen von Tony Curtis. Er erinnert sich an die Anfänge seiner Karriere, natürlich an die Dreharbeiten zu “Some like it hot” mit Marilyn Monroe und Billy Wilder, an Freunde und Weggefährten. Er spricht über Lernprozesse und Entwicklungen, über das Erarbeiten von Rollen und das Absorbieren von Charakteren. Und schließlich über das wirklich Große, das Unerwartete, “the miracle”. Er sieht nach dem Kriege als arbeitsloser Jungschauspieler die junge, begehrte Ann Blyth anlässlich einer Kinopremiere. Sie ist bildschön, glamourös, schaut ihn eine Minute lang an und verschwindet dann aus seinem Blickfeld. Sieben Monate später hat er in Los Angeles einen Vertrag, und sein Studio arrangiert ein Rendezvous mit Ann Blyth! Seine Augen leuchten, als er das erzählt, es ist über fünfzig Jahre her, und er, jetzt fast achtzigjährig, sagt sehr berührt “Isn’t that wonderful?”, so als passierte es in diesem Moment.

Curtis Blyth

Tony Curtis und Ann Blyth wärend der Oscar-Nominierung im Februar 1956

Pause bis zum 22. Februar 2015

5. Februar 2015

Wer sein Ziel erreicht hat, wer in der Ferne ganz oben, ganz unten angekommen ist, der muss erkennen, dass noch nicht einmal die Hälfte der Strecke hinter ihm liegt, dass die Flucht zurück ins Vertraute länger und schmerzhafter werden kann als der Weg ins Ungewisse jemals war.
Christoph Ransmayr

Himalaya

4. Februar 2015

Ich finde, die heutige Form des Konzertes ist sehr überdenkenswürdig. Man müsste sich überlegen, wie man Konzerte besser macht. Man lässt die Leute mehr oder weniger ahnungslos kommen, zwingt sie, sich in Reihen hinzusetzen und zu warten. Dann kriegen sie was vorgespielt, sollen sich ruhig verhalten, und dann sollen sie an der richtigen Stelle klatschen und sollen bestimmte Gefühle haben …
Nikolaus Harnoncourt

3. Februar 2015

Die Oper in Frankfurt am Main spielt Orontea von Antonio Cesti!  Das ist nun wirklich etwas ganz ganz Besonderes, wie schön! Die homepage des Hauses beschreibt das Stück als “regelrechten Kassenschlager des 17. Jahrhunderts”, da es sich nach der Uraufführung dreißig Jahre lang auf den Spielplänen der Opernhäuser halten konnte. Es ist, so heißt es, die “populärste Oper Cestis” und “präsentiert eine karnevalistische und leicht freizügige Intrige, gespickt mit zahlreichen verschleierten Verführungsszenen. Geschmeidig komponierte Rezitative stehen im Wechsel mit evokatorischen Szenen, die Cesti ebenfalls in rezitativischer Form gestaltete. Gleichwohl finden sich berührende Arien – wie das berühmteste Schmuckstück, Oronteas große Arie »Intorno all’idol mio« – , die sich mit den packenden Dialogpassagen zusammen zu einem spannenden und vergnüglichen musikalischen Meisterwerk fügen.” Also – unbedingt anschauen!

2. Februar 2015

Liebe ist wie das Leben. Nicht immer leicht und nicht immer glücklich. Aber hören wir deshalb auf zu leben? Warum also aufhören zu lieben?
Unbekannt

28. Januar 2015

Hier der ultimative Erlebnis-Tipp für Fans von Opern auf DVD: Lady Macbeth von Mzensk von Dmitri Schostakowitsch (opus arte, 2006) mit Eva-Maria Westbroek, Christopher Ventris und Vladimir Vaneev in den Hauptrollen, dem Chor der Nederlandse Opera und dem Royal Concertgebouw Orchestra unter Mariss Jansons. Ein bahnbrechendes Werk des Musiktheaters im 20. Jahrhundert, mit musikalischen wie darstellerischen Leistungen auf Weltklasse-Niveau, spektakulär und packend auf die Bühne gebracht. Regisseur Martin Kušej schreibt über seine Inszenierung im Textheft:

“… Das Interessante an dieser Oper ist, wie der gesamte Komplex von Eros und Sexualität durch Macht- und Abhängigkeitsgefüge unter Druck gerät, wodurch es zu einer besonderen Form der Machtlosigkeit, unterdrückten Aggression und kriminellen Energie kommt. Lady Macbeth ist keine romantische Geschichte über Liebe und Mord. Es ist eine Tragödie, die weder Mitleid noch Angst erweckt. Es gibt keine Katharsis. Die Figuren sind sowohl Täter als auch Opfer, denn gewalttätige Umstände führen zu gewalttätigen Reaktionen. Die Verfinsterung der Welt wird als unaufhaltbarer Prozess dargestellt, plötzliche Verzweiflungsausbrüche stehen für die Begierde nach Blut und Sex. Wir sehen Erotik, dargestellt durch ungehobelte Sprache und brutale Bilder, böse Intrigen, die animalische Kraft der Gefühle und den Teufelskreis der Isolation.”

Lady Macbeth

26. Januar 2015

Heute lese ich, dass Peter Tschaikowsky am 9. Oktober 1886 in sein Tagebuch schrieb: “Ich spielte einige Kompositionen von diesem schrecklichen Brahms. Was für ein unbegabter Bastard!” Wie ist das möglich? Was hat ihm so den Blick verstellt? Warum sagt er über Bach “ich erblicke in ihm nicht ein großes Genie” und über Verdi, dieser habe “die ganze Welt mit seinen Leierkastenmelodien überflutet”? Und über Wagner: “Früher war man bemüht, die Leute durch die Musik zu erfreuen – heutzutage jedoch quält man sie.” Wir können darüber vielleicht schmunzeln, mäßig amüsiert. Ernst nehmen können wir es jedenfalls nicht. Verlegen wir uns also wieder darauf, Tschaikowsky zu hören statt zu lesen.

22. Januar 2015

Im Nachgang zum gestrigen Eintrag hier noch ein weiterer Kommentar aus dem Diskussionsforum: “Pop ist nicht nur auf ein die Musik bezogenes Phänomen, sondern steht für einen Kulturbegriff überhaupt. Und da das mittlerweile eine Industrie geworden ist, die die Konsumwünsche der Menschen bedient, eine cash cow, werden auch immer weiter Hits produziert werden. Schon deswegen, weil es immer wieder Menschen gibt, die über irgendein Ausnahmetalent verfügen, eine super Stimme, eine virtuose Begabung, gepaart mit einem entsprechendem Bedarf nach Selbstdarstellung, erotischer Ausstrahlung oder was auch immer man zur Verfügung hat, um ein Produkt daraus zu machen. Und das ist es auch, worum es hier geht: Es geht nicht in erster Linie um Musik. Die Musik ist nur insoweit interessant, als sie der Inhalt einer Ware ist.”

Das also nehmen wir mit: Bei Pop geht es nicht in erster Linie um Musik. Beim Film auch nicht, möchten wir ergänzen, trotzdem gibt es erstklassige Filmmusik, die auch ohne Bilder bestehen kann. Und in der Oper? Geht es da in erster Linie um Musik? Oder ist nicht das, was wir sehen, mindestens gleichberechtigt? Wie wichtig ist der Text? Und wie verhält es sich mit dem “Bedarf nach Selbstdarstellung” und “erotischer Ausstrahlung” bei Sängern, Tänzern, Dirigenten? Wann und wo geht es wirklich in erster Linie um Musik?

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21. Januar 2015

Auf zeit-online wird in einem Interview mit dem Musikwissenschaftler Volkmar Kramarz der Frage nachgegangen, warum Hits Hits werden und ob es tatsächlich so etwas wie eine Erfolgsrezeptur oder -formel dafür gibt. Das Thema soll uns hier nicht weiter beschäftigen. Schon eher die Frage, ob Pophörer “zwar nicht dumm sind, aber dumme Musik hören”, wie jemand im Forum dazu schreibt und die Zustimmung eines weiteren Lesers findet: “Ich hätte auch das von Sloterdijk stammende Wort “Popmusikpisse” benutzen können.:) Ziehen Sie vom Pop einmal die Show ab (Kostümierung und Gezappel), drehen sie den Lautstärkeregler runter, fragen sie nach dem Verhältnis Text – Musik und schauen Sie, was übrigbleibt. Dürftige musikalische Substanz – und das war es auch schon. Wie sehr Pop differenziertes Hören erschwert, erlebe ich tagtäglich im Unterricht. Ich bleibe dabei: Es ist dumme Musik.” Ein anderer meint, “auch Bach hat Massenproduktion nach immer gleichem Muster gemacht, weil er damit sein täglich Brot verdient hat.” Hier lässt die Antwort nicht lange auf sich warten: “Bach aber konnte komponieren. Heute, würde ich mal unterstellen, kann ein Großteil der Popmusiker eben nicht komponieren, geschweige denn ein Instrument spielen, sondern lässt durch das klassisch wirtschaftliche Outsourcing andere für sich schreiben.”

19. Januar 2015

Jack Vettriano (*1951), “Sweet bird of youth”. Drei Personen, zwei Männer und eine Frau, gehen zum Strand. Oder vom Strand weg? Das Gesicht der Frau ist von ihren Haaren verdeckt, der Blick nicht zu sehen. Die Männer wirken ruhig, entspannt, fast zu ernst. Das Ganze wirkt, wie fast immer bei Vettriano, wie eine Filmszene. Der Film erzählt eine Geschichte, die sich zuvor ereignet hat, und die sich fortsetzen wird. „Ich male, was mich bewegt”, sagt Vettriano über seine Bilder. “Diese Menschen, mit denen ich mich zu umgeben scheine, sind ein Haufen von Taugenichtsen… Aber ich liebe ebendiese Welt – eine Welt von Sex und Hedonismus. Ich liebe das, weil ich ein Geschichtenerzähler bin.” Welche Musik wollen wir dazu spielen? Bach, Schostakowitsch? Oder doch Gershwin?

jack-vettriano-sweet-bird-of-youth

18. Januar 2015

Für ruhige Abende, abseits von geschäftiger Betriebsamkeit und der Unruhe des Tages, hier ein CD-Tipp, seit Jahren, seit Jahrzehnten erprobt, aber verbunden mit der Warnung vor tiefer Melancholie und Wehmut: Oskar Werner liest Gedichte von Mörike, Heine, Saint-Exupéry und Trakl. Der Größte von allen liest, nein zelebriert so wunderbare, so wahre, so berührende Texte, dass es manchmal weh tut. Aber so ist das mit dem Schmerz der Schönheit, das muss so sein, und das mit der Wahrheit wissen wir ja ohnehin. Ein Glas Rotwein dazu ist erlaubt, auch zwei, mehr nicht. Wir wollen doch das, was uns so trifft, ganz bewusst erleben.

Oskar Werner spricht Gedichte

16. Januar 2015

Am Ende des ersten Teiles der DVD-Dokumentation “Musik im 20. Jahrhundert” (Zweitausendeins) steht ein Blick auf das Violinkonzert “Dem Andenken eines Engels” von Alban Berg. Zuvor wird deutlich, dass Arnold Schönberg als “Erfinder” der Dodekaphonie gewissermaßen aus Notwehr zum Revolutionär wurde, instruktive Ausschnitte aus “Verklärte Nacht” op. 4 und “Fünf Orchesterstücke” op. 16 zeigen das sehr schön. Alban Berg bildet nun in seinem Violinkonzert die Zwölftonreihe im Wechsel von gebrochenen Dur- und Moll-Akkorden, zudem mit einer viertönigen Ganztonreihe, die den Anfang des Bach-Chorals “Es ist genug” ergibt. Damit führt er sozusagen Altes und Neues zusammen, was, wie es in der Übersetzung heißt, eine “zeitlose” Musik zum Ergebnis hat. Der Ausdrucksstärke dieses Werks können wir uns nicht entziehen. Wir hören eine ergreifende, große Trauermusik und sind nach dem ruhig verklingenden Schluss bewegt, berührt, erfüllt.

Berg

14. Januar 2015

Vor ein paar Tagen habe ich, nach langer Zeit, wieder das “Ständchen” (D 920) von Franz Schubert gehört. “Zögernd leise” für Sopran, Männerchor und Orchester auf den Text von Franz Grillparzer. Ich hatte schon fast vergessen, wie schön das ist! Schon als ich das Stück kennenlernte, als Abiturient, ich besaß eine Aufnahme mit Janet Baker, empfand ich bei der Stelle “Drum statt Worten und statt Gaben sollst du nun auch Ruhe haben” bzw. der harmonischen Wendung unmittelbar zuvor ein tiefes Gefühl der Rührung. Ich durfte dann Jahre später das “Ständchen” selbst im Konzert dirigieren (mit Elisabeth Werres, dem Polizeichor Essen und den Bergischen Symphonikern, damals noch im alten Essener Saalbau). Es ist eine so intime, hochsensible, beglückende Musik! Und wie schön ist das Wiederfinden!!

Schubert

12. Januar 2015

Gestern “Idomeneo” im Essener Aalto-Theater. Überzeugende Sängerinnen und Sänger, starker Chor,  gutes Orchester. Inszenierung, Ausstattung und Dramaturgie akzeptabel bis zufriedenstellend. Das Geknirsche beim Laufen über das unvollständig verlegte Laminat war ziemlich nervtötend, aber lassen wir das. Dreieinhalb Stunden (mit Pause) dauert das Stück, und zum ersten Mal habe ich bedauert, dass die Oper keinen Schlager, keinen Gassenhauer, keinen Ohrwurm enthält. Wir müssen uns hier nicht über die Qualität der Musik auslassen, es ist ein grandioses Werk mit prächtigen Chören, herrlicher Ballettmusik und virtuosen Anforderungen an Vokal- wie Instrumentalsolisten. Und trotzdem: Im Vergleich zu den “Da Ponte-Opern”, zur “Entführung”, zur “Zauberflöte” kann einem das Drama doch lang werden, so ganz ohne Mitsing-Impuls. Auch das starre Opera-seria-Korsett verstellt den Blick (und das Gehör) auf die großartige Musik. Nicht ohne Grund hat die Nachwelt die Oper lange verkannt, und “Idomeneo” war nur ein Geheimtipp unter Opernfreunden. Also: Wer “Mozart at his best” hören möchte, ist hier richtig. Wer mitsingen will (natürlich nur im Stillen, hoffentlich), der sucht sich ein anderes Stück.

Mozart

10. Januar 2015

Das Abschlusskonzert des Naunheimer Chorprojektes mit geistlicher Musik der Barockzeit findet am Sonntag, 8. Februar um 17.00 Uhr in der Evangelischen Kirche in Wetzlar-Naunheim statt. In Form eines Gesprächskonzertes mit Erläuterungen kommt die Kantate “Also hat Gott die Welt geliebet” von Johann Rosenmüller als zentrales Werk zur Aufführung. Dazu gibt es a cappella Chorsätze von Burck, Lechner und Gumpelzhaimer. Komplettiert wird das Programm durch zwei Orgelwerke von Pachelbel und das berühmte “Jesus bleibet meine Freude” aus der Kantate BWV 147 von Johann Sebastian Bach.

9. Januar 2015

Nochmal Kirchhoff, immer noch Verlangen und Melancholie, eine Passage aus dem 45. Kapitel: … Tut mir sehr leid, aber ich will nichts mehr hören, das mich nicht aufwühlt vor Anteilnahme oder erröten lässt vor Erregung. Ich will nichts mehr hören, das mich nicht jung macht und mir zugleich sagt, dass ich sterblich bin. Ich will nichts mehr hören, das mich nicht eine Stunde lang mit dem Tod versöhnt oder abhält, aufs Klo zu gehen. Ich will nichts mehr hören, das ich nicht liebe und gegen die Inquisition verteidigen würde, wenn es sie noch gäbe. …

6. Januar 2015

Zurzeit lese ich “Verlangen und Melancholie” von Bodo Kirchhoff. Der Roman ist nach dem 2012 erschienenen Werk “Die Liebe in groben Zügen” ein Bestseller auf dem Gebiet der Belletristik, ein Wort im Übrigen, das der Erzähler im Verlaufe des Romans als zu selten verwendet ansieht. “Verlangen und Melancholie” enthält zu Beginn des siebzehnten Kapitels den folgenden Satz: “Die Erinnerungen an das Schöne, das lange zurückliegt, sie sind größer als man selbst, und ihre Übermacht kommt immer unerwartet, wie aus dem Hinterhalt.” Mal abgesehen davon, dass die Glücklichen unter uns den Wahrheitsgehalt dieser Aussage nur bestätigen können, so können wir dem Begriff des Hinterhalts auf neue, positive Weise begegnen. Wir haben keinen Grund, das Unerwartete zu fürchten. Wir dürfen uns den Unberechenbarkeiten getrost anvertrauen und sollten, wie ein norwegisches Sprichwort sagt, dem Glück die Chance geben, auch zu uns finden zu können.

Pause bis zum 5. Januar 2015

22. Dezember 2014

Wahr sind nur die Erinnerungen, die wir mit uns tragen – die Träume, die wir spinnen, und die Sehnsüchte, die uns treiben. Damit wollen wir uns bescheiden.
Schlussworte aus “Die Feuerzangenbowle” von Heinrich Spoerl (1887 – 1955)

Frohe Festtage! Mein herzlicher Dank gilt allen, die mich im alten Jahr begleitet haben – Veranstalter, Kursteilnehmende, Konzertbesucher, Organisatoren, Helferinnen und Helfer und alle übrigen! Auf dass wir uns auch im kommenden Jahr wieder zu den unterschiedlichsten Themen und Anlässen hören, sehen oder voneinander lesen werden. Ich freue mich sehr darauf! Auf ein gesundes, erfolgreiches Jahr 2015!
Ihr und Euer
Thomas Sander

17. Dezember 2014

Zur besonderen liturgischen Gestalt des Advents gehören die berühmten O-Antiphonen. Es sind die sieben Magnificat-Antiphonen in der Woche vor Weihnachten (17.-23.12.), die mindestens auf das 7. Jahrhundert zurückgehen. Dem Messias werden im Alten Bund sieben Titel gegeben, unter denen er in den Antiphonen angerufen wird (O Weisheit, O Adonai, O Wurzel Jesse, O Schlüssel Davids, O Aufgang, O König der Völker, O Emmanuel).  Dann schließt sich jeweils eine flehentliche Bitte um sein Kommen an.

Die innigste und ergreifendste Vertonung ist die von Marc-Antoine Charpentier. Während allerorten Händels Messias und Bachs Weihnachtsoratorium musiziert wird, hält man zumeist vergeblich nach einem Konzert Ausschau, in dem dieses Wunderwerk zur Aufführung kommt. Wirklich schade, denn es sind unmittelbar berührende, den Texten hochsensibel nachempfundene Motetten, klangschön und sinnlich. Die Referenz-Aufnahme ist bei harmonia mundi erschienen (musique d’abord), Les Antiennes “O” de L’avent mit Les Arts Florissants unter Leitung von William Christie.

Charpentier O-Antiphonen

16. Dezember 2014

“Parsifal ist eine Oper, die um sechs anfängt, und wenn man nach drei Stunden auf die Uhr schaut, ist es zwanzig nach sechs…” Wirklich? Ist es tatsächlich so? Das anonyme Zitat erinnert an einen Ausspruch von Edgar Degas: “In der Oper ist alles falsch: Das Licht, die Dekorationen, die Frisuren der Balletteusen, ihre Büsten und ihr Lächeln. Wahr sind nur die Wirkungen, die davon ausgehen.”

14. Dezember 2014

Die Musik schließt dem Menschen ein unbekanntes Reich auf, eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußeren Sinnenwelt, die ihn umgibt und in der er alle bestimmten Gefühle zurückläßt, um sich einer unaussprechlichen Sehnsucht hinzugeben.
E.T.A. Hoffmann (1776 – 1822)

12. Dezember 2014

Über das diesjährige Internationale Weihnachtssingen der Wetzlarer Partnerschaftsgesellschaften schreibt heute die “Wetzlarer Neue Zeitung”:

Weihnachten wird europäisch
Internationales Liedersingen in Sprachen der Partnerstädte und Partnervereine

Wetzlar. Seit über 20 Jahren laden die Partnerschaftsvereine der Stadt Wetzlar zum gemeinsamen Weihnachtsliedersingen in sechs Sprachen in den Konzertsaal der Musikschule ein.

In diesem Jahr war die Deutsch-Französische Gesellschaft Gastgeber, deren Vorsitzender Ingolf Hoefer einen großen Zufalls-Chor von 120 Sängern aus allen Partnerschaftsvereinen begrüßen konnte: von der Deutsch-Italienischen Gesellschaft Mittelhessen, der Deutsch-Österreichischen Gesellschaft, der Deutsch-Tschechischen Gesellschaft, der Deutsch-Englischen Gesellschaft, dem Deutsch-Amerikanischen Club “Die Brücke”, von der Deutsch-Finnischen Gesellschaft Gießen-Wetzlar und von der Europa-Union Wetzlar.

Eingangs intonierte der musikalische Leiter des Weihnachtssingens, Musikschulchef Thomas Sander, die Europahymne, Beethovens “Freude schöner Götterfunken” mit dem Text von Friedrich Schiller – und der Besucherchor erhob sich als Hommage an Europa zur ersten Strophe. Hoefer dankte der Wetzlarer “Stadtregierung” für ihr Engagement beim ehrlichen Bemühen um das Zusammenwachsen Europas an der Seite der Partnerschaftsvereine. Und Partnerschaftsdezernent Karlheinz Kräuter bekundete seine Freude ob der Tatsache, dass Jahr für Jahr mehr Menschen am gemeinsamen Weihnachtssingen der Partnerschaftsvereine teilnehmen.

Und wer wollte, konnte in Sachen Fremdsprachen und damit angesichts eher unbekannten Weihnachtsliedergutes etwas lernen. Zudem leiteten Vertreter aller sieben Partnerschaftsvereine ihren landestypischen Liederbeitrag mit kurzen Informationen, Geschichten und Anekdoten ein. Dann erklangen die Lieder in Finnisch, Italienisch, Tschechisch, Französisch, Englisch und Deutsch, jeweils in ihren musikalischen Eigenarten erläutert von Pianist Thomas Sander, der es trotz sprachlicher Hürden schaffte, “den Chor zusammenzuhalten”. Weihnachtslieder in fünf Sprachen, das gibt es nur in der Gemeinschaft der Partnerschaftsvereine in Wetzlar und Umgebung.

Mit “O du fröhliche”, einem der bekanntesten deutschsprachigen Weihnachtslieder, klang das besondere Konzert in der Musikschule aus, bei dem die Zuhörer zugleich den Chor bilden. Anschließend folgte der gesellige Teil bei Glühwein und Leckereien aus den Partnerländern.

Weihnachtssingen 2014

11. Dezember 2014

Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, dass er seine Daseinsberechtigung hat, dann muss es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, dass es so sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.
Robert Musil (1880 – 1942)

Wir brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Macht euch nur von dieser Anschauung los, und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein.
Christian Morgenstern (1871 – 1914)

10. Dezember 2014

Heute Abend “Musik und Politik”. Sir Simon Rattle erklärt uns per DVD, welchen Einfluss repressive Politik auf die musikalische Entwicklung der Komponisten Béla Bartók, Dmitri Schostakowitsch und Witold Lutosławski ausgeübt hat. Wir freuen uns auf die damals revolutionären, heute geradezu “klassischen” Klänge. Wir werden gespannt verfolgen, wie die drei Komponisten trotz des politischen Gegenwinds zu einer eigenständigen musikalischen Sprache von großer Eindringlichkeit und Kraft finden konnten. Für viele Ohren stellt diese Musik immer noch eine Herausforderung dar. Umso schöner, dass wir wieder Gelegenheit nehmen können unsere Hörgewohnheiten zu erweitern – unter Zuhilfenahme eines spannenden Exkurses in die Zeitgeschichte.

9. Dezember 2014

Seit mehr als drei Jahrzehnten kenne ich jetzt die “Fantasia on a Theme by Thomas Tallis” von Ralph Vaughn Williams (1872 – 1958). Es gibt Stücke, die verlieren nie ihren Reiz und überdauern alle persönlichen Höhen und Tiefen. Man hört das Stück, manchmal erst wieder nach langer Pause, und ist sofort berührt von der Musik, die man gut, sehr gut kennt. So geht es mir mit der Tallis-Fantasia – was sind das für melancholische, geheimnisvolle, ätherische Klänge! Wie eine große, sinnliche, suchende Betrachtung zieht diese Fantasie vorüber. Nachdenklich, versonnen, zuversichtlich. Kunst und Leben sind nichts Getrenntes, so hat es der große Pianist, Dirigent und Musikpädagoge Edwin Fischer einmal gesagt. Hier finden wir es bestätigt, und wie!

Vaughn Williams

8. Dezember 2014

Dich

Dich nicht näher denken
und dich nicht weiter denken
dich denken wo du bist
weil du dort wirklich bist

Dich nicht älter denken
und dich nicht jünger denken
nicht größer nicht kleiner
nicht hitziger und nicht kälter

Dich denken und mich nach dir sehnen
dich sehen wollen
und dich liebhaben
so wie du wirklich bist
Erich Fried (1921 – 1988)

7. Dezember 2014

Schön war es wieder, das Internationale Weihnachtssingen der Wetzlarer Partnerschaftsgesellschaften und der Europa-Union – traditionell im Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule, mit Advents- und Weihnachtsliedern in sieben Sprachen! Es ist jedes Jahr eine freundliche und entspannte Stimmung, ich darf die musikalische Leitung übernehmen, wir haben Freude an bekannten und unbekannten Melodien, an Gesprächen und Begegnungen und – nicht zu vergessen – an selbst hergestellten Leckereien aus den Ländern Europas, vom Shortbread über Marillentaler bis hin zu Punsch und Glühwein. Und, wie in fast jedem Jahr, kam das schönste Lied aus Frankreich: “Douce Merveille”, ein Noël strasbourgeois aus dem 17. Jahrhundert – eine ganz wunderbare, zarte Melodie im 6/8-Takt, in wiegender Bewegung, wie ein Liebeslied.

2013-01

6. Dezember 2014

Wir beobachten die Zugvögel in ihrem ruhigen Flug. Sie fliegen zur Wärme des Südens, wenn sie in der Winterkälte nicht im Norden überleben können. Sie kommen zurück, wenn sie für den Nestbau wieder die Fruchtbarkeit des Nordens brauchen. Sie wissen, wo es gut für sie ist, die Natur hat es ihnen einprogrammiert. Ihr Instinkt sagt ihnen, wann und wohin sie fliegen müssen.

Wir Menschen haben diesen eindeutigen Instinkt nicht. Wir sind freier als die Vögel. Wir sind so frei, uns auch gegen das zu entscheiden, was gut für uns ist. Wir können Raubbau treiben an unserer Gesundheit, an unseren Kräften. Wir können blind bleiben für das, was wir für uns selber an Liebe, an Wärme, an Zeit brauchen, um dann auch wieder anderen Menschen etwas geben zu können. Zwar kann es schlimme Folgen haben, wenn wir nur an uns selbst denken, aber auch, wenn wir nie an uns selbst denken. Deswegen ist Einkehr, zuweilen auch Umkehr etwas ganz Ruhiges, Richtiges. Bremsen aus der vollen Fahrt, wenn man gar nicht mehr weiß, wohin die Reise geht. Sich darauf besinnen, wo man hingehört, wie die Zugvögel. Und sich bewusst machen, dass Gott uns die Liebe geschenkt hat, und dass er uns schon unser ganzes Leben hindurch begleitet, auch wenn wir es nicht gemerkt haben.

5. Dezember 2014

“Spectre” heißt also der neue Bond, der im Oktober 2015 in die deutschen Kinos kommen wird. Für Daniel Craig ist es sein viertes Bond-Abenteuer, der Vertrag für einen weiteren Film ist unterzeichnet. Wir lesen in den Zeitungen, dass Christoph Waltz den Bösewicht mimt, Naomi Harris wieder als Moneypenny zu sehen ist und Ralph Fiennes die Rolle des “M” von Judi Dench übernimmt. Léa Seydoux und Monica Bellucci sind die Bond-Girls, Sam Mendes führt Regie. Gedreht wird in London, Sölden/Österreich, Rom und Mexiko. Alles gut. Und wer schreibt die Musik?

Bond Spectre

3. Dezember 2014

Nenne dich nicht arm, wenn deine Träume nicht in Erfüllung gegangen sind; wirklich arm ist nur, der nie geträumt hat.
Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916)

1. Dezember 2014

Nicht, was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus.
Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach (1830 – 1916)

28. November 2014

Im letzten Abendkurs haben wir uns mit Benjamin Brittens “Sinfonietta” beschäftigt, seinem kompositorischen Erstling. Auf www.kammermusikfuehrer.de findet sich folgende Erläuterung: “[…] Es war ein Werk jenes Genres, das aus sinfonischer Form und solistischer Besetzung eine neue Einheit zu formen versuchte – eine Synthese aus Sinfonik und Kammermusik. Der Archetypus dieser Gattung, Arnold Schönbergs Kammersymphonie Nr. 1 aus dem Jahre 1906, hatte auch auf den jungen Britten einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt, doch standen 1932, wie es Peter Evans formulierte, “noch andere Modelle für einen solchen Aufmarsch üppiger Solo-Klangfarben zur Verfügung, insbesondere Hindemiths Kammermusiken, op. 24 und op. 36, die einen kunstvollen kontrapunktischen Satz in mechanisierte, vom barocken Concerto entlehnte Strukturen verwandelten. Britten fand, bedingt durch seine Ausbildung bei Frank Bridge und seine Prägung durch die gesamte englische Tradition der Spätromantik, die flotte Gangart und barocke Symmetrie von Hindemiths Manier wenig attraktiv. Sein Ehrgeiz war es vielmehr, neue Ausdrucksmöglichkeiten in jener subtileren, wahrhaft symphonischen Thematik zu suchen, die sich statt mit eindeutigen Definitionen mit der Energie kleiner motivischer Einheiten beschäftigt… Es wird immer noch zu wenig erkannt, wie konsequent Britten auf die vereinheitlichende Kraft motivischer Ableitungen vertraute.” (Peter Evans, The Music of Benjamin Britten)

Das Stück, nur etwa eine Viertelstunde lang, hat uns alle durchaus beeindruckt. Die zitierte Erläuterung ist einem besseren Verständnis durchaus dienlich. Wir haben uns Britten bisher eher über sein Opernschaffen (vor allem durch eine Beschäftigung mit “Peter Grimes”) genähert. Im Nachhinein keine schlechte Wahl, denn so fiel der Zugang insgesamt doch leichter.

26. November 2014

Seit Karl-Heinz Köpcke in der Tagesschau das Fernsehpublikum nicht mit “Guten Abend, meine Damen und Herren” begrüßte, sondern eine ungewöhnliche Zäsur nach dem dritten Wort vornahm und somit “Guten Abend meine, Damen und Herren” sagte, haben wir uns an solcherart den Sprachfluss verunstaltende Eingriffe gewöhnt. Ein ähnliches Phänomen erleben wir immer wieder bei Politikern, die gerne erst nach dem Anfangswort des nachfolgenden Satzes atmen, um nicht unterbrochen zu werden. Ganz zu schweigen von Sportreportern, die sinnverfremdende Sprachgebilde konstruieren wie: “Die Schalker attackieren früh Schiedsrichter Weiner – bisher vorbildlich.” Jaja, der gute Mensch denkt an sich. Selbst zuletzt.

24. November 2014

Wochenende, Aalto-Theater Essen, “Jenůfa” von Leoš Janáček. Für Kenner und Liebhaber ist diese Musik längst kein Geheimtipp mehr, trotz mancher Schroffheiten und einer bisweilen eigenwilligen Melodik, die ihre Wurzeln in der tschechischen Volksmusik hat. Sehr beeindruckend ist die Wahl der jeweiligen Orchesterfarbe, die den Ausdruck der Sängerinnen und Sänger verständig unterfüttert, transparent und nie zu voluminös, auch nicht bei expressiven Ausbrüchen. Das Stück selbst bietet, wenn man so will, ein Happy-End am Ende einer Verkettung tragischer Umstände, mit der Botschaft, dass die Liebe alles Leid besiegt. Robert Carsen hat die Oper mit eindrücklichen Bildern inszeniert, eher knapp und mit beinahe kammermusikalischer Strenge. Beseelter, glücklicher Heimweg.

20. November 2014

Heute Morgen im Opernkurs “Der Rosenkavalier”. Endlich, möchte man sagen, haben wir dieses Wunderwerk begonnen zu durchleuchten, im letzten Drittel des Kurses. Das Stück hat mehrere große, über das Musikalische weit hinausgehende Themen. Zeit, Glück, Vergänglichkeit. Liebe, Bestimmung, Erkenntnis. “Mit leichter Hand geben und nehmen zu lernen” sei das Thema, hat eine der großen Operndiven einmal gesagt, bis hin zu der Frage, wie das musikalisch wie darstellerisch, aber insbesondere für einen selbst zu leisten ist. Wie schwer tun sich so viele schon mit dem “geben und nehmen”, und wie soll das gehen, “mit leichter Hand”? Humor und Leichtigkeit sollen Pate stehen, auch Melancholie und Wehmut, wenn es denn sein muss. Die Musik von Richard Strauss, diesem Klangzauberer, hält so wunderbar die Balance zwischen Schwere und Leichtigkeit! Und der Text von Hugo von Hofmannsthal! Hier wusste jemand, worüber er schreibt, mit tiefem Verständnis für die Liebe und für diejenigen, die ihr anheimfallen. “So hat halt Gott die Welt geschaffen, und anders hat er’s halt nicht können machen!” (Marschallin, 3. Akt)

18. November 2014

Großen Eindruck hat gestern im Abendkurs die 8. Sinfonie c-Moll op. 65 von Dmitri Schostakowitsch gemacht. Wir haben die im Jahr 2011 entstandene Aufnahme mit dem Royal Concertgebouw Orchestra unter Leitung von Andris Nelsons gesehen und gehört, in voller Länge. “Schwere Kost” sei diese Musik, so ein Kommentar, aber doch auch sehr beeindruckend. Im Textheft findet sich zum vierten Satz der Hinweis, dieser sei “in der barocken Form der Passacaglia eine Trauerklage, einem Requiem gleich”. In der Tat geht dieser Satz wohl am meisten unter die Haut, bei allen Ausbrüchen und ihrer eruptiven Dynamik in den übrigen Sätzen. Und natürlich dirigiert Andris Nelsons hier grandios – sehr klar, kraftvoll und entschlossen, gleichzeitig feinnervig und sensibel, ganz wunderbar. Ein fordernder, anstrengender, schöner Abend!

14. November 2014

Gestern, letzter Kursabend in Friedrichsdorf, Musik des 20. Jahrhunderts, letztes Stück Hans Werner Henze 7. Sinfonie, dritter Satz. Ich packe meine CDs und DVDs zusammen. Was wir im nächsten Kurs machen, fragt eine Teilnehmerin. Oper, antworte ich. Woraufhin sie ein Zitronengesicht aufsetzt und sagt: “Also wissen Sie – Musik ja, Oper nein.”

10. November 2014

Apropos Richard Strauss, allerdings in anderem Zusammenhang. Bei der Vorstellung von Rachmaninows zweitem Klavierkonzert musste natürlich das Wort von der “gefühlvollen Jauche” fallen, das Strauss zur Musik des Russen einfiel. Das ist nun mehr als nur diskreditierend, und für den künstlerisch verständnisvollen und toleranten Strauss auch eher untypisch. Hatte doch Rachmaninow eigentlich nur den emotionalen und pathetischen Kompositionsstil Tschaikowskys ins 20. Jahrhundert getragen! Die DVD mit Abbado und Grimaud zeigt im Übrigen, dass die Musik mehr bietet als nur triviale Melodien ohne Tiefgang. Hier ist, wenn man so will, die russische Seele vertreten, eher im Sinne der “Gruppe der Fünf” mit Mussorgsky, Borodin, Balakirew, Rimsky-Korsakow und Cui. Allerdings – das ist wohl wahr, und es hätte die fünf auch gestört – mit sehr populärem Einschlag und dem Sinn für Wirkung. So what?!

7. November 2014

Gestern Abend habe ich die CD wieder dabei gehabt und geradezu ehrfürchtig in den Player gelegt, wie immer. Dann Track 3 gewählt und zusammen mit den Kursteilnehmern erlebt, was große Kunst ist: “Beim Schlafengehen” aus Vier letzte Lieder von Richard Strauss, mit Jessye Norman und dem Gewandhausorchester Leipzig unter Kurt Masur (Philips, DDD, 1982). Komposition und Interpretation sind hier auf Augenhöhe, die Qualität der Gestaltung ist nach wie vor unerreicht, immer noch, nach über dreißig Jahren. In einem musikalisch-künstlerisch ambitionierten Haushalt muss diese CD im Regal stehen, habe ich gesagt und damit nur wenig übertrieben. Bei jpc ist die CD gerade im Angebot, für lächerliche € 7,99. Am besten kauft man gleich mehrere Exemplare, zum Verschenken. Es spielt bei einem Kulturgut dieser Klasse auch keine Rolle, ob die Beschenkten die Musik wirklich mögen.

Vier letzte Lieder

5. November 2014

Das gestern eingestellte Gedicht “Kunst und Liebe” von Richard Dehmel findet sich in der Ausgabe des S. Fischer Verlags Berlin von 1916 unter dem Titel “Eröffnung”. Ganze Textzeilen sind geändert, die Interpunktion weicht ab. Insgesamt ist der Tonfall ähnlich, doch nicht identisch.

Eröffnung

Jetzt sing ich dir das letzte Liebeslied.
Ich fühls bei jedem unsrer trauten Spiele,
daß mich ein Geist in seinen Dienst beschied,
der Geist der alten und der neuen Ziele.

Der duldet nicht in seinem weiten Bann
die allzu häuslich eingeengten Klänge;
und manchmal wandelt eine Pein mich an,
als ob ich fehl von unsern Freuden sänge.

Denn Meine Sprache ist für Alle da.
Doch was wir kaum in Seufzern uns gestehen,
was rein in Blicken zwischen uns geschah,
ist eine Sprache, die nur wir verstehen.

4. November 2014

Kunst und Liebe

Jetzt sing’ ich dir das letzte Liebeslied.
Ein Brausen füllt mein Ohr wie Sturmesklage,
seit mich in seinen Priesterdienst beschied
der Geist der alten und der neuen Tage.

Der duldet nicht in seines Tempels Bann
die sinnberückend leichtgeschürzten Klänge;
und wehrend wandelt eine Scheu mich an,
daß fürder ich von unsrer Liebe sänge.

Denn meine Sprache ist für alle da!
Doch was wir so von Aug’ zu Auge sehen,
was so in Seufzern zwischen uns geschah,
ist eine Sprache, die nur wir verstehen.
Richard Dehmel (1863 – 1920)

30. Oktober 2014

Stiller Gang

Der Abend graut; Herbstfeuer brennen.
Über den Stoppeln geht der Rauch entzwei.
Kaum ist mein Weg noch zu erkennen.
Bald kommt die Nacht; ich muß mich trennen.
Ein Käfer surrt an meinem Ohr vorbei.
Vorbei.
Richard Dehmel (1863 – 1920)

29. Oktober 2014

Heute, buchstäblich zum Frühstück, bin ich in weltberühmte Filmmusik geraten: Es lief das Harry-Lime-Thema aus dem Film “Der dritte Mann”, die Musik von Anton Karas (1906 – 1985), dem österreichischen Komponisten und Zitherspieler, der mit dieser Komposition einen Welterfolg landete. Keinem seiner übrigen Stücke war auch nur annähernd ein vergleichbarer Erfolg beschieden. Dieses Schicksal teilt er mit anderen Größen der Musikgeschichte, man denke an Max Bruch. Dessen Violinkonzert ist bis heute Favoritstück vieler Konzertbesucher, er selbst hat seine Zeitgenossen verzweifelt und vergeblich von der Qualität seiner restlichen Kompositionen zu überzeugen versucht. Oder wie fühlt sich jemand wie Ernst Nikolaus von Reznicek, der eine ganze Oper schreibt (“Donna Diana”), von der aber nur die Ouvertüre überlebt? Wohl ähnlich wie ein Sternekoch, dessen berühmtes Amuse Gueule zwar dankbar angenommen wird, aber dessen nachfolgendes Menu keine Wertschätzung findet! Bestellen wir und schmeckt uns nur, was wir kennen? Lassen wir uns durch ein oft gespieltes Einzelstück, und sei es noch so meisterlich, nicht unser Gehör verstellen? Müssten wir nicht viel neugieriger sein, viel mehr stöbern, viel mehr kennenlernen? Könnte es nicht sein, dass wir dabei etwas Neues entdecken, etwas Ungewohntes, etwas Überraschendes, von dem wir bislang weder wussten, dass es das gibt, noch dass wir es mögen?     

26. Oktober 2014

“Man muss selbst keine Sau gewesen sein, um die Qualität eines Schnitzels beurteilen zu können.” Dieser Satz fiel im Deutschen Sportfernsehen während eines Gesprächs über die Fußballereignisse vom Wochenende. Die Frage, ob Spieler oder Trainer sich in einer bestimmten Situation so oder so hätten verhalten müssen, erinnert mich an die immerwährende Diskussion über ausübende Musiker und Rezensenten. Muss ein Kritiker wirklich selbst ein Instrument gespielt haben, um zur Leistung eines Orchesters oder seines Dirigenten eine qualifizierte Meinung entwickeln zu können? Und wenn ja, muss er das Instrument auch im Orchester gespielt haben? Was ist mit Instrumenten, die im Orchester keine Rolle spielen, wie Klavier oder Gitarre? Wer gilt als Experte? Wer ist Kenner, wer Liebhaber? Welche Voraussetzungen müssen dazu erfüllt sein? Wie so oft, ruinieren auch hier ein paar schwarze Schafe den Ruf einer ganzen Zunft. Nur so konnte Oskar Werner sagen: “Es gibt zwei Arten von Kritikern. Die einen können mich am …, und die anderen dürfen nicht einmal das.”

23. Oktober 2014

Viele gehen durch die Gassen, und nur wenige schauen zu den Sternen hinauf.
Oscar Wilde

Haben wir die Sterne allerdings einmal gesehen, so wissen wir um sie und wollen sie immer wieder anschauen. Mit dem so veränderten Blick sehen dann übrigens auch die Gassen anders aus.

21. Oktober 2014

Hier der Bericht der Gießener Zeitung vom 15.10.2014 über den Vortrag über die Italienische Oper auf Einladung der Deutsch-Italienischen Gesellschaft Mittelhessen e.V. am 10.10.2014

Keine Scheu mehr vor der italienischen Oper: Wetzlarer Musikschulleiter Thomas Sander führte das Publikum über drei Jahrhunderte Operngeschichte mit Kompetenz und Humor

„Nach unserem Festakt zum 30. Jubiläum des Vereins konnten wir zum zweiten Mal dieses Jahr eine Veranstaltung im schönen historischen Saal der Musikschule Wetzlar organisieren“, freute sich die 1. Vorsitzende der Deutsch-Italienischen Gesellschaft Mittelhessen e.V., Rita Schneider-Cartocci, am Freitagabend, 10. Oktober 2014, bei ihrer Begrüßung der über 50 Gäste, die bereits im Foyer mit einem Glas Prosecco und italienischen Grissini willkommen geheißen wurden. Schneider-Cartocci bedankte sich beim Musikschulleiter Thomas Sander, der einen informativen und gleichzeitig amüsanten Vortrag „für Anfänger/innen“ über die italienische Oper halten würde.

Mit seiner kurzweiligen Präsentation führte Sander das Publikum in rund zwei Stunden durch drei Jahrhunderte italienische Oper, von den Anfängen in Florenz im Jahr 1600 innerhalb der Adligengruppe „Florentiner Camerata“ bis zu den großen Komponisten des XIX. und XX. Jahrhunderts. Mit Kompetenz und Humor erklärte der Musikschulleiter, wie die Gattung der Oper sich entwickelt hat und wie die Einstellung des Publikums sich geändert hat. Während die ersten Zuschauer sich mit den griechischen Dramen geistig auseinandersetzen wollten, sucht das moderne Publikum Entspannung und Ablenkung vom Alltag im Theaterbesuch.

Und einen schönen Abend hatten auch die Besucher der Veranstaltung, die Musikbeispiele und Szenen aus berühmten Opern aus verschiedenen Epochen auf CD hörten und auf DVD schauten. Sander führte jedes Stück mit Anekdoten, Handlungen und verständlichen musikwissenschaftlichen Erklärungen ein, damit auch die unerfahrensten Zuhörer sich der Oper annähern konnten. Das Publikum konnte am Ende des Musikvortrags einen Überblick über die Gattung der Oper vom monodischen Singen der Barockzeit bis zu den Arien, Rezitativen und Ohrwürmern der moderneren Opern gewinnen.

Die Gäste haben beispielsweise mit der Toccata von Monteverdis „Orfeo“, dem turbulenten Finale des 1. Aktes von „Il barbiere di Siviglia“ Rossinis, den virtuosen Spielen mit der menschlichen Stimmen in Donizettis „Lucia di Lammermoor“, dem Anfang von „La Traviata“ mit dem berühmten Trinklied „Libiamo ne’ lieti calici“ und zum Schluss dem Finale der „Tosca“ Puccinis eine Kostprobe der Oper genossen und sind auf eine vollständige Aufführung neugierig geworden. Auch die Anwesenden, die noch nie in der Oper waren, werden hochwahrscheinlich in der nächsten Saison ohne Scheu vor dieser schwierigen Gattung ein Theater betreten.

DIG 10-10-2014

Die 1. Vorsitzende der Deutsch-Italienischen Gesellschaft Mittelhessen e.V., Rita Schneider-Cartocci, bedankt sich bei Musikschulleiter Thomas Sander. Foto: Riva/DIG

Pause bis zum 20. Oktober 2014

14. Oktober 2014

Die Höhe der Gunst des Glücks wird oft durch die Kürze ihrer Dauer aufgewogen: denn das Glück wird es müde, einen so lange auf den Schultern zu tragen.
Baltasar Gracián (1601 – 1658), Handorakel und Kunst der Weltklugheit

13. Oktober 2014

Es war ein schöner Abend am letzten Freitag, an dem ich für die Deutsch-Italienische Gesellschaft Mittelhessen e.V. gut zwei Stunden lang über die Italienische Oper gesprochen habe. Mit DVD- und CD-Beispielen aus Werken von Monteverdi, Cavalli, Bononcini, Rossini, Donizetti, Verdi und Puccini konnte das natürlich nur ein kleiner Einblick sein. Für Erstaunen und Heiterkeit sorgen immer wieder die Querverweise auf andere Disziplinen, Gattungen oder Zeiten. Das berühmte Tosca-Zitat im James Bond-Film “Ein Quantum Trost” zum Beispiel. Oder, weniger launig, die Frage nach den Motiven menschlichen Handelns überhaupt, mit unzähligen Beispielen aus Opernwerken sämtlicher Epochen. Warum handeln die Menschen so, wie sie handeln? Warum? Die Oper gibt es seit gut 400 Jahren. Die Frage sehr viel länger, von Anbeginn, seit es Menschen gibt.

10. Oktober 2014

Mit der Deutsch-Österreichischen Gesellschaft Wetzlar e.V. ist für den 19. März 2015 um 19.00 Uhr eine Veranstaltung zum Thema “Musik in Österreich – Klassik und Romantik” verabredet. In einem Vortrag im Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule werde ich mich den bedeutendsten Komponisten Österreichs in der Zeit der Klassik und Romantik widmen. Ich werde ausgewählte Werke von Haydn, Mozart, Schubert und Bruckner – aber auch der „zugereisten“ Beethoven und Brahms – mit Beispielen von CD, DVD und live am Klavier vorstellen. Für die Zuhörenden gibt es zudem Informationen über biografische Hintergründe und zeitgeschichtliche Zusammenhänge. Wie immer sind für die Teilnahme keine besonderen Voraussetzungen nötig, Neugier und Interesse genügen.

7. Oktober 2014

Die Studienreise “Auf den Spuren der Beatles” ist jetzt terminiert. Ab dem 19. April 2015 geht es für eine Woche nach London und Liverpool, mit zusätzlichen Aufenthalten in Cambridge, York und Colchester. Nähere Informationen (Reiseverlauf, Preise, Zusatzoptionen etc.) sind über das Sekretariat der Wetzlarer Musikschule zu bekommen.

Beatles

6. Oktober 2014

Ein junger Komponist muss genauso streng erzogen werden, wie wir als junge Leute erzogen wurden. Damit er nur herausbringt, wovon er denkt: Das ist das Beste, was ich geben kann. Denn es muss ja nun mal gemessen werden mit den Werten, die wir haben! Man darf nicht vernachlässigen, Maßstäbe zu setzen! Vieles von dem, was als Neue Musik gehandelt wird, ist weder neu noch ist es Musik!
Grete von Zieritz (1899 – 2001)

2. Oktober 2014

Nach längerer Pause habe ich mal wieder die Nr. 5 der Bachianas Brasileiras von Heitor Villa-Lobos gehört. Die Vokalise ist ungeheuer einprägsam, sie brennt sich beim ersten Hören gewissermaßen auf die geistige Festplatte, löschen ist schwierig. Auf www.kammermusikfuehrer.de ist das Besondere dieser Musik sehr zutreffend erläutert:

“In den Bachianas Brasileiras hat Villa-Lobos seiner Verehrung für die Musik Johann Sebastian Bachs Ausdruck verliehen. Die Bachischen Züge der neun Werke werden jedoch “brasilianisiert”, indem sie sich mit Elementen der Volksmusik Brasiliens verbinden. Dem Komponisten war die Folklore seiner Heimat nicht nur durch sein Musizieren mit den Choros, den Straßenbands in Rio, vertraut, sondern auch aufgrund ausführlicher Studien im brasilianischen Urwald. Angeblich soll er dabei Kannibalen in die Hände gefallen sein, die ihn nur deshalb verschonten, weil er so schöne Musik machen konnte. Im Paris der Zwanziger Jahre kamen solch abenteuerliche Geschichten aus dem Urwald besonders gut an, und mit ihrer Hilfe und dank der exotischen Küche seiner Heimat gelang es Villa-Lobos, seine “brasilianischen Soiréen” zur Sensation der Pariser High Society zu machen. Dabei gab er neben abenteuerlichen Geschichten von zweifelhaftem Wahrheitsgehalt auch die originalen Melodien seiner Heimat zum Besten.

Diese Melodien Brasiliens mit den Formen Bachs zu verbinden, war für Villa-Lobos mehr als ein kapriziöser Einfall, in dem sich persönliche Vorlieben widerspiegelten. Er hatte zwischen beiden Musikstilen, so weit sie auch geographisch wie historisch auseinanderliegen mochten, strukturelle Gemeinsamkeiten entdeckt. Diese Erkenntnisse hatte er gleichsam im “Modellversuch” bei den Straßenmusikern Brasiliens erprobt und festgestellt, dass für sie die Musik Bachs eine ganz natürliche, unkomplizierte Angelegenheit war.

Diese Affinitäten brachten ihn 1930, nach seiner Rückkehr aus Paris, auf die Idee, Bach und Brasilien gemeinsam einen Zyklus zu widmen. Die Nr. 5 dieser Reihe ist die berühmteste, denn sie weist neben den vier Cellostimmen (wahlweise zu verdoppeln) einen Sopran auf. Dieser mischt sich gleich zu Beginn des Adagios mit einer langen Vokalise ins Geschehen, derweil die Celli eine Art freier Passacaglia im Fünfvierteltakt spielen. Herrliche, “Bachische” Vorhaltsdissonanzen bestimmen diesen Teil des ersten Satzes. Erst im schnelleren Mittelteil geht der Sopran zur Rezitation des ersten Gedichts von Ruth Corêa über, das vom Glanz des Mondes in der Nacht und der “Saudade” erzählt, dem unverwechselbaren portugiesischen Wort für Sehnsucht. Am Ende kehren die sehnsüchtigen Vorhalte des Beginns zurück, während der Sopran ins Summen übergeht.”

Villa-Lobos

1. Oktober 2014

Gestern Abend lief die Wiederholung einer “Tatort”-Folge des BR von 2007. Am Ende sagt die ausländische Putzhilfe, die ihren Arbeitgeber in den See seines eigenen Anwesens gestoßen hatte: “Hat großen Teich und kann nicht schwimmen. So ist Deutschland.” Der Satz entbehrt nicht einer gewissen Komik und hat durchaus Analogien. Zum Beispiel “Hat großen Flügel und kann nicht Klavier spielen.” Oder, vielleicht verbreiteter: “Ist gesund, sieht gut aus und hat Geld, aber kann nicht leben.”

29. September 2014

In den letzten Tagen habe ich einer Reihe von konfessionell gebundenen Akademien und Weiterbildungsforen meine Vorschläge für das kommende Jahr zukommen lassen. Insbesondere Vorträge zu Händels “Messias”, Requiem-Vertonungen mit Beispielen von Mozart, Brahms und Verdi sowie ein Vergleich von Kompositionen mit Hohelied-Texten von Renaissance bis Moderne stehen im Mittelpunkt. Interesse gefunden haben ebenso Vorträge und Seminare über Bachs Matthäus-Passion und die großen Messen von Mozart, Schubert und Bruckner. Der Vortrag über Haydns “Schöpfung” findet in Wetzlar im Juni 2015 statt, weitere Termine – auch zu den genannten anderen Themen – werden wie immer im Kalender aktualisiert.

26. September 2014

Die erste Konzeption ist immer die natürlichste und beste. Der Verstand irrt, das Gefühl nicht.
Robert Schumann (1810 – 1856)

23. September 2014

In der nächsten Woche beginnt ein Chorprojekt, das ich mit Sängerinnen und Sängern in Wetzlar-Naunheim durchführen werde. Nachdem nun etwa zehn weltliche Chorprojekte hinter uns liegen, alle über die Wetzlarer Musikschule organisiert und dort aufgeführt, wollen wir uns nun in einem freien Projekt der geistlichen Musik widmen. Auf dem Programm steht unter anderem die Kantate “Also hat Gott die Welt geliebet” für fünfstimmigen Chor und Instrumente von Johann Rosenmüller (1617? – 1684). Es ist wahrscheinlich das Stück, das ich auf die berühmte einsame Insel mitnehmen würde. Ein Stück Leben, gewissermaßen eine musikalische Dauerbegleitung. Ich habe das Stück mit fünfzehn Jahren kennen gelernt, auf einer Freizeit in Altenberg in NRW. Vollkommen unerwartet durfte ich damals das Cembalo spielen. Die Leitung hatte Prof. Martin Kemper, der mich am Klavier improvisieren gehört hatte und spontan fragte, ob ich nicht Lust hätte, bei der Rosenmüller-Kantate Continuo zu spielen. Er traute mir das einfach zu! So saß ich da, fünfzehnjährig, begeistert, aufgeregt, stolz, völlig gefangen und berauscht von den Klängen dieser Musik. Es war Liebe auf den ersten Blick, nein auf das erste Hören, und diese Liebe ist bis heute geblieben. Ich habe das Stück dann in den achtziger Jahren mit dem Hertener Kammerchor einmal aufgeführt, ein zweites Projekt einige Jahre später kam nicht zustande. Jetzt ist es wieder soweit, manchmal brauchen die Dinge ihre Zeit. Es ist eine Art musikalisches “nach Hause kommen”, anders als jemals und doch so vertraut.

21. September 2014

Morgen werden wir uns im Abendkurs mit Mahler beschäftigen. In der letzten Stunde haben wir die 1. Sinfonie komplett gehört, die sich zum Einstieg ja ganz gut eignet. Jetzt wollen wir einzelne Sätze kennen lernen, z. B. den sechsten Satz aus der 3. Sinfonie und den vierten aus der 5. Sinfonie, das berühmte “Adagietto”. Das Stück kennen viele aus dem Film “Tod in Venedig” (I 1971, Regie Luchino Visconti). Prisma Online schrieb damals, mit dem Film habe der italienische Regisseur ein “herausragendes Drama” geschaffen, “das mit beeindruckenden Bildern eine Atmosphäre von dekadenter Todessehnsucht schafft”. Wir wollen morgen herausfinden, warum ausgerechnet Mahlers Musik so klingt, als sei sie für den Film eigens komponiert worden. Sehnsucht kommt von sehnen und suchen. Es gibt nicht viele Komponisten der Musikgeschichte, die dafür eine eigene Sprache in der Weise entwickelt haben wie Mahler – mit eigenem Vokabular, eigener Grammatik, eigener Rhetorik. Große Vorfreude!

17. September 2014

“Ich halte viel von Beethoven, vor allem von seinen Gedichten”, soll Ringo Starr einmal gesagt haben. Wer weiß, vielleicht ist das Zitat wirklich belegt. Humor, Ironie? Mag sein. Wir können uns nicht recht vorstellen, dass Ringo das wirklich gesagt hat. Aber möglich wäre es. So wie er sich eines Tages entscheiden musste, was er werden will – Musiker oder Schlagzeuger.

14. September 2014

Der englische Musikwissenschaftler Winton Dean schreibt in seinem Buch über Georges Bizet, dass der Grund für die einzigartige Stellung der Oper Carmen im “phänomenalen Gleichgewicht zwischen Bizets Musikalität und dramatischer Begabung” liegt und dass er mit seinem Geschick “den Leidenschaften seiner Figuren in unübertrefflicher Weise Ausdruck” verliehen habe. Im Schlusssatz des Carmen-Kapitels spricht Dean dann von einem “der größten musikdramatischen Werke aller Zeiten”. Wie schön, dass wir im Dezember nach München fahren und in der Bayerischen Staatsoper diese menschlichen Leidenschaften hautnah erleben werden!

11. September 2014

1945 drehte Alfred Hitchcock den Psychothriller “Spellbound”, mit Ingrid Bergman und Gregory Peck in den Hauptrollen. An dem Film ist viel Besonderes, zum Beispiel sind die unter der Federführung von Salvador Dalí entstandenen Traumsequenzen grandios. Auch die Filmmusik von Miklós Rózsa ist überragend, der Komponist wurde dafür mit einem “Oscar” ausgezeichnet. Am beeindruckendsten indes ist das filmische Liebespaar selbst, das, allen Widrigkeiten trotzend, dem Titel seinen Sinn gibt: “Spellbound” – hingerissen, fasziniert, verzaubert. Die auf diese Weise bereits im Titel ausgegebene Botschaft ist ein besonderer Geniestreich. Der deutsche Filmtitel ist zwar weniger elegant, doch im Wortsinne bezwingend, so als dulde er keine Widerrede: “Ich kämpfe um dich” – erfolgreich, wie wir wissen.

9. September 2014

Bei der zuweilen besonderen Originalität von Gewinnspielfragen im deutschen Fernsehen wäre durchaus vorstellbar, dass bei der Frage “Was ist Lohengrin?” als vorgegebene Antworten a) eine Oper von Richard Wagner und b) ein Schokoriegel zur Auswahl stünden. Nun, richtig wären überraschenderweise a) und b), denn die Oper ist Namensgeber eines in Norwegen sehr bekannten Schokoriegels. Der Riegel gehört zu den am längsten vertriebenen Süßwaren Norwegens und wurde 2009 zu einem nationalen Kulturgut erklärt. Die Schokolade wurde den Besuchern der norwegischen Premiere am 7. Dezember 1911 erstmals angeboten und bis 1914 ausschließlich am Nationaltheater verkauft  (Quelle: wikipedia). Dabei ist doch Lohengrin gar nicht süß, möchte man meinen. Mozart – der mit den gleichnamigen Kugeln – ja auch nicht…

8. September 2014

Rolando Villazón hat ein Buch geschrieben, “Kunststücke”. Hier positioniert er sich – nach bisher beeindruckender Karriere als Sänger – auch als ernst zu nehmender Schriftsteller, schreibt sinngemäß “Die Zeit”. Gerade ist eine neue CD mit Mozart-Arien erschienen, und doch, so wird uns mitgeteilt, arbeitet hier ein ausgewiesener Könner an etwas Neuem, an etwas, das er ebenso kann. Das ist dann wohl ein bisschen anders als in Ortheils “Die Erfindung des Lebens”, wo das neue Großartige nach dem alten Großartigen kommt, gewissermaßen aus Notwehr. Über Villazóns Gemütslage als Ausgangspunkt für seine “Kunststücke” wissen wir nichts oder nur wenig. Wir können über seine Motive lange rätseln oder es bleiben lassen. Ebenso können wir die “Kunststücke” lesen oder auch nicht. Was er uns mit seinem Gesang bisher geschenkt hat – mit Verdi, Mozart und Händel (!) – ist so über alle Maßen reich, da braucht es eigentlich nichts darüber hinaus.

6. September 2014

In den achtziger Jahren habe ich im Wiener Konzerthaus eine Aufführung der Bach-Kantate “Wier müssen durch viel Trübsal” BWV 146 erlebt, mit dem Concentus Musicus Wien und dem Arnold-Schönberg-Chor unter der Gesamtleitung von Nikolaus Harnoncourt. Johann Sebastian Bach komponierte die Kantate in Leipzig für den dritten Sonntag nach Ostern, “Jubilate”. Die Aufführung war eine der schönsten, die ich je im Konzertsaal erlebt habe. Ich erinnere mich, dass auch die erste Orchestersuite in C-Dur gespielt wurde. Mit kommt diese Aufführung jetzt wieder in den Sinn, nach dreißig Jahren. Schon merkwürdig, was die Erinnerung uns bisweilen beschert.

3. September 2014

Nachmittags, im Café. Ich bestelle eine heiße Schokolade und sehe auf dem Tresen die Werbung “Cappuccino. Verliebt und aufgeschäumt.” Passt das, verliebt und aufgeschäumt? Schäumt man nicht eher vor Wut? Was ist überhaupt “aufgeschäumt”? Ein Meer, ja, das kann zuweilen aufgeschäumt sein. Vom Sturm, so richtig mit Wellen, Wogen, Gischt und so weiter. Aber ein Cappuccino, im Becher? Denken wir an die Musik für Dallmayr – sofort erinnern wir uns an diese einschmeichelnde Klaviermusik, an die sanften, dahingleitenden Akkorde. Für Tchibo, Onko oder Darboven wurde kaum anders komponiert. Wer will sich denn auch über “aufgeschäumte”, tobende Klangkaskaden an Risiken wie Magenschleimhautreizung, Übelkeit, Schlafstörungen, Extrasystolen etc. erinnert fühlen? Mal abgesehen davon, dass – Italien als Ursprungsland muss hier als Vorbild gelten – kein vernünftiger Mensch nach 12 Uhr mittags noch Cappuccino trinkt. Sowohl Verliebte als auch die souverän über ihre Sinne Verfügenden sollten dann selbstbewusst ein anderes Getränk wählen, am besten nicht aufgeschäumt.

1. September 2014

In einem der kroatischen Strandcafés, das ich während meines Urlaubs gelegentlich besucht habe, lief in schöner Regelmäßigkeit eines der populärsten Stücke dieses Sommers, “All of Me” von John Legend. Diese hübsche, gefühlvolle Ballade spricht die Sinne an – Sehnsucht, Melancholie und Zärtlichkeit mischen sich zu feinen, sensiblen Klängen. Jenseits sängerischer Aspekte habe ich mich immer gefragt, was denn das Besondere ist, das über das “gut und schön” Hinausgehende. Nach mehrmaligem Hören dann die Erkenntnis, wenig spektakulär: Schon Johann Sebastian Bach hat seine Choräle so geschrieben, ja alle barocken Meister haben diese harmonischen Zutaten gekannt und in ihrem Kompositionsalltag verwendet. Simple Hauptdreiklänge, wenig Parallelen, bisweilen ein Vorhalt mit entsprechender Auflösung, dezent und unaufdringlich – fertig. “All of Me” oder “Back to the Roots”. Schön zu wissen, dass Jahrhunderte alte Rezepte nach wie vor Verwendung finden, zumal in anderen, neuen Sparten.

Pause bis zum 1. September 2014

28. Juli 2014

Heute Abend “Eine Alpensinfonie” von Richard Strauss. Dazu ein Auszug aus www.klassikakzente.de:

Er war 14 Jahre alt, als er sich auf eine Bergtour begab. Spät in der Nacht brach er auf. Dann wanderte er langsam in den Morgen hinein und erlebte mit großer Intensität die Schwelle zwischen Nacht und Tag: wie es langsam heller wurde und der junge Tag sich ihm in prächtigen Bildern der Berge darbot. Doch mit einem Schlag wurden ihm auch die Gefahren und Gewalten der Natur bewusst. Richard Strauss verlief sich heillos und geriet in ein schweres Gewitter. Nach einigem verzweifelten Suchen fand er aber Zuflucht in einer Berghütte.

Was macht ein musikalisch begabter Jugendlicher nach einem solchen Erlebnis? Er setzt sich ans Klavier und zeichnet die Geschichte nach. Erlebnisverarbeitung in pubertärer Manier, naiv und konkret, ohne symbolische Ambition. “Eine riesige Tonmalerei”, wie er es später kritisch ausdrücken wird, ein “Schmarren”. Das Erlebte drang in die Musik. Es wollte ausgedrückt werden.

Aber die Töne des Klaviers bekamen die Natur nicht zu fassen. Sie brachten etwas anderes zum Ausdruck. Wer die Natur erlebt, erlebt nicht allein ihre Farben, ihre Töne, ihren Rhythmus und ihre Proportionen, sondern zuallererst sich selbst, den Nachhall, den die Natur in seinem Inneren erzeugt. Und dieser Nachhall kann in Musik verwandelt werden. Er schafft die Verbindung zur Natur, die in der Musik später kaum ein anderer so symbolgetreu herzustellen wusste wie Richard Strauss.

25. Juli 2014

“Kunst ist eine Form von Krankheit”, soll Giacomo Puccini gesagt haben. Gut möglich, dass er dabei an seine Mimì, Tosca oder Turandot gedacht hat. Oder an Rodolfo, Cavaradossi und Kalaf. Wegen Fieber, Schlaflosigkeit, beschleunigtem Puls und so weiter. So gesehen ist auch die Liebe eine Form von Krankheit, bisweilen kaum mit Erfolg zu therapieren. Herzrasen kann man eben nicht mähen.

Herzrasen

23. Juli 2014

“Leben ist, was wir daraus machen”, hat Henry Miller (1891 – 1980) einmal gesagt, und die Wahrheit liegt oft am Rande, nicht in der Mitte, so meinte er weiter. Ist es so? Am erstaunlichsten ist wohl, dass das Unwahrscheinliche, das, worüber wir sagen, es sei “nicht zu fassen”, das im Wortsinne Fantastische, uns auf grandiose Weise zeigt, was das Leben ist, was es über das hinaus ist, was wir zu kennen glauben. Wir, die wir bisher dachten, doch so klug, so belesen, so erfahren zu sein!  Wer oder was beflügelt uns, was befähigt uns zu diesem Leben, wenn nicht Fantasie, Herzensweite, Leidenschaft, Vertrauen, Liebe? Leben ist, was wir daraus machen, ganz richtig. Andiam, incominciate!

……

Mit der Deutsch-Italienischen Gesellschaft Mittelhessen e.V. ist für Freitag, 10. Oktober um 19.30 Uhr (Wetzlarer Musikschule, Konzertsaal) ein Vortrag mit dem Thema “Einführung in die italienische Oper” verabredet. Eine Zeitreise von den Anfängen der Florentiner Camerata über Monteverdi und Cavalli, mit Beispielen aus der Zeit des Belcanto mit Rossini, Donizetti und Bellini, über die beiden Großen, Verdi und Puccini, bis hin zu Nono und Henze. Welch ein Parcours! Molto lieto!

21. Juli 2014

Heute war “La Belle Époque” in der Post – Lieder von Reynaldo Hahn, gesungen von Susan Graham, am Klavier begleitet von Roger Vignoles. In den Rezensionen heißt es, diese Musik trage dazu bei, “dass man sich besser fühlt, erholt, getröstet, irgendwie erhaben – und auf schönstmögliche Weise unterhalten.” An anderer Stelle sagt jemand, es seien “Salon-Lieder – nicht mehr, aber auch nicht weniger”, und in Maßen genossen machten diese Lieder “schlicht und einfach glücklich”. Das ist durchaus nicht übertrieben. Der Kompositionsschüler von Jules Massenet und Kommilitone von Maurice Ravel hatte die Gabe, kaum Sagbares in filigrane, fein gesponnene Klänge zu hüllen. Pastellfarben grundiert, mit zarten Pinselstrichen und dezent-floralem Parfum entstehen sensible Klangbilder – traumverloren, erstaunt, verliebt. Unbedingt anhören!

18. Juli 2014

„Der Wein ist deshalb so gefährlich, weil er nicht die Wahrheit ans Tageslicht bringt, sondern gerade ihr Gegenteil: Er enthüllt die vergangenen, vergessenen und erledigten Geschichten der Menschen, und nur bedingt ihren gegenwärtigen Willen. Er bringt willkürlich all die flüchtigen Gedanken ans Licht, mit denen man vor längerer oder kürzerer Zeit gespielt und die man wieder vergessen hat. Er spottet der Absicht, irgendetwas zu streichen, er liest alles aus dem menschlichen Herzen, was trotz der Streichung immer noch lesbar geblieben ist. (…) Kurz, unsere ganze vergangene Schicksalsgeschichte bleibt für immer irgendwie lesbar, und der Wein liest alles laut vor und schreit es in die Welt hinaus, ohne sich um die Korrekturen zu kümmern, die das Leben später hinzugefügt hat.“
Italo Svevo, Zeno Cosini

Verhält es sich nicht mit der Musik ebenso? Bringen nicht Klänge und Melodien, die wir vor vielen Jahren kennen gelernt, gesungen und gespielt haben, Erinnerungen zurück, ganz nah und unmittelbar? Wie oft sagen wir “als wäre es gestern gewesen”, wo doch Jahre ins Land gegangen sind, in denen wir uns und unser Leben neu geordnet haben, vielleicht mehrfach! Die Musik kennt eben auch keine “Korrekturen”, sie bleibt immer bei sich und macht die “Streichungen” im Herzen lesbar, sichtbar, hörbar – wie schön!

16. Juli 2014

“Pli selon Pli” ist noch immer das Opus magnum des weise gewordenen Bilderstürmers Pierre Boulez. Er, der beständig an seinen Werken feilt, sich selten mit einer Version zufrieden gibt, ließ sich über dreißig Jahre Zeit, um “Pli selon Pli” zu vollenden. Im Grunde liegt das Werk seit 1962 vollständig vor, doch beschäftigte es Boulez bis 1989, dem Jahr der letzten Revision und endgültigen Fertigstellung.
Thomas Schulz in “Rondo”, Mai 2002

Ich selber komme immer wieder auf dieses Werk zurück, nicht nur in Kursveranstaltungen. Ein Kosmos von klanglichem Reichtum, von Unvorhergesehenem und Unvorhersehbarem, mit unzähligen Möglichkeiten! Dreißig Jahre bis zur “endgültigen Fertigstellung”, so lesen und lernen wir. Sonderlich erstaunt sind wir darüber nicht.

Boulez

15. Juli 2014

Der tschechische Komponist Leoš Janáček (1854 – 1928) studierte in seiner mährischen Heimat die “Sprachmelodie” seiner Landsleute, zudem zeichnete er in Noten möglichst exakt den Gesang der Vögel und andere Naturlaute auf. Rolf Sudbrack berichtet über ein Interview mit Janáček kurz vor dessen Tod: „Für ihn habe die Musik, sagte Janáček, so wie sie aus den Instrumenten klänge, wenig Wahrheit. Aber wenn er dem Klang eines redenden Menschen lausche, höre er am Tonfall, was in ihm stecke, ob er lüge, ob er erregt sei. Die Sprachmelodie sei ein Fensterchen in die Seele des Menschen.“ In seinem 2. Streichquartett, den “Intimen Briefen”, hat Janáček diese Sprachmelodie wunderbar verarbeitet, gewissermaßen als musikalische Camouflage. Hier spricht jemand, dem vor Herzensfülle der Mund überläuft. Und der uns ein melodisches Hörbuch schenkt, verspielt, souverän, frei.

Janacek

13. Juli 2014

“If you care about something you have to protect it – If you’re lucky enough to find a way of life you love, you have to find the courage to live it.”
John Irving, A Prayer for Owen Meany

10. Juli 2014

“Im Herzen sind wir alle noch Romantiker”, hat Leonard Bernstein einmal gesagt. Was ist romantisch? Gefühlsbetont, fantasievoll, beseelt, empfindsam, feinsinnig? Wie auch immer, es gilt, die Sprache des Herzens zu hören und sie zu verstehen! Vielleicht haben wir unsere Herzensrufe lange Zeit überhört. Oder wir haben sie gehört und nicht verstanden, wie eine fremde, uns unbekannte Sprache. Vielleicht haben wir sie aber auch sehr gut verstanden (weil ja die Sprache so furchtbar schwierig gar nicht ist), und es fehlte uns nur an Zutrauen, Offenheit, Mut, Beherztheit (!) oder Courage.

Wie sich in der Musik die wesentlichen Dinge im piano vollziehen, so ereignet sich das Lebenswichtige zumeist in Momenten der Einkehr, des Innehaltens, der Stille. Dann, nur dann können wir verstehen, erkennen, begreifen. Das Herz ist uns immer etwas voraus, es weiß so vieles früher als wir selbst. Und es erzählt uns gerne davon! Wir müssen nur bereit sein zu hören, dann ist alles möglich: Leben, Liebe, Glück.

 

8. Juli 2014

Am Freitag der nächsten Woche findet das Abschlusskonzert des diesjährigen Chorprojektes in der Wetzlarer Musikschule statt. Auf dem Programm stehen Chorsätze von Armin Knab, Gustav Jenner und Johannes Brahms, dazu gibt es acht Lieder von Armin Knab. Die Sopranistin Kira Petry wird diese wunderbaren Stücke singen, ich werde sie am Klavier begleiten. Allein das Goethe-Lied “Bleibe bei mir” (Es-Dur!) – ich habe selten ein Lied aufgeführt, das mich beim Hören, beim Proben, beim Spielen so bewegt hat wie dieses. Knab schreibt hier äußerst kunstvolle, ungewöhnliche Akkordfolgen von glutvoller Intensität und Ausdruckskraft. Alles ist hier außergewöhnlich, und die letzten zwei Zeilen sind einfach unbeschreiblich.

Bleibe, bleibe bei mir,
holder Fremdling, süße Liebe,
holde, süße Liebe,
und verlasse die Seele nicht!
Ach, wie anders, wie schön
lebt der Himmel, lebt die Erde,
ach, wie fühl ich, wie fühl ich
dieses Leben zum ersten Mal!

6. Juli 2014

Gestern hat die Mannschaft der Niederlande bei der Fußball-WM das Halbfinale erreicht. Das ist schön, hören wir doch so noch zwei weitere Male die Nationalhyme “Wilhelmus van Nassouwe” (Komponist unbekannt). Die Hymne, für meinen Geschmack von allen die melodisch schönste, hat etwas sehr Besonderes: Sie klingt würdevoll und royal, ist aber nie zu pompös oder gar lärmig, übrigens auch dann nicht, wenn sie ausschließlich von Blechbläsern gespielt wird. Und noch etwas, für Kenner: Die Hymne enthält Taktwechsel. Sie beginnt geradtaktig, mit zwei verkürzten Halbschlüssen, um dann im letzten Teil in den ¾-Takt zu wechseln. Das Schöne daran ist, dass man erst mit einer gewissen Verspätung wahrnimmt, auf welche Weise Takt und Rhythmus hier ineinander greifen. Der Rhythmus besteht dabei weitgehend aus Vierteln und Achteln, mit nur wenigen, aber gezielt auf die Taktschwerpunkte gesetzten Halben. Das gibt dem melodischen Fluss eine große Ruhe, insbesondere durch den Einsatz von “großen” Dreiertakten, sogenannten Hemiolen. Die Entscheidung darüber, ob die Niederlande Fußball-Weltmeister werden, fällt erst in ein paar Tagen. Die Hymne indes hat den Titel schon jetzt allemal verdient.

3. Juli 2014

Da war sie wieder, die Erkenntnis, dass Oper nichts Künstliches, Fremdes, Entlegenes, Unwirkliches ist – nein, sie hat unmittelbar und auf sehr berührende Weise mit uns und unserem Leben zu tun! Nach Ausschnitten aus “La Traviata” und “Rigoletto” sitzen Kursteilnehmer/-innen sprachlos da, beeindruckt, bewegt. Natürlich wegen Netrebko und Villazón, wegen Deckers Inszenierung, wegen Rizzis Tempi, wegen Verdi sowieso. Wir wissen, es ist große Kunst, und wir genießen sie. Aber das ist nicht das Eigentliche, das Wesentliche. Wir spüren mit unvermuteter Intensität, dass hier unsere ureigenen Fragen gestellt werden. Das, was uns bewegt, was uns umtreibt. Etwas, dem wir uns stellen müssen, das uns zu Positionierung, nein, zu Haltung zwingt. Was ist unser Credo? Und in welchem Leben wollen wir ihm folgen, wenn nicht in diesem? Wir könnten, wenn wir denn wollten, ganz andere Saiten aufziehen! Und die, welche da jetzt so wundersam klingen und unsere Herzen erfüllen, diese ehedem verschüttet und verstimmt geglaubten Saiten, sie weisen uns den Weg.

1. Juli 2014

Auf www.glamour.de habe ich ein paar sehr schöne Filmzitate gefunden, manche sind ganz wunderbar. Bei einigen von ihnen ist es nicht einmal nötig, die entsprechende Szene zu kennen.

Wie ein einziger Tag
„Ich kann ziemlich witzig sein, wenn du willst. Nachdenklich, klug, abergläubisch, tapfer, vielleicht ein guter Tänzer… Ich kann sein, was du willst. Sag mir, was ich sein soll und ich bin es für dich.” (Duke)

Real Love
„Ich bin nichts Besonderes. Er ist nichts Besonderes. Zusammen sind wir was.” (Caroline)

Die fabelhafte Welt der Amélie
„Ohne dich wären die Gefühle von heute nur die leere Hülle der Gefühle von damals.” (Zitat des Schriftstellers Hipolito)

Vanilla Sky
„Eines Tages wirst du wissen, was wahre Liebe ist. Es ist das Saure und das Süße. Das Saure kenne ich, deshalb weiß ich das Süße zu schätzen.” (Brian)

Harry und Sally
„Wenn man begriffen hat, dass man den Rest des Lebens zusammen verbringen will, dann will man, dass der Rest des Lebens so schnell wie möglich beginnt.” (Harry zu Sally)

Sweet Home Alabama
„Warum willst du mich heiraten?” „Damit ich dich küssen kann, wann ich will!” (Jake zu Melanie)

Stadt der Engel
„Wenn ich gefragt werde, was mir am besten gefallen hat, dann sage ich, das warst du.” (Seth zu Maggie)

30. Juni 2014

“Es war immer und in allen Vorstellungen ein Rausch sondergleichen“, erinnert sich Brigitte Fassbaender. „Kein Abend, an dem mir nicht das Herz in die Magengrube gerutscht ist.“ Abende, die zum Größten gehören, was sich an der Bayerischen Staatsoper je ereignet hat: Dirigierte dort Carlos Kleiber seinen geliebten „Rosenkavalier“, herrschte Ausnahmezustand. Beschreiben konnte man das schon bald nicht mehr. Nur genießen. Und hoffen, dass es nie vorbeigeht.
merkur-online, 28.11.2008

Was heißt das, “dass es nie vorbeigeht”? Es heißt, dass wir seither nicht mehr dieselben sind, dass wir es nie mehr anders hören und spüren wollen, dass, wie es bei Rilke heißt, “alles, was uns anrührt, dich und mich”, uns zusammen nimmt “wie ein Bogenstrich, der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.”

29. Juni 2014

Don Giovanni als ergrauter, müder und desillusionierter Alt-Womanizer mit Gehhilfe (nicht Gehilfe, aber das auch noch!) – die Oper in Frankfurt am Main hat sich getraut, den Fokus auf die Titelfigur der Mozartoper einmal ganz anders, nämlich in der beschriebenen Weise auszurichten. Das ist für sich genommen in Ordnung – indes hochproblematisch, denn es hat erhebliche Auswirkungen auf den Ausdrucksgehalt der Musik! Muss der erfahrene Charmeur und Verführer jetzt wirklich “Là ci darem la mano” und später “Deh vieni alla finestra” derart spröde, sachlich, ohne jeden Schmelz, ohne jedes Anzeichen von Verliebtheit intonieren? Muss er, der zu emotionalen Ausbrüchen nur noch fähig ist, wenn ihn sein Zynismus überkommt, wirklich “lust”los singen? Das mag seitens der Regie alles in sich schlüssig sein – “er kann eben nicht mehr wie früher, er will vielleicht gar nicht, er ist halt verbraucht” oder so ähnlich – es lässt jedoch die Dimension der Mozartschen Musik, die ja gerade das Unsagbare, das Textlose, das Eigentliche so meisterhaft und wunderbar transportiert, völlig außen vor – und das geht nicht! Don Giovanni mag als alter Haudegen herz- und seelenlos daherkommen, who cares? Aber die Musik und das, was letztlich über allem steht, ist im Wortsinne bezwingend und wird es immer sein. Das allerdings wäre ein schöner Ansatz gewesen: Liebe schlägt Alter.

26. Juni 2014

“Bis die Tachonadel knickt”
Gespräch mit der Schauspielerin Bibiana Beglau
aus: Der Spiegel 23/2014

(…) Den Stillstand verachtet auch die Schauspielerin Beglau. “Wir leben in einer zwangsberuhigten Gesellschaft”, behauptet sie. “Ständig reden alle von Wellness und wollen an ihren Kräften sparen.” Fast jeder strebe nach Entspannung. “Wozu denn? Die Menschen in unserem Land sind so schrecklich entspannt, dass sie mit vierzig ein Burn-out haben! Da frage ich: Was haben die denn eigentlich verbrannt?” Überall werde davon geredet, bloß den Ball flach zu halten, sich zu schonen, mal lockerzulassen. “Und trotzdem erwischt uns das Burn-out! Wie wenig haben wir denn zu verbrennen, wo wir doch die ganze Zeit an uns gespart haben?” (…) “Ich will keine Unterhaltung, ich will die große, schwere Kunst”, sagt sie. “Es ist nicht zu viel verlangt, sich jedes Mal fundamental einzulassen und sich kopfüber reinzustürzen in ein Stück, statt auf Nummer sicher zu gehen.”

Danke, Bibiana Beglau! Das musste mal raus, und zwar genau so.

Beglau

24. Juni 2014

“Sollen wir schon reingehen, oder magst noch schauen?”, sagt ein älterer Herr zu seiner Begleiterin. “A bissl können wir schon noch schauen”, lautet die Antwort. Immerhin wollen all die ausgesuchten Garderoben auch gesehen werde. Die Operngänger ziehen sich angemessen an – oder zumindest so, wie sie es für angemessen halten.

München ist wahrscheinlich die einzige Stadt, in der man in der Oper dasselbe tragen kann wie auf der Wiesn. Das Festtagsdirndl ist besonders bei Frauen um die 50 beliebt. “Das Publikum zieht sich wieder besser an als früher, zu Jonas-Zeiten”, urteilt Frau Knappik, “man sieht kaum noch Jeans.” Stattdessen: “Junge Mädchen in kürzesten Röcken und höchsten Stilettos, für mich eine Freude, das zu sehen.”

Überhaupt, die jungen Menschen. Der Großteil der Besucher ist definitiv im Rentenalter, aber ein paar junge gibt es doch, die dafür verantwortlich sind, dass das Durchschnittsalter noch bei flotten 57 liegt. Die jungen Operngänger sehen entweder aus wie gut erzogene Töchter und Söhne oder wie Musikstudenten – aber nie wie beides gleichzeitig. (…)

Im Parkett sitzen Menschen, die für eine Opernkarte so viel Geld ausgeben wie andere für eine Woche All-inclusive-Urlaub in Bulgarien, wobei es zwischen diesen beiden Gruppen keine nennenswerte Schnittmenge geben dürfte. Auf den unbequemen altrosa Klappsesseln geht, solange das Licht anbleibt, das Schauen weiter. “Des is ja wieder a Who-is-who hier”, kommentiert eine Dame, nachdem sie von Reihe neun aus einem Bekannten in Reihe sechs gewinkt hat.

Den besten Blick aufs Publikum in seiner ganzen Masse und Pracht hat man von den Rängen aus. Hier sitzen diejenigen, die weniger aufs Gesehenwerden geben (denn man sieht sie unter den niedrigen Decken auch kaum) und dafür umso mehr auf die Musik. Sie geben sich beinahe ganz dem Hören hin – manchmal notgedrungen, denn besonders von der Seite sieht man von der Bühne gerade mal ein Eckchen. (…)

Die ersten Augenblicke nach dem Öffnen des Vorhangs sind die spannendsten, sie können viele Überraschungen hervorbringen. “Der singt ja Italienisch!”, wundert sich ein Mann im Trachtenjanker laut beim ersten Auftritt in “Aida”. Nun entscheidet sich, ob man den Abend mögen wird oder nicht. Große Teile des Publikums sehen das nämlich allein an Kostümen und Bühnenbild. Als bei der “Entführung aus dem Serail” Statisten mit Fußballschals um den Hals die Bühne betreten: deutlich hörbares Murren. Als sich die Eunuchen erst das Hemd, dann die Hose ausziehen: beinahe ungehaltenes Raunen. “Na, nicht schon wieder Nackerte”, fürchtet sich eine Frau. Erleichterung, als die Unterhosen anbleiben.

In der Pause wird bei Verlassen des Saals diskutiert: “So langsam kommt’s ja.” “Ich find’s schön, so modern” oder “So eine wunderbare Inszenierung, so konventionell!” Das Publikum drängt in die hübsch altmodischen “Erfrischungsräume”. Im WC-Vorraum mit der blauen Seidentapete drängeln sich vor Spiegeln Damen, die sich nachschminken, zupfen, richten und pudern, die Herren stehen derweil am Büfett an und kaufen, je nach Großzügigkeit, Sekt (5 Euro) oder Champagner (13,50 Euro), Tatarschnitten, Sachertorte oder “Operntoast” (Käse-Schinken).

An Frau Knappiks Stand steht ein Mann um die 60, mit Hut und Fliege, auf der Oberlippe ein sorgsam gestutztes Menjou-Bärtchen und kauft Netrebko-Postkarten, für die “Daheimgebliebenen”, sagt er. “Ich habe heute Mittag den ICE aus Köln genommen, dann war ich im Dürnbräu essen, gleich gibt’s hier noch was Schönes vom Käfer, nach der Vorstellung noch einen Absacker und dann mit dem ICE um 3.20 Uhr zurück. Das mach ich immer so.” Dann säuselt er rheinisch hinterher: “Die Operfans, die sind genauso jeck wie die Fußballfans.” (…)

Nach dem Applaudieren setzt sich das Münchner Publikum ins Taxi, die Tram, den Reisebus nach Bad Feilnbach oder Traunstein, manchmal auch aufs Radl, die Tiefgarage spuckt BMW, Porsches und Audis aus. Ein paar Getreue harren vor dem Bühneneingang aus, warten, oft bis zu einer Stunde, auf die Solisten, auf La Gruberova, die Netrebko oder den Kaufmann, um ein Autogramm zu kriegen oder Blumen zu überreichen.

Am unteren Ende der Treppenstufen des Nationaltheaters sitzt, wie fast nach jeder Vorstellung, ein Obdachloser. In der Mütze vor ihm liegen eine Euromünze und ein 50-Centstück. Verdient er was, am Münchner Opernpublikum? “Viel geben sie nicht”, sagt er und zeigt beim Lächeln seine Zahnlücken. “Aber ich bin da niemandem böse. Kleinvieh macht auch Mist.”
aus: www.sueddeutsche.de, 22.06.2011

22. Juni 2014

Vor ein paar Jahren wurde der Verein “Karanjorro – Bildung und nachhaltige Entwicklung in der senegalesischen Savanne” gegründet. Ich helfe seither mit, für die Kinder in M’bour (südlich von Dakar) bessere Bildungschancen zu schaffen. Der Verein hat seit seiner Gründung durch zahlreiche Aktivitäten ein beachtliches Spendenaufkommen generiert. So wurden ein Brunnen gebaut, Unterrichtsräume und Toiletten errichtet, Tische, Stühle und Lehrmaterial angeschafft und über die staatlichen Behörden Lehrkräfte verpflichtet. Mittlerweile wird vor Ort Unterricht für über dreißig Kinder vorgehalten, in der Mehrzahl Mädchen.

Für den 28. September 2014 um 17.00 Uhr ist nun ein Benefizkonzert geplant, der Erlös soll die Arbeit von “Karanjorro” weiter unterstützen. Im Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule werden dann Märchen für Groß und Klein erzählt, dazu spiele ich Improvisationen am Klavier. Märchenhaft, versteht sich. Herzliche Einladung!

19. Juni 2014

Kunst heißt, nicht wissen, dass die Welt schon ist, und eine machen. Nicht zerstören, was man vorfindet, sondern einfach nichts Fertiges finden. Lauter Möglichkeiten. Lauter Wünsche. Und pötzlich Erfüllung sein, Sommer sein, Sonne haben.

Künstler sein heißt: nicht rechnen und zählen; reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht ohne die Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch. Aber er kommt nur zu den Geduldigen.

Die Menschen sind so furchtbar weit voneinander; und die, welche einander lieb haben, sind oft am weitesten… Es kommt darauf an, dass man einmal im Leben einen heiligen Frühling hat, der einem so viel Licht und Glanz in die Brust senkt, dass es ausreicht, alle ferneren Tage damit zu vergolden.
Rainer Maria Rilke (1875 – 1926)

18. Juni 2014

Celibidache probt Bruckners Neunte – mit den Münchner Philharmonikern, 1991 – und sagt, Musik sei nicht “interpretierbar”, eine Strecke von Plön nach Eutin könne man auch nicht interpretieren, sondern nur “erleben, erfahren”. Für einen Dirigenten, so sagt er weiter, gibt es auf diesem Weg der Erfahrung unzählige “Neins”: “Zu schnell, zu langsam, zu laut, zu spät… ” Er macht eine Kunstpause und fügt hinzu: “Und Ja: nur ein einziges.” Dann erzählt er, dass er am Abend vor Konzerten immer die Partitur nimmt, sie liest und dabei all sein bisheriges, angehäuftes Wissen verbannt, um frei zu sein für das Erleben, für das Erfahren. – Der Pianist Edwin Fischer hat einmal gesagt, “Kunst und Leben sind nichts Getrenntes, sondern eine Einheit.” Noch Fragen?

15. Juni 2014

Nur in der Vorstellungskraft des Menschen findet jede Wahrheit einen wirkungsvollen und unbestreitbaren Fortbestand. Phantasie, nicht Erfindung, schafft in der Kunst wie im Leben das ganz Besondere.
Joseph Conrad (1857 – 1924)

13. Juni 2014

Vor etwa zehn Jahren habe ich an der Wetzlarer Musikschule damit begonnen, im Bereich der musikalischen Erwachsenenbildung regelmäßige Angebote zu etablieren, insbesondere außerhalb des Instrumentalunterrichtes. Im Laufe der Jahre ist für musikalisch Interessierte eine breite Palette mit vielen Möglichkeiten des Teilnehmens entstanden, das Spektrum reicht von Vorträgen und Kursen zu Themen der Musikgeschichte über Chorprojekte bis hin zu Opern- und Konzertreisen.

Die Musikschule lädt jetzt zu einem kostenlosen Informationsabend am Donnerstag, 26. Juni um 19.30 Uhr in den Konzertsaal am Schillerplatz ein. Ich werde einen Einblick in laufende und kommende Kursangebote geben mit Ausschnitten von CD, DVD und live am Klavier. Bis zu den Sommerferien besteht dann kostenlos und unverbindlich Gelegenheit, in einzelne Veranstaltungen hinein zu schnuppern. Herzliche Einladung!

Rund um Musik (ohne Rahmen)

11. Juni 2014

Heute vor 150 Jahren wurde Richard Strauss geboren. Das Feuilleton und die Fachpresse, die Musik- und Kulturzeitschriften sind nicht gerade zurückhaltend mit Würdigungen und Lobgesängen auf diesen großen Komponisten, zu Recht. Hier und da allerdings finden sich auch die hinlänglich bekannten, kritischen Kommentare zu seiner kulturpolitischen Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus. Den Vogel schießt die Neue Musikzeitung ab, in der Albrecht Dümling sich zu der Aussage versteigt, Strauss habe “Politik und Geschichte (…) nur unter dem Aspekt des persönlichen Nutzens” betrachtet, und zu dem Urteil kommt: “Dass der einstige Avantgardist seit dem Rosenkavalier kaum noch musikgeschichtlich wegweisende Werke geschaffen hatte, hat er selbst nicht mehr wahrgenommen.”

Umso wohltuender ist ein Interview mit Christian Thielemann, das die Wetzlarer Neue Zeitung heute abdruckt (dpa). Hier wird der Maestro zitiert mit Sätzen wie: “Vor allem sein Spätwerk birgt noch so manchen Schatz. Dieses gilt ja gemeinhin als spröde, ist es aber nicht: Man muss nur genauer hinhören.” Und schließlich: “Das ist wie bei Wagner und Mozart. Strauss’ Musik berührt die Menschen auch heute noch unmittelbar. Und sie hat nichts von ihrer Aktualität verloren.”

9. Juni 2014

“Nichts wahrhaft Gutes war jemals einfach.” Dieser Satz aus Zwei an einem Tag von David Nicholls wird in der noch zu komponierenden Oper (Komponist Hans Osterdam) am Ende des zweiten Aktes von Emma Morley (Sopran) gesungen, ein einziges Mal, ohne Wiederholung, unisono, nur von Bläsern begleitet. Wie in Stein gemeißelt, für uns mahnende Erinnerung wie gleichermaßen Versprechen auf alles Kommende. Im englischsprachigen Raum wird die Stelle traditionell wiederholt, dann in der übersetzten Fassung, mit dem Text “The best is yet to come”. Es folgt der dritte und letzte Akt, und anders als bei Nicholls wird Emma nicht nur überleben, sondern zusammen mit Dexter (Tenor) die Zukunft erobern. Märchenhaftes Schlussduett in Es-Dur, im pianissimo verklingend, nur Streicher und Harfe, engelsgleich, englisch.

7. Juni 2014

Musik hat in ihrer Dringlichkeit, Klang zu werden, in ihrer Eile, an die Welt zu kommen, sich zu manifestieren, die Eigenart, Manifeste, die sie betreffen, immer wieder überflüssig zu machen: Der Weg, den sie einschlägt, ist niemals der erwartete, niemals der geforderte, niemals der vorgeschriebene.

Die Musik für das Theater muss ihre Hörer betören, verzaubern, verschrecken, beschwören, verführen, unterhalten, bei der Hand nehmen und in nächtliche Zaubergärten einlassen oder in gleißendes Tageslicht stoßen.
Hans Werner Henze (1926 – 2012)

Das beste Libretto indes schreibt zuweilen das Leben selbst. Und dann stehen wir da, unendlich erstaunt, bereit für nächtliche Zaubergärten wie für gleißendes Tageslicht, nicken stumm und lächeln über uns selbst, denn tief darinnen haben wir es ja schon immer gewusst.

6. Juni 2014

Hat denn nun endlich jeder den Film “Der König tanzt” (Le Roi danse, F/D/B 2000) gesehen? Vor vierzehn Jahren mittlerweile wurde dieses Kunstwerk geschaffen, das Aufstieg und Fall des Komponisten Jean-Baptiste Lully am Hofe des französischen Königs Ludwig XIV. erzählt. Drei César-Nominierungen erhielt der Film, darunter eine für Boris Terral für seine überragende Darstellung des Lully. Tchéky Karyo als Molière steht dem in nichts nach, dazu sind die Frauenrollen mit Cécile Bois als Lullys Ehefrau Madeleine und Claire Keim als Julie glänzend besetzt. Die Musik wurde von Musica Antiqua Köln unter Reinhard Goebel eingespielt. Was immer in Erinnerung bleiben wird, ist die Szene, in der Lully seinen König, der mit dem Tode ringt, gesund spielt. Wann je haben wir eine so zärtliche, berührende Musik gehört? Der film-dienst nannte “Der König tanzt” ein „opulent gefilmtes und eindringlich gespieltes Historiengemälde, in dem Bilder, Musik, Tanz, persönliche Schicksale und politische Hintergründe zu einer rauschhaften Choreografie verschmelzen, die die Sinne des Zuschauers gleichermaßen fesselt wie betört.“ Genauso ist es!

Der König tanzt

3. Juni 2014

Es war ein großes Wort: »Die Zeit und ich nehmen es mit zwei Andern auf.« Dies soll Philipp der Zweite gesagt haben. Das Glück selbst krönt das Warten durch die Größe des Lohns.
Baltasar Gracián (1601 – 1658), Handorakel und Kunst der Weltklugheit

1. Juni 2014

Bitte unbedingt wieder und wieder ansehen: “I am lost to the world”, die Dokumentation über Carlos Kleiber (DVD, 2011). Sein Charisma und seine Aura waren überwältigend, seine musikalische Inspiration und Gestaltungskraft “wie vom Himmel”, so einer der zahlreichen Zeitzeugen, die hier zu Wort kommen. Orchestermusiker, Intendanten, Regisseure, Sänger und weitere Weggefährten äußern sich eine Stunde lang zu Kleibers Probenarbeit und seinen Konzerten, dazu gibt es Ausschnitte aus diversen Aufführungen. Und die Erkenntnis, sofern wir es nicht schon wussten, dass er uns ein für allemal verdorben hat. Wir können vieles gar nicht mehr anders hören als genau so! Das Arbeiten mit ihm war indes nicht nur rauschhaftes Vergnügen. Man kann eben, so hören wir, “nicht jeden Tag Pralinen fressen.”

27. Mai 2014

Aus “La Gran Opera”, Gounod “Faust”: «Die Personen sind menschlich, manchmal sogar unangenehm menschlich. Sie haben edle Gefühle, aber auch Schwächen. Ihre Gefühle geraten in Konflikt mit ihrem Gewissen, ihren Überzeugungen und Wünschen. Und dieser Konflikt bringt sie sogar dazu, den gesellschaftlichen Konventionen zu trotzen…»

Aus “La Gran Opera”, Berlioz “Fausts Verdammnis”: «Die Musik – vielleicht jede, nicht nur die romantische – hat Gründe, die die Vernunft nicht kennt, oder wie Berlioz sagt: Die Musik macht, was sie will.»

25. Mai 2014

Das Stadttheater Gießen spielt zurzeit in deutscher Erstaufführung die Oper “Die Eroberung von Granada” (La conquista di Granata) von Emilio Arrieta. Ich selbst habe das Stück noch nie gehört oder gesehen, das wird sich ändern, denn das Theater verspricht Großes: “In seiner an musikalischen Einfällen überbordenden Partitur verbindet Emilio Arrieta italienische Melodik mit spanischer Rhythmik und Eleganz. Zunächst hatte der spanische Komponist in Italien eine Karriere als Kastrat eingeschlagen, bevor er als Günstling der Königin zum Hofkomponisten von Madrid ernannt wurde. Dort erfolgte 1850 die Uraufführung der Oper.” Gießen ist auf dem Gebiet des Musiktheaters seit Jahren sehr rührig, fantasievoll und durchaus mit Pioniergeist unterwegs, das zeigt die Wahl der Arrieta-Oper erneut. Vorfreude!

23. Mai 2014

Joe Cocker vor ein paar Tagen 70, Charles Aznavour gestern 90, im Herbst werden Leonard Cohen und Udo Jürgens 80. Wie lange schon begleiten sie uns! Wir sind mit ihnen groß geworden, haben sie verehrt, manche von ihnen bis heute. Wir haben die Musik nachgesungen, nachgespielt, kannten alle Texte, alle Posen. Prägen die Stars eigentlich mehr die Szene, oder prägt die Szene mehr die Stars? Wie verändert sich das “business” im Laufe so vieler Jahre, wie verändert man sich selbst? Was bleibt? “Find something you would die for and live for it.”

22. Mai 2014

Suche altes Landgut, Villa oder Kastell mit morbidem Charme und Olivenhain, vorzugsweise in Toskana, Umbrien oder Piemont zwecks Studienreise mit Musikseminaren, Konzertbesuchen, Spaziergängen, Gesprächen, Bruschetta und Zabaglione, Barolo und Espresso. Mindestens 25 Zimmer (Einzel und Doppel), Medienraum mit TV, DVD und CD, Klavier oder Flügel und allem sonstigen Komfort. Voraussichtlicher Aufenthalt eine Woche bis zehn Tage, bevorzugt im Herbst (alternativ Jahresabschlussreise mit Feier zu Puccinis Geburtstag). Bei Gefallen Kaufoption oder Schenkung erbeten.

20. Mai 2014

Am 5. Juni 2014 findet in Dortmund im Rahmen des „Führungsforum Musikschule“ unter der Leitung von Prof. Wolfhagen Sobirey die Fortbildungstagung „Musik- ein Leben lang!“ veranstaltet vom Verband deutscher Musikschulen in Kooperation mit kubia- Kompetenzzentrum für Kultur und Bildung im Alter im Institut für Bildung und Kultur e.V. (IBK) statt.

An dieser Tagung werde ich teilnehmen und freue mich schon jetzt auf einen regen Austausch, in Sonderheit über die Arbeit der Erwachsenenakademie der Rheinischen Musikschule sowie zu den Themen “Musik- und Konzertvermittlung für ältere Menschen” und “Musik kennt kein Alter”. Ich bin sehr gespannt auf Erfahrungen mit unterschiedlichsten Kooperationspartnern, mit diversen konzertpädagogischen Angeboten, mit Exkursionen, Reisen und so vielem mehr. Sieben Stunden für alles, das ist nicht viel. Doch es geht um Austausch, um Ideen, und dafür lohnt es sich fast immer.

19. Mai 2014

Während der letzten Tage habe ich mehrfach das Brahms-Requiem gehört und gesehen (siehe Blog vom 12. Mai). Anlass genug, wieder das schöne Büchlein “Johannes Brahms. Werk und Persönlichkeit” von Hans Gal herauszusuchen. Erschienen als Fischer-Taschenbuch (leider vergriffen, aber über www.zvab.com noch zu bekommen), beleuchtet das Werk Leben, Umwelt und Schaffen des Komponisten sowie dessen Wesen und den Gehalt seiner Musik. Bestechend ist Gals Detailkenntnis, wohltuend ist darüber hinaus die kultivierte, distinguierte Sprache, wie immer bei Gal.

Hans Gal war österreichicher Komponist ungarisch-jüdischer Abstammung. Er wurde 1890 in Wien geboren und starb 1987 in Edinburgh. Seine musikalische Ausbildung erhielt er in Wien bei Eusebius Mandyczewski, einem engen Freund von Johannes Brahms. Gal wechselte 1929 als Direktor des Konservatoriums nach Mainz, musste aber 1933 Deutschland verlassen. Er ging zunächst zurück nach Wien und emigierte dann 1938 nach England. Ab 1945 unterrichte er Musiktheorie, Kontrapunkt und Komposition an der Universität Edinburgh. Er blieb den Rest seines Lebens auf der britischen Insel und schrieb vielbeachtete Bücher u. a. über Brahms, Wagner, Verdi und Schubert.

16. Mai 2014

Gestern im Opernkurs sprachen wir über Rossini, u. a. über die Ouvertüren zu seinen Opern, insbesondere über die zu “Wilhelm Tell”. Ich fragte, ob sich noch jemand an die ZDF-Unterhaltungssendung “Der goldene Schuss” aus den 1960er Jahren erinnern könne, damals ein Renner, mit Lou van Burg als Moderator, Spitzname “Mister Wunnebar”. “Ja, doch, natürlich, ich erinnere mich, die Kandidaten mussten mit einer Bildschirm-Armbrust (!) auf den Faden eines daran hängenden Säckchens zielen, in dem sich die zu gewinnenden Goldmünzen befanden. Deswegen das Thema aus Rossinis Opern-Ouvertüre, aus dem “Tell” mit der Armbrust, wie sinnig!” Schließlich bemerkte noch jemand, dass die Erkennungsmusik zu “Bonanza” mit dem Rossini-Tell-Thema verwandt sei. Ein Zufall vielleicht – jedenfalls für uns der Auftakt für nostalgische Erinnerungen an die Cartwrights, im Kopf das musikalische Hufgetrappel, die brennende Landkarte und Hop Sing, den chinesischen Koch. Was Rossini alles auslösen kann….

Der goldene Schuss

14. Mai 2014

Vor ein paar Tagen erhielt ich die nachfolgende Zuschrift einer Leserin. Vielen Dank für den schönen Text, den ich hier gerne wiedergebe!

Kennen Sie den Film über den berühmten Kastraten des 18. Jahrhunderts? Ja, natürlich ist das die Geschichte der furchtbaren Kastration, die das begnadete Sängerkind im dampfenden Badezuber überlebt, und die uns Zuschauer erschauern lässt. Aber hier geht es um mehr, nämlich um die Geschichte der Musik und des Empfindens. Im Film wird die bloße Virtuosität der endlosen, halsbrecherischen Koloraturen als schaler Abglanz des Schönen entlarvt. Denn diese Art zu singen und Musik zu hören hat sich mit dem aufgehenden Stern Georg Friedrich Händels überlebt. Dem Zuhörer stockt nun nicht mehr der Atem ob der ungeahnten Tonfolgen, bei denen der Absturz, der mögliche Makel über allem schwebt. Nein, es ist der schlichte Ausdruck, die Echtheit der (musikalischen) Empfindung, die die Zuhörer seitdem in ihren Bann gezogen haben. Was wäre die Oper ohne Händel? Pures höfisches Geklinge, eingeschränkt in ihren musikalischen Möglichkeiten und vor allem – in ihrer Wirkung. Ja, Farinelli hatte eine Stimme, die eine Oktave mehr Umfang hatte als andere. Aber das ist nicht alles. Was bleibt im Ohr – und im Herzen (denn das ist der direkteste Weg dorthin)? Diese Frage mag sich jeder beantworten, der die jungen amerikanischen Oktavwunder hört. Werden sie bleiben, im kollektiven Gedächtnis der Musikliebhaber, die Rihannas und Mariah Careys dieser Welt? Das wird sich zeigen, Whitney Houston und Tina Turner sicherlich, denn sie haben sich beim Singen die Seele aufgerissen – die eine mit tödlichem Ende, die andere als glückliche Soulrentnerin am Züri See). Was das mit Farinelli und Händel zu tun hat? Empfinden!

12. Mai 2014

Zum wiederholten Male haben wir heute Abend das Brahms-Requiem gehört und gesehen, erneut die Aufnahme aus München von 2007 mit den Münchner Philharmonikern unter Christian Thielemann, mit Christine Schäfer und Christian Gerhaher als Solisten. Und wieder konnten wir uns dieser außergewöhnlichen Intensität nicht entziehen, die Thielemann hier mit seinem spannungsreichen Dirigat erzeugt. Zugegeben, bisweilen wirkt sein Habitus eine Spur snobistisch, wie auch gelegentlich in anderen Aufnahmen. Doch wir müssen energisch der auf amazon immer noch eingestellten Rezension widersprechen, wonach Thielemann das “riesige Ensemble zu einer mitunter lähmenden Langsamkeit zwingt”, was schlicht nicht der Fall ist. Die Solisten sind absolut großartig, das Orchester entfaltet einen innigen, warmen und berührenden Klang. “Die Entdeckung der Langsamkeit” war ja durch Celibidache viele Jahre zuvor schon gegeben, dessen bedurfte es also nicht. Doch eine solche bezwingende Bestätigung der Liebe zu jedem Detail, jedem Motiv, jedem Bogen, jedem Ausdruck – das haben wir gefunden, ohne dass wir danach gesucht hätten, letzteres zumindest nicht bewusst.

11. Mai 2014

Die diesjährige Opernreise der Wetzlarer Musikschule geht mit großer Wahrscheinlichkeit nach München. Vorbehaltlich der Bestätigung des Kartenkontingentes werden wir Anfang November “Rigoletto” sehen. Sobald darüber Klarheit gegeben ist, wird der Termin im Kalender erscheinen.

Friedrichsdorf plant eine Opernfahrt nach Dresden für das kommende Frühjahr, bevorzugt im Anschluss an einen Opernkurs. Die zurzeit in Frage kommenden Stücke sind “Der Freischütz” und “Der fliegende Holländer”, ggf. könnte eine Studienreise über den Maifeiertag (im nächsten Jahr ein Freitag) stattfinden.

Eine Reise nach Liverpool – “Auf den Spuren der Beatles” – könnte ebenfalls im nächsten Jahr zustande kommen, entsprechende Kontaktaufnahmen und Vorgespräche klingen sehr vielversprechend. Vielleicht können zwei Tage London mit eingebaut werden, dann wäre das gesamte Reisepaket geradezu spektakulär.

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8. Mai 2015

In seinem Oratorium “Die Schöpfung” hat Joseph Haydn die biblische Schöpfungsgeschichte auf geniale Weise in Töne gesetzt. Mit diesem Werk schuf der Komponist einen der bedeutendsten Beiträge zur Gattung des Oratoriums. Gemäß der Genesis schildert Haydn den Schöpfungsakt und stellt das Lob Gottes in den Mittelpunkt. Mit dem Amt für Katholische Religionspädagogik Wetzlar/Lahn-Dill-Eder ist ein Vortrag über dieses großartige Werk für den Juni des kommenden Jahres verabredet (siehe Blog vom 31. März). Der Titel steht jetzt fest: “Chaos, Licht, Mensch – Haydns Schöpfung”. Ich werde u. a. die zum Einsatz gebrachten stilistischen und musikalischen Mittel aufzeigen und erklären, welche Aussagekraft die so geschaffenen Klangbilder dadurch erhalten. Ein im Wortsinne wunderbares Thema!

5. Mai 2014

Gleich noch einmal Oscar Wilde: “Die entscheidende Entdeckung ist, dass das Lügen, das Erzählen von schönen, unwahren Dingen, das eigentliche Ziel der Kunst ist.” Und wo wir schon bei Aphorismen sind, hier noch ein bemerkenswerter Satz von Johann Jacob Mohr (1824 – 1886), gleichermaßen schön wie wahr: “Man muss den Großen, wenn man ihnen gegenübertritt, das Bücken nicht zu schwer machen.”

4. Mai 2014

Gestern Abend, es ist schon recht spät, schaue ich ins Fernsehen und erlebe den Schluss von “Deutschland sucht den Superstar”. Zwei Zitate fallen mir ein. Das erste ist von Dieter Bohlen, der gesagt hat: “Ich glaube, wenn Mozart heute noch leben würde, würde er sowas ähnliches machen wie ich.” Das zweite ist von Oscar Wilde: “Musiker haben immer nur den Wunsch, dass man absolut stumm ist, während man selbst nur den Wunsch hat absolut taub zu sein.”

30. April 2014

Einer meiner Lieblings-Bondfilme ist “Ein Quantum Trost” (im Original “A Quantum of Solace”), GB 2008. In dem Film ist sehr viel Besonderes. Mal abgesehen vom Charisma Daniel Craigs und der erotischen Ausstrahlung Olga Kurylenkos enthält der Film eine grandiose Sequenz, in der die Filmhandlung mit einer Szene aus der Oper “Tosca” von Puccini verwoben ist (Finale 1. Akt). Die Sequenz spielt in der Seebühne von Bregenz. Beide Handlungsstränge verlaufen parallel, Gut und Böse stehen sich jeweils gegenüber und liefern einander einen gnadenlosen Kampf. Was wirklich unter die Haut geht, ist die Einstellung, in der Craig seinen Widersachern in die Augen sieht, aus der Distanz, unmittelbar bevor er “die Bühne” verlässt. Dazu Puccinis Akkordfolge B-As-E, jeweils in Dur und schneidend scharf wie das Messer, mit dem Scarpia in der Oper getötet wird. Eine phänomenale filmische Leistung! Ich habe den Film und speziell diese Szene schon so viele Male gesehen, noch kürzlich im Urlaub zweimal im Original, und danach, zu Hause, gleich wieder. Manche Filme – auch manche Opern – könnte ich problemlos jede Woche sehen, dieser gehört dazu.

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Daniel Craig als James Bond in “Ein Quantum Trost”,
Bühnenbild von “Tosca”, Seebühne Bregenz 2008

28. April 2014

Nach zwei herrlichen Urlaubswochen in Little Haven/Wales geht es heute Abend mit Beethovens 9. Sinfonie weiter. Wir hören und sehen eine Aufnahme von 2006 mit dem West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim. Programmatisch kehren wir also nach Deutschland zurück, nachdem wir während der letzten Wochen sinfonische Ausflüge nach Osteuropa, Skandinavien und Frankreich unternommen haben. Es werden dann große Sinfonien von Brahms, Bruckner und Mahler folgen, bevor wir uns in die Moderne wagen. Die Opernfreunde dürfen sich auf Italien freuen. Wir kehren noch einmal kurz zu den Werken Monteverdis zurück (wir hatten schon das berühmte Schlussduett aus “Poppea” in drei verschiedenen Inszenierungen gesehen und verglichen), springen dann zur Abteilung Rossini-Donizetti-Bellini und erleben dann die großen dramatischen Opern von Verdi und Puccini. Auch hier folgt ein Exkurs in die Moderne, auf jeden Fall mit Schostakowitschs “Lady Macbeth von Mzensk” und Bergs “Wozzeck”, worauf ich mich jetzt schon freue. Bis zum Sommer haben wir also viel vor – auf geht’s!

Pause bis zum 28. April 2014

10. April 2014

Zum Thema “Französische Oper” haben wir heute Musik von Boieldieu, Meyerbeer und Offenbach gehört. Es ist doch erstaunlich, wie sehr wir diese Musik zu kennen glauben, gerade bei Boieldieu war das wieder der Fall. Wir hören Anklänge an Weber und Rossini, nehmen Vertrautes wahr bis hin zur Vermutung, wir hätten das Stück früher schon einmal gehört. Und natürlich geht jedem bei “Kleinzach” das Herz auf, da müssen wir nicht bis zur Barcarole warten. Schon gar nicht, wenn, wie hier, Domingo singt.

7. April 2014

Für die Fahrt nach Stuttgart (etwa drei Stunden) habe ich überlegt, welche CDs in den Wechsler kommen sollen. Was kann man beim Autofahren hören, ohne dass zuviel verloren geht und ohne dass es langweilig wird? Natürlich den Soundtrack zu “Der König tanzt” mit der Musik von Lully, wie immer. Und, auch wie immer, “Officium” mit dem Hilliard Ensemble und Jan Garbarek. Und vielleicht diesmal Musik von Czechomore, das ist noch eine Idee. Für die Hinfahrt reicht das auf jeden Fall. Bruckners Siebte mit Klemperer ist noch im Wechsler, aber da besteht die Gefahr, dass ich Ausfahrten verpasse.

5. April 2014

Der Herbstkurs in Friedrichsdorf beginnt am 11. September, auf dem Programm steht ein Grundkurs für Klassik-Neulinge. An sechs Abenden, immer für zwei Zeitstunden, geht es querfeldein durch die “Klassik” – geistlich und weltlich, vokal und instrumental, klein und groß besetzt etc. Nach in den letzten Jahren thematisch eher spezialisierten Reihen jetzt also wieder ein Einsteiger-Kurs – wie schön!

2. April 2014

Vor ein paar Tagen fand ich beim Lesen einiger Einträge in Dieter Mulchs “Merkbuch” folgende Sätze:

Dass man mit Zurückhaltung und Bescheidenheit in unserem Kulturbetrieb nicht weit kommt, wissen wir alle, und man sollte daher diese Tugenden nicht übertreiben. Aber solchen Rat benötigen unsere erfolgreichen Showgeschäftsleute nicht. Ihr Selbstbewusstsein scheint unter keinerlei Zweifeln zu leiden. Gelegentlich hörte ich z.B. in einem Interview mit einem U-Musiker, wie er schulterklopfend  von seinen Kollegen Bach oder Mozart redete und ihnen zubilligte, dass sie auch ganz schöne Musik gemacht hätten.

Die Sterne werden eben von der kleinsten Funzel verdunkelt, so lange die gerade mal brennt.

Danke, Dieter Mulch!

31. März 2014

Ein weiterer Termin für das nächste Jahr steht fest. Mit dem Amt für Katholische Religionspädagogik Wetzlar/Lahn-Dill-Eder ist für den 9. Juni 2015 eine Fortbildungsveranstaltung zum Thema “Joseph Haydn – Die Schöpfung” verabredet. Die Veranstaltung, die in der Wetzlarer Musikschule stattfindet, wendet sich an Religionslehrkräfte, Musiklehrer/-innen und sonstige am Thema interessierte Pädagogen. Wir sind uns einig, dass wir noch einen süffigen Titel finden sollten, vielleicht “Die Schöpfung – (k)ein Haydn-Spaß” oder so ähnlich.

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Portreath, Cornwall – Abendstimmung

28. März 2014

Für die Opernreise im Herbst prüfen wir jetzt auch Zürich, am 18. Oktober wird dort “Lohengrin” aufgeführt. Nach dem sensationellen “Tannhäuser” vor drei Jahren in Paris wäre das natürlich eine grandiose Wahl. Leider ist Zürich für Touristen eine der teuersten Städte Europas und rangiert auf Platz fünf hinter Oslo, Kopenhagen, London und Dublin. München ist natürlich immer noch eine Option, dann im November mit “Rigoletto” – für “Manon Lescaut” werden wir keine Premieren-Karten bekommen. Doch wir können weiß Gott nicht klagen, wenn wir zwischen Zürich mit “Lohengrin” und München mit “Rigoletto” die Wahl haben! Jetzt müssen wir sehen, wie es mit den Hotels und den Kartenkontingenten aussieht. Bald mehr.

26. März 2014

Für den kommenden November und März 2015 sind mit der VHS Gütersloh wieder Vorlesungen an der Senioren-Uni verabredet. Wir werden uns mit der Gattung Oper beschäftigen, diesmal in zwei Teilen. Im März schließt sich darüber hinaus ein Kurzvortrag für den dortigen Rotary-Club an zum Thema “Klassische Musik in der Werbung”. Wahrscheinlich kommt auch ein neuer Kulturführerschein zustande. Dort werde ich wieder den Baustein Musik übernehmen und über das 20. Jahrhundert sprechen, von der Spätromantik angefangen über die Zwölftonmusik und die frühe Moderne bis hin zur Avantgarde. Schöne Pläne!

24. März 2014

Ab Mai gibt es ein neues Angebot für Anfänger: “Klassik verstehen” heißt der Kurs, den ich dienstags am späten Nachmittag anbieten werde. Zunächst geht es bis zu den Sommerferien darum, überhaupt einmal zu erfahren, aus welch reichem Fundus wir schöpfen können, wenn wir uns mit der sogenannten “Klassik” beschäftigen. Also werden wir Ausschnitte aus Sinfonien, Sonaten, Motetten, Kantaten, Liederzyklen, Oratorien, Opern und Kammermusiken hören und sehen – dann können wir entscheiden, wie es weitergeht. Vielleicht mit einem Grundkurs, auch mit Musiktheorie, oder mit “Meisterwerken”, vielleicht auch nur mit Opern, mal sehen. Mit den Gesellschaften hier vor Ort wären auch gemeinsame Programme möglich, die auf Länder zugeschnitten sind. Also ein Semester über Musik in Frankreich, England oder Italien, mit Einblicken in die Musik von der Renaissance bis zur Avantgarde. Und dann ein Abschluss mit einer Reise oder einem Konzert. Oder einem schönen Essen, mit entsprechender Tafelmusik natürlich.

20. März 2014

Die nächste Opernreise, die ich für die Wetzlarer Musikschule betreue, geht sehr wahrscheinlich nach München in die Bayerische Staatsoper. Es hängt von der jeweiligen Verfügbarkeit der Karten ab, ob wir im Oktober oder November “Titus”, “Rigoletto” oder “Manon Lescaut” (Premiere) sehen werden. Wäre toll, wenn es mit Puccini klappen würde!

19. März 2014

Kürzlich schrieb ich über eine begeisterte Chorsängerin, die von Knabs “Wir pflügen und wir streuen” geschwärmt hatte. Gestern erneut, diesmal mit der Bitte, ich möge doch die Klavierzwischenspiele aufnehmen, vervielfältigen und im Chor verteilen. “Diese Musik ist wirklich der Hammer!”, so sagte sie wörtlich. Abgesehen davon, dass ich selber das auch so sehe, kann Arbeit schöner nicht sein – bei solch einer Resonanz!

17. März 2014

Vor ein paar Tagen bin ich bei “Last Night” hängen geblieben (USA/F 2010), einem stillen, nachdenklichen und ehrlichen Beziehungsdrama mit Keira Knightley, Eva Mendes und Sam Worthington. Stimmige, sehr wahre Dialoge, dazu viel Ungesagtes, mit Ahnungen, Ängsten und Sehnsüchten in schönen, zuweilen beeindruckenden Bildern. Und eine wunderbar empfundene, fragile Musik von Clint Mansell – wer nicht sehen will, muss hören!

15. März 2014

Großes Erstaunen bei der Antwort auf die Frage, welches die weltweit am häufigsten gespielte Oper ist – “Carmen” von Georges Bizet! Gute Chancen wurden auch der “Zauberflöte”, “Tosca” und “Aida” eingeräumt, aber es ist tatsächlich “Carmen”. Eigentlich ist das gar nicht so überraschend, denn die Oper enthält einprägsame Melodien, zum Teil mit Gassenhauer-Charakter, große Chorszenen, lyrische wie dramatische Arien, Liebesszenen und -duette, eine klassische Eifersuchtshandlung – also so ziemlich alles, was das Herz begehrt. Und das Ganze in der Zeffirelli-Inszenierung von 1978 aus der Wiener Staatsoper, mit Carlos Kleiber am Pult! Eine Jahrhundert-Aufführung! Kleiber dirigiert, so ist zu lesen, alles aus der Partitur heraus, unter anderem mit “mediterraner Lässigkeit” – welch ein schöner Ausdruck! Aber es stimmt, schon gleich die ersten Bilder nehmen uns mit auf eine unwiderstehliche Reise, betören und fesseln uns, so dass wir uns nicht entziehen können und das auch gar nicht wollen.

12. März 2014

“Klingt sehr modern”, sagte eine Sängerin, nachdem sie den Titel “Nein, es ist nicht auszukommen mit den Leuten” gelesen hatte (Brahms, Liebeslieder op. 52 Nr. 11). Warum auch sollte romantische Musik bzw. sollten die dort verarbeiteten Texte nicht modern oder auf unsere Zeit passend sein? Das hieße ja, dass wir romantische Musik zwar mögen oder gar lieben, die Texte aber für unwichtig, belanglos, nichtssagend oder sonstwas halten. Das Gegenteil ist richtig! Die Sprache der Brahms-Liebeslieder mag vielleicht romantisch und “old-fashioned” sein, aber der Inhalt ist zeitlos, also aktuell – und romantisch! Etwas anderes ist die Frage, was “romantisch sein” heutzutage bedeutet. Das erinnert mich an einen Bekannten, der zu seiner Frau sagte: “Schatz, wir machen uns einen schönen Abend – du fährst zu deiner Mutter, und ich gucke Champions League.” Das ist sicher wenig romantisch, aber vielleicht auch ganz schön.

10. März 2014

In dieser Woche wollen wir uns mit der 3. Sinfonie c-Moll op. 78 von Camille Saint-Saëns befassen, der sogenannten “Orgelsinfonie”. Schon lange warte ich auf eine Aufnahme, die musikalisch an die Einspielung des Orchestre de la Suisse Romande unter Ernest Ansermet heranreicht – ich kenne keine, aber das ist auch schwierig! Andere Aufnahmen sind sicher gut und mehr als vorzeigbar, aber eben nicht “so”! Ansermets Interpretation ist einfach grandios, absolut bezwingend. Schade auch, dass es keine DVD gibt, die dieses Stück dokumentiert, nicht einmal auf dem französischen Markt. Es ist wirklich eine “große” Sinfonie, in jeder Hinsicht, um so bedauerlicher ist es, dass keine DVD erhältlich ist. Also verzichten wir auf das Sehen und hören gut zu.

5. März 2014

Nochmal Chor. Gestern nach der Probe kam eine Sängerin, die schon eine ganze Reihe von Projekten mitgemacht hat, auf mich zu und sagte, das Stück “Wir pflügen und wir streuen” von Armin Knab hätte ja so eine wunderbare Melodie, sie wüsste gar nicht, ob sie so etwas Schönes überhaupt je gesungen hätte. Allein dafür hat sich das ganze Projekt jetzt schon gelohnt.

3. März 2014

Die ersten Proben des neuen Chorprojektes verlaufen vielversprechend. Wir haben angefangen, zwei Sätze von Armin Knab einzustudieren und in der letzten Probe ein Stück aus den zwölf Quartetten von Gustav Jenner kennengelernt, “Richten will ich Tisch und Gastmahl” nach Worten von Ferdinand Gregorovius aus dem Toskanischen. Jenners Musik klingt wie die seines Lehrers Johannes Brahms, wir spüren Kraft, Glut, Sensibilität und Melancholie. Gleich der Anfang nimmt gefangen, sofort und unmittelbar, und lässt uns bis zum Schluss nicht mehr los. Es wird einem ja schon angst und bange, wenn man nur den Text liest und noch keinen einzigen Ton gehört hat. Mehr kann man nicht verlangen als Kassenpatient.

Richten will ich Tisch und Gastmahl,
laden die unselig lieben;
und mein Herz geb’ ich zu essen,
und zu trinken ihnen Tränen.
Seufzer, Klagen sind die Diener,
die Verliebten zu bedienen.
Und der Schenk soll schwarzer Tod sein;
weint ihr Steine, seufzt ihr Mauern!
Heil’ger Tod, das soll der Schenk sein.
Steine, seufzt und rufet: “Ach!” nur.

28. Februar 2014

Großen Eindruck hat diese Woche die “Symphonie fantastique” von Hector Berlioz auf die Kursteilnehmenden gemacht. Wir haben die Aufnahme der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle von 1993 gehört und gesehen. Ohne Frage hat der gute Simon damals eine erstklassige Visitenkarte abgegeben, so dass man sich nach Abbados Weggang an ihn unbedingt erinnern musste. “Dieses Orchester gleicht einem Feuerofen”, hat er vor ein paar Jahren über “seine” Philharmoniker gesagt. Er hat, wie wir erleben durften, schon damals ordentlich Öl in diesen Feuerofen gegossen, so dass Berlioz seine lichterlohe Freude gehabt hätte. Wie schön auch, dass dieses Stück wieder in unser Bewusstsein zurückkehrt! Nächste Woche bleiben wir in Frankreich und hören Sinfonien von Bizet und Gounod, deren Sinfonik hierzulande leider oft zu kurz kommt.

25. Februar 2014

Am letzten Samstagabend bin ich kurz in “Wetten, dass” hineingeraten. Allerdings in einem eher angenehmen Moment, denn Udo Jürgens war zu Gast. Das ist jemand, den ich immer geschätzt habe. Jemand, der so ziemlich alles in der Showbranche erlebt hat, und der Gutes von Schlechtem zu unterscheiden weiß (und es auch immer gewusst hat). Jemand, der mit solidem Handwerk und anständiger Ausbildung griffige, in bestem Sinne populäre Melodien geschaffen und sich dabei – früher mehr als heute – um gute Texte bemüht hat, man denke nur an Walter Brandin. Es ist noch nicht lange her, da hat sich Udo Jürgens über die allgegenwärtigen Gesangswettbewerbe (kann man das so sagen?) wie “Deutschland sucht den Superstar” oder “The Voice of Germany” geäußert. Sein Kommentar war nicht sehr wohlmeinend. Vielleicht hat er sich dabei – mittlerweile fast achtzigjährig – an vergangene Zeiten erinnert. An Zeiten, zu denen er seine ersten Karriereschritte gemacht hat und zu denen vieles anders war als heute. Und nicht unbedingt schlechter.

23. Februar 2014

Die Gießener Zeitung hat einen schönen und recht umfangreichen Bericht über den Festakt zum 30-jährigen Bestehen der Deutsch-Italienischen Gesellschaft (DIG) Mittelhessen veröffentlicht. Ich hatte im Rahmen der Veranstaltung etwa 45 Minuten lang über die Anfänge der Oper gesprochen und den Komponisten Giacomo Puccini portraitiert. Im Passus, der sich mit diesem Teil der Matinee beschäftigt, heißt es:

Der Festakt begeisterte das Publikum mit dem Vortrag vom Leiter der Musikschule Thomas Sander, der die Geburt der Oper und den italienischen Komponisten Giacomo Puccini anhand von humorvollen Anekdoten, musikhistorischen Informationen und bekannten Musikbeispielebn wie “E lucevan le stelle” oder “Nessun dorma” am Klavier und in CDs präsentierte. Unterhaltsam und leidenschaftlich gelang es ihm, die Gäste in die Welt von drei der wichtigsten Werke Puccinis “Madama Butterfly”, “Tosca” und “Turandot” zu führen.

DIG Jubiläum 2014

Das Foto wurde im Anschluss an die Veranstaltung aufgenommen und zeigt neben mir von links nach rechts Fabrizio Cartocci (2. Vorsitzender DIG), Wolfram Dette (OB Stadt Wetzlar), Cristina Di Giorgio (Leiterin Italienisches Kulturinstitut Frankfurt), Karlheinz Kräuter (Partnerschaftsdezernent Stadt Wetzlar), Rita Schneider-Cartocci (1. Vorsitzende DIG) und Hans-Jürgen Irmer (Landtagsabgeordneter).

19. Februar 2014

Heute ist der Geburtstag von Armin Knab (1881 – 1951). Nachdem wir gestern den Satz “Daß zwei sich herzlich lieben” (in der Fassung für gemischten Chor von Heinrich Poos) gesungen haben, sind heute eigentlich die Goethe-Lieder Pflicht, vielleicht noch einige andere dazu. “Die Sternseherin Lise” zum Beispiel, oder – noch betörender – “Schön Rohtraut” auf den berühmten Text von Mörike. Und die “Lindegger Ländler” natürlich, die Lieder nach Justinus Kerner, den “Engelsgruß”, das Vorspiel zum “Gesegneten Jahr” und und und…

18. Februar 2014

Die VHS Offenbach hat zwei Seminare für Juni und Juli bestätigt, zum einen den “Crash-Kurs Oper” und zum anderen den Grundkurs “Hörerlebnis Klassische Musik”. Näheres unter “Termine”.

Nachfolgend der Artikel aus der Wetzlarer Neuen Zeitung von heute. Leider ist dem Autor da etwas durcheinander geraten. Der “Dornröschenschlaf” im komponierenden England wird nicht etwa durch Purcell beendet, sondern setzt unmittelbar nach ihm ein. Erst Elgar schafft wieder Meisterwerke von internationalem Rang, es folgen Vaughn-Williams, Britten, Maconchy, Jenkins, Rutter und andere.

 

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16. Februar 2014

Schon lange erlebe ich, dass die Vermittlung von Musik des 20. oder 21. Jahrhunderts immer mal wieder auf Vorbehalte oder Widerstände stößt, auch bei durchaus interessierten Laien. So geschehen am Freitag bei meinem Vortrag “Musik in England von 16oo bis heute”. Gegen Ende hatte ich den ersten Satz aus “Epyllion” von Elizabeth Maconchy vorgestellt, woraufhin sich eine Diskussion über Satztechniken, erweiterte Harmonik, Dissonanzbildungen etc. ergab, natürlich auch über Mögen und Nichtmögen. Ein Hörer, dem das Stück überhaupt nicht zusagte, sprach von einem “Irrweg”, der hier beschritten würde. Ich versuchte, wie in solchen Gesprächen eigentlich immer, auf historische Situationen zu verweisen, in denen ein Publikum zunächst auf das Heftigste protestiert hatte (Beethoven “Eroica”, Strawinsky “Sacre du printemps”), und sich die Stücke dennoch im Laufe der Zeit durchsetzen konnten. Es fehlt hier einfach an Verständnis, an Vermittlung, an Hörhilfen. Was wird in 100 Jahren sein? Werden die Werke der Moderne und der Avantgarde dann wie selbstverständlich gehört werden, vielleicht gar auf der Couch zur Entspannung, nach einem langen und anstrengenden Tag? Immerhin, zwei Teilnehmer kamen am Ende und zeigten sich an Maconchys Stück sehr interessiert. Für einen der beiden war “Epyllion” sogar eine Offenbarung, wie er sagte. Das hat mich wirklich gefreut.

13. Februar 2014

Heute Morgen kam in Zusammenhang mit Beethovens “Fidelio” ein interessantes Thema auf: Chöre – besonders Männerchöre! Dabei ging es nicht nur darum, wer erstklassige Männerchorsätze schreiben konnte wie z. B. Schubert, Bruckner oder Knab. Beinahe spannender war die Frage, ob Männer “anders” singen als Frauen (die Antwort ist “ja”). Jenseits aller stimmbildnerischen oder technischen Aspekte spielt das Thema “Emotionalität” dabei wohl eine erhebliche Rolle. Wie war das eigentlich früher, als Männer wie selbstverständlich jede Woche in Chören aktiv waren und Männergesangsvereine sich über Nachwuchs keine Gedanken zu machen brauchten? War damals der emotionale Zugang ein anderer? Was verstaubt nicht alles an erstklassigen Werken in Notenschränken! Nur sind diese Stücke oft schwer und anspruchsvoll, dazu reicht auch oft die Besetzung nicht aus. Und dann fusionieren die aussterbenden Chöre aus Angst vor dem Vereinstod, und aus Verzweiflung singen sie dann leichte Sachen auf englisch. Und die Partituren von Schubert & Co. werden nach und nach bei ebay eingestellt, als Dachbodenfund.

10. Februar 2014

Für den Sommer ist eine Zusammenarbeit mit der VHS Offenbach verabredet, voraussichtlich werden zwei Einzelveranstaltungen jeweils samstags angeboten. Zum einen wird es einen Einsteiger-Kurs für Klassikliebhaber geben, zum anderen einen Opernkurs zum Schnuppern, vielleicht als Appetitanreger für mehr. Vor ein paar Jahren war ich mal mit zwei Kursen in Offenbach, umso schöner, dass wir den Faden wieder aufnehmen.

8. Februar 2014

Aus der Wetzlarer Neuen Zeitung (Ausgabe vom 7. Februar):

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6. Februar 2014

Nochmal “Don Giovanni”. Heute Morgen haben wir das Finale des 2. Aktes gesehen und gehört, anschließend die letzte halbe Stunde von Chabrols “Biester” (La cérémonie, D/F 1995). Der Film bildet ja auf intrikate Weise die Beziehungsebenen der Oper ab, spielt mit Vorlagen und Symbolen und schockiert dann gleich zweimal. Zum einen durch das lange Zeit nicht vorhersehbare Ende, zum anderen durch die grandiose, zusätzliche Schlusspointe. Oper geht nicht besser, Film wohl auch nicht.

4. Februar 2014

Innerhalb kurzer Zeit haben wir jetzt in den Sinfonie-Kursen zweimal Tschaikowskys “Pathétique” gehört und gesehen, in einer Aufnahme von 1973 mit den Berliner Philharmonikern unter Karajan. Mal abgesehen davon, dass die Sinfonie ohnehin sehr berührende Passagen enthält, ist diese Aufnahme ungeheuer intensiv – mit Karajan und “seinem” Orchester in Bestform. “Aber warum hat er die Augen permanent geschlossen? Ist das nicht unhöflich, wenn man mit dem Orchester kommunizieren will?” Ja, warum – niemand dirigiert so, damals nicht und heute nicht. Was braucht ein Orchester, um so zu spielen? Und dann, nach Karajan, kommt Abbado und schaut die Musiker plötzlich an. Und der ausgestreckte kleine Finger bedeutet etwas ganz anderes….

1. Februar 2014

“Going to the opera, like getting drunk, is a sin that carries its own punishment with it.”
Hannah More (1745 – 1833)

Wie wahr. Vor allem, wenn man staunend und beinahe perplex den “Don Giovanni” von 2006 aus Salzburg gesehen hat.  “Anstrengend”, sagte eine Kursteilnehmerin. Dem hätte Frau More wohl zugestimmt.

 

28. Januar 2014

Nach der “Rheinischen” von Schumann hatte ich letzte Woche vorgeschlagen, dass wir den Film “Frühlingssinfonie” anschauen könnten, was wir dann gestern auch gemacht haben. Der Film ist jetzt gut dreißig Jahre alt, viele im Kurs wussten gar nicht, dass der junge Grönemeyer da mitspielt – und das auch noch kann! Sowieso hatte Schamoni eine Starbesetzung: Nastassja Kinski, Bernhard Wicki, Edda Seippel, André Heller, Gidon Kremer, eben Grönemeyer und – absolut überragend – Rolf Hoppe! Er spielt einen unglaublichen Friedrich Wieck, das muss eigentlich jeder mal gesehen haben. Also los, leihen oder kaufen und angucken!

25. Januar 2014

Bernstein bei den Proben zu Mahlers 9. Sinfonie – wie oft habe ich diese DVD schon gesehen! In Friedrichsdorf gingen die Kommentare vor allem in die Richtung, wie sehr er am Detail gearbeitet hat. Von seiner hochintensiven und kraftraubenden, verzehrenden Art gar nicht zu reden. “Die Wiener Philharmoniker können doch alles, da muss doch ein Dirigent nur wenige Sätze sagen, wie er es gerne hätte – oder nicht?” Welche Aufklärung bietet da so ein Filmdokument! Vor allem Bernsteins persönliche Einführung in das Werk war wieder beeindruckend. Er, der beim Dirigieren von Mahler-Sinfonien zeitweilig das Gefühl hatte, er habe die Stücke selbst komponiert…

22. Januar 2014

In den letzten zwei Sitzungen von “Lass dich eropern!” haben wir uns mit Ingmar Bergmans “Zauberflöte” beschäftigt. Vor fast vierzig Jahren kam der Film in die deutschen Kinos, und auch heute noch ist er wunderbar, ein zeitloses Meisterwerk. Besonders interessant war die Diskussion der Kursteilnehmenden über die verschiedenen Perspektiven von Oper, Theater und Film bzw. Kino. Dass kein deutscher Text zu hören oder zu lesen war – die Oper ist in schwedischer Übersetzung produziert, wir haben die Fassung mit niederländischen Untertiteln gesehen – hat übrigens niemanden gestört, warum auch.

18. Januar 2014

Nach den Opernreisen der letzten Jahre spiele ich schon seit längerem mit dem Gedanken, mal was Neues auszuprobieren und eine Reise “Auf den Spuren der Beatles” nach Liverpool anzubieten. Immer wenn ich davon spreche, habe ich den Eindruck, dass viele Leute das sehr attraktiv finden. Also warum nicht? Wir könnten uns Penny Lane und Strawberry Field ansehen, The Art College, The Cavern und The Casbah Coffee Club besuchen oder andere “must have seen” Plätze, es gibt ja unzählige davon. Und vielleicht über London anreisen. Damit wäre man dann insgesamt etwa eine Woche auf Tour, das hätte doch was.

12. Januar 2014

Am 16. Februar 2014 feiert die Deutsch-Italienische Gesellschaft Mittelhessen e.V. ihr 30-jähriges Bestehen und hat mich eingeladen, im Rahmen des Festaktes einen Kurzvortrag über einen prominenten italienischen Komponisten zu halten. Ich habe gerne zugesagt und – nicht verwunderlich – Puccini gewählt. Es gab mal eine Zeit, da habe ich Puccini jeden Tag stundenlang gehört, vor allem “Turandot”, “Tosca” und “Der Mantel”. Was für eine Musik, und was für ein Typ! Ich freu’ mich drauf! Die Veranstaltung findet im Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule statt – als Matinee, Beginn um 11.00 Uhr.

Jahresrückblick 2013

Was für ein Jahr! Kurse, Projekte, Vorträge, Reisen, Konzerte – mit spannenden Begegnungen, lebendigen Gesprächen und Diskussionen, mit neuen Kooperationen und Verabredungen für das kommende Jahr. So soll es sein – vielseitig und abwechslungsreich, mit jungen und jung gebliebenen, wissbegierigen und begeisterten Freunden der sogenannten „Klassischen Musik“!

Im alten Jahr haben wir in der Wetzlarer Musikschule zunächst das Thema Filmmusik abgeschlossen, es sollte allerdings im „Kulturführerschein“ der Volkshochschule Gütersloh und zu einer Vorlesung in der dortigen Senioren-Uni am Endes des Jahres noch einmal wiederkehren. Breiten Raum haben dann ab dem Frühjahr die Kurse und Vorträge zum Thema „Meisterwerke geistlicher Musik“ eingenommen. Insgesamt haben hier wieder über fünfzig Teilnehmende das ganze Sommersemester hindurch unterschiedlichste Chor- und Orchesterwerke, Oratorien, Passionen, Kantaten, Messen etc. gehört und analysiert, Stilmerkmale besprochen, Vergleiche angestellt, das Wort-Ton-Verhältnis untersucht und manches mehr.

Ein erstes Konzert-Highlight war im Mai ein Konzert mit Salonmusik diverser Komponisten, ergänzt durch Texte von Erich Kästner. Nachfolgend ein Auszug aus dem Bericht der Wetzlarer Neuen Zeitung:

Kästner stimmt nachdenklich – Musik und Texte gefallen

Qualitativ gewohnt hochwertige Unterhaltung bot die Wetzlarer Musikschule am Sonntag mit einem Erich- Kästner-Abend. Im Mittelpunkt standen Kurzgeschichten und nachdenklich stimmende Gedichte des deutschen Schriftstellers und Drehbuchautors, sowie Lieder. Neben den von Thomas Sander rezitierten Texten wurde auch passende Musik unter anderem von Johann Strauß, Edmund Nick und Edvard Grieg geboten, so dass insgesamt ein stimmungsvoller Abend mit melancholisch- satirischen Nuancen gelang. Mehr als 100 Zuschauer waren von der klaren Sprache ergriffen.

Nach der Sommerpause folgte im September der konzertante Abschluss des Chorprojektes „Opernchöre aus vier Jahrhunderten“ mit zwei Konzerten im Konzertsaal der Wetzlarer Musikschule und in der Evangelischen Kirche in Naunheim – zwei wunderbare Abende mit einem über 30-köpfigen Projektchor, Instrumentalisten der Musikschule, mit Musik von Purcell, Gluck, Mozart, Wagner u. a. und mit einem jeweils begeisterten Publikum. Das hat richtig Spaß gemacht – das nächste Projekt ist schon in Vorbereitung!

2013-02

Was folgte, war eine wunderbare Opernreise nach Mailand: Die Premiere von Verdis „Don Carlos“ in der Scala! Insgesamt waren im Oktober 47 Opernfans auf dieser Studienfahrt per Reisebus unterwegs, die wie immer noch zu Hause mit einer umfassenden Einführung begann, vor Ort dann eine professionelle Stadtführung sowie Zeit für touristische Sehenswürdigkeiten, Café-Besuche o. ä. enthielt und am dritten Tag schließlich den Besuch der Aufführung bot. Und – ebenfalls wie immer – natürlich Zeit zum Austausch und für Diskussionen über die Sängerinnen und Sänger, die Inszenierung, Kostüme etc., aber auch über Land und Leute, Italien als Reiseziel, „la dolce vita“… Auch hier gibt es für das kommende Jahr schon neue Pläne!

2013-03

Zum Start des Wintersemesters im Oktober begannen neue Kurse in der Wetzlarer Musikschule: „Lass dich eropern!“ mit Beispielen aus 400 Jahren Operngeschichte von DVD, CD und Erläuterungen am Klavier. In diesem Zusammenhang freue ich mich sehr über die neue Kooperation der Wetzlarer Musikschule mit dem Stadttheater Gießen, deren Opernproduktionen wir in flexiblen Gruppen zu ausgewählten Werken besuchen werden. Den Anfang hat im November Wagners „Der fliegende Holländer“ mit über zwanzig Opernfreunden gemacht – wunderbar!

Zum anderen startete der Kurs „Die Entwicklung der Sinfonie von Haydn bis Mahler“. Die Freunde aus Friedrichsdorf in der dortigen Musikschule hatten auch an diesem Thema erneut Interesse und sprachen wieder eine Einladung für einen sechswöchigen Kurs aus. Zu Beginn des neuen Jahres steht als Sonderveranstaltung und zum Kursabschluss der Besuch eines Sinfoniekonzertes mit vorheriger Einführung auf dem Programm.

Im Rahmen der vierzehntägigen Reihe „klavierplus“ folgte im November ein Improvisationskonzert zusammen mit meinem Kollegen Oliver Fürbeth. Wir beide lieben diese Form des Konzertierens und haben insgesamt etwa eine Stunde lang improvisiert, sowohl einzeln als auch zusammen an zwei Klavieren. Der Rezensent der Wetzlarer Neuen Zeitung schrieb am 20.11.2013 u. a.:

Die hohe Kunst der Improvisation pflegen

Die Improvisation, oft missverstanden als beliebiges Gedudel, ist eigentlich die ursprüngliche musikalische Kunst. Bevor Notenschriften entstanden, die Musik dokumentierbar machten, folgten die Musiker ihrer Inspiration und spielten Tonfolgen, die ihren Stimmungen und Absichten entsprachen. Nach Belieben der Aufzeichnungen blieb die Improvisation eine hohe musikalische Kunst.

Zum Auftakt spielten Sander und Fürbeth Werke von Bach, in denen eine Stimme komponiert ist und die zweite frei dazu erfunden werden muss. „Ihren Höhepunkt hatte die Improvisation im 18. Jahrhundert“, erläuterte Fürbeth und kündigte ein Stück an, bei dem er sich selbst überraschen werde. Im Stil der Spätromantik ließ der Pianist komplexe Melodien durch den Raum schweben. „In der Improvisation beschreitet man zunächst einen Weg, von dem man dann einfach nach Belieben abbiegen kann. So entsteht immer wieder etwas Neues“, sagte Sander. Der Musiker beginne mit einer Idee, einem Melodiefetzen, um den herum sich eine musikalische Welt kristallisiere. Wie angekündigt ließ der Musikschuldirektor dann ein Stück entstehen, das ganz im Stil Schuberts gehalten war.

Die Besucher waren begeistert von dem völlig neuen Musikerlebnis und forderten vehement eine Zugabe, nachdem mit einem weiteren Bach-Werk das Konzert geendet hatte. An diesem Stück zeigten die beiden Pianisten dann, wie anders dasselbe Stück in einer neuen Improvisation um Bachs Vorgabe herum klingt.

2013-04

Im Dezember durfte ich wieder in der Volkshochschule Gütersloh zu Gast sein, diesmal mit einem Seminar und einer Vorlesung zum Thema „Filmmusik“. Bemerkenswert, auf welch großes Interesse dieses doch spezielle Thema stieß! Und es waren nicht wenige, die im Anschluss kamen und sagten, ab sofort würden sie jetzt beim Fernsehen oder im Kino viel mehr auf die Musik achten – und wie unterschätzt diese Musik doch sei! Das hat mich sehr gefreut, nicht zuletzt, weil mir dieses besondere Thema wirklich am Herzen liegt.

Zum Schluss des Jahres dann das traditionelle Weihnachtssingen der Wetzlarer Partnerschaftsgesellschaften – diese Veranstaltung betreue ich seit einigen Jahren und freue mich jedes Jahr darauf. Auch diesmal war Gelegenheit, europäische Advents- und Weihnachtslieder in der Originalsprache zu singen, Klavier- und Chormusik zu hören, Gedichten und Weihnachterzählungen zu lauschen, Gespräche zu führen, Selbstgebackenes zu probieren, Glühwein zu trinken…. Nach über zwei Stunden ging eine sehr gelungene Veranstaltung zu Ende, wie die Wetzlarer Neue Zeitung am 10.12.2013 berichtete:

Zufallschor “reist” um die Welt – Spezialitäten und Lieder aus vielen Ländern

“Wir sind heute der Chor”, begrüßte Hans-Jürgen Irmer, Vorsitzender der in diesem Jahr als Veranstalter fungierenden Deutsch-Österreichischen Gesellschaft Wetzlar, 180 Gäste und Zuhörer im Konzertsaal der Musikschule Wetzlar zum Weihnachtssingen. Und das Publikum folgte der Aufforderung nur allzu gerne. Seit vielen Jahren findet dieses gemeinsame Weihnachtssingen aller Wetzlarer Partnerschaftsvereine statt. Und es war in diesem Jahr übrigens so gut besucht wie nie zuvor. (…)

Thomas Sander, Leiter der Musikschule, hatte auch in diesem Jahr die instrumentale Begleitung des Weihnachtssingens am Flügel übernommen und eröffnete den musikalischen Reigen mit der Europahymne, Beethovens “Ode an die Freude”. Erstmals beteiligte sich die Europa-Union Wetzlar an dem gemeinschaftlichen Singen. Es schloss sich das Adventslied “Herbei, o ihr Gläubigen” in deutscher, englischer, französischer und lateinischer Sprache an. Dann steuerten die einzelnen Wetzlarer Partnerschaftsvereine zunächst je eine Advents- oder Weihnachtsgeschichte oder eine andere Begebenheit aus Tschechien, Italien, Finnland, England, Österreich, Frankreich und den USA bei, vorgetragen von einem Vorstandsmitglied der jeweiligen Gesellschaft. Dem folgten je zwei landestypische Weihnachtslieder. Dabei hatte Thomas Sander die Aufgabe übernommen, den großen “Zufallschor” mit den teils speziellen Rhythmen und Takten der hierzulande nicht so bekannten Lieder vertraut zu machen.

2013-01

Mein herzlicher Dank gilt allen, die mich im alten Jahr begleitet haben – Veranstalter, Kursteilnehmende, Konzertbesucher, Organisatoren, Helferinnen und Helfer und alle übrigen! Auf dass wir uns auch im kommenden Jahr wieder zu den unterschiedlichsten Themen und Anlässen hören und sehen werden. Ich freue mich sehr darauf! Auf ein gesundes, erfolgreiches Jahr 2014!

Ihr und Euer
Thomas Sander